* BERICHTE AUS AMERIKA

DAS SPIEL MIT DER ERINNERUNG

Das neue Moma präsentiert in seiner
ersten Einzelausstellung den deutschen
Künstler Thomas Demand.

© Andrian Kreye


New York 02.03. '05 - Das mit der Realität ist so eine Sache. Spätestens seit die Massenmedien wie Teilchenbeschleuniger wirken, welche die Wirklichkeit nur noch als diffuse Strahlung abgeben, sucht man nach Kräften, die Realität so weit abbremsen können, dass sie als Hyperrealität im Raum stehen bleibt und so wieder erfahrbar wird. So wie in den Bildern von Thomas Demand zum Beispiel.

Mit einer Werkschau des deuschen Künstlers eröffnete die Fotoabteilung des Museum of Modern Art am Mittwoch ihre neue Galerie im dritten Stock des neuen Gebäudes. Etwas benommen standen Demand und seine Galeristin Iris Scheffler da im mächtigen Foyer des Museums herum, als könnten sie das alles noch nicht ganz wahrhaben. Aber das Museum of Modern Art irrt sich nie. Schon gar nicht, wenn es um Fotografie geht. Seit Beaumont Newhall 1937 die erste Bestandsaufnahme der Fotografie für das Moma zusammenstellte, markierten die Ausstellungen dort einen Großteil der wichtigen Entwicklungen. Da lastet viel Erwartung auf einem jungen deutschen Künstler.

26 seiner übergroßen Fotografien sind in der Ausstellung zu sehen und damit auch die bisher umfassendste Werkschau Thomas Demands. Chronologisch angeordnet reichen sie von seiner ersten Arbeit “Flügel" von 1993 bis zu dem Bild “Attempt", das erst vor drei Wochen fertig gestellt wurde. Formal erinnern Demands Bilder auf den ersten Blick an die monumentalen Fotografien Andreas Gurskys, an die kühle Strenge in den Bildern von Candida Höfer oder den beiläufigen Formalismus in den fotografischen Experimenten von Ed Ruscha. Doch damit sind die Vergleichsmodelle auch schon wieder am Ende, denn was auf den ersten Blick wie Fotografien vermeintlich beliebiger Orte wirkt, entpuppen sich beim genauen Hinsehen als Konstrukte, die Thomas Demand mit enormem Aufwand aus Papier geschaffen und dann abfotografiert hat.

Zwei bis drei Monate arbeitet er an einem solchen Aufbau, den er nach dem Fotografieren wieder zerstört. Der vermeintliche Realismus führt dabei schnell in die Irre. Es fehlen Details, Schriften, Schmutz, die Unregelmäßigkeiten finden sich stattdessen in Falzen, Knicken oder Klebfehlern. Bei “Clearing", das auch im Lokal des Moma hängt, hat Demand für das Abbild einer Baumgruppe im Park der venezianischen Biennale 770.000 Einzelblätter an Papierbäume geheftet, und dann damit in Venedig gleich neben dem eigentlichen Park eine Art Trompe L'Oeil geschaffen. Doch auch der formale Ausbruch bleibt nur Betrachtungsebene, hinter der sich erst die Inhalte verbergen.

Thomas Demand verbindet in seinen Bildern die altmodisch analoge Arbeit des bildenden Künstlers mit der hintergründigen Bedeutungsschwere eines modernen Kommunikators. 1964 als Sohn zweier Maler in Schäftlarn bei München geboren, hat er Bildhauerei an der Kunstakademie in Düsseldorf und am Goldsmiths College in London studiert, sowie eine Zeitlang in der Werbung gear beitet, sich also ein visuelles Vokabular erarbeitet, das die großen und die direkten Botschaften verbindet. Die Fotografie war für ihn zunächst nur ein Mittel, um seine aufwendigen Konstruktionen aus Papier zu dokumentieren. 1993 baute er mit “Flügel" sein erstes Stück, das er nur für das Foto erstellte. Der Deckel eines Flügels, auf dem Familienbilder aufgereiht sind erinnert an großbürgerliche Wohnzimmer, wie einige seiner ersten Arbeiten. Da ist der Schwimmbadrand mit den Sprungbrettern in “Sprungturm" und die beklemmende Stille von “Treppenhaus".

