Jarhead

Ein Interview mit dem Autor und ehemaligen
Scharfschützen der US Marines Anthony Swofford.
© Andrian Kreye

Es gibt nur wenige Kriegsbücher, deren Autoren die Banalität des Grauens literarisch verarbeitet haben, ohne den Kampf zu romantisieren, die Brutalität zu instrumentalisieren, oder sich hinter journalistischer Objektivität zu verstecken. Über den letzten Golfkrieg gab es noch kein einziges Buch, das diesen Krieg begreiflich gemacht hätte. Anthony Swofford hat jetzt so ein Buch geschrieben. In "Jarhead" erzählt er von seiner Zeit als Scharfschütze der US Marines, von seiner Ausbildung, und von den Wochen an vorderster Front in Saudi-Arabien und Kuwait.
In Amerika entwickelt sich das Buch zum heimlichen Bestseller. In Hollywood überbieten sich die Filmstudios derzeit im Preiskampf um die Rechte. Die New York Times widmete Anthony Swofford gleich zwei große Rezensionen und den Titel der wöchentlichen Book Review. ³Nur selten hört man die echte Stimme der Soldaten", schrieb Mark Bowden dort, der Autor von ³Black Hawk Down". ³Das ist keine hübsche Stimme - sie ist nur furchtbar und widerwärtig schön."
Auch zwölf Jahre nach dem Krieg wirkt der 35jährige, als ob er jederzeit den Kampf wieder aufnehmen könnte. Sein gedrungener Körper scheint nur aus Muskeln zu bestehen, die er in ein schwarzes Hemd und eine schwarze Bundfaltenhose gepresst hat. Er lebt in Portland, Oregon, wo er an seinem ersten Roman schreibt.

Warum haben Sie sich freiwillig zu den US Marines gemeldet?

Das Marine Corps war bei uns schon Familientradition. Mein Großvater hatte im Zweiten Weltkrieg gekämpft, mein Vater in Vietnam. Und als ich ungefähr 13 war, hat mich der Anschlag auf die Kaserne der Marines in Beirut ziemlich berührt. Da habe ich realisiert, dass mir das Marine Corps meinem Leben eine Form und auch einen Eintritt in die Mannhaftigkeit geben könnte. Und das alles, wie ich glaubte, auf eine sehr sichere Art, weil ich dort nur noch sehr wenige Entscheidungen selbst treffen müßte.

Haben Sie nicht damit gerechnet, kämpfen zu müssen?

Der Gedanke ist mir schon gekommen. Aber es hat mich viel mehr interessiert, Mitglied in einem elitären Club zu werden, in anderen Ländern herumzurennen und eine wilde Zeit zu haben. So hatte man mir das jedenfalls verkauft.

Wie wird man dann mental darauf vorbereitet, dass man eines Tages doch kämpfen muß?

In der Grundausbildung fangen sie schon an, einem den Willen zu brechen und einen in den Klan einzugliedern.

Wie?

Vor allem mit Brutalität und Mißhandlungen. Sie beschimpfen dich, beleidigen deine Mutter, sagen dir, dass du nichts taugst und ohne das Marine Corps sowieso nichts wert bist. Und manchmal mißhandeln sie einen auch körperlich. Ich war zum Beispiel erst ein paar Tage im Ausbildungslager, als sie mir den Kopf durch eine Schiefertafel rammten, weil ich etwas zeichnen sollte und das nicht so gut geworden ist und der Ausbilder eben ausgerastet ist. Und diese ständige physische Bedrohung begleitet einen durch die gesamte Ausbildung.

Was für ein Gemütszustand soll damit erreicht werden?

So eine Art Blutrünstigkeit, eine Sehnsucht, zu kämpfen und die Fähigkeit, eine Schlacht durchzustehen, ohne plötzlich mittendrin durchzudrehen.

Vor Angst?

Vor Angst, Furcht, dem Willen, zu überleben.

Soll der Überlebenswille unterdrückt werden?

