Am Freitag hatten die Ärzte im Hospiz von Pinellas Park in Florida auf Wunsch von Terri Schiavos Ehemann Michael den Schlauch entfernt, mit dem sie seit nun schon 15 Jahren künstlich ernährt wurde. Ein Bezirksrichter hatte nach sieben Jahre des erbitterten Prozessierens zwischen Michael Schiavo und den Eltern der Patientin Mary und Bob Schindler entschieden, die Beteuerungen des Ehemannes, seine Frau habe in ihren gesunden Jahren immer wieder gesagt, sie wolle so niemals dahinsiechen, entsprächen der Wahrheit und der Ehemann habe deswegen als gesetzlicher Vormund das Recht, den Abbruch lebensverlängernder Maßnahmen zu fordern, auch wenn Terri Schiavo diesen Wunsch nie schriftlich festgelegt habe.
Kurz bevor Bush seine Reise zurück nach Washington antrat, hatte sich der amerikanische Senat in einer Sondesitzung des Falles angenommen und einstimmig ein Eilgesetz erlassen, das den Eltern das Recht einräumte, vor dem obersten Bundesgericht (Supreme Court) noch einmal um das Leben ihrer Tochter zu kämpfen. Der Supreme Court hatte sich zuvor schon zwei Mal für nicht zuständig erklärt, weil Sterbehilfe die Zuständigkeit der Bundesstaaten sei. Das Gesetz wurde dann am selben Sonntag in einer außerordentlichen Abendsitzung vom Kongress ratifiziert und schließlich gegen Mitternacht von Präsident Bush im Weißen Haus abgezeichnet werden. War das nicht die beherzte Entschlossenheit, mit der ein Präsident agieren sollte, wenn es um Leben und Tod einer Bürgerin geht?
Doch wer will so leben? Glaubt man Terris Ehemann, dann hatte sie bei Bewusstsein deutlich gesagt, sie wolle nicht künstlich am Leben erhalten werden. Gerichtliche Untersuchungen haben ergeben, dass sie das nicht nur gegenüber ihrem Ehemann, sondern bei mehreren Gelegenheiten und zwei Begräbnissen von Verwandten auch gegenüber Dritten geäußert hatte. Terri Schiavos Eltern und Geschwister lehnen als strenggläubige Katholiken jedoch jede Form von passiver oder aktiver Sterbehilfe kategorisch ab. Unterstütz werden sie von der “Recht auf Leben"-Bewegung konservativer und christlicher Amerikaner, die auch gegen die Abtreibung zu Felde ziehen. Zu Hunderten demonstrieren deren Anhängen nun seit Tagen vor dem Hospiz, vor Michael Schiavos Haus und vor dem Amtssitz des Gouverneurs von Florida, George W. Bushs Bruder Jeb.
Der rechtskonservative Nachrichtensender Fox News spielte am Sonntagnachmittag dann auch ein Tonband ab, auf dem Terri Schiavos Vater zu seiner Tochter spricht. Darauf hörte man die leise, liebevolle Stimme des Vaters und schließlich ein gutturales Aufstöhnen. Das sei der Beweis, dass Terri kommuniziere, meldete Fox News. Kurze Zeit später meldete der selbe Sender, dass vier Männer gewaltsam in das Hospiz eingedrungen seien, um “ihrer Schwester" Wasser zu bringen.
Das Thema Sterbehilfe wird in den USA derzeit schon länger diskutiert. Clint Eastwoods Boxerfilm “Million Dollar Baby" beschäftigt sich auf hochemotionale Weise mit dem Thema, wurde dafür zwar mit den Oscars für besten Film, beste Regie und beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet, aber von Konservativen, Kirchen und Behindertenorganisationen scharf angegriffen. In dem Film geht es dabei nicht nur um die Frage um Leben und Tod, sondern auch um den Gewissenskonflikt eines Katholiken, der mit den Dogmen seiner Kirche hadert. Noch ein Film über die Frage nach der Sterbehilfe war dieses Jahr für einen Oscar nominiert. In Alejandor Amenabárs Film “Das Meer in mir" spielt Javier Bardem den querschnittgelähmten Ramón Sampedro, der in Spanien dreißig Jahre lang darum gekämpft hat, sterben zu dürfen.
