DER JAHRHUNDERTMANN

Ein Besuch beim legendären Interviewer Studs Terkel.

© Andrian Kreye


Chicago im Sommer '05 - Neugier ist eine Leidenschaft und deswegen will Studs Terkel auch sofort wissen, wer da an der Türe sei, auch wenn der Gast in wenigen Momenten in seinem Zimmer stehen wird. “Ist das der Herr aus Deutschland? Oder habe ich da gerade junge Damen in der Einfahrt gesehen?" Nein, sagt J.R., sein Haushälter und Krankenpfleger, nur der Herr aus Deutschland. “Schade", feixt Terkel und stellt dann, wie es sich für den legendärsten Interviewer in der Geschichte des amerikanischen Journalismus gehört, gleich selbst die ersten Fragen. Was die Grünen denn so treiben und ob man denn diese und jene Herrschaften aus Deutschland kenne, Otto Schily zum Beispiel, den habe er mal in Berlin getroffen, gleich nach dem Mauerfall, aber dass der sich als Innenminister politisch so gut mit dem amerikanischen Scharfmacher und Justizminister John Ashcroft verstanden habe, nein - “Oh mein Gott", das habe er nicht gewusst, das sei ja gar nicht gut.

Studs Terkel wirkt viel zu energiegeladen für seinen Krankenstand. 93 Jahre ist er alt und letzten Herbst ist er in seinem stattlichen Haus gleich hinter dem Lincoln Park am Ufer des Michigansees im gepflegten Norden von Chicago die Treppe hinuntergestürzt. Es geht ihm schon viel besser, deswegen fällt es ihm schwer, in seinem Ohrensessel zu sitzen und sich zu schonen. Er sitzt da in einem rotweißkartierten Hemd zu dem er passende rote Socken angezogen hat, lächelt spitzbübisch, ein zierlicher Herr mit schlohweißem Haar, das er sich ordentlich über die Stirn gekämmt hat. Ruhig und kühl ist es in seinem Wohnzimmer, vor dessen Erkerfenstern mächtige Platanen stehen und ihre Schatten auf sein Grundstück werfen. J.R. bringt Gläser mit Eiswasser.

Studs Terkel fragt, ob man sein neues Buch schon habe, “And They All Sang - Adventures of an Eclectic Discojockey, das mit all den Musikerinterviews aus seinen langen Jahren als Radiodiscjockey. “Den eklektischen DJ nannten sie mich immer", sagt er und lässt sich von J.R. das Buch aus einem Stapel ziehen. Und dann ist er auch schon mitten in der Erzählung, wie er damals Bob Dylan traf, als der gerade sein zweites Album veröffentlicht hatte und ihn außerhalb des Greenwich Village in New York noch kaum einer kannte.

Wenn man zurückrechnet war Bob Dylan damals 22 Jahre alt und Studs Terkel 51. Terkel hatte zu dem Zeitpunkt schon Fernseh- und Radiogeschichte geschrieben. Auf dem Fernsehsender NBC hatte er von 1949 an zwei Jahre lang die Serie “Studs' Place", eine Mischung zwischen Talkshow, improvisierter Sitcom und Jazzsendung, die als Paradebeispiel der “Chicago School of Television" galt, die sich von den starren Formen der Fernsehspiele aus New York und Hollywood löste.

Geboren in New York, seit seinem neunten Lebensjahr in Chicago aufgewachsen, studierte Terkel zunächst Jura, begann dann jedoch während den Jahren der Depression im Rahmen des WPA Writers Program für Radiosendungen zu schreiben. Und für den Fall, dass man mit dem Kürzel WPA nichts mehr anfangen kann, liefert er gleich noch die Erklärung dazu: “Das war die Workers Project Administration, das Amt für Arbeitsbeschaffung, als unsere neue Religion der freien Marktwirtschaft damals 1929 so richtig auf den Arsch gefallen ist. Das Branchenblatt Variety hat damals eine großartige Schlagzeile gedruckt - Wall Street legt ein Ei. Für meine Sammlung von Interviews über die Zeit habe ich dann später einen dieser weisen Männer der Wall Street gefragt, was denn damals passiert sei, und der meinte noch vierzig Jahre später, er hätte keine Ahnung. Die Aktien seien eingebrochen, Freunde von ihm hätten sich aus dem Fenster gestürzt und alle hätten auf irgendeine Verkündung gewartet."