Irgendwie muß er vergessen werden. Es würde sich doch kein vernünftiger Mensch freiwillig an eine Front begeben, weil die Chance relativ groß ist, dass man das nicht überlebt. Deswegen müssen sie dich irgendwie davon überzeugen, dass der Einsatz wichtiger ist, als dein Leben.

Bereiten sie einen auch darauf vor, zu töten?

Nicht so sher. Man weiß, dass das zur Aufgabe eines Marines gehört. Und man hat es geubt.

Wie haben Sie und Ihre Kameraden reagiert, als sie zum ersten Mal gehört haben, dass ein Krieg ausbrechen wird und Sie an die Front müssen?

Als erstes haben wir uns diese Haarschnitte verpaßt, von denen ja auch unser Spitzname ¹Jarhead', Topfschädel herrührt - kahlrasiert bis auf ein paar kurzgeschorenes Haare auf der Schädeldecke.

Gibt es irgendeinen praktischen Grund für diesen Haarschnitt?

Das ist bloß Tradition. Und es ist eben der extremste aller Haarschnitte. Bei dem weiß man sofort, aha, ein Marine. Ein Topfschädel eben. Nach dem Haareschneiden sind ein paar von uns losgezogen und haben in einem Ort in der Nähe der Kaserne richtig viel Bier und ein paar Kriegsfilme besorgt. Danach haben wir uns im Aufenthaltsraum betrunken und die Filme angesehen. Das war unsere Art, das zu feiern, was da auf uns zukommen würde. Unser Schicksal als Marines.

Was für Filme denn?

Wir mochten vor allem Filme wie Platoon, Full Metal Jacket, Apocalypse Now. Weil uns der Vietnamkrieg näher war. Und auch weil die so blutrünstig und brutal sind.

Aber sind das nicht Antikriegsfilme, die mit ihrer Brutalität abschrecken?

Den Durchschnittszuschauer mögen die vielleicht abschrecken. Aber für einen jungen Mann, der in den Kampf ziehen soll ist diese Gewalt wie der Anblick eines nackten Frauenkörpers. Das ist sexy, aufregend. Das ist Krieg. Das ist es, für was du trainiert hast und wie du vielleicht sterben wirst.

Warum war Ihnen denn der Vietnamkrieg so nah?

Weil der Vietnamkrieg einerseits ein sehr ernüchternder Krieg war, mit vielen Toten und diesem schalen Gefühl, dass alles umsonst war. Auf der anderen Seite wurde er auch sehr romantisiert. Das war der Rock'n'Roll-Krieg, da gab es bei jeder Stellung ein Dorf mit Huren und Whisky, man hat Dope geraucht und Heroin genommen und alles war total verrückt.

Gab es im Golfkrieg ähnliche Momente?

Nein. Das war ein ganz anderer Lebensstil. Unser Krieg war sehr sauber. Wir waren ja in Saudi-Arabien. Da gab es keinen Alkohol, keine Frauen. Es war fast, als ob wir dafür bestraft wurden, das die andern in Vietnam so viel Spaß hatten. Also das Saufen, Rumhuren, die Musik. Es gab ja nicht einmal eine eigene Musik im Golfkrieg. Wir haben die ganze Zeit Jimi Hendrix gehört, die Rolling Stones, Led Zeppelin.

Wo genau waren Sie denn stationiert?

Wir sind erst mit United Airlines nach Ryadh geflogen und sind dann nach einer Weile mitten in die Wüste versetzt wurden, wo wir für den Rest unseres Einsatzes auch blieben.

Wie lange hat es dann gedauert, bis der Krieg anfing?

Sechs Monate.

Was haben Sie da die ganze Zeit getan?

Trainiert. Wir sind auf Manövereinsätze, haben ziemlich viel Zeit damit verbracht, uns für biologische und chemische Einsätze zu trainieren. Weil es als ziemlich sicher galt, dass die Scudrakekten chemisch oder biologische Köpfe haben würden.

Kann man dafür überhaupt trainieren?

Nein. Ich glaube das wäre ganz egal gewesen, wie oft wie die Gasmaske in 8 Sekunden angezogen hätten, wenn da wirklich ein Gasangriff gekommen wäre. Ich hätte nicht einmal gewußt, ob meine Gasmaske wirklich funktioniert hätte. Das war schon sehr beängstigend.

