Zwei Jahre später gründete Lawrence Ferlinghetti den Verlag City Lights Publishers. Eine seiner ersten Veröffentlichungen war der Band “Howl" des jungen New Yorkers Alan Ginsberg, der mit dem Titelgedicht Ferlinghetti wegen Verstoß gegen den öffentlichen Anstand ins Gefängnis brachte und gleichzeitig seiner Generation ein Denkmal setzte, das bis heute als Grundstein der Subkulturen gilt. Der Rest ist längst Legende. Die Lesungen im City Lights. Die langen Nächte im Vesuvio. Die jungen wilden Autoren, die aus dem ganzen Land nach San Francisco strömten. Die Friedensmärsche, Protestaktionen und Polizeirazzien, die Experimente mit Kunst, Literatur und Drogen, die immer wiederkehrende Zyklen der Subkulturen, während denen sich die jeweils neuen Generationen ihren Freiraum in Gesellschaft und Kultur eroberten.
San Francisco war jedoch keine einsame Insel der Subkulturen. Am anderen Ende des Kontinents gab es mit New York eine Stadt, in der sich die Bewegungen im Westen fast gleichzeitig spiegelten. Im selben Sommer, als Lawrence Ferlinghetti seinen Buchladen gründete, zogen dort die zukünftigen Kunstlegenden William de Kooning, Jackson Pollock und Mark Rothko in das heruntergekommene Einwandererviertel der Lower Eastside, das schon bald als East Village bekannt wurde, als östlicher Ableger des längst bürgerlich gewordenen Greenwich Village. Dort im äußersten Osten der Stadt brachten Sonny Rollins, Charles Mingus und Thelonius Monk die Jazz-Avantgarde nach Downtown. Jack Kerouac lebte eine Zeitlang auf der 11. Straße, und Allen Ginsberg am Thompkins Square Park.
Es ist kein Zufall, dass sich ausgerechnet San Francisco und New York als Brutstätten der Subkulturen etablierten. Beide Städte haben einzigartige urbane und soziale Topografien, die vor allem mit dem für Amerika ungewöhnlichen Platzmangel zu tun haben. San Franciscos Halbinsel und die natürlichen Grenzen der Insel Manhattan zwangen die Städteplaner zu engmaschigen Straßennetzen, die eher an die verwinkelten Metropolen Europas, als an die großzügigen Stadtlandschaften des übrigen Amerika erinnern. Dieser Platzmangel zwang die Industrien beider Städte nach dem Krieg in Peripherien abzuwandern, die vom Stadtkern durch Brücken und Tunnels abgeschnitten waren. In den ehemaligen Industrievierteln entstanden jedoch genau die Nischen, in denn Subkulturen blühen konnten.
Dazu kommt, dass San Francisco und New York die beiden Städte mit dem höchsten Grad der Integration sind. Im Gegensatz zu den strengen geographischen Rassentrennungen von Los Angeles, Chicago und Miami, lagen Einwanderer-, Armen- und Bürgerviertel in San Francisco und New York traditionell eng beieinander und förderten so zwangsläufig das liberale Klima der beiden Städte. Für die Subkulturen, die ihre Kraft und Inspiration oft aus den Minderheitenkulturen beziehen, war diese Nähe lebenswichtig. Ohne den Jazz aus Harlem wäre die Avantgarde des East Village genausowenig denkbar gewesen, wie die spirituelle Sinnsuche in asiatischen Weltbildern der Beatniks ohne das benachbarte Chinatown.
Einen entscheidenden Unterschied gibt es jedoch. In San Francisco hat man die Ideen. In New York werden sie in die Tat umgesetzt. In San Francisco etablierten die Beats eine literarische Subkultur, die später auf der Bowery von New York zur Explosion des Punk führen sollte. Im Golden Gate Park sammelten sich die Hippies zum Summer of Love, um sich im Thompkins Square Park sich ein Jahr später zur politischen Kraft zu radikalisieren. Und was die Cyberpunks in den leerstehenden Industrievierteln der Bay Area ausprobierten, verwandelten sie in New York als Dotcoms in das Wirtschaftswunder der neuen Märkte.
Wer die beiden Städte kurz hintereinander besucht, merkt schnell, dass sich auch die Unterschiede während der Evolution der Subkulturen in den äußeren Umständen der Städte begründen. San Francisco erlaubt mit seinem ewigen Frühling, der verspielten Architektur auf den Hügelkuppen und den nahen Stränden inmitten atemberaubender Natur ein entspanntes Lebenstempo, das viel Zeit läßt. Die unbarmherzigen Wetterschwankungen von New York, die Straßenschluchten, der Mangel an Landschaft, Platz und Zeit zwingt seine Bewohner, zum Handeln.