Auch das Thema Wachkoma wurde vor kurzem von der Popkultur behandelt. In einer Folge der Fernsehserie “Emergency Room" spielte die aus “Sex and the City" bekannte Schauspielerin Cynthia Nixon eine junge Mutter, die nach einem Hirnschlag ins Wachkoma verfällt. In dramatischen Szenen hörten die Zuschauer den inneren Dialog der vermeintliche regungslosen Patientin, die jedoch ganz genau die Diskussionen zwischen den Ärzten und ihrem Mann verfolgt, ob man sie einer riskanten, aber vielversprechenden Operation unterziehen wolle.
Nun gibt es in der Debatte um Leben und Tod keine einfachen Antworten. Die Richter in Florida, haben es sich allerdings auch keineswegs leicht gemacht. Sieben Jahre lang hatten die Gerichte in Florida den Fall erörtert, bevor Gesetzgeber und Präsident an diesem Wochenende so beherzt und rasch handelten. Auch der Präsident wollte sich ja keineswegs anmaßen, über Leben und Tod von Terri Schiavo zu entscheiden. “Heute habe ich ein Gesetz unterzeichnet, dem Supreme Court erlaubt, eine Klage anzunehmen, die im Namen Terri Schiavos gegen die Verletzung ihrer Rechte in Bezug auf die Entzug von Nahrung, Wasser und medizinischer Maßnahmen, die nötig sind, ihr Leben zu erhalten, erhoben wird." Wieder also die Reduktion der Debatte auf den schlichten Tatbestand, dass hier einer wehrlosen Kreatur die grundlegendsten Dinge versagt werden, die ein Organismus zum Überleben braucht. Dagegen ist nur schwer zu argumentieren.
Die Bioethikerin Alta Charo von der University of Wisconisin äußerte allerdings Verständnis für die Eltern. Die gesunde Gesichtsfarbe, der warme Körper und Restreflexe wie Schlafzyklen, Augenzwinkern und ein unsteter Blick erweckten den Eindruck, da kämpfe noch ein Mensch um sein Bewusstsein, auch wenn dieses Bewusstsein schon vor Jahren unwiederbringlich verloren ging.
Die Dramatik und der Zeitdruck, mit der George W. Bush und seine Parteigänger im Kongress nun am Sonntag zu Werke gingen, waren jedenfalls schwer übertrieben. Bush hätte das Gesetz auch wie sonst immer auf seiner Ranch in Texas unterzeichnen können. Die sechs Stunden Flugzeit, welche die Dokumente für den Hin- und Rückflug zwischen Washington und Crawford gebraucht hätten bei Terri Schiavo kein Leid verlängert und auch ihr Leben gefährdet.
Auch der Kongress hatte ja seine Osterferien unterbrochen. Am Sonntagabend um neun Uhr traten die Abgeordneten zusammen. Um 32 Minuten nach Mitternacht segneten sie das Eilgesetz des Senats mit 203 zu 58 Stimmen ab. 174 Abgeordnete enthielten sich. Auch wenn hier nur eine Formalität per Gesetz entschieden wurde, die symbolische und effektive Wirkung dieser Entscheidung ist nicht zu unterschätzen. Schon die Wahl des letzten Wochenendes vor Ostern ist für religiöse Amerikaner von enormer Bedeutung. Darauf wies Fraktionsführer Tom Delay ganz nebenbei hin, als er nach dem Entschluss sagte: “Terri Schiavo hat das Passionswochenende überlebt und wurde nicht im Stich gelassen." Bei den fundamentalistischen Stammwählern der Republikaner ist die Botschaft ganz klar - der Präsident hat mit der gesetzlichen Verlängerung von Terri Schiavos Leben symbolisch den Leidensweg des Erlösers Jesu Christi aufgehalten. Auch in seiner Erklärung, die er nach der Unterzeichung des Gesetzes um ein Uhr morgens abgab, klangen biblische Töne an: “In Fällen voller Fragen und Zweifel wie diesen, sollten unsere Gesellschaft, unsere Gesetze und unsere Gerichtshöfe im Zweifel für das Leben entscheiden. Diese Entscheidung ist vor allem für solche Menschen wie Terri Schiavo wichtig, die auf die Gnade anderer angewiesen ist."
Den wahren Sieg hat George W. Bush allerdings für das Ansinnen seiner Partei davongetragen, eine solche überwältigende und dauerhafte Übermacht zu erlangen, dass die Republikaner die amerikanische Gesellschaft in zwei, drei Generationen nach ihrem ideologischen Vorstellungen umformen können. Vorbild dafür ist Präsident Franklin D. Roosevelt, der mit seinem erfolgreichen Kampf gegen die Depression der 30er Jahre in den eine jahrzehntelange Vorherrschaft der Demokraten begründete, die in dem basiskapitalistischen Staat der USA ein umfassendes Sozialsystem installierte.
