Der Strohmann

George W. Bush ist der Popstar des Anti-Intellektualismus
© Andrian Kreye



George W. Bush feiert. George W. Bush spricht zur Nation. Und dazu gibt es immer wieder die Bilder von seiner Farm in Texas. Lässig, wie sie so dastehen. Der ehemalige General, der frühere Minister und ihr vielleicht schon gewählter Präsident in Windjacken und Stiefeln. “Rebel Yell!" Das macht doch schon einen viel vernünftigeren Eindruck, als die Horden der gesichtslosen Anwälte, die das Land im juristischen Schwitzkasten halten. Richtige Männer machen hier Politik. George W. Bush gibt sich souverän und überlegen. Präsidial, wie ihm die Kommentatoren bestätigen. Dick Cheney nickt ernst und weise. Colin Powell fixiert seinen Blick am Horizont, als erwarte er jeden Moment eine Jagdbomberstaffel der Demokraten.

Das Bild trügt. Die Wochen des Wahlpatts haben es deutlicher gezeigt, als es die ersten Monate einer Bush-Regierung je hätten tun können: das ancien régime von Papa Bush, von dem sich der Sohn immer so heftig distanzierte, sitzt am Hebel. George Bush Seniors Ex-Außenminister James Baker versucht in Florida die Wahl zu retten. Und der ehemalige Golfkrieger und immer noch nicht gewählte Vize Dick Cheney verkündet nicht nur neue Namen für ein eventuelles Kabinett. Er bekommt auch stellvertretend für die virtuelle Übergangsregierung Bush die täglichen, streng geheimen Security Briefings aus dem Weißen Haus.

Ist Bush Junior also nur eine Art Strohmann für die alten Golfkrieger Cheney, Powell und Baker? Sollte man sich vielleicht Sorgen machen? Keinweswegs. Denn George Bush wurde nie als politische Leitfigur ins Rennen geschickt, sondern ähnlich wie Ronald Reagan, als Symbolträger. Beide sträubten sich auch anfangs gegen diese politische Berufung. Und beide wurden von den Repbulikanern zu einem Zeitpunkt an die Spitze katapultiert, als die Partei unter gravierendem Mangel an verkäuflichen Charismatikern litt. Ronald Reagan verkörperte nach den fehlgeschlagenen liberalen Experimenten Jimmy Carters perfekt den Cowboy, der die westliche Welt siegreich durch den Kalten Krieg führen würde. Doch für was steht George W. Bush?

Über eines scheinen sich die Kommentatoren und der Volksmund einig zu sein: George W. Bush ist dumm. Er verheddert sich regelmäßig in der englischen Grammatik und neigt dazu, seinen Wortschatz durcheinander zu bringen. Er sagt mal “gracious" statt “grateful" oder “hostile" statt “hostage", und auch bei der Betonung von mehrsilbigen Worten hapert es. Inzwischen wird ihm so viel Dummheit zugetraut, dass auf dem Internet Listen mit angeblichen Blüten seines Schwachsinns zirkulieren, die gar nicht von ihm stammen, sondern von Dan Quayle.

Der damalige Vizepräsident seines Vaters hatte wegen seiner groben intellektuellen Aussetzer schon Legendenstatus. Doch während Quayle seine Rolle als Blödel der Nation lediglich dazu benutzte, um in Washington unbemerkt eisenharte, reaktionäre Politik für die New Religious Right zu betreiben, hat George W. Bush sein Image als ungebildeter Provinzdepp seit Beginn des Wahlkampfes mit Kalkül gepflegt. Nur zwei Tage vor der Wahlnacht trat er noch in der Comedysendung “Saturday Night Life" auf, um sich über seinen eigenen Deppenstatus lustig zu machen. Sehr geschickt. Denn Bush spielt mit einer Stimmung, die so weit verbreitet ist, dass man sie erstens als Wahlmotiv, und zweitens vor allem als wirksame Waffe gegen die Liberalen von der Demokratischen Partei einsezten kann. Denn das Wort “liberal" gilt in den USA nicht unbedingt als Kompliment.

