DAS GESCHÄFT MIT DEN NACHRICHTEN

Ein Besuch beim Verleger der New York
Times Arthur Ochs Sulzberger.

© Andrian Kreye

Zwischen den Glas- und Stahltürmen der Finanz- und Medienkonzerne mit ihren Monitorfassaden, Richard-Gehry-Kantinen und Kunstsammlungen, die aus dem Viertel rund um den New Yorker Times Square ein gen Himmel überquellendes Wolkenkratzermuseum gemacht haben, steht das neogotische New York Times Building mit einer Lässigkeit, die dem traditionsreichsten Blatt des Landes angesichts der zerbrochenen Träume nach dem Ende des neuen Marktes auch zusteht. So wirken die Lobby mit den breitschultrigen Pförtnern, die Besuchern den Weg mit dem polternden Dialekt der Vorstädte von Queens und Brooklyn weisen, die schmucklosen Korridore mit ihren abgegriffenen Stahlgeländern und die blankgeputzten Granitböden eher wie Szenenbilder für einen alten Polizeifilm, als wie das Hauptquartier jener Medienfirma, die vom Rest der Branche mit höchstem Respekt und auch ein wenig Neid betrachtet wird. Schließlich steht die New York Times nicht nur für eine Art goldenen Standard des Journalismus, sondern hat den letzten Börsencrash auch so gut wie unbeschadet überstanden.

Ganz oben im 14. Stock residiert Verleger Arthur Ochs Sulzberger Junior, der die Firma vor neun Jahren von seinem Vater übernommen, und sie zu einem modernen Medienunternehmen ausgebaut hat. Hier oben herrscht zwischen den schweren Eichenmöbeln, den Bücherregalen und sorgfältig gerahmten Mementos aus der Zeitungsgeschichte jene gediegene Atmosphäre, die man sonst in den Büros des amerikanischen Kongresses findet. Dicke Teppichböden schlucken den Lärm und man hat einen grandiosen Blick in das Wolkenkratzerdickicht rundherum.

Arthur Ochs Sulzberger begleitet Besuch persönlich in sein Büro. Vor seinem Schreibtisch steht ein gepackter Rollkoffer für die Abreise nach Europa in wenigen Stunden. Er wird in der Schweiz einen Kongress über Familienbetriebe besuchen, bei der International Herald Tribune in Paris nach dem Rechten sehen und am heutigen Montag beim Kongress des Bundesverbandes der Zeitungsverleger in Berlin sprechen.

Mit seinen dichten Locken, dem offenen Hemd und den Khakihosen wirkt er jünger, als seine 51 Jahre. Er scheint gute Laune zu haben. Den Versuch, seine Einschätzung der Medienkrise herauszubekommen, fegt er gleich von vorneherein beiseite. “Ich weigere mich, das Wort Krise zu benutzen." Das ist klassischer, amerikanischer Geschäftsoptimismus. Und eine historische Anekdote, die den belegt, weiß er auch: “Mitte des 19. Jahrhunderts schrieb einer der großen New Yorker Chefredakteure, er habe gerade ein neues Gerät gesehen, das den Tod der Zeitung an sich bedeute. Das war der Telegraph. Das Gegenteil ist dann eingetreten, weil die gesamte Nation während des Bürgerkrieges ganz gierig nach Informationen war und die neuen Hochgeschwindigkeits- Druckmaschinen und der Telegraph erstmals eine sofortige Übertragung von Frontnachrichten erlaubten. Logisch, sagen wir heute. Vielleicht erscheinen uns die Vorteile der aktuellen Entwicklungen in 50 Jahren genauso logisch." Und dann umschreibt er noch seinen Grundansatz, der so simpel wie brillant ist: “Man muß sich über eines im klaren sein - als Zeitung sind wir nicht im Papiergeschäft, sondern im Nachrichtengeschäft. Und solange wir uns über das Wort Nachrichten definieren, haben wir auch eine glänzende Zukunft vor uns."