Terkel hebt die Hände über den Kopf. “Eine Verkündung von wem. Von Gott? Von der Regierung kam sie dann. Die hat die Kontrollbehörde Security and Exchange Commission gegründet, Bankfeiertage eingeführt und eben die WPA gegründet. Kennen Sie die Fotografien von Walker Evans und Dorothea Lange? Die entstanden alle im Rahmen von WPA-Programmen. Genauso wie John Steinbecks Roman ’Früchte des Zorns'. Aber daran erinnert sich heute kein Mensch mehr. Der gesamte New Deal ist heute in Verruf geraten. Erinnern Sie sich an die Szene, als Tom Joad und seine Mutter im Lager für Heimatlose ankommen, nachdem sie schon von Bürgermilizen, Legionären und Großgrundbesitzern verjagt wurden, und dann kommt der Lagerleiter an den Eingang und sagt, das ist euer Lager, ihr habt euch darum zu kümmern, wir helfen euch, Arbeit zu finden - das war der New Deal. Aber all diese Grünschnäbel, deren Großväter der New Deal den Arsch gerettet hat, laufen heute herum und krakeelen, dass der Regierungsapparat zu aufgebläht ist und vergessen dabei, dass die ganze Kohle, die sie heute haben von genau dieser Regierung gerettet wurde."

"Wissen Sie, wer heute laut einer Umfrage der zweitbeliebteste Präsident in der Geschichte Amerikas ist?" Studs Terkel hält kurz inne, aber er erwartet gar keine Antwort. “Lincoln war Nummer eins, das war zu erwarten, aber auf Platz zwei war - Ronald Reagan! Dessen erste Amtshandlung es damals war, den Fluglotsenstreik niederzuschlagen. Dabei hatten die gar nicht für mehr Löhne gestreikt, sondern für die Sicherheit der Fluggäste. Und die meisten hatten auch noch Reagan gewählt. Roosevelt war dagegen auf irgendeinen Rang weit hinter Reagan abgeschlagen." Terkel schüttelt den Kopf, als könne er es gar nicht glauben. Augerechnet Reagan. “Diese großen Rückschritt, die wir derzeit machen, das hat doch alles mit Reagan angefangen."

Wenn Studs Terkel spricht, hört man immer noch diesen altmodischen abgeklärten Chicagoer Raubeinakzent, den man sonst höchstens aus Kriminalfilmen der 40er Jahre kennt. In den schwarzweiß flimmernden Folgen von “Studs' Place" sprach er genauso, damals, als er einen Kneipenwirt darstellte, der mit seinem Personal und seinen Gästen über das Leben und die Kunst plauderte und die improvisierten Pointen so lässig austeilte, als spiele er in einer Billy-Wilder-Komödie. Womit er seiner Zeit viel zu weit voraus und fürs Fernsehen viel zu intellektuell war. Deswegen wurde es auch schon bald immer schwerer, Werbekunden zu finden, was im Rückblick eher ein Segen war, denn nach seinem kurzen Ausflug ins Fernsehen begann Terkel 1952 seine Radiosendung “The Studs Terkel Program", die bald schon landesweit ausgestrahlt wurde, und für die er 45 Jahre lang ganz gewöhnliche Amerikaner und ein paar prominente Zeitgenossen interviewte.

Die Interviews wurden im Lauf der Jahre Grundlage für seine Bücher wie “Working", “Hard Times" und “The Good War", die epische Themen wie Arbeit, Armut, Rassismus und Krieg aus der Sicht des Volkes aufarbeiteten. Mit diesen Büchern, die heute noch als Pflichtlektüre der amerikanischen Zeitgeschichte gelten, lancierte Terkel in den 70er Jahren eine Renaissance der Oral History im amerikanischen Journalismus. “Gespräche mit Amerika" nannte die Chicago Historical Society das Archiv mit Hunderten von Tonbändern aus Studs Terkels Radiojahren, weil er es wie kaum ein anderer Journalist verstand, die Essenz seines Heimatlandes aus diesen Konversationen vor dem laufenden Tonband herauszuschälen.

Wahrscheinlich wäre es Studs Terkel in einer der anderen amerikanischen Großstädte nie gelungen, nur mit Gesprächen die Essenz Amerikas so umfassend herauszuarbeiten. In Chicago ist Amerika ganz bei sich, kann sich ganz auf sich selbst konzentrieren. Mit ein Grund, warum an den Universitäten hier einerseits die progressivsten soziologischsten Studien und die radikalsten kapitalistischen Theorien erstellt wurden, warum die Architektur hier mehr wagte, als in jeder anderen Stadt, und warum der Jazz von hier aus seinen Weg in den Kanon der amerikanischen Kultur gemacht hat.