Fährt man beispielsweise über das amerikanische Land und freundet sich mit der lokalen Bevölkerung an, kann es passieren, dass einen jemanden nach ein paar Bier provozierend fragt: “Bist Du ein Liberaler, oder was?" Im urbanen Europa würden daraufhin selbst Konservative eifrig bejahen, um damit ein hohes Maß an Kultiviertheit, Humanismus und Modernität zu beweisen. Im ländlichen Amerika sollte man darauf tunlichst und umgehend mit einem deutlichen Nein antworten, denn die Frage soll keine politischen Positionen bestimmen, sondern ist so beleidigend gemeint, wie die Nachfrage, ob man Bettnässer sei. Hier schwelt ein neuer Klassenkampf - der erbitterte Haß des Proletariats auf das Bildungsbürgertum.

In den USA gilt eine höhere Schulbildung nicht nur als Statussymbol, sondern wegen der hohen Kosten als Privileg der betuchten Oberschichten. Ein gewisses Maß Antiintellektualismus gehört deswegen zum guten Ton der Unterschicht, deren Stolz von einer Bodenständigkeit genährt wird, die sich nicht an Hochschulen erlernen läßt. Ganz im Gegenteil, dort wird sie einem ausgetrieben. Daraus wiederum folgt der Umstand, dass der Begriff “Liberaler" ein Schimpfwort sein kann, denn man weiß ja, wozu Bildung führt. Zu einem aufgeklärten Denken, zu Toleranz, Verständnis, sozialem Bewußtsein, zu einer liberalen Gesinnung, kurz - zu geistiger Verweichlichung.

Noch schlimmer - Intellektualismus und Patriotismus sind im amerikanischen Sprachgebrauch ein Widerspruch. Haben wir es hier doch mit einem Land zu tun, in dem nicht das Dichten und Denken die Wurzeln der nationalen Identität sind, sondern Freiheit und Mut. Da waren die Revolutionäre in den Kolonien, die ihren Freiheitssinn in die Tat umsetzten und die Engländer vertrieben. Da waren die Pioniere, die sich weder von unwirtlichen Wüsten, noch von monumentalen Gebirgszügen davon abhalten ließen, bis an die Pazifikküste vorzustoßen. Und dann waren da die wackeren Krieger des 20. Jahrhunderts, die mit den Nazis und den Kommunisten die zwei gefährlichsten Utopien der Menschheitstsgeschichte besiegten. Diese historischen Meisterleistungen waren keine Ergebniss von liberaler Umsicht und Reflexion, sondern von zielgerichtetem Handeln. Für Schwäche bleibt da nicht viel Platz.

Deswegen wird der Liberalimsus in den USA vorerst noch ein Luxus bleiben, den sich die urbanen Eliten leisten. Und genau diese urbanen Bildungseliten haben ja auch als einzige vom amerikanischen Wirtschaftswunder der letzten Jahre profitiert, während dem der Lebensstandard für den Rest des Landes nach unten ging. Hollywood hat das schon früh durschaut und den Trottel in Filmen wie “Rain Man", “Forrest Gump" oder “Dumm und dümmer" zum Volksheld erhoben. Ist es da ein Wunder, dass ein Kandidat so viel Erfolg hat, der sich bewußt von der neuen Elite abwendet (ganz egal, dass er zu einer alten Elite gehört)?

Eines sollte noch gesagt werden: Anti-Intellektualismus ist keineswegs eine amerikanische Domäne, sondern eine globale Reaktion auf die Siegeszüge der Wissensgesellschaft. Auch bei uns feiert der klassenkämpferische Wille zur Dummheit Erfolge. Die beiden Fernsehkanäle von RTL haben eine regelrechte Industrie darauf aufgebaut. Und die Prolls aus dem Big-Brother-Container sind der beste Beweis: mit harter Arbeit ist für das gemeine Volk längst nichts mehr zu verdienen. Bildung, Ideen und Kreativität sind die Grundlagen für Wohlstand und Karriere. Wer darüber nicht verfügt, dem bleibt nur noch eine magere Existenz als Lohnsklave. Oder viel Glück beim Casting eines Privatfernsehsenders oder einer populistischen Partei.


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