New York zelebriert die Geschichte seiner Subkulturen dieses Wochenende mit dem Howl Festival. Pioniere aus sämtlichen Zyklen der Subkulturen treten dort auf - Beats und Punks, Performancekünstler und DJs, Popstars und Literaten. Fünf Jahrzehnte Widerstand gilt es zu feiern. Widerstand gegen die etablierten Kulturen, Ideen und Weltbilder.
In San Francisco verlaufen die Feiern viel ruhiger. Ein paar Lesungen, Konzerte und Ausstellungen. Für die Besucher des City Lights Bookstore scheinen die Zyklen der Subkulturen auch längst schon Geschichte. Oben im ersten Stock leitet der inzwischen 84jährige Lawrence Ferlinghetti immer noch die Geschäfte in einem Büro, das hinter dem Raum der Gedicht- und Beatabteilung liegt, den die Pilger mit einer Ehrfurcht betreten, als sei hier etwas ganz Heiliges. Dort findet man immer noch die Neuauflagen von Howl und Kaddish, die Werke von Kerouac, Burroughs und Bowles. Eine wehmütige Sehnsucht liegt über den Räumen. Nach einer Zeit, in der ein Gedicht noch eine ganze Generation bewegen konnte.
Doch unten auf den Tischen mit den Neuheiten zeigt schon der zweite Blick, dass der Zyklus der Subkulturen nicht aufzuhalten ist. Da findet man die Ausgaben von Dave Eggers Vierteljahresschrift McSweeney's, die nur wenige Straßen weiter im Mission District verlegt wird und eine ganz neue Generation Autoren auf dem Suche nach neuen Grenzen begleitet. Da findet man neben den Standardwerken von Chomsky, Zinn und Terkel die jungen Wilden der Linken mit ihren radikalen Gedanken zur neuen Welt. Und auch Citylights selbst ist nicht in seiner eigenen Historie erstarrt. Denn nicht nur die Zyklen der Subkulturen sind lebendig geblieben. Gleich nach den Bomben auf Bagdad ließ Ferlinghetti vor dem Laden Transparente und Protestnoten aufhängen. Denn auch gute Gründe für den Widerstand gibt es bis heute genug.
So ganz haben sich die Stadtväter von San Francisco nie damit anfreunden können, dass ihr urbanes Schmuckstück auf den Hügeln über der Bucht immer wieder als Geburtsort der Subkulturen in die Geschichte eingegangen ist, und somit als Hauptstadt der Spinner, Träumer und Utopisten. Dort wo im Sommer vor genau 50 Jahren alles anfing haben sie dem Beatliteraten Jack Kerouac jedenfalls nur ein schmuddeliges Gässchen gewidmet, das die lärmige Hauptstrasse von Chinatown mit der prächtigen Columbia Avenue verbindet, die durch das Italienerviertel von North Beach direkt auf die Wolkenkratzerkulisse von Downtown zielt. Düster ist die Jack Kerouac Alley, es riecht nach Moder und Müll, doch an der Ecke zur Columbia Avenue stehen schon am frühen Nachmittag die Pilger. Auswärtige, die von weither gekommen sind, denn in dem keilförmigen Flachbau gleich gegenüber der Vesuvio Bar residiert der City Lights Bookstore des Dichters und Malers Lawrence Ferlinghetti. Ein selbstgemaltes Pappschild im Schaufenster vekündet: “50 Jahre City Lights", als gäbe es ein Firmenjubiläum zu feiern. Doch die Pilger wissen es besser. Ehrfürchtig schleichen sie am Eingangstresen vorbei in das Labyrinth aus Räumen und Regalen.
An einem Samstagmorgen vor 50 Jahren fuhr Lawrence Ferlinghetti die Columbus Avenue durch das Bohemevierel von North Beach, als er sah, wie jemand vor dem Schaufenster der Hausnummer 261 ein Schild mit der Aufschrift “City Lights Pocket Bookshop" anbrachte. Ferlinghetti kam mit dem Taschenbuchhändler ins Gespräch und sie beschlossen, den Laden gemeinsam zu gründen. Denn beide wollten nicht bloß Bücher verkaufen. Autoren und Dichter sollten hier eine Art Gemeindezentrum finden, einen Ort für Experimente, fernab der hektischen New Yorker Verlagswelt.
Zurück zum Inhalt