Das 1995 entstandene “Treppenhaus" dient Demand auch als Erklärungsmodell für seine Herangehensweise. Die eigenartige Sterilität des Bildes rühre ja nicht zuletzt daher, dass dem Treppenhaus die Türen fehlten. Das sei der Effekt, dass er sich bei vielen seiner Bilder alleine auf die Erinnerung verlässt. Das ursprüngliche Treppenhaus sei das seiner Schule gewesen, das er jedoch seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. An die Türen habe er sich nicht erinnert, deswegen habe er sie auch weggelassen. Nicht nur das - als er später bei einem Klassentreffen doch noch einmal seine alte Schule besuchte, stellte sich heraus, dass das Treppenhaus keineswegs eckig, sondern rund gewesen sei. “Treppenhaus" zitiert aber auch das Bauhaus, Oskar Schlemmers “Bahaustreppe", das nur zwei Stockwerke weiter in der ständigen Sammlung des Moma hängt.

Solche Spiele mit Erinnerung und Referenzen haben schon andere vor ihm getrieben. Doch während Minimalisten wie On Kawara mit seinen Datumsleinwänden und Konzeptkünstler wie Hanne Darboven mit ihren Artifaktfluten lediglich am Selbstverständnis des Zeitgefühls rütteln, manipuliert Thomas Demand eben gleichzeitig die Sehgewohnheiten. Keine einfache Übung in einer Gesellschaft, deren Kultursprünge sich über Bilder- und Reizfluten definieren. Und genau da setzt Thomas Demand mit einer raffinierten Radikalität an, deren Wucht sich nicht einmalf auf den zweiten Blick, sondern erst im Kontext erschließt.

Neben den Bildern aus der persönlichen Erinnerung, begann Thomas Demand historische und Medienbilder nachzubauen. “Raum" von 1994 ist in der Ausstellung das erste Beispiel dafür, ein Blick in das vom Anschlag des 20. Juni 1944 zerstörte Hauptquartier Hitlers in Rastenberg. Die Banalität der Zerstörung wird hier durch das Papierkonstrukt auf eine fast surreale Ebene gehoben, ohne den Ausweg in die Abstraktion zu erlauben. Als Reporter kennt man solche Momente, wenn die Alltäglichkeit eines Ortes, an dem schreckliches, großartiges oder gar historisches geschehen ist, die übermächtigen Begriffe wie Krieg, Vision oder Zeitlauf nicht im Blick manifestieren wollen.

Thomas Demand hat seine Motive mit einem zielsicheren Gespür für diesen Bruch zwischen Banalität und historischer Bedeutung ausgewählt. Was in “Zimmer" wie die eilige Unordnung eines beliebigen Hotelzimmers wirkt, war in Wahrheit jener Raum, in dem der Scientologygründer L. Ron Hubbard seine Science-Fiction-Romane verfasste. “Badezimmer" zeigt den verstohlenen Blick hinter den Duschvorhang der blau gekachelten Badewanne, in der man den toten Uwe Barschel fand. In “Gate" wirkt die nüchterne Technik einer Sicherheitsschleuse am Flughafen nur so lange steril, bis sich der Blickwinkel aus der Erinnerung geschält hat, dass hier am 11. September 2001 zwei der Terroristen von einer Sicherheitskamera aufgenommen wurden. “Küche" zeigt die ärmliche Kochstelle jenes Bauernhauses, in dem sich Saddam Hussein vor den amerikanischen Truppen versteckte.

Fast immer zeigt Demand die Nachwirkungen eines Ereignisses. Nur in seinem jüngsten Bild “Attempt" wechselt er die Zeitebene. Da sieht man die selbstgebauten Raketenwerfer, mit denen die Rote Armee Fraktion 1977 in Karlsruhe aus einer Wohnung das Gebäude der Bundesanwaltschaft beschießen wollten. Ein Ereignis, das nie stattfand.

In einigen Bildern spielt aber nicht nur mit Erinnerung und Sehgewohnheiten, sondern auch mit dem Medium Bild an sich. Wenn er in “Scheune" beispielsweise von Hans Namuths legendärem Foto von Jackson Pollocks Atelier in East Hampton im Sommer 1950 nur noch die rohen Holzwände nachvollzieht, die Szene somit ihrer Inhalte beraubt, dann rüttelt er an der Funktion jener Fotografien, die damals den Machtanspruch der Fotografie über die Bilderhoheit gegenüber der Malerei zementierten und den Maler Pollock über die Massenmedien zum Superstar machten.

Thomas Demands Arbeiten machen es dem Betrachter nur auf den ersten Blick leicht. Dann lassen sie Fragen offen. Aber genau das ist ihre Stärke. Fragen haben eine Allgemeingültigkeit, die Zeit und Kontext überwinden kann. Die Gültigkeit von Antworten ist dagegen von viel zu kurzer Dauer. Demands Arbeiten definieren so letztendlich Aufgabe und Platz der Kunst im Medienzeitalter.





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