Auch der französische Designer Philippe Starck will ein guter Mensch sein. Jedenfalls hat er gerade eine Kollektion von 50 Alltagsgegenständen fürs Volk gestaltet, die letzte Woche auf der Mailänder Möbelmesse Cosmit vorgestellt wurde und ab Mai in den rund 1000 Filialen der amerikanischen Kaufhauskette Target verkauft werden soll. Target ist auch wirklich kein Edelkaufhaus wie Bloomingdales oder Macy's, sondern eine jener Supermarktketten mit Kaufhallen am Stadtrand, in denen man vom Waschmittel bis zum Fahrrad so ziemlich alles zu Niedrigpreisen bekommt.
Vielleicht plagte Philippe Starck wirklich das schlechte Gewissen. Schließlich hat sich niemand so gut darauf verstanden, die klassenfeindliche Ironie der modernen Business-Class-Eliten umzusetzen wie er. Im Restaurant Felix im Penthouse des Peninsula Hotels von Hongkong zum Beispiel, in dessen Männerklo die Herren der High Society gegen eine bespülte Glaswand quasi auf die ganze Stadt pissen können. Oder seine etwas zynische Interpretation von Nothilfepaketen, als er für seine Serie hübsch verpackter Biokost ein sogenanntes Survival Set mit Balsamico-Essig und Madagaskarpfeffer zusammenstellte. In der Werbung für seine Targetkollektion stellt Philippe Starck jedenfalls die scheinbar rhetorische Frage: “Is Design an elitist exercise or a democratic statement?"
Nach einer Anwort auf die Frage, ob Design eine elitäre Kunstform oder eine demokratische Ausdrucksform ist, haben schon andere gesucht. In den 20er Jahren gestaltete Bauhausdirektor Walter Gropius Möbel für das Berliner Billigkaufhaus “Feder". Seine Schüler träumten von Massenmöbeln in formvollendeter Funktionalität. “Volksbedarf statt Luxusbedarf!", forderte Gropius Nachfolger Hannes Meyer. Marcel Breuer wollte mit seinem Stahlrohrsessel einen Standardstuhl kreieren, der Arbeiterwohnungen zieren sollte. Gerrit Rietveld zimmerte seine Stühle ursprünglich für eine Stadtrandsiedlung in Rotterdam. Der Architekt Mart Stam bekannte sich sogar öffentlich zum Kommunismus. Das Experiment mit dem Design fürs Volk schlug allerdings fehl. Die billige Kopie von Marcel Breuers Cescastuhl kostet heute knapp 130 Euro. Für ein Original sollte man eine Null dazu addieren.
Auch Starcks Versuch der Volksnähe wird nicht funktionieren. Das Experiment der Bauhausschüler verkehrte sich allerdings erst Jahrzehnte später durch die Designbegeisterung betuchter Sammler ins Gegenteil. Starcks Versuch wird schon im Ansatz scheitern. Philippe Starck ist kein Designer, sondern eine Marke. Seit den 80er Jahren hat er seinen Namen erfolgreich zum Synonym für den Designer Chic einer neuen Generation der oberen Mittelschicht aufgebaut, die zwar genauso nach den traditionellen Werten wie Karriere, Erfolg und Wohlstand strebt, sich aber durch ihre Statussymbole von den klassischen Repräsentationsformen der etablierten Eliten absetzen will.
Diese neue Generation ist mit Rock'n'Roll und Pop aufgewachsen. Da gelten Rebellion und Hipness als Verpflichtung. Mit dem ersten geregelten Einkommen werden die rebellischen Abgrenzungsmechanismen der Subkulturen dann allerdings von einem Geschmacksabsolutismus abgelöst, der die intuitiven Kodexe der Jugendmoden durch ein hochentwickeltes Konsumbewußtsein ersetzte. Dabei entstand in den 80ern eine Marktlücke. Sammelstücke waren schwierig zu finden, richtiges Design auf Dauer zu teuer. Mit einem Fernsehapparat, einem Sessel oder einer Saftpresse von Philippe Starck konnte man jedoch ohne Anstrengung signalisieren, dass man der Banalität des bürgerlichen Alltags einen Schritt voraus war.
