AK: Hat das wieder so lange gedauert?
Curtis Smith: Oh nein, nicht einmal ansatzweise. Wir haben immer mal wieder hier eine Woche daran gearbeitet, dort eine Woche. Roland war ja in England und ich hier in Los Angeles.
AK: Musikalisch schließt das neue Album ziemlich direkt an “Seeds Of Love" an.
Smith: Stimmt. Wir haben einiges bei uns selbst geklaut. Aber die Perspektive ist eine ganz andere.
Roland Orzabal: Ich glaube es war ganz gut, dass wir hier in Los Angeles aufgenommen haben. In England glaubt man ja nie, dass Popstar ein richtiger Beruf sein könnte, da steuert man immer ein bisschen auf so eine Art Vorruhestand zu. Aber hier in Los Angeles bekommt man sofort dieses typisch kalifornische alles-ist-möglich-Gefühl.
Smith: Ich glaube, der ganze Sound ist ziemlich kalifornisch geworden. Fröhlicher eben. Hätten wir das auch hingekriegt, wenn wir im englischen Winter aufgenommen hätten? Ich finde es ja ganz angenehm, mich bei der Arbeit zwischendurch immer mal zehn Minuten in die Sonne zu setzen.
AK: Gibt es denn zwischen englischer und amerikanischer Popmusik grundlegende Unterschiede?
Orzabal: Vaudeville und diese Art, sich andauernd über sich selbst lustig zu machen, und das alles zu einer flotten Melodie, höre ich in der amerikanischen Musik nicht. Immer wenn Amerikaner versuchen, wie die Beatles zu spielen, klingt das ganz furchtbar.
AK: Auch ein Grund, warum britische Weltstars wie Robbie Williams in Amerika durchfallen?
Orzabal: Ich glaube Robbie Williams war den Amerikanern einfach zu großspurig. Wir können uns echt nicht beschweren. Amerika hat uns immer gut behandelt. Letztendlich waren ja hier die Leute, die unbedingt wollten, dass wir ein neues Album aufnehmen.
AK: Ist Ihre persönliche Beziehung immer noch so explosiv?
AK: Warum ging es denn damals auseinander?
Orzabal: Wir waren ja schon zusammen in Bands, als wir noch keine 16 waren. Als wir dann Mitte der 80er den großen Durchbruch hatten, wurde das alles immer schwieriger. Wir haben vier ganze Jahre damit verbracht, “Seeds Of Love" aufzunehmen. Wir waren unproduzierbar geworden. Ich zumindest. Deswegen haben wir das damals selbst übernommen. Wir hatten allerdings noch nie eine Platte produziert, waren deswegen sehr, sehr nervös. Genauso wie die Leute um uns herum. Kurz vor Weihnachten 88 haben wir zum Beispiel die erste Abmischung für den Song “Seeds Of Love" abgeliefert, der später zwar weltweit ein Hit wurde. Aber damals haben wir erstmal sechs Monate damit verbracht, den immer und immer wieder neu abzumischen.
S mith: Mit dem Ergebnis, dass sie dann doch die allererste Fassung veröffentlicht haben. Da sind wir dann ein bisschen paranoid geworden und das macht einen auf Dauer fertig. Damals wollten wir uns wirklich niemals wiedersehen.
Orzabal: Das hatte vielleicht auch etwas mit dem Alter zu tun. Wir waren 28, der Punkt im Leben, an dem man in die Welt hinau AKieht, sich beweisen will, sich überlegt, Kinder zu haben, da will man keinen anderen Kerl rumhängen haben.
AK: Und - geht's jetzt wieder?
Orzabal: Ich glaube, das war die angenehmste Zusammenarbeit, die wir je hatten. Vorher konnten wir ja nie ausprobieren, wie Musik oder auch das Leben ohne einander sein kann. Das war wie eine Zwangsheirat. Jetzt ist es mehr so eine Vernunftehe.
