* BERICHTE AUS AMERIKA

DIE SACHE MIT DEN FRAUEN

Harvardchef bezeichnet naturwissenschaftliches Talent
als genetisch bedingte Männerdomäne.

© Andrian Kreye

New York 19.01. '05 - Vielleicht haben Frauen ja ein genetisches Problem mit Naturwissenschaften und Mathematik. Die Frage warf der Direktor der Harvard University Larry Summers am vergangenen Freitag in seiner Rede für eine Wirtschaftskonferenz zum Thema Frauen und Minderheiten auf. Kurz zuvor hatten seine Ausführungen, dass Frauen auf der Karriereleiter im Nachteil seien, weil ihre Mutterrolle sie oft davon abhalte, die geforderten 80-Stunden-Wochen durchzuhalten schon für Murren gesorgt. Als er die Behauptung in den Raums stellte, genetische Gründe spielten vielleicht eine viel größere Rolle, als das soziale Umfeld, verließen fünf Konferenzteilnehmerinnen unter Protest den Saal. Die Biologin am Massachusetts Institute of Technology Nancy Hopkins meinte, sie hätte sich sonst übergeben müssen.

Summers hatte sich mit seiner Bemerkung auf die Studien der Soziologen Kimberlee Shauman und Yu Xie bezogen, die herausgefunden haben, dass in den oberen fünf Prozent von Prüfungskandidaten eine unterdurchschnittliche Anzahl von Frauen vertreten ist. In einem Interview mit dem Harvard Crimson distanzierten sie sich allerdings von den Anmerkungen des Harvardchefs. Der habe ihre Forschungsergebnisse “grob vereinfacht". Kulturelle Barrieren und Diskriminierung seien die entscheidenden Faktoren.

Eine Studie der Association for Women in Science, die herausfand, dass Mädchen bis zur sechsten Klasse in Mathematik und naturwissenschaftlichen Fächern ebenso gut abschneiden, wie ihre männlichen Mitschüler, unterstützt das soziologische Argument. Eine Erhebung, die besagt, dass auf 100 männliche Collegestudenten in Amerika inzwischen 130 weibliche kommen, und sich dieses Verhältnis in den nächsten zehn Jahren noch einmal um gut zehn Prozent zu Gunsten der Frauen verändern würde, spricht sogar gegen Summers Hypothese. Und hat Präsidentengattin Laura Bush schon so beunruhigt, dass sie Förderprogramm für Schulbuben initiieren will.

Summers Verhältnis zu Frauen in den Wissenschaften war letztes Jahr schon aus ganz praktischen Gründen kritisiert worden, weil die Harvard Faculty of Arts and Sciences während seiner Amtszeit lediglich vier von 32 freien Lehrstühlen auf Lebenszeit an Frauen vergab. Das entspricht prozentual einem Drittel der Frauenquote unter seinem Vorgänger Neil Rudenstein. Auch im Vergleich zum Anteil von Professorinnen in Führungspositionen an anderen amerikanischen Eliteuniversitäten wie Stanford, Yale und Princeton liegt Harvard weit hinten. Deswegen hatten sich 80 Prozent der Harvardpofessorinnen letztes Jahr zu einem Fakultätsausschuss für Gleichberechtigung zusammengeschlossen.

In einem Interview mit der New York Times verteidigte Summers seine Anmerkungen, er habe provozieren wollen. Wissenschaftlern wie Steven Pinker und Jared Diamond, die legitime deterministische Forschungsaspekte rehabilitieren wollen, hat er damit allerdings keinen Gefallen getan. Es könnte natürlich auch sein, dass sich Larry Summers der weitläufigen Gegenbewegung gegen die politische Korrektheit anschliessen will. Soziologen beobachten bei Männern aller Schichten einen wachsenden Widerstand gegen allzu ausgeprägte Frauenversteherei.

Da wäre Summers nicht alleine. In einem Interview mit der Bildzeitung vom Mittwoch kommentierte der ehemalige Boxchamp Rocky Rocchigiani den Erfolg der seit zehn Jahren amtierenden Weltmeisterin im Fliegengewicht Regina Halmich: “Frauen gehören an den Kochtopf und ins Bett, und nicht in einen Boxring."





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