Sicherlich, er gibt zu, dass die neuen Medien die Immobilien-, Stellen- und Kleinanzeigen, das ursprüngliche Kerngeschäft der Tageszeitungen, zu einem Großteil ins Internet verschoben haben. Aber auch das ficht ihn nicht an. “Da gilt der alte Spruch, dass man sich selbst kannibalisieren muß. Darum haben wir so viel in den Onlineauftritt der New York Times investiert. Wenn uns schon einer das Geschäft streitig macht, dann wollen wir uns das wenigstens selbst streitig machen. Hätten die Eisenbahngesellschaften damals begriffen, dass sie im Transportgeschäft sind, würden ihnen heute die Autokonzerne gehören."

Er sieht die neuen Medien auch nicht als Konkurrenz, sondern als Ansporn für den klassischen Tageszeitungsjournalismus. “Gerade weil die Medienrevolution die Welt näher zusammengebracht hat, sind gut durchdachte Nachrichten wichtiger denn je. Die fundierten Kenntnisse und das tiefe Verständnis dafür haben aber vor allem Zeitungsjournalisten. Wir müssen nur alle lernen, wie wir das, was wir in den Printmedien beherrschen auch auf das Internet und andere Medien übertragen."

Zum modernen Zeitungsgeschäft gehört für Sulzberger aber auch die Erkenntnis, dass die wichtigste Aufgabe einer Tageszeitung nicht mehr nur die Vermittlung von Nachrichten sind. Unter seiner Herrschaft hat die New York Times begonnen, tägliche Beilagen zu Themen wie Design, Mode und Reisen zu produzieren. “Als wir in den frühen 90er Jahren Studien angestellt haben, um die Zeitung für die nächste Lesergeneration umzugestalten haben wir zu unserer Überraschung festgestellt, dass es eben nicht die Außenpolitik ist, die Leser an die New York Times bindet, sondern Kultur", erzählt er. Gleichzeitig veränderte die New York Times ihre Anzeigen- und Vertriebstruktur. “Vom finanziellen Standpunkt aus hatten wir in den letzten fünf Jahren den meisten Zuwachs mit nationalen Anzeigen. Wir haben jetzt eine ähnliche Anzeigenstruktur wie eine Zeitschrift wie Time."

Der nächste Schritt soll nun der Ausbau zur globalen Marke sein. “Den größten Schritt haben wir mit dem Kauf der Anteile an der International Herald Tribune gemacht, die uns vorher nur zu 50 Prozent gehörte." Ein Ausschuß aus leitenden Redakteuren und Managern arbeitet derzeit an der Planung. “Details kann ich leider noch nicht sage", sagt Sulzberger. “Weil ich die selber nicht kenne. Ich weiß noch nicht, wie die Zeitung aussehen wird, ob sie New York Times heißen soll, oder International Herald Tribune. In ein paar Wochen soll mir das Konzept vorgelegt werden."

Die einzigen Grenzen, die Sulzberger sich und seiner Firma gesetzt hat, sind die Sprachgrenzen. “Wir haben keinerlei Absichten, Medien in Landessprachen zu kaufen", sagt er. “Wir sind im Markt der englischsprachigen Weltzeitungen." Kooperationen wird es geben. Die meisten gibt es schon. “In Europa und Asien hat die Herald Tribune Partnerschaften aufgebaut, die nach wie vor Sinn machen. Zusätzlich hat auch die New York Times Partnerschaften in Europa. Mit Le Monde zum Beispiel, mit El Pais und La Repubblica."

