Die Verzweiflung ist groß im Wahljahr 2004. So groß, dass sich nun selbst Bruce Springsteen politisch zu Wort meldete, der öffentliche Äußerungen trotz seiner manchmal geradezu linksradikalen Songtexte eher vermeidet. In einem Meinungsartikel, der in der New York Times und der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht wurde, schüttete er sein Herz aus. “Bei diesen Wahlen müssen wir uns fragen, wer wir sind, für was wir stehen, für was wir kämpfen", schrieb er da. Deswegen werde er sich im Oktober einer Tournee angeschlossen, bei der er gemeinsam mit der Dave Matthews Band, Pearl Jam, R.E.M., den Dixie Chicks, James Taylor und Jackson Browne für die Organisation Vote for Change auftreten würde.
Nun wird man mit einem Festival, das vor allem die reifere Generation der Popgeschichte präsentiert kaum die viel umworbenen Jung- und Erstwähler zu mobilisieren. Das wollen MTV mit ihrer “Rock the Vote"-Kampagne und so einige Künstler, die etwas zielgruppengerechter sind. Seit einigen Monaten touren jüngere Gruppen wie Offspring, NoFx und Sum 41 für die Organisation Punkvoter.com durchs Land. Lenny Kravitz, DJ Spooky und die Beastie Boys haben Antikriegslieder geschrieben. Technostar Moby unterstützt John Kerry und hat zusammen mit den Politrappionieren Public Enemy eine Single mit dem Titel “Make Love, Fuck War" aufgenommen. Der Rapper Jadakiss steht mit seinem Anti-Irak-Song “Why" sogar auf Platz 23 der Popcharts. Und das obwohl er darauf verschwörungstheoretisch fragt, warum Bush die Zwillingstürme in New York umgeworfen hat.
Doch egal aus welchem Genre sie kommen - Stars wissen, das sie mit ihrem Engagement ihre Karriere riskieren. Linda Ronstadt wurde erst vor ein paar Wochen bei einem Auftritt in Las Vegas von der Bühne des Aladdin Casino gebuht, weil sie den Song “Desperado" dem Filmemacher Michael Moore widmete. Don Henley bekam den Zorn des Publikums in der konservativen Los-Angeles-Suburbia Orange County zu spüren, als er sich bei einem Konzert dort von seiner Freundschaft mit Ronstadt erzählte.
Entrüstungsstürme kann ein versierter Entertainer noch wegstecken. Die wahre Gefahr für die Karrieren der politisch engagierten Stars sind die Radio- und Einzelhandelsmonopole, denn ohne Radio und CD-Verkäufe lässt sich auch im Zeitalter der neuen Medien mit Musik kein Geld verdienen. Das haben die Dixie Chicks zu spüren bekommen, als sie nach einem Bushkritischen Spruch bei einem Konzert nicht mehr im Radio gespielt wurden.
Kulturkritiker beklagen den massiven Einfluss von erzkonservativen Monopolisten auf die amerikanische Kultur schon länger. Der Medienkonzern Clear Channel betreibt beispielsweise 1200 Radiosender im ganzen Land und sorgt dafür, dass regierungskritische Künstler und Äußerungen im Programm keinen Platz finden. Im Einzelhandel haben die Shoppingcenterketten außerhalb der Einzugsbereiche von Großstädten die absolute Vormachtstellung, allen voran der Superdiscounter Wal-Mart, dessen Weltbild sich auch im Angebot von CDs niederschlägt.
Ein so massiver kultureller Einfluß von Konzernen rüttelt natürlich gewaltig am Selbstverständnis der Musik. Hinter dem manchmal schon fast zwanghaften Bedürfnis von Rock- und Popstars, sich politisch zu engagieren, steht deswegen nicht zuletzt die Sehnsucht nach jener glorreichen Ära der Bürgerrechtskämpfe und Vietnamproteste, als Rockmusik noch kein Produkt, sondern eine gesellschaftlich relevante Kunstform war. Doch die Rebellenpose wurde nicht nur von Monopolisten zum Schweigen gebracht, sondern auch längst durch Werbung und Marketing vereinnahmt und entwertet. Wenn die Rolling Stones für eine Investmentbank werben, die Ramones für günstige Handytarife und Iggy Pop" für Kreuzfahrten in der Karibik, fehlt dem Ruf der Popmillionäre nach dem Sturm auf die Barrikaden ganz einfach die Glaubwürdigkeit.
Bei den Jung- und Erstwählern zählen sowieso ganz andere Medien und Popkulturen. Im Internet finden sich inzwischen nicht nur die Kommunikationsbörsen der Protestgeneration, sondern von Flashfilmen bis zu Grafikexperimenten auch kreativer Politpop. In den Kinos erlebt der Dokumentarfilm mit Polithits wie “Fahrenheit 911", “The Corporation" und “Outfoxed" Renaissance.
Und dann gibt es da noch die Millionen von Teenagern und Twens, die sich aus den traditionellen Popwelten wie Musik und Film längst ausgeklinkt und in die Extremsportwelten zurückgezogen haben. Doch selbst da regt sich inzwischen politischer Unmut. Surfchampion Kelly Slater tritt bei den X-Games in Los Angeles in diesen Tagen mit einem “Kerry-Edwards"-Kleber auf seinem Surfboard an. Skateboarder Andy McDonald schrieb “Regimewechsel für die USA" auf sein Brett.
Auch die mächtigen Männer der Hip Hop Generation machen mobil. Sean “P,Diddy-Puff-Daddy" Combs hat eine Organisation namens Citizen Change gegründet. Russell Simmons veranstaltet in diesen Wochen im ganzen Land Hip Hop Summits, Konferenzen für junge Minderheiten. Combs und Russell sind allerdings nicht ganz so staatstragend wie ihre Rockerkollegen. Combs verkündete beim Parteitag der Demokraten, keine der beiden Parteien würde etwas für seine Zielgruppe tun. Und bei Simmons Konferenzen herrscht eher die Meinung von Reverend Al Sharpton vor, der die Demokraten mit seiner leidenschaftlichen Rede auf dem Parteitag ermahnte, die Stimmen der Schwarzen nicht als selbstverständlich zu betrachten.
Nun ist es die Stärke der Popkulturen, Leidenschaften zu erzeugen. Das haben die Demokraten und die unabhängige Opposition in den USA dringend nötig. Die Schwäche des Pop ist allerdings, dass diese Leidenschaften nur auf wenige Minuten oder Stunden angelegt sind. Die Republikaner kitzeln unterdessen ganz andere Leidenschaften. In einem Land, in dem sich vierzig Prozent aller Einwohner als so genannte wiedergeborene Christen bezeichnen, gehen die Republikaner mehr den je mit der Bibel und den christlichen Werten in den Wahlkampf. Glaube aber legt seine Leidenschaften nicht auf einen kurzen Glücksmoment an, sondern auf Jahrtausende. Dagegen hat der Pop keine Chance.
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