Eine der letzten Bastionen der Macht, die der Oppositionspartei der Demokraten angesichts nach der Wiederwahl George W. Bushs, der verstärkten Übermacht der Republikaner sowohl im Senat, als auch im Kongress, sowie der Berufung konservativer Richter an Bundesgerichtshöfe noch bleibt, sind die Regierungsorgane auf bundesstaatlicher und lokale Ebene. Nun haben diese Organe weit mehr Macht, als in anderen föderalistischen Staaten. Gerade Entscheidungen über Leben und Tod, wie bei den Themen Abtreibung, Sterbehilfe und Todesstrafe, gehören sowohl gesetzlich wie rechtlich in den Einflussbereich der bundesstaatlichen Stellen und Gerichte. Diese zeigten sich bisher noch überwiegend liberal. Sollte diese Trennung der Machtbereiche zu Gunsten der Bundesregierung aufgehoben werden, wäre die Vormacht der Regierungspartei so gut wie unbeschränkt.
Die Opposition zeigte sich nach dem Beschluss entsprechend verzweifelt. Der demokratische Abgeordnete Robert Wexler aus Florida hatte in der Debatte noch mit leidenschaftlichen Worten argumentiert: “Wären wir hier, wenn das Gericht für die Eltern gestimmt hätte? Nur weil die Mehrheit mit der Entscheidung eines Gerichtshofes nicht zufrieden ist, werden wir nun über 200 Jahre Rechtsgeschichte unterlaufen." Womit er nicht ganz Recht hatte. Nach einer Umfrage des Nachrichtensenders CNN glauben 64 Prozent aller Amerikaner, dass der Ehemann über Terri Schiavos Schicksal entscheiden sollte, und nur 25 Prozent, dass dies auch Sache der Eltern ist.
Während einerseits das Leben in Bezug auf Abtreibung und Sterbehilfe um jeden Preis geschützt wird, verhindern christliche Dogmen eine Forschung, die mit Hilfe von Gentechnologien Heilungsmethoden entwickeln könnte, die vielen Patienten helfen könnte, die heute lieber sterben, als leben wollen. Gleichzeitig argumentierten die Republikaner im Falle Terri Schiavo, die Medizin sei heute doch schon viel weiter, als vor 15 Jahren, man müsse ihr also die Chance geben, so lange zu überleben, dass vielleicht Heilmethoden gefunden würden. Was im Falle eines abgestorbenen Haupthirnes allerdings medizinisch unmöglich ist. Gleichzeitig steht natürlich das Verhältnis amerikanischer Konservativer zur Todesstrafe in krassem Widerspruch zu ihrem Kampf für das Leben. Und keiner hat sich so unerbittlich für die Ausführung von Todesurteilen eingesetzt wie George W. Bush während seiner Amtszeit als Gouverneur von Texas. Schließlich mischt sich die republikanische Regierung mit ihrer konservativen Familien- und Sozialpolitik gewaltig in die Privatangelegenheiten ihrer Bürger ein, während sie vehement dafür eintritt, dass sich der Staat in wirtschaftliche Belange nicht einzumischen habe.
Auch die liberale Argumentation ist in sich voller Widersprüche und moralischer Fußangeln. Oft begeben sich die Befürworter der Sterbehilfe viel zu weit auf das Gebiet der Eugenik, jener Lehre von der humangenetischen Reinheit, auf der die Nazis ihre Politik der Vernichtung aufbauten. Doch während bei den Konservativen christliche Dogmen die Debatte vorantreiben, die oft weltfremd die Realitäten der menschlichen Existenz übergehen, treibt die Liberalen prinzipiell ein humanistisches und humanes Weltverständnis.