Außerdem wurde der deutsche Medienstar Thomas Middelhoff in den Vorstand der New York Times Company geholt. Mit dem ist Sulzberger schon länger befreundet. “Als Thomas noch bei Bertelsmann war, hatte er ja sein Büro gleich hier um die Ecke am Times Square." Die Gründe, Middelhoffs in den Vorstand zu holen, liegen auf der Hand. “Erstens kennt er die internationalen und vor allem die europäischen Medien sehr gut. Und wenn wir weltweit wachsen wollen, brauchen wir jemanden im Vorstand, der einen Blick von außen hat und eben nicht in den USA ist. Thomas bringt da eine ganz neue Sensibilität, die wir brauchen werden. Zweitens hat er eine sehr gutes Gespür für Technologien und wie sie Kommunikation beeinflussen. Das hat sein Investment bei AOL gezeigt."

Erst als die Sprache auf die Affäre um den Reporter Jayson Blair kommt, der jahrelang Geschichten verfälscht hat, verliert Sulbzergers Stimme ihren optimistisch-euphorischen Unterton. “Gar keine Frage, das war eine harte Zeit", sagt er. “Wir haben damals ja sofort einen Ausschuß gegründet, in den wir viele Leute von außen gebeten haben. Und wir haben viele Empfehlungen des Ausschusses schon in die Tat umgesetzt."

Die gingen bis in die grundlegenden Firmenstrukturen. “Wir haben uns die Betriebsschema angesehen und gemerkt, dass wir unser Managementstrukturen seit den 50er Jahren nicht mehr verändert hatten", sagt Sulzberger. “Damals haben wir allerdings mit 600 Reportern gearbeitet und einmal am Tag eine Zeitung für New York City herausgegeben. Heute gehören 1200 Reporter zu unserer Redaktion und wir beliefern einen 24stündigen Nachrichtenzyklus. Neben der Zeitung füllen wir ja auch noch die Webseite, die International Herald Tribune, wir versuchen uns am Fernsehen, veröffentlichen Bücher, dann haben wir noch einen Nachrichtenservice mit Kunden in aller Welt. Das war verrückt. Jetzt haben wir zum ersten mal seit unserem Bestehen zwei Managing Editors. Wir haben den Posten des Standard Editors eingerichtet, der vor allem intern arbeitet und für Training und Entwicklung zuständig ist. Und es wird einen Ombudsmann geben."

Die Affäre Blair hat nicht nur für die New York Times eine schwere Krise ausgelöst. Sie hätte zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt kommen können. Oder wie es Sulzberger ausdrückt: “Das sind interessante Zeiten für den Journalismus. Auf der einen Seite habe wir eine Regierung, die nicht ganz so zur Verfügung steht wie die Regierung von Clinton oder auch die des älteren Bush." Das gilt aber in erster Linie für alle anderen Medienorgane, denn auch die Regierung Bush weiß um die gewichtige Rolle der New York Times. “Ich muß fairerweise hinzufügen, dass wir nach wie vor enormen Zugang haben", bremst sich Sulzberger. “Letzte Woche erst war Donald Rumsfeld in der Redaktion. Und nächste Woche wird Colin Powell hier sein."

Doch kaum eine Regierung hat die amerikanische Bevölkerung so polarisiert. Was den Erfolg des populistischen Meinungsjournalismus erklärt. Von dem allerdings hält sich die New York Times fern. “Eine Redaktion muß sowieso auf der Hut sein, ihre Beurteilung von Nachrichten nicht zur Meinung auszuweiten", sagt Sulzberger. “Auch das wird Aufgabe unseres Standard Editors sein. Wir können uns jedenfalls nicht erlauben, in diese Arena zu steigen, in der Figuren des öffentlichen Lebens, aber auch Privatpersonen den Löwen zum Fraß vorgeworfen werden, nur um das Publikum zu unterhalten und damit Auflage und Quote zu machen. Solche Zyklen gab es aber schon vorher und wir haben die immer unbeschadet überstanden. Man darf nur nicht den Fehler begehen, Teil eines solchen Zyklus gewesen zu sein." Denn nur so kann die New York Times ihren Status als goldener Standard des amerikanischen Journalismus halten.





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