Hatten Sie denn keine ordentliche Schutzausrüstung?

Das war so ein Streitpunkt. Im Gegensatz zu unseren Gewehren, die immer ganz hervorragend funktionierten, waren die Gasmasken so Plastikdinger mit Rissen und ausgeleierten Gurten, weil sie die schon was weiß ich wie lange im Training benutzt haben. Zehn Jahre oder so. Und wenn dann das Saringas kommt soll man schnell einen neuen Filter einschrauben - das war nicht so vertrauenerweckend.

Haben Sie die sechs Monate über verfolgt, wie die Verhandlungen bei der UNO und in Washington verliefen?

Wir haben nur sehr spärliche Nachrichten bekommen. Ab und zu mal eine New York oder Arab Times, aber sonst nur die Stars and Stripes, aber da war keine richtige Berichterstattung drin. Irgendwie hat es uns auch nicht interessiert. Natürlich haben wir gehofft, dass sie das auf diplomatischem Wege regeln und man uns einfach nach Hause schickt, ohne dass wir kämpfen müssen.

Hält man Frontsoldaten absichtlich im Unwissen?

Ja, man will dieses ganze Spiel von ihnen fernhalten. Weil eigentlich ist das alles nur ein Spiel, auch wenn es dabei um sehr viel geht. Aber die Jungs an der Front sollen sich nur darum kümmern, dass ihr Gewehr funktioniert und wie sie den anderen umbringen, wenn's dann soweit ist.

Reden die Soldaten untereinander nicht darüber?

Doch. Wir haben schon über alles geredet. Einer von uns, ???, war ein richtiger Dissident und hat immer gesagt, dass wir sowieso nur für diese Typen kämpfen, die mit uns viel Geld machen werden. Dass sich um uns keiner schert. Dass die Frontschweine vom Marine Corps alle Zielscheiben auf ihrer Brust tragen. Das ist ein ziemlich einsames Gefühl, aber das hat uns die ganze Zeit begleitet.

Und als Scharfschützen waren Sie sowieso immer an vorderster Front.

Richtig. Wir waren ja darauf trainiert, Ziele auf 1000 Meter zu treffen.

Bekommt das Töten auf so eine Distanz nicht eine sehr persönliche Dimension?

Natürlich. Man weiß, dass man da vorne diesen Offizier erschießen wird, den man dabei beobachtet, wie er seine Truppen befehligt und dass man damit für großes Durcheinander und Verwirrung sogt und dem Feind mächtige Angst einjagt. Das ist ein sehr privater Schlagabtausch.

Haben Sie jemanden erschossen?

Nein. Ich hatte schon Leute in meinem Fadenkreuz, durfte dann aber nicht abdrücken. Wir sind auf das Al-Jabara-Flugfeld vorgerückt und Johnny Rotten, den wir so genannt haben, weil er nie geduscht hat, und ich waren in Position. Er hatte ein Kaliber .50-Gewehr, ich ein 7,62er und da waren ein paar Offiziere im Kontrollturm. Ich wollte ein paar abknallen, aber der Captain, der unsere Einheit befehligte, hat das dann wieder abgeblasen.

Will man da nach all den Monaten des Wartens nicht endlich schießen?

Ja. Wir wollten alle kämpfen. Dafür hatten wir schließlich trainiert. Und als wir nach Norden marschiert sind haben wir auch noch dieses ganze Ausmaß der Zerstörung gesehen, die sechs Wochen Bombenangriffe hinterlassen haben. Leichen in Jeeps und Panzerfahrzeugen, halb vom Sand verschüttet. Das war ziemlich furchtbar, da habe ich gemerkt, OK, das ist jetzt Krieg, und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich mit diesen Schüssen ein wenig von diesem Druck abgelassen hätte. Heute bin ich allerdings froh, dass ich nicht geschossen habe.

Wo haben Sie die Zerstörung denn gesehen?