Chicago war aber auch der perfekte Ort, um Prominente aus aller Welt zu treffen, denn in Chicago hatte Terkel einen umschlagbaren Heimvorteil. In New York und Hollywood wurden die Stars von Fans, Agenten und Reportern umschwärmt. Hier in Chicago hatten sie meist ihre Auftritte und sonst nicht viel zu tun. Ein Besuch bei Studs Terkel gehört da schon bald zum Pflichtprogramm, und wer Glück hatte, wurde von ihm lange bevor er berühmt war eingeladen. So wie der junge Bob Dylan eben, der gerade erst seine zweite Schallplatte veröffentlicht hatte und als Gastsänger von Joan Baez nach Chicago gekommen war. Dylans Manager Albert Grossman, mit dem Terkel befreundet war, hatte ihm den jungen Dylan ans Herz gelegt. “Al hatte damals mit dem Gate of Horn den ersten Folkclub im Land aufgemacht", erinnert sich Terkel. “Dabei hatte er von Folk gar keine Ahnung. Ich hatte eine ganze Sammlung und habe ihm das erst einmal alles beibringen müssen. Früher hatte ich im Radio vor allem Folkmusik gespielt. Eklektisch wurde ich dann erste später."

Und was hielt der erfahrene Discjockey Studs Terkel damals von dem jungen Dylan? Terkel zuckt mit den Schultern. “Nun ja, wie formuliere ich das jetzt am besten. Er war ein recht guter, junger Sänger, nur diese Tour mit der Sprache fand ich ein wenig albern. Eigentlich kam er ja aus einer gutbürgerlichen jüdischen Familie aus Minnesota. Gesprochen hat er aber wie ein Bergbauer aus den Appalachian Mountains. Das haben damals viele gemacht. Die Beatles oder Mick Jagger zum Beispiel. Oder diese Typ mit dieser englischen Gruppe The Animals, wie hieß der noch mal? Eric Burdon. Der hat wahrscheinlich in Cambridge studiert, aber im tiefsten Cockneydialekt dahergeredet. Das war damals so Mode - alles professionelle Proletarier. Aber eines musste man Dylan lassen - er war ein ganz hervorragender Dichter. Ich dachte ja ’A Hard Rain's Gonna Fall' meinte atomaren Regen. Aber nein, da ging es wirklich ganz einfach um Regen. Er hat mir dann erklärt, dass jede einzelne Zeile dieses Songs der Titel eines anderen Songs sein könnte. Und wenn man sich das genau anschaut, dann sieht man, wo er damit hinwollte. Er war schon sehr außergewöhnlich."

Aber dann will er nicht mehr über Dylan sprechen, es war ja nur eines von Tausenden von Gesprächen, auch wenn da jetzt großes Interesse besteht, seit seine Archivarin die kurze Begegnung von 1963 für das neue Buch abgeschrieben hat. Mit vielen der Musiker war Terkel befreundet. Mit Louis Armstrongs zweiter Frau, der Pianistin Lilian ’Lil" Hardin zum Beispiel, die in Chicago klassische Musik studiert hatte. “Die hat Louis Armstrong, der in einem Waisenhaus im Süden aufgewachsen war, erstmal das großstädtische Leben im Norden nahe gebracht."

Aber viel aufregender findet er eigentlich die Oper und die Sänger, die er über die Jahre getroffen hat. Josef Krips, Irmgard Seefried, Elisabeth Schwarzkopf in Salzburg. Oder Tito Gobbi, den großen italienischen Bariton, der vierzehn Jahre lang zum Ensemble der Lyric Opera of Chicago gehörte. “Wie er den Scarpia in Tosca spielte, wie er Schurkenrollen angeht." Studs Terkel holt jetzt aus, redet mit emphatischer Betonung, wirft die Arme zu ausladenden Gesten in die Luft. “Niemand hat Gut und Böse so großartig vereint, wie Gobbi, wenn er den Scarpia spielte und dann die Titelrolle in Verdis Simon Boccanegra, diese kaum bekannte Oper über den Bürgermeister von Genua im vierzehnten Jahrhundert, einen Held des Friedens." Terkel überlegt kurz. “Nur mit dem Iago in Othello konnte er nichts anfangen. Der war so von Grund auf böse, da ließ sich nichts Menschliches hineininterpretieren, nicht wie in Scarpia, der ja wenigstens an seinen Gefühlen zu Tosca leidet. Dabei gibt es nicht besseres, als eine interessante Schurkenrolle. Was habe ich bei den ’Meistersingern' jedes Mal insgeheim zu Beckmesser gehalten. Was tut der, nachdem er gedemütigt wird? Lebt ein Leben voller Verzweiflung."