AK: Zugegeben - Sie wirken etwas entspannter, als so manch andere, die sich wieder zusammengetan hat. Simon & Garfunkel sind hier gerade im Fernsehen aufgetreten, da hatte man Angst, dass Paul Simon Art Garfunkel gleich eine schallert.
Smith: Ich glaube, das ist ein sehr zorniger Mensch. Andererseits - so viel Zorn hat der gar nicht mehr in sich.
Orzabal: Mehr Apathie, als Zorn.
Smith: Ich glaube, wir scheren uns inzwischen nicht mehr genug, um wirklich zu streiten.
Orzabal: Wir sind jetzt 42, da macht man sich nicht mehr so wahnsinnig viele Gedanken über alles. Man gerät da in so eine “Comfort Zone", so eine Behaglichkeit. Das war auch der Titel eines Stückes, das dann doch nicht auf die Platte gekommen ist. Aber diese Haltung spielt auch in “Call Me Mellow" eine Rolle - immer noch jung genug sein, um junge Damen attraktiv zu finden, aber alt genug, um zu wissen, dass man besser die Finger davon lässt.
Smith: Wie das halt so ist, im mittleren Alter.
Orzabal: Bist du mittleren Alters?
AK: Beginnt das nicht eher mit 50?
Smith: Ich dachte mit 40.
Orzabal: Ach, ich bin auch mit seiner Definition ganz einverstanden.
Smith: Das ist aber die deutsche Definition.
Orzabal: Dann ziehe ich eben nach Deutschland, dann bin ich nicht mehr mittleren Alters.
AK: Sind auf dem neuen Album auch wieder so viele Anspielungen auf Philosophie und Literatur wie früher?
Orzabal: Mir fällt keine einzige ein.
Orzabal: Ich habe neulich auf einer unserer Fanwebseiten einen hochinteressanten Text über Quantenphysik gelesen. Kein Witz - der war wirklich gut.
Smith: Solche Fans haben wir einige. Zumindest sind das die, die uns die meisten E-Mails schreiben.
Orzabal: Aber wir haben auch eine ganze Menge wohlproportionierter Frauen und ziemlich viele Schwule unter unseren Fans.
Smith: Oh ja, ich bin ein richtiggehendes Schwulenidol.
Orzabal: Und ich ein Idol wohlproportionierter Frauen.
Smith: Aber letztendlich kann man mit einem Album nur sich selbst glücklich machen. Wenn man sich Gedanken darüber macht, was andere davon halten, verliert man den Faden. Da muss man ganz egoistisch sein und hoffen, dass alle anderen das auch so sehen.
Mitte der 80er Jahre galt das Duo Tears For Fears mit Welthits wie “Everybdoy Wants To Rule The World" und “Shout" als große Hoffnung des britischen Pop. Dann nahmen Curtis Smith und Roland Orzabal vier Jahre lang das Konzeptalbum “Seeds Of Love" auf, das 1989 erschien. Nicht lange danach trennten sich die beiden im Streit. Jetzt haben sie in Kalifornien erstmals wieder gemeinsam ein Album aufgenommen. Diese Woche wurde “Everybody Loves A Happy Ending" in Deutschland veröffentlicht.
Smith: Wir neigen eher zum Schmollen und nicht miteinander reden. Das ist manchmal ziemlich schwierig. Wenn wir da nicht einer Meinung sind, landen wir schnell in einer Sackgasse. Es war für uns ganz gut, einen Vermittler zu haben. Wir haben uns für das neue Album mit Charlton Pettus zusammengetan, einem ziemlich brillanten Produzenten und Multiinstrumentalisten. Wenn man einen Dritten dabei hat, dem genauso viel an dem Album liegt, wird das eher ein demokratischer Prozess.
Smith: Die Leute werden die Texte sowieso auseinander nehmen und alles Mögliche hinein interpretieren. Ich glaube, die haben sich da schon immer mehr Gedanken gemacht, als wir. Aber das ist kein Klugscheißeralbum. Höchstens ein kluges Album.
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