Südlich von Kuweit City, wo wir die Grenze, das Minenfeld und den Hindernisgürtel überquert haben.

Man kannte ja nur diese schemenhaften Bilder, die die Cruise-Missile-Bordkameras vom Zielflug machten. Was passiert denn, wenn das Bild ausgeht?

Naja, Sachen gehen in die Luft, Menschen sterben, Leichen liegen im Sand, Familien vermissen ihre Männer, Brüder und Söhne. Die Videobilder haben nichts mit dem Moment der Detonation und den Momenten danach zu tun. Die Bilder sind sauber und präzise. Aber Krieg ist nicht sauber und präzise. Krieg ist dreckig, profan und obszön. Was wir nach 41 Tagen Bombenhagel auf Artilleriestellungen, leichte Infanterie und Panzereinheiten dort gesehen haben war frisches Gemetzel.

Hatten Sie auch direkten Feindkontakt?

Das war vor dem 24.. Meine Einheit ist auf den Erdwall vorgerückt, der zwischen Saudi-Arabien und Kuwait aufgeschüttet worden war. Wir haben gerade unsere Schützenlöcher gegraben, als ich dieses Geräusch einer Granate hörte. Dann rief schon einer ¹Incoming' und die Geschosse sind um uns herum explodiert. Erst konnte ich es gar nicht glauben, dass dieses Ding nur wenige Meter vor meinem Schützenloch hochging und mich mit Sand bespritzte. Ich war total losgelöst von diesem Moment. Irgendjemand schrie dann ¹Gas!' und ich habe mir meine Gasmaske gegriffen. Aber so richtig habe ich das alles nicht wahrgenommen.

Wie bewältigt man die Angst dann in so einem Moment? Ist das Adrenalin? Oder die antrainierten Reflexe?

Angst wird dazu benutzt, um einen Kämpfer durch einen Kampf zu treiben. Man darf die Angst also nicht außer Acht lassen, aber die funktioniert dann im Zusammenspiel mit Adrenalin und Training.

Wie reagiert man dann auf einen Artillerieangriff?

Als erstes hat einer Entwarnung wegen dem Gas gegeben. Ich habe da kurz gezögert. Angeblich gibt es da ja Detektoren, aber so ganz sicher waren wir da nicht. Aber mein Partner Johnny Rotten und ich haben dann gleich den feindlichen Beobachtungsposten auf einer Anhöhe ausgemacht, haben mit der Karte sofort die Koordinaten bestimmt, um dann im Feuerzentrum einen Luftangriff zu bestellen. Ich habe dann durch mein Zielfernrohr beobachtet, wie die Bomben auf die Stellung gefallen sind. Damit war dieser erste Schlagabtausch für mich beendet.

Haben Sie da schon die Folgen eines Bombenangriffes gesehen?

Das war ziemlich weit weg. Ich habe durch mein Zielfernrohr nur gesehen, wie sich die Anhöhe in Staub verwandelt hat.

War das nur ein technischer Vorgang für Sie?

Nein, wir waren da schon sehr aufgeregt. Diese Hurensöhne hatten ja gerade mit Granaten auf uns geschossen. Das war schon auch dieses Element, zurückzuschlagen, es denen zu geben.

Sind einem solche Momente eines Kampfes durch Filmbilder irgendwie vertraut?

Sobald der wirkliche Kampf beginnt helfen einem die Filmbilder nicht mehr wirklich. Sie sind irgendwo im Unterbewußtsein, aber das reduziert sich dann ganz schnell auf - ¹verdammte Scheiße, das ist eine Granate und die ist gerade explodiert'. Und dann ist das ja die Summe deines ganzen Trainings. Da mischen sich dann Staunen, Inspiration, Angst und Begeisterung.

Gab es auch direkten Kontakt mit feindlichen Truppen?

