Sicher, die Regierung hatte schon 1991 die Visumspflicht für Moslems aller Länder aufgehoben und so nicht nur religiöse Fundamentalisten vor der Verfolgung bewahrt, sondern auch vielen Terroristen Unterschlupf gewährt. Dazu tobte seit Jahren der verheerende Bürgerkrieg, in dem die Regierung schon eine Million Christen aus dem Süden massakriert und zu Tode gehungert hatte. Vor allem aber gab es da den spirituellen Führer des Landes Dr. Hassan al-Turabi, einen hochintelligtenen Ideologen, der in Oxford und an der Sorbonne studiert hatte und bei Geheimdiensten in aller Welt als “Lenin des Islam" und “Pate des Terrors" bekannt war. Der Sudan hatte sich seinen Platz auf der Liste der so genannten Schurkenstaaten also durchaus verdient. Doch hatte das Land am Nil in diesem Sommer 1994 nicht bewiesen, dass er zur Kooperation im Kampf gegen den Terror bereit sei? Nur zwei Monate vor der Konferenz hatte die Regierung den venezuelanischen Terroristen “Carlos den Schakal" an Frankreich ausgeliefert. Und auch die Tagung selbst sollte der Welt verkünden - der Sudan wird sich auch als Moslemstaat nicht isolieren.
Die Offenheit des Moslemstaates gehörte schon damals zur Realpolitik der Regierung unter General Omar al-Bashir, die weiß, dass sie die unermesslichen Rohstoffvorkommen des flächengrößten Landes Afrikas nur mit Hilfe ausländischer Investoren ausbeuten kann. Doch immer wieder verhedderte sich die Regierungslinie in den Fäden, die Hassan al-Turabi spann. Der hatte unter anderem zwei Männer miteinander bekannt gemacht, die am 11. September 2001 den Lauf der Weltgeschichte aus der Bahn werfen würden - den ägyptischen Fundamentalisten und Attentäter Dr. Ayman Al-Zawahiri und den saudischen Bauunternehmer und Afghanistanveteranen Osama Bin Laden. Der eine hatte Vision und Erfahrung, der andere Geld und Ego. Mit dem saudischen Millionär war der Ideologe sogar so eng befreundet, dass Bin Laden 1995 eine Töchter Turabis zur dritten Frau nahm.
Turabis fundamentalistische Linie und sein Traum vom islamistischen Weltreich verlor allerdings gegen den Pragmatismus der Regierung über die Jahre immer mehr an Boden. Das äußerte sich für Ausländer manchmal in freundlichen Gesten. So richtete das Außenministerium einmal im Monat im diplomatischen Club am Nil-Ufer eine Party aus, bei der all der streng verbotene Alkohol an die Westler ausgeschenkt wurde, den die Polizei in den vergangenen Wochen beschlagnahmt hatte. Und Gästen der Religionskonferenz konnte es passieren, dass sie auf ihrem Hotelzimmer abends einen pünktlichen Geburtstagskuchen vorfanden, auf dem in Zuckerguß “Happy Birthday Mr. Kreye" geschrieben stand.
Damals, Mitte der 90er Jahre, interessierte sich der Westen noch nicht für Osama Bin Laden. Während die westlichen Geheimdienste zu Recht vermuteten, dass ehemalige Mudschaheddin in sudanesischen Aubildungslagern Terroristen trainierten, wurde Bin Laden lediglich als saudischer Oppositioneller geführt, den man zwar aus seinem Heimatland geworfen hatte, der sich im Sudan aber in erster Linie damit beschäftigte, Strassen zu bauen, und der britischen Firma Hunting Surveys dabei half, Ölvorkommen zu erschließen.
Der sudanesische Geheimdienst Muhabarat hatte dagegen schon umfangreiche Akten über Bin Laden angelegt, und auch seine Familie und die rund 300 ehemaligen Afghanistankämpfer observiert, die ihn ins Exil begleitet hatten. Erst 1996 übten die USA Druck auf den Sudan aus, Bin Laden des Landes zu verweisen. Allerdings nicht weil sie ihn des Terrorismus verdächtigten, sondern um dem saudiarabischen Königshaus einen Gefallen zu tun, gegen das Bin Laden immer heftiger agitierte.
Die amerikanische Zeitschrift Vanity Fair hat nun aufgedeckt, dass sowohl die Regierung als auch der Geheimdienst des Sudan von 1996 bis 2000 verzweifelt und vergeblich versuchten, den Westen vor Bin Laden zu warnen. Der ehemalige Geheimdienstchef Gutbi al-Mahdi wird da zitiert. “ Wir sagten, hier ist er unter Kontrolle und wir wissen alles über ihn. Hier im Sudan steht er unter Aufsicht." Doch Amerika blieb hart. Als Bin Laden schließlich sein Exil in Richtung Afghanistan verlassen mußte, hatte er laut al-Mahdi “gar keine andere Wahl, als ein hauptberuflicher Radikaler zu werden." Die 300 so genannten Afghanaraber, die mit ihm gingen, sollen heute fast alle Terroristen sein.
