New York, 08.10.'04 - Als Präsident Bush und Senator Kerry am Freitag auf der Großbildleinwand des New Yorker Nachtclubs Crobar ihre zweite Debatte ausfochten, herrschte im Publikum Stimmung wie beim Boxkampf. Die Sympathien waren klar verteilt, schließlich hatte die Wochenzeitung The Nation eingeladen, die schon seit 1865 als intellektuelles Forum der amerikanischen Linken fungiert, und als Rahmenprogramm sendete der Talkradiosender Air America seine linkspolemischen Diskussionen live aus dem Club. Rund fünfhundert geladene Gäste hatten sich da auf der Tanzfläche versammelt. Studenten, Aktivisten, Veteranen der Hippiebewegung und auch ein paar modisch gekleidete Stammgäste, die hier sonst wegen DJs wie Junior Vasquez oder Paul Van Dyke herkommen. Und so wurde jeder rhetorische Haken Kerrys von triumphierendem Gejohle begleitet, jedes Stottern von Bush mit höhnischem Gelächter. “Lügner", riefen die Zuschauer, wenn der Präsident versuchte, den Krieg und seine Steuergeschenke für das oberste Einkommensprozent zu beschönigen.
Nun gilt das Debattieren in Amerika als Volkssport, der schon an den Oberschulen gelehrt wird. Deswegen herrschte bei der Schlussdiskussion mit Historikern, Publizisten und der Hollywoodschauspielerin Janeane Garofalo auch eine so euphorische Siegerstimmung. Kerry hatte mit seinen Argumenten nicht nur recht, er hatte mit ihnen auch einen sportlichen Zweikampf gewonnen.
Politik als Sportereignis in der Disco? Spätestens seit dem republikanischen Parteitag Anfang September bestimmt die Politik das Nachtleben der New Yorker. Von den Galadiners mit Prominenten über die Houseparties der Wählerorganisation Moveon.org bis zu Benefizkonzerten und Vernissagen scheint kaum ein Abend mehr ohne politischen Sinn und Zweck zu verlaufen. Zum Glück der Demokraten bekennen sich so ziemlich alle Vertreter des Pop und Glamour zum Wahlkampf von John Kerry. Das sind nicht nur die Rockveteranen um Bruce Springsteen und R.E.M., oder die Hollywoodlegenden wie Barbra Streisand und Warren Beatty. Auch die junge Garde der Stars bekennt sich zu Kerry - Rapstars Eminem und P. Diddy, Schauspielerinnen Sara Jessica Parker und Natalie Portman, selbst Paris Hilton kämpfen für einen Machtwechsel in Washington. George W. Bush bleiben da nur die Vertreter der Country & Western-Hitparaden und alternde Actionfilmhelden wie Arnold Schwarzenegger, Mel Gibson und Bruce Willis.
Wer da einmal auf den einschlägigen Mailinglisten gelandet ist, kann sich vor Einladungen kaum noch retten. Und weil die New Yorker ihrem Ruf als Stadtneurotiker immer noch alle Ehre machen, kann man auf den unzähligen Parties und Benefizveranstaltungen ganz hervorragend die Stimmungsschwankungen des Wahlkampfes verfolgen. Der selbstbewusste Kampfgeist ist jedenfalls neu.
Es ist noch keine zwei Wochen her, da war die Stimmung bei einer Spendenparty für John Kerry so düster wie die Beleuchtung. Drei Loftbesitzer hatten ihr Stockwerk in einem alten Manufakturgebäude an der 14. Strasse am Vorabend der ersten Wahldebatte mit Cocktailbars und Buffettischen ausgestattet. Zwei Stargäste waren geladen: Geraldine Ferraro, die 1984 als erste Frau in der Geschichte Amerikas für das Amt des Vizepräsidenten kandidiert hatte, sowie Johnny Cashs Tochter Roseanne.
