KLANGWALZEN

Die New Yorker Hipsterband The Strokes
beweisen sich mit einem zweiten Album.

© Andrian Kreye

Die spindeldürren, zerzausten Jungs der notorisch hippen New Yorker Gitarrenband The Strokes wissen, wie man sich als Rockstar benimmt. Erstmal zu spät kommen und zwar gleich vier Stunden. Dann sofort Bier, aber bitteschön zwei pro Mann. Das eine, um es in großen Schlucken gegen den Kater hinunterzustürzen, das andere zum langsam Wegschlürfen. Immerhin ist heute verdammt nochmal Sonntag und die Sonne brennt hier oben auf der Terasse des 60 Thompson Hotel auch am späten Nachmittag noch grell genug.

Es beschwert sich ja auch keiner der angereisten Journalisten aus Europa. So hatten sie Zeit genug, sich das neue Album der Strokes “Room On Fire" gleich mehrmals anzuhören. Denn da sind sie sich auf deutsch, englisch, französisch und niederländisch einig: “Gei-le Scheibe!" Die Klangwalzen aus Unisonogitarren und Punkriffs, über denen Julian Casablancas seine melancholisch monotone Stimme erhebt, sind noch gewaltiger, ergreifender, mitreißender, als auf dem ersten Album. Und das galt schon als Sensation.

Man sieht es den Journalisten auch an, dass das hier keine Pressereise ist, sondern eine Wallfahrt. Jeder hat sich ganz genau überlegt, welches T-Shirt und welche Turnschuhe er heute anzieht. Die Strokes sind natürlich schon einen Schritt weiter. Julian Casablancas trägt zum Beispiel ein ärmelloses, cremefarbenes T-Shirt mit dem Plattencover von Michael Jacksons “Thriller" darauf. Das ist so genial unüberlegt, das muß man dem 25jährigen erst mal nachmachen.

Ansonsten hat er rote Augen und schlechte Laune. Auf so eine Reporterfrage, wie der nach der neuen New Yorker Rockszene hat er schon gar keine Lust. “Was für eine doofe Frage. Hier gibt's keine Szene, weil gar nicht genügend coole Sachen passieren." Aber dann scheint er sich über seine eigene schlechte Laune zu amüsieren und meint: “Ach, ich bin bei dieser Frage immer so verdammt schlecht. Ich glaube ich wünschte mir nichts sehnlicher, als dass es hier so eine richtige Szene gäbe, aber dann sind es halt doch nur ein paar Rockbands, die in den Clubs herumspielen."

So viel falsche Bescheidenheit gehört natürlich genauso zu den Strokes, wie die abgewetzten schwarzen Jeans und die sorgfältig vom Promisalon Bumble & Bumble in Unordnung gebrachten Haare. Immerhin haben die Strokes mit ihrem Debutalbum vor zwei Jahren eine Renaissance der Rockclubs initiiert und so das New Yorker Nachtleben den DJs entrissen. Außerdem haben sie den Weg für eine neue Generation Rockmusiker geebnet, zu der die Yeah Yeah Yeahs gehören, die Kings of Leon, Interpol und auch die White Stripes. Das sind lauter Bands, die nicht eine einzige eigene Idee haben und trotzdem so energiegeladen und frisch über die Bühne kommen, als hätten sie sich das alles gerade erst ausgedacht. Weil eben nur Spielverderber fortgeschrittenen Alters wissen, dass die Strokes wie Velvet Underground klingen, die Kings of Leon wie die Allman Brothers und Interpol wie The Cure.

Die Musik der Strokes kann der Schlagzeuger Fabrizio Moretti allerdings viel besser erklären. Dem scheint der ganze Rummel Spaß zu machen. Er muß sich ja auch nicht andauernd anhören, dass er ein verwöhntes Früchtchen ist, der Rockmusik nur als Stilübung betreibt, obwohl er als Boyfriend von Drew Barrymore andauernd in Klatschspalten zu finden ist. Julian Casablancas ist dagegen der Sohn des Modelagenturbesitzers John Casablancas, der Vater von Albert Hammond Jr. war der Softrocker gleichen Namens, und die beiden haben sich auf einem Schweizer Internat für schwer erziehbare Millionärssöhnchen kennengelernt. Das haben ihnen die New Yorker Hipster oft vorgehalten, vor allem als die englische Musikpresse die Strokes vor zwei Jahren zum internationalen Erfolg hochgejubelt hat. Denn Glamour und Hype sind im Rock'n'Roll immer noch verdächtig.

All das soll spätestens bei den Konzerten im Herbst keine Rolle mehr spielen. Weil eines können die Strokes - die Wucht aus dem Studio auf die Bühne bringen. “Für so eine Klangwand, wie wir sie spielen, muß man so lange üben, bis die Band richtig luftdicht ist", sagt Moretti. “Dann knallt's auch." Mehr wollen sie gar nicht. Für Ruhm, Reichtum, Mädchen oder den Mythos des Rock'n'Roll haben sie die Band jedenfalls nicht gegründet. “Wenn man sich eine CD unter dem Kopfhörer anhört und einem dabei Gänsehaut den Rücken hinunterfährt und man das Gefühl hat, dass man höchstpersönlichen Besuch von jemandem bekommen hat, der einen etwas ganz Neues fühlen läßt, dann ist das die großartigste Beziehung, die man schon ganz früh im Leben mit etwas haben kann, das von außen kommt." Damit hat er natürlich in einem Satz das Prinzip Pop erklärt. Und somit auch die Strokes.





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