Das war am nächsten Tag. Da wurde mein Scharfschützenteam in eine Stellung gebracht, von wo aus wir das Minenfeld beobachten konnten, weil die Irakis da immer für Einsätze rüberkamen, weil sie natürlich die sicheren Passierwege kannten. Irgendwie haben wir das jedenfalls vergeigt. Irgendjemand war zu laut oder zu lange am Funkgerät, jedenfalls haben sie unsere Stellung ausgemacht und uns mit Raketen beschossen. Das war dann wieder so ein Moment, wo wir nicht fassen konnten, dass sie uns ausgemacht hatten, das da Raketen vor uns einschlagen. Dann haben wir ein Fahrzeug gehört und ganz nah bei uns ein paar Stimmen. Wir sind dann den Hügel hinaufgekrochen, um sie anzugreifen, aber das Fahrzeug fuhr gerade weg. Zum Glück, weil sie in der vollkommenen Überzahl waren. Wir waren ja nur zu sechst mit zwei Präzisions- und ein paar Sturmgewehren.

Wie lange dauert es denn in solchen Momenten, bis sich die Verwirrung legt?

Da gibt es überhaupt keine Zeit zum Nachdenken. Als die Granaten fielen waren wir auch schon gleich im Einsatz. Wir mußten ja diese Typen finden und dann ist man auch schon in einem Verlauf, den man gut kennt. Mit der Karte, dem Kompaß, dem Zielfernrohr und dem Funkgerät - das sind alles Dinge, die ich besser kenne, als alles andere.

Ist das diese Sicherheit bei den Marines, von denen Sie vorher sprachen?

Ja, weil wenn die Geschosse kommen dann weiß man was da verdammt gleich passieren wird und wie man darauf reagiert. Dass man jetzt sein Gewehr greifen, anlegen und schießen wird. Dass man sich Karte, Kompaß und Fernglas schnappt, die Typen ausmacht und dann den Anruf macht.

Haben denn nicht viele irakische Soldaten einfach aufgegeben?

Ja. Die haben sich in Schwärmen ergeben. Als Johnny und ich beim Al-Jabarra-Flugfeld in Stellung waren haben wir all diese Männer gesehen, die sich ergaben. Die kamen da raus, Stiefel um den Hals, haben mit T-Shirts oder Unterwäsche gewunken, was sie halt gefunden haben, da weiß war. Aber da war niemand, dem sie sich ergeben konnten, also haben sie sich an einen Zaun gesetzt, haben ihre Rationen gegessen, Zigaretten geraucht.

Wie geht man denn mit diesen Männern um, die einen vor ein paar Stunden vielleicht noch töten wollten?

Ich habe nie mit Kriegsgefangenen gearbeitet. Aber ich habe sie eher verachtet. Die waren jetzt in Sicherheit und haben das Kämpfen uns und ihren Kameraden im Norden überlassen. Und irgendwie hatten sie uns die Möglichkeit genommen, sie zu töten oder von ihnen getötet zu werden.

Woran lag es denn, dass sich so viele ergaben?

Dass wir sie vor dem Bodenkrieg sechs Wochen lang bombardiert haben. Die hatten keinen Kampfwillen mehr.

In Filmen beschränken sich die Momente des Grauens ja meist auf Sekunden. Wie viel schlimmer als im Film war es wirklich?

Da war zum einen dieser erbärmliche Gestank. Bei einem dieser Märsche nach Norden haben wir haltgemacht, um etwas zu essen. Ich bin dann auf eine Anhöhe um zu pissen und auf der anderen Seite war ein irakisches Feldlager. Das sah aus, als hätten sie da für die Nacht haltgemacht. Ein kleiner Konvoi. Ein paar Truppentransporter. Und alle waren tot. Der Gestank ihrer Leichen in meinem Mund war widerwärtig. Ich wußte, dass ich da etwas gesehen hatte, was ich nie sehen wollte und hoffentlich nie mehr sehen muß.

Was tut man denn, wenn man so einem Haufen Toter begegnet?