Geraldine Ferraro hielt eine Ansprache über den akuten politischen Notstand des Landes, Roseanne Cash sang ein paar traurige Lieder. Bei der anschließenden Diskussion herrschte jene Niedergeschlagenheit, die den Wahlkampf der Demokraten den ganzen Sommer über bestimmt hat. Die Gäste hatten ja auch allen Grund zu jammern. Die neuesten Umfragen hatten ergeben, dass zehn der 22 so genannten Swing States zu Bush tendierten, und lediglich drei zu Kerry. Nicht nur das - New Yorks Nachbarstaat New Jersey, sonst eine Hochburg der Demokraten, wurde nun ebenfalls zu den unentschiedenen Swing States gezählt. Und da ist noch diese präventive Paranoia, jene ungute Vorahnung, dass die Republikaner noch ein paar Trümpfe im Ärmel haben. Immerhin gilt Bushs Wahlkampfstratege Karl Rove als Meister der schmutzigen Tricks. Moralisch fragwürdig, aber immer im Rahmen der Gesetze. Bis die Finten und Schwindeleien aufkommen, ist der statistische Schaden beim Gegner meist schon irreparabel. Da konnte Geraldine Ferraros kämpferischer Aufruf, auf den Ausgang der ersten Präsidentschaftsdebatte zu hoffen, die Party nicht mehr retten.
Ähnlich niedergeschlagen begann am nächsten Abend eine Debattenparty im Appartement zweier junger Ärzte, die ihre Freunde eingeladen hatten, bei Wein und Krabbensuppe das erste Rededuell zwischen Kerry und Bush anzusehen. Der Glaube an einen Wahlsieg der Demokraten schien in den Bereich der frommen Wünsche verbannt. Die Gäste konnten später nicht mehr genau rekonstruieren, wann der Ruck durch den Raum gegangen war, an dem die Hoffnung wieder echte Funken schlug. War es das beklemmende Schweigen von Bush? Seine unbeholfenen Versuche, die so genannten Talking Points seiner Strategen durchzupeitschen, während Kerry mit Rhetorik brillierte? Oder erst die deutlichen Schiedsgerichte der Experten in den Studios der Nachrichtensender?
Fünf Tage später hatte sich die Hoffnung schon zum forschen Kampfgeist gemausert. Als Michael Moore am Dienstag in der Buchhandlung Barnes & Noble am Union Square die gleichzeitige Veröffentlichung der “Fahrenheit 9-11"-DVD, des Filmbuches und seiner Sammlung von Soldatenbriefen feierte, stauten sich die Fans bis auf die Strasse. Der schwergewichtige Filmemacher in T-Shirt und Baseballkappe nutzte seinen Auftritt, um die Stimmung noch weiter anzuheizen. “Ich habe meinen Optimismus, dass wir George W. Bush aus dem Weißen Haus entfernen ja noch nie verloren", sagte er. “Aber nach der Debatte - ich bitte euch. George W. Bush ist zu einer 90-Minutendebatte mit Material für fünf Minuten angetreten."
Dann erzählte er belustigt von jenem Moment, als ihn bei John McCains Rede beim Parteitag der Republikaner die Delegierten auf der Pressetribüne entdeckten. “Das sollte ja jeder Mal erleben - zehntausend Weiße, die ’noch mal vier Jahre' brüllen." Moore hob für einen Moment den rechten Arm zum Hitlergrus und grinste. “Ich habe ja Filme über Nürnberg gesehen. Aber so direkt und persönlich?" Dann wiegelte er schnell ab: “Kleiner Witz. Aber Spaß beiseite. Mit Hoffnung alleine ist diese Wahl nicht zu gewinnen." Und weil Moore weiß, dass ein Großteil seines Publikums ganz grundsätzlich am Zweiparteiensystem der USA zweifelt, ging er auf eine Publikumsfrage, warum er diesmal nicht den Grünen Ralph Nader unterstützt etwas länger ein. “Alle die glauben, dass alle Politiker gleich Scheiße sind - bleibt dabei. Ihr habt Recht. Nur diesmal müsst ihr eure Position ganz leicht korrigieren. Es geht um zu viel." Mit Wählen alleine sei es auch nicht getan. “Drei Swing States sind von hier aus erreichbar. Setzt euch ins Auto. Fahrt dorthin. Rekrutiert Wähler. Vergesst nicht, dass die größte Partei Amerikas die Nichtwähler sind. 52 Prozent der Bevölkerung!"
Moore predigt den Aufruf zur Nichtwählermobilisierung nicht nur. Derzeit befindet er sich auf einer Tournee durch 60 Städte. “Gestern haben wir in Florida über eintausend Neuwähler rekrutiert", verkündete er stolz. Und warnte noch einmal: “Wir sitzen hier alle im gleichen Boot. Diesmal geht es um zu viel, um nichts zu tun." Damit formulierte Michael Moore einen prinzipiell patriotischen Gedanken, den in diesem Wahlkampf viele Linke und Liberale zum ersten Mal seit Jahren wieder denken. Es geht nicht mehr darum, Recht zu haben oder Positionen zu verteidigen. Es geht um nichts weniger, als um Amerika.
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