Und es ist gerade dieser Kampf gegen die Verzweiflung, die sich wie ein roter Faden durch Terkels Lebenswerk zieht. Der Kampf für einen Sinn, für Würde, ein Auskommen, Gerechtigkeit. In seinem Buch über Arbeit findet sich das genauso, wie in seinen Büchern über Rassismus, Armut und in seinem Buch über den Zweiten Weltkrieg, das er “Der gute Krieg" nannte, obwohl er das “gute" eigentlich in Anführungszeichen sieht. “Meine Freunde nannten den Zweiten Weltkrieg den guten Krieg", sagt er. “Aber das meinten sie im Kontext zum Vietnamkrieg, in dem wir - wussten Sie das? - in dem wir mehr Bomben auf Vietnam geworfen haben, als auf sämtliche Länder im Zweiten Weltkrieg. Aber im Zweiten Weltkrieg waren wir zumindest an einen Punkt gelangt, an dem wir einfach kämpfen mussten." Eine Parallele, die heute wieder gerne zum Krieg gegen den Terror gemacht wird, in dem die Anschläge des 11. September als zweites Pearl Harbor gelten. Was Terkel mit einem: “Was für ein kompletter Mist", kommentiert. “Kein Krieg ist gut. Jeder Krieg hat noch aus dem heldenhaftesten Jungen einen Barbaren gemacht. Erinnern Sie sich an das Zitat von Einstein, der nach dem Abwurf der Atombomben in Japan gesagt hat, wenn es nun einen Dritten Weltkrieg gibt, der mit Atomwaffen geführt wird, würde der Vierte Weltkrieg wieder mit Steinen und Keulen geführt? Ist das unsere Zukunft? Dass wir irgendwann aus unseren Höhlen kriechen und in unserem kollektiven Unterbewusstsein herumwühlen und uns fragen, Shakespeare, Mozart, war da nicht was? Dann wird es keine Neocons und Neoliberalen mehr geben. Nur noch Neoneandertaler. Und die sind bei uns schon an der Regierung."

Ob er mit seinen Erfahrungen aus fast einem Jahrhundert Angst hat, wenn er die momentanen Entwicklungen betrachtet? Terkel zieht ungeduldig die Augenbrauen zusammen, als habe man eine dumme, rhetorische Frage gestellt. “Da können Sie darauf wetten, dass ich Angst habe. Wir könnten den Dritten Weltkrieg aus purem Zufall lostreten. Wir stacheln Nordkorea und den Iran ja geradezu an. Und das sagt die Umweltbewegung, wir sollen uns aus der Politik heraushalten? Alles ist politisch. Die Luft die wir atmen ist politisch. Haben wir in Zukunft noch Trinkwasser? Gehen wir alle an Aids zu Grunde?"

Er hält inne, nimmt einen Schluck Eiswasser. “Gleichzeitig gibt es Hoffnung. Und diese Hoffnung sind die Menschen. Es gibt überall diese kleinen Enklaven der Hoffnung. Oft in diesen kleinen Collegestädtchen. In den neuen Gewerkschaften. Ich habe mein letztes Buch nicht umsonst ’Die Hoffnung stirbt zuletzt' genannt." Bedächtig wiegt er seinen Kopf. “Die Leute merken, was für ein großer Fehler der Irakkrieg war. Ich könnte mir vorstellen, dass wir bei den Zwischenwahlen 2006 den Beginn eines demokratischen Umschwunges sehen. Nun ja." Er lächelt. “Da werde ich mich ja dann langsam mal abmelden. Mit meinem Unfall und dem fünffachen Bypass und all dem." Er reckt den Hals. “J.R.?!", ruft er. “Waren da nicht junge Damen in der Einfahrt?" J.R. streckt den Kopf in die Türe. “Nein, da haben Sie sich schon wieder getäuscht." Studs Terkel lacht. “Wie schade", feixt er wieder. Dann hat er noch eine Empfehlung. “Carsons'", sagt er. “Carsons's in der Wells Street im Norden. Die haben die besten gegrillten Rippchen." Er würde ja gerne noch mitkommen. “Aber ich habe noch so viele Verabredungen heute." Er wollte ja nur klarstellen, dass das Interview zwar nur beendet, er aber keineswegs müde ist.





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