Als eine erste Folge rechnen Beobachter damit, dass nun ein relativ liberales Gesetz des Staates Florida gekippt wird, nach dem die Wünsche eines Menschen, der wegen Krankheit nicht mehr fähig ist, bewusst Entscheidungen zu treffen, auch dann respektiert werden, wenn er diese nicht schriftlich hinterlegt hat. Das wird nicht überall in den USA so gehandhabt. In Bundesstaaten wie New York gilt zum Beispiel nur ein rechtskräftiges Testament. In Europa und Deutschland ist die rechtliche Lage noch unklarer. Prinzipiell gelten nur schriftliche Patientenverfügungen, die der Bundesgerichtshof erst 2003 als Praxis anerkannt hat. Sieben Millionen Deutsche haben solche Verfügungen schon hinterlegt. Die Bundesärztekammer erkennt Erklärungen bisher allerdings nur an, “sofern sie sich auf die konkrete Behandlungssituation beziehen", was bei Unfallopfern so gut wie unmöglich ist. Eine Bundestagskommission zum Thema soll derzeit klären, ob Lebenserhaltung oder Selbstbestimmung höher einzuschätzen sind. Bundesjustizministerin Brigitte Zypries will das Selbstbestimmungsrecht von Patienten als oberste Maxime einführen, ist von ihrer Forderung, auch mündliche Patientenverfügungen gelten zu lassen allerdings schon wieder abgekommen.
Vor dem Hospiz in Pinellas Park feierten die Demonstranten den Sieg über das Gerichtsurteil mit Kerzen und Jubel. Terri Schiavos Familie trat kurz vor die Presse. Ihre Schwester Suzanne Vitadamo sagte: “Wir sind sehr, sehr, sehr dankbar, dass wir diese Brücke überquert haben. Und wir sind voller Hoffnung, dass der oberste Gerichtshof dem Wille des Kongress folgen und das Leben meiner Schwester retten wird." Terri Schiavos Mann Michael gab nach der Entscheidung keinen Kommentar ab. Lediglich sein Bruder Brian trat zornig vor die Kameras. Als er nach seiner Erklärung durch den Vorgarten zum Haus zurückging, setzte sich die Sprinkleranlage auf dem Rasen in Gang. Für die christlichen Demonstranten vor dem Haus ein weiteres Symbol. “Wie kann er seinen Rasen wässern, wenn er seiner durstenden Frauen das Wasser verweigert?", rief eine Demonstrantin.
Schiavos Anwalt will nun darauf plädieren, dass das Gesetz von Sonntagnacht der amerikanischen Verfassung widerspricht.
New York 21. März - Es war mehr, als nur eine dramatische Geste, als Präsident Bush am Sonntagmittag seine Osterferien unterbrach und beherzten Schrittes über den Rasen seiner Ranch im texanischen Crawford zu den Stufen des präsidialen Hubschrauber Marine One eilte. Es war in Fanal. Ein einziges Menschenleben wollte der Präsident retten, der seine Ferien auf der heimischen Ranch sonst weder für Krisen noch Kriege unterbricht. Und mehr noch - mit seinem Kampf für die 41jährige Wachkomapatientin Theresa Maria Schiavo würde er im ideologischen Grabenkrieg zwischen Konservativen und Liberalen an gleich mehreren Fronten politische Siege davontragen, auch wenn die diese hinter den Details im Kampf um Terri verborgen blieben. Als er dann auf dem Rollfeld in Waco bei strahlenden Sonnenschein vom Hubschrauber zu Präsidentenmaschine Air Force One marschierte, winkte er kurz und entschlossen in die Kameras des Pressecorps.
26 Jahre war Terri Schiavo alt, als sie einen Herzinfarkt erlitt, der ihre Hirnfunktionen nachhaltig schädigte. Ein Bild von damals zeigt eine hübsche, junge Frau mit welligen, dunkelbraunen Haaren und einem strahlenden Lächeln, mit dem sie ein wenig an die Schauspielerin Brooke Shields erinnerte. Seit ihrem Herzinfarkt lebt Terri Schiavo in einem “anhaltenden vegetativen Zustand", ein medizinischer Ausdruck, der ganz bewusst auf darauf anspielt, dass ein solcher Patient nur noch über Hirnleistungen verfügt, die ihn auf das vegetative Funktionieren pflanzlichen Lebens reduziert. Herzzerreißend sind die immer wieder gesendeten Bilder von der Patientin heute - da liegt sie mit weit aufgerissenen Augen wehrlos in ihrem Bett, die kraftlosen Gesichtszüge erinnern nur noch entfernt an die junge Frau von damals. Ihr Blick irrt hilfesuchend umher. Als ihr die Mutter einen zarten Kuss auf die Wange drückt schliessen sich die Augen und der krampfhaft geöffnete Mund scheint zu lächeln.