Ich habe mich dann in den Kreis dieser Männer gesetzt. Das war ein ganz schauriger Moment. Ich habe mich irgendwie sehr lebendig gefühlt, weil ich dem Tod so nah war und es nicht mein eigener war. Einer in unserem Platoon hatte allerdings mal eine ziemlich kranke Reaktion auf eine Leiche, die er in der Nähe von unserem Biwak fand. Der hat sich das zur Aufgabe gemacht, diese Leiche zu zerstören. Er hat einen Klappspaten genommen und angefangen damit das Kadaver zu zerlegen. Dann hat er Bilder davon gemacht. Das hat ihn total begeistert. Da war der Krieg eigentlich schon vorbei. Für ihn war das die Chance, doch noch zu töten. Nach all diesen Vorbereitungen, diesem Warten, dieser Spannung mußte er das irgendwo loswerden. Und deswegen hat er auf diesen Körper eingehackt.

Was halten Sie denn von den aktuellen Ereignissen im Irak?

Ich glaube, dass wir da ganz andere Gründe haben. Die Weltpolitik hat auch ein ganz anderes Tempo bekommen. Schneller. Als Bürger dieses Landes bin ich sehr unglücklich darüber, wie das im Moment verläuft, weil als Bürger bin ich ja mit verantwortlich. Und ich finde es sehr bedenklich, wie leichtfertig die Diplomatie aufgegeben wird.

Was ist der Grund für einen neuen Krieg?

Ich glaube nicht, das es Öl ist, es geht auch nicht darum, den Nahen Osten zu erobern, hat auch nichts mit Massenvernichtungswaffen zu tun. Saddam Hussein ist ein leichtes Ziel. Militärisch kann man ihn sicherlich relativ einfach besiegen. Außerdem ist er in den Augen der Welt einer der übelsten Charaktere, das ist alles sehr praktisch.

Sind Sie noch Patriot?

Patriotismus bringt einen vielleicht zum Militär. Aber wenn wirklich gekämpft wird, bringt einen der Patriotismus nicht sonderlich weiter. Die ganzen Flaggenschwenker, Schleifenträger - die stehen nicht mit einem Gewehr hinter dir und helfen dir.

Verachtet man die Zivilisten da draußen auf dem Schlachtfeld?

Ja. Und das beginnt schon früh. Es gibt eine ganz scharfe Trennung zwischen dem Leben der Marines und dem Zivilleben. Als Marine bist du eine Kampfmaschine. Du bist besser als jeder Zivilist. Die verstehen deine Roheit und Brutalität nicht, weil sie zu einfach denken und nicht wissen, was nötig ist.

Was halten Sie denn dann von der Friedensbewegung?

Keine Ahnung. Die spielte irgendwie nie eine Rolle.

Und von Politikern?

Für die hat man nur Verachtung. Die müssen ja keinen Rucksack 40 Meilen weit schleppen, 45 Tage ohne Dusche auskommen, ein Gewehr auf 1000 Meter schießen. Was wissen die schon, zu was sie mich hier verpflichten. Nicht wissen die.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihren Kameraden?

Nein. Als ich das Buch geschrieben habe, habe ich ein paar von Ihnen kontaktiert, um ein paar Details abzuklären. Aber da hatte ich schon seit zehn Jahren nicht mehr mit ihnen gesprochen.

Immerhin wurden Sie als Helden empfangen und nicht beschimpft, wie die Vietnameveteranen.

Jaja, da gab's ein paar Paraden.

Hat Sie da nicht doch ein bißchen patriotischer Stolz gepackt, dass Sie einen Krieg gewonnen haben?

Ehrlich gesagt - ich war bei keiner einzigen Parade dabei. Als wir gelandet sind und mit dem Bus zur Kaserne zurückgefahren sind, das waren so zwei, drei Stunden Fahrt, da sind wir durch all diese kleinen Nester in der kalifornischen Wüste gefahren und überall standen die Leute am Straßenrand und haben uns zugejubelt. Da habe ich mir sehr komisch gefühlt. Ich bin dann einfach einen Tag zu spät aus meinem Urlaub zurückgekommen und habe die Parade verpaßt.

Dann waren Sie nie stolz auf Ihre Zeit als Soldat?

Nein. Ich habe mich nie als Held gefühlt. Ich hatte ja nur getan, was ich zu tun hatte und das wollte ich vergessen.





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