Immer wieder bemühte sich der Sudan, die USA davon zu überzeugen, sich doch wenigstens Bin Ladens Akten anzusehen. Nicht ganz uneigennützig. Durch seinen Platz auf der amerikanischen Liste der Schurkenstaaten war es für das Land immer noch so gut wie unmöglich, ausländische Investoren ins Land zu bringen. Drei Jahre lange versuchte Sudans Botschafter in Washington, einen Termin bei Madeleine Albrights Afrikabeauftragter Anne Rice zu bekommen, wurde immer wieder mit niederen Chargen abgespeist. Der nationale Sicherheitsrat Bill Clintons hielt an seiner Überzeugung fest, dass der Sudan Terroristen unterstütze und deswegen kein glaubwürdiger Gesprächspartner sei. Außerdem wollten die USA ganz prinzipiell nicht mit islamistischen Regierungen verhandeln.
1997 schrieb Präsident al-Bashir selbst einen Brief an Bill Clinton, in dem er anbot, doch die Geheimdienstakten einzusehen. Der Geheimdienst trat mehrere Male an das FBI heran. Die Bundespolizei antwortete, sie an den Akten zwar interessiert, doch Albright untersage jeglichen Kontakt. Als Osama Bin Laden im Februar 1998 seine Fatwa gegen den Westen aussprach, unternahm al-Mahdi einen weiteren Vorstoß. Wie bekam er die Antwort vom FBI, dass sie vom Außenministerium gebremst würden. Diesmal hatte das Kommunikationsverbot schwere Folgen. Im August 98 sprengten Bin Ladens Selbstmordbomber die amerikanischen Botschaften in Kenia und Tansania. Die Meinung der USA über den Sudan war zu dem Zeitpunkt schon so gefestigt, dass sie als Gegenschlag die pharmazeutische Fabrik al-Shaifa bombardierten, die keineswegs chemische Waffen, sondern lediglich Medikamente herstellte.
Erst im Mai 2000 genehmigte Clintons Regierung auf Druck der amerikanischen Geheimdienste die Sudanreise eines Teams aus CIA- und FBI-Agenten. Doch statt sich sogleich durch die Aktenberge des Muhabarat zu wühlen, mußten die Agenten zunächst einmal untersuchen, ob der Sudan denn nun Terroristen unterstütze und Ausbildungslager unterhalte. Im Sommer dieses Jahres legten die Agenten ihren Bericht vor. Der Sudan sei “sauber" hieß es da. Wie Gutbi al-Mahdi in der Vanity Fair erzählt, habe das Team dann wenige Wochen vor dem 11. September darum gebeten, nun doch die sudanesischen Akten einzusehen.
Trotzdem gehörte der Sudan in der Endphase der Angriffe auf die Taliban und al-Quaida in Afghanistan neben dem Irak und Somalia zu den drei Ländern, die in amerikanischen Regierungskreisen als potentielle nächste Ziele im so genannten Krieg gegen den Terror gehandelt wurden. Strategisch würde ein Angriff auf den Sudan auch durchaus Sinn machen. Die unermesslichen Rohstoffe des Landes lagern vor allem im Süden, in dem sich Regierung und Rebellen nun schon seit Jahrzehnten bekriegen. Würden die USA den brutalen Bürgerkrieg zu Gunsten der marodierenden Rebellenbanden entscheiden und gleichzeitig die Hungerkatastrophe beenden, müßten die Ölfirmen nicht mehr mit einer islamistischen Regierung verhandeln, sondern mit einem Splitterstaat, dessen Militärregierung mit Hilfs- und Waffenlieferungen leicht zu kontrollieren wäre.
Doch nun ist schon wieder alles anders. Fürs Erste lagern die beigefarbenen Aktenordnern mit der vielleicht vollständigsten Datensammlung über Osama Bin Laden und die al-Quaida weiterhin gleich neben der Freundschaftshalle am Nil in einem unauffälligen Ziegelbau. Hätte Bill Clinton den amerikanischen Geheimdiensten schon 1996 erlaubt, die Akten auszuwerten, wäre es vielleicht nicht einmal zu den Anschlägen auf die Botschaften in Ostafrika gekommen. Doch es wäre sicherlich auch letztes Jahr schon zu spät gewesen, mit den sudanesischen Erkenntnissen die Anschläge vom 11. September zu verhindern. Für den Sudan hat sich die Kooperationswilligkeit aber noch ausgezahlt. Seit letztem Mittwoch steht fest - nächstes Kriegsziel wird Somalia.