Schon zwei Mal war der Schlauch für die künstliche Ernähung in den vergangenen Jahren entfernt worden - einmal nach dem Urteil eines Bezirksrichters in Florida, einmal nachdem Gouverneur Jeb Bush “Terris Gesetz" erließ, das von einem anderen Gericht später für verfassungswidrig erklärt wurde. Einmal hatte Terri Schiavo sechseinhalb Tage ohne Nahrung und Flüssigkeitszufuhr überlebt. Nach Meinung der Ärzte würde sie auch diesmal ein bis zwei Wochen überleben. Doch der Fraktionsführer der Republikaner im Kongress Tom Delay wurde nicht müde zu beteuern, die Gesetzgeber würden nicht ruhen, bevor man Terri Schiavo “wieder Nahrung und Wasser bekommt" und sie würden “zu Gott beten, dass sie durchhält". Es war also nicht nur der Präsident, nein sämtliche Zweige des amerikanischen Staates kämpften hier um das Leben einer einzelnen Bürgerin und um ihr grundlegendes Recht, nicht verhungern oder verdursten zu müssen. Wer will dagegen schon argumentieren? Wer will einer hilflosen Kreatur wie der Wachkomapatientin Terri Schiavo Nahrung und Wasser versagen?
Doch wie bei den meisten Moraldebatten, die auf politischer Ebene geführt werden, stehen auch hinter dem Kampf um Leben und Tod der Terri Schiavo politische Interessen, die mit dem Schicksal der Patientin nur wenig zu tun haben. An dieser Stelle sollte man kurz die Mediziner und Experten zitieren, die sich ganz konkret mit dem Fall Terri Schiavo befassten. Ein Cat-Scan hat ergeben, dass das Großhirn vollständig abgestorben sei. Lediglich Klein- und Stammhirn arbeiteten noch. Terri Schiavo empfinde deswegen weder Schmerz, noch könne sie sich ihrer Lage auch nur ansatzweise bewusst sein. Egal, wie entschieden werde, ob sie durch den Abbruch von Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr sterbe, oder weiter vor sich hin vegetiere, man könne nicht davon ausgehen, dass sie leide.
Laut Presseberichten zirkulierte in Washington schon länger das Memorandum eines anonymen Republikaners, der darauf hinwies, dass der Fall Schiavo für die Demokraten “eine harte Nummer" sei. Welcher Politiker will sich schon dafür stark machen, dass einer Komapatientin Nahrung und Wasser entzogen wird, nur um Prinzipien zu verteidigen?
Bush konnte damit einiges bei seinen christlichen Stammwählern wettmachen. Denn moralische Wahlkampfthemen dienen meist nur dazu, die konservative Basis zu mobilisieren. Nach einem Wahlsieg lassen sich die Versprechungen nur selten einhalten. So sind sowohl die Verfassungszusätze wieder in Vergessenheit geraten, welche die Schwulenehe verbieten und die Abtreibung kriminalisieren sollten.
“Wir haben heute keinen einzigen Experten, keinen einzigen Zeugen gehört", fuhr Wexler fort. Auch Wexlers Parteikollegin Debbie Wasserman-Schultz klagte nach dem Beschluss: “Ich bin kein Arzt und kein Bioethiker. Wir sind nicht Gott, wie sind auch nicht Terris Mann, Schwester, Bruder Onkel oder Cousin. Wir sind Abgeordnete des Kongresses und als solche haben wir ausschließlich die Aufgabe, Gesetze zu erlassen und die Verfassung aufrecht zu erhalten. Und der haben wir heute die Zunge rausgestreckt." Einen grundlegenden Wandel in der Sozialpolitik erkannte sie sogar: “Heute hat sich der Kongress in das Leben aller Familien eingemischt." Damit hatte sie auch gleichzeitig die massiven Widersprüche angesprochen, die der von Moral und christlichen Werten getragenen Sozialpolitik der Konservativen innewohnt.
Demokratische Abgeordnete vermuten, dass in den USA nun bundesweit eine einheitliche Regelung gefunden werden soll, die eine schriftliche Erklärung verlangt. Das wird nicht nur junge Unfallopfer, sondern auch an Alzheimer oder Demens Leidende betreffen. Wer ist schon mutig und vor allem vorausschauend genug, bei bester Gesundheit seinen eigenen Tod zu bestimmen? Ein neues Schlagwort haben die Republikaner für die Debatte gefunden. Sie kämpften für eine “Kultur des Lebens", verkündeten sie immer wieder aufs Neue. Das aber ist ein Argument, gegen das weder Moral noch Recht ankommen. Denn auch in einer Demokratie, die Gott ins Private verbannt, steht der Schutz des Lebens über allem. Seit diesem Wochenende auch über dem Respekt vor dem freien Willen des Menschen.
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