WAHLRECHT FÜR ALLE

Stevie Wonder spielt in Harlem
für den Voting Rights Act.

© Andrian Kreye


New York im August '05 - Ganz kurz wird Stevie Wonder zu Beginn der Veranstaltung ein bisschen rührselig und sagt, dass seine Liebe zur Musik schon immer so stark gewesen sei, dass er gar keinen anderen Weg hätte einschlagen können. Aber dann feixt er auch schon: “Seid froh, dass ich nicht Chauffeur geworden bin", und setzt grinsend hinterher: “Die Blindenwitze mache hier immer noch ich." Das sitzt. Da röhrt das Publikum und hat ihm schon verziehen, dass er gerade eine schier endlose Reihe Politiker und Honoratioren auf die Bühne gebeten hat, damit einer nach dem anderen ein Paar Worte zum Thema des Abends sagen konnte - dem Voting Rights Act, jenem Regierungserlass aus dem Jahre 1965, mit dem Präsident Lyndon B. Johnson das Wahlrecht für alle garantierte. Aber Stevie Wonder ist ein Entertainer der alten Schule, der weiß, dass man ein Publikum mit einer Mischung aus Charme, Hits und einem Quäntchen Inbrunst so willenlos gefügig machen kann, wie der Bauer die Leghenne, wenn er sie nur richtig am Bauch krault.

Das ist besonders wichtig, wenn man an einem Abend, für den das Publikum viel Geld bezahlt hat, eigentlich ein politisches Anliegen hat, wie an diesem Samstag im Apollo Theater, dem altehrwürdigen Epizentrum des Swing, Jazz und Soul an der 125th Street im New Yorker Schwarzenviertel Harlem. Der Voting Rights Act feierte am 6. August dieses Jahres nämlich sein vierzigstes Jubiläum, doch der Erlass ist keineswegs Gesetz, sondern muss immer noch alle 25 Jahre vom amerikanischen Präsidenten erneuert werden. Das nächste Mal im Jahr 2007. Das ist prinzipiell nur eine Formalität und es geht hier auch gar nicht um das grundlegende Wahlrecht - das ist von der Verfassung garantiert. Doch in den Zeiten des Internet wuchern die Verschwörungstheorien heftiger, als je zuvor, und so hat sich unter amerikanischen Schwarzen in den letzten Monaten der Eindruck breit gemacht, sie hätten das Wahlrecht eigentlich nur auf Bewährung.

Deswegen hatte Stevie Wonder Harlems Kongressabgeordneten Charles Rangel mitgebracht, der schon bei Martin Luther Kings Marsch nach Selma dabei war, sowie einen Anwalt des NAACP Legal Defense Fund. Die konnten noch einmal die Verschwörungstheorien entkräften und genau erklären, warum der Voting Rights Act trotzdem so wichtig ist. Denn der Voting Rights Act gibt Bürgerinitiativen und Abgeordneten all jene juristischen Mittel in die Hand, um gegen offenen oder schleichenden Wahlbetrug vorzugehen, der in Amerika immer noch die Armen und Minderheiten trifft.

Die Experten gingen nicht ganz so ins Detail, aber man muss nur den Bericht des House Judiciary Committee des amerikanischen Kongresses durchblättern, der die Ungenauigkeiten im Entscheidungsstaat Ohio bei den letzten Wahlen untersuchte. Die Anhäufung von Ungenauigkeiten, Repressalien und Computermanipulationen füllen da gut einhundert Seiten. Und dann waren da noch die Vorfälle in Florida, Texas und Georgia, die der Anwalt erwähnt. Da wird Stevie Wonder für einen Moment auch richtig zornig: “Ich finde es nicht in Ordnung, dass ich immer noch marschieren und die Leute organisieren muss, damit dieser Erlass erneuert wird", sagt er. Und war sich mit dem Publikum einig - Präsident Bush soll den Voting Rights Act nicht nur erneuern, sondern fest im Gesetzbuch verankern.

Kein Wunder also, dass er den Abend mit dem Song “Heaven Help Us All", und der Bemerkung “schlimm genug, dass der Song heute noch so aktuell ist wie damals", beginnt. In dem kämpferischen Gospelsong beklagte Wonder 1970 Diskriminierung, Gewalt und Armut. Und er hat recht, Zeilen wie “Möge der Himmel dem schwarzen Mann helfen, wenn er auch nur einen Tag länger kämpfen muss", und “Möge der Himmel allen helfen, die mit dem Rücken zur Wand stehen" treffen den Nerv des Publikums auch 25 später noch.

Aber dann ist Schluss mit der Politik und Stevie Wonder beweist fast zwei Stunden lang, warum er neben Cole Porter, den Beatles und Burt Bacharach einer der wenigen Komponisten ist, die Popklassiker für die Ewigkeit schreiben können. Sämtliche seiner Hits spielt er - “I Wish", “Masterblaster", “Superstition". Am Flügel und am Clavinet kann er immer noch mit wenigen Akkorden einen ganzen Saal in die Ekstase treiben, wie es sonst höchstens Gitarristen wie Prince oder Keith Richards vermögen. Ach ja, er muss sich dann noch entschuldigen - sein neues Album “A Time To Love" ist schon so lange überfällig. Er sei eben ein Perfektionist, sagt er. Ende August, da käme es ganz bestimmt. Aber dann spielt er auch schon die ersten Akkorde von “Sir Duke" und man würde gerne noch einmal zehn Jahre auf eine neue Platte warten oder eine Stunde lang politischen Reden lauschen, wenn er nur jetzt nicht aufhört zu spielen.





Zurück zum Inhalt