"Embedded" heißt zu deutsch eingebettet, meint also die Taktik der Pentagon, Journalisten an die Streitkräfte zu binden und so an unabhängiger Berichterstattung zu hindern. Tim Robbins hat "Embedded" gleich nach den Dreharbeiten von "Mystic River" geschrieben und mit dem Theaterkollektiv "Actors' Gang" inszeniert, das er 1981 mitbegründete. Wenn sich ein 45jähriger Hollywoodstar seinen jugendlichen Kampfgeist bewahrt, wenn er seine Zeit investiert, um eine Satire auf den Irakkrieg zu schreiben, und sein Geld, um sie dann zu inszenieren, wenn er das Stück der Punklegende Joe Strummer widmet, und dessen zornige Hymne "Know Your Rights" als Ouvertüre spielt, ist das zunächst bewundernswert. Vielleicht sollte man aber zunächst mit dem Handwerklichen beginnen.
Formal funktioniert das Stück wie ein Episodenfilm. Die Handlungsstränge folgen drei Frontsoldaten, einem Pulk Kriegsberichterstatter, sowie dem kabbalistischen "Amt für besondere Pläne". Als Regisseur beherrscht Tim Robbins die Episodenform perfekt. Immerhin hat er in Robert Altmanns Episodenfilmen "The Player", "Shortcuts" und "Pret-A-Porter" mitgespielt und so vom unbestrittenen Meister dieser Form gelernt. Protestpop von Bob Dylan bis zu Public Enemy lenkt von den minimalen Umbauten ab. Historische Videoeinspielungen sorgen für den Kontext. Die Schminktische an denen sich die Schauspieler von Szene zu Szene umkleiden sind im Karree um die Bühne angeordnet und sollen genau jene Transparenz symbolisieren, die Regierung und Medien der Öffentlichkeit während des Irakkrieges verweigerten.
Doch wo Robbins als Regisseur sauberes Handwerk abliefert, da scheitert er als Autor an seinen eigenen Ansprüchen. Er habe das Publikum gleichzeitig zum Nachdenken, Lachen und Weinen bringen wollen, sagte er während eines kurzen Publikumgespräches nach der Vorstellung. Er gehe ihm um Wahrheiten und Zusammenhänge, die im Sperrfeuer der Falschmeldungen und Propagandalügen untergegangen seien.
Da wird schon mal gekalauert oder ein griffiger Spruch formuliert, aber bei so viel Anliegen und Moral bleibt der Witz schnell auf der Strecke. Die Kabbalisten des "Amtes für besondere Pläne" rollen hinter Halbmasken mit ihren Augen und beschwören mit gebetsähnlichen Formeln den politischen Philosophen Leo Strauss und seinen Vorvater Plato. Strauss unterrichtete im wirklichen Leben an der University of Chicago und prägte mit seinen ultrapragmatischen Antithesen zum moralischen Relativismus ganz entscheidend das Weltbild von Neonkonservativen wie dem stellvertretenden Verteidigungsminister Paul Wolfowitz und dem Chefredakteur des Weekly Standard William Kristol. Das ist einerseits ein Witz, den nur versteht, wer die Feuilletonseiten und Analysen der New York Times während der letzten zwei Jahre wirklich aufmerksam verfolgt hat, andererseits wirkt die clowneske Beschwörung des Philosophen so platt, dass sie dem Bezug jegliche Intellektuelle Schlagkraft nehmen.
Nein, die Aufgabe der politischen Satire haben längst andere Medien übernommen. Das Fernsehen vor allem, das mit einer Spontaneität und Reichweite reagieren kann, die der Respektlosigkeit die nötige Durchschlagskraft verleihen. Angesichts der hanebüchenen Nachrichtenlage dieser Tage erübrigt sich da auch oft die Überzeichnung. Jon Stewart, derzeit beste Satiriker im amerikanischen Fernsehen, der das Tagesgeschehen allabendlich in seiner "Fake News Show" durch den Kakao zieht, begnügt sich immer öfter damit, die entscheidenden Zitate der Politiker lediglich mit einem Stirnrunzeln oder Augenbrauenkräuseln zu kommentieren.
So wirkt "Embedded" wie eines der so genannten "Vanity Projects", eines jener Projekte, das sich Hollywoodstars leisten können, weil sie genügen Macht, Ruhm und finanzielle Mittel haben, um ihre Launen vor Publikum ausleben zu dürfen. Da tingeln Russell Crowe und Keanu Reaves mit mittelmäßigen Rockbands durchs Land, Paul Newman fährt Autorennen und John Travolta verfilmte ein Romanheftchen des Scientology-Begründers L. Ron Hubbard. Tim Robbins inszeniert eben politisches Theater. Das hat allerdings den Vorteil, dass man sich nicht um schlechte Kritiken scheren muß. Man hat ja Recht und Moral auf seiner Seite.
In den USA gilt Tim Robbins als der Radikale unter den Hollywoodliberalen. Gemeinsam mit seiner Frau Susan Sarandon taucht er seit Jahren auf Demonstrationen, Friedensmärschen und Benefizveranstaltungen auf. Er ist Mitglied der Außenseiterpartei der Grünen, hat Ralph Nader gewählt und nutzt seine Prominenz, um in Fernsehtalkshows gegen Unrecht, Krieg und Bush zu agitieren. Als er vor zwei Wochen die Bühne des Kodak Theater in Los Angeles betrat, um den Oscar für die besten Nebenrolle in "Mystic River" entgegenzunehmen, hielt Hollywood deswegen kurz den Atem an. Robbins hielt dann aber doch nicht die erwartete Brandrede. Nicht zuletzt, weil er gerade das Theaterstück "Embedded" geschrieben und inszeniert hat, mit dem er eigentlich alles gesagt hat, was er zu sagen hat.
Nun leben Altmanns Filme vom Zusammenspiel eines Ensembles, in dem jede einzelne Figur als Hauptrolle tragen würde. Tim Robbins hat in "Embedded" nur eine einzig brillante Figur geschaffen. Den von V.J. Foster gespielten Armee-Ausbilder Oberst Hardhead, der die Kriegsberichterstatter auf Linie bringt und mit seinem Kasernenhofgebell ähnlich bedrohlich wirkt wie Lee Ermeys Sergeant Hartman aus "Full Metal Jacket" und seiner Vorliebe für kitschige Musicalarien so diabolisch verschroben wie Robert Duvalls surfender Oberst Kilgore aus "Apocalypse Now". Doch Fosters brillante Nebenfigur macht die Schwächen des Stückes nur noch deutlicher. Denn "Embedded" ist ungefähr so subtil wie die Sambagruppe aus dem schwarzen Demoblock und so humorvoll wie eine Tarifrunde der IG Metall.
Man spürt, wem Robbins nacheifern will. Da standen Bert Brecht Pate, die San Francisco Mime Troupe und Dario Fo. Doch wo die Vorbilder große Anliegen in einfache Szenen fassen, verliert sich Tim Robbins zwischen dem Pathos von Frontbriefen, den Albereien seiner Neokonservativen und dem grotesken Ballett der Kriegsberichterstatter in einem moralisierenden Bilderbogen, der planlos ins Leere läuft. Die Frage bleibt - warum? Die fehlgeleiteten Konsumenten der Nachrichtensender oder gar die Konservativen werden sich kaum in sein Stück verirren. Das Publikum im Public Theater bestand zum Großteil aus weißhaarigen Veteranen verschiedener Inkarnationen der amerikanischen Linken, die sich ihren gegenseitig mit wissendem Nicken und betont verständnisvollem Gelächter bestätigten.
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