Bald schon funktionierte die Marke Starck sogar als Mittler zwischen den Welten. Für Aprilia verpaßte er einem schweren Motorrad ein geschmäckerlisches Design, mit dem das ultimative Symbol für jugendliche Rebellion auch als Repräsentationsfahrzeug für Familienväter taugte. Gleichzeitig durchbrach Philippe Starck die Plüschatmosphäre von Nobelabsteigen mit kühlem Minimalismus und verlieh damit der biederen Hotelbranche eine moderne Aura. Dabei war Starck nicht der erste. Auch nicht der beste. Andrée Putmans Design für Ian Schragers Morgan Hotel in New York war nicht nur der Vorreiter für das Genre der Boutique Hotels, sondern hat Starcks Hotels auch einiges an Stilsicherheit und Zeitlosigkeit voraus. Doch Philippe Starck hat seine Kollegen trotzdem längst hinter sich gelassen. Denn Philippe Starck ist nicht nur eine Marke, sondern auch ein Popstar. Er könnte eine Klobrille vergolden und käme damit in die Schlagzeilen der Lifestylerubriken. Und damit wären wir auch schon bei seiner Kollektion für Target.
Goldener Topf nennt sich eines der Glanzstücke aus der Kollektion. Ein Klobrillenaufsatz nebst Auffangeinsatz mit dem Eltern ihr Kleines stilvoll zur Stubenreinheit erziehen können. Dabei hat sich Starck auf die Gebote der Bauhausschüler besonnen und gleich mehrere Funktionsebenen erdacht. Durch den milchigweißen, transluzenten Topfeinsatz kann man die Ergebnisse der kindlichen Anstrengungen überprüfen. Entfernt man den goldgelben Brillenrand kann laut Katalog einfach im Spülbecken zu säubernde Deckeltopfeinheit auch als Stufe für die ersten Kletterversuche oder als vielseitiger Behälter dienen. Auch bei anderen Produkten wirkt die Multifunktionalität etwas weltfremd. Der Deckel der Babyflasche von Starck ist zum Beispiel gleichzeitig eine Rassel, die Mütter vermutlich zum Wahnsinn treiben wird.
Doch nicht alle Produkte sind so ambitioniert. Manche begnügen sich damit, dem suburbanen Rollenverhalten einen Hauch von Glamour zu verleihen. Der Herr Papa kann seine Geschäftspost künftig mit Hilfe des Starckschen Briefsortierer bearbeiten, zu dem der Designer den Kommentar dazuliefert: “Alltagsarbeit kann poetisch sein." Während die Frau Mama ihre Haare in die neuartigen, dreifachen Lockenwickler dreht kann sie über den mattsilbernen Babymonitor mit eingelassenem Plastikjuwel das Kinderzimmer überwachen. Die lieben Kleinen bekommen dafür ihre ersten Lektionen in Sachen Glamour mit der kleckersicheren Tasse in Form eines Champagnerkühlers, mit dem Tretauto im edlen Retrolook oder dem architektonisch anspruchsvollen Spielhaus, das Starck als “Skulptur für den Hinterhof" beschreibt.
“Starck Reality" heißt die Kollektion. Damit bedient sich die Kaufhauskette eines neuen Reizwortes, mit dem Konzerne, Popstars und Politiker derzeit so gerne gegen ein anonymes, allmächtiges Image ankämpfen. Damit ist Starck Reality die konsequente Fortsetzung der bisherigen Kampagne von Target. Die zitierten gerne Andy Warhol und erklärten gewöhnlichen Konsum zur Pop Art. In Fernsehspots und Anzeigen kombinierten sie Alltagsprodukte mit gleichfarbigen Verpackungen zu monochromen Kunstlandschaften. Da wandelten sich zum Beispiel Stapel von roten Kartons des Waschmittel Tide neben endlosen Reihen roter Zimtkaugummis und roter Haushaltsschrubber zur modernistischen Kulisse. Starck mag mit dem Image des Designers als Kommunikator für die Massen kokettieren. Im Kontext der Markenidentität von Target soll er jedoch keineswegs Design demokratisieren, sondern Massenprodukte mit seinem Namen zum Luxusgut zu adeln. Damit wandelt sich Philippe Starck nicht zum Revolutionär, sondern bestätigt seine Rolle als Popstar. Als solcher wird er aber nichts verändern, sondern lediglich verkaufen.