Wirtschaftsfaktor Klatsch und Tratsch

Der Journalist James Ulmer bewertet Filmstars wie Aktien
und bestimmt mit seiner jährlichn Liste ihren Wert in Hollywood
© Andrian Kreye



Klatschkolumnisten kennen Pat Kinglsey nur zu gut. Wenn sie ein übles Gerücht über einen Star wie Tom Cruise oder Arnold Schwarzenegger verbreiten, tritt die resolute Pressedame in Aktion. Dann läßt sie ihre teuren Anwälte von der Leine, einstweilige Verfügungen verhängen und die Lästermäuler so lange mit kostspieligen juristischen Schritten belangen, bis das Gerücht aus der Welt ist. Manchmal gehen die Stars auch selbst vor Gericht. Michael Dougals und Catherine Zeta-Jones verklagten soeben die englische Klatsch-Illustrierte Hello!, weil sie unautorisierte und nicht allzu schmeichelhafte Fotos von der Prunkhochzeit in New York veröffentlicht hatte.

Filmstars bezahlen für solche Aktionen viel Geld. Nicht weil sie zickig und eitel sind, sondern weil es hier um die Aktienkurse einer Branche geht, die für die amerikanische Wirtschaft so essentiell ist, wie die Computer, die Flugzeug- oder die Fastfood-Industrie. Und seit der Filmjournalist James Ulmer vor zehn Jahren damit begonnen hat, einmal im Jahr diese Aktienkurse in seiner gefürchteten Ulmer Scale festzulegen, ist der gute Ruf in Hollywood noch wichtiger geworden.

Die Stars haben im Show Business die Funktion von Brand Names wie Microsoft, Boeing oder Coca Cola. Teure Studioproduktionen werden heute ausschließlich mit diesen großen Namen finanziert. Hat ein Produzent Julia Roberts, Tom Hanks oder Bruce Willis für sein Projekt gewonnen, werden ihm die Bankiers ohne Zögern mehrstellige Millionenschecks unterschreiben, ohne das Drehbuch gelesen zu haben. Und auch die Bonding Companies, die mit ihren Versicherungspolicen die Fertigstellung teuerer Filme garantieren, sind dann ohne weiteres dazu bereit, sich hinter ein Projekt zu stellen.

Nun läßt sich der Wert eines Schauspielers natürlich nicht so einfach bestimmen, wie der eines Computers, der klar meßbare Leistungen liefert. Klatsch und Tratsch sind für die Bankiers und Versicherungsagenten in Hollywood deswegen kein harmloses Geschwätz, sondern eine knallharte Währung. Als beispielsweise bekannt wurde, dass Robert Downey Jr. massive Drogenprobleme hat, war es so gut wie unmöglich einen Film zu finanzieren, in dem er eine tragende Rolle spielen sollte. Demi Moore gilt wegen ihrer kostspieligen Allüren als Risikofaktor für eine Produktion. Nick Nolte gilt dagegen trotz seiner Alkohol- und Drogenprobleme als Profi, der pünktlich und gut vorbereitet zum Dreh erscheint.

All diese Geschichten wirken sich auf die so genannte Star Power aus, die Fähigkeit des Stars einen Film zu tragen. James Ulmer hat - ursprünglich für die Filmzeitschrift Premiere - eine Methode entwickelt, mit der sich dieser abstrakte Wert eines Filmstars in simplen Zahlen ausdrücken läßt. Kein Wunder also, dass Hollywood seine Listen behandelt, als seien sie eine Zauberformel für den Erfolg. Kein Studioboß, Produzent oder Investor, der die Liste nicht zu Rate ziehen würde.

Das Kriterium mit dem er die Rangfolge der 200 bekanntesten Schauspieler jedes Jahr auf seiner Ulmer Scale festlegt nennt er Bankability. Auf deutsch so etwas wie “kommerzielle Zuverlässigkeit". Hundert Punkte vergibt er auf seiner Skala, wobei die Traumnote bedeutet, dass sich das Publikum weltweit einen Film ansehen wird, nur weil dieser Star mitspielt. Lediglich fünf Namen haben es dieses Jahr in den Pantheon der A-Plus-Liste geschafft: Julia Roberts (einziger Star mit vollen 100 Punkten), Tom Hanks, Tom Cruise, Mel Gibson und Bruce Willis. Danach folgen die regulären A-, B- und C-Listen.

Vier Weitere Kriterien bewertet er: die Bereitschaft der Stars, einen Film zu promoten, die Professionalität, das Career Management und das Talent. Die spielen bei der Bewertung der Bankability allerdings nur eine untergeordnete Rolle. Arnold Schwarzenegger steht mit 89 Bankability-Punkten beispielsweise auf Platz 11 der Skala, obwohl er in der Kategorie “Talent" nur auf 45 kommt. Daniel Day-Lewis ist dagegen trotz seiner 92 Talentpunkte als B-List-Star auf Platz 108 gelandet.

Aber auch der finanzielle Erfolg der Filme zählt nur bedingt. Würde man lediglich die Umsätze zusammenrechnen, wäre Carrie Fisher die erfolgreichste Schauspielerin aller Zeiten, und Jeff Goldblum ein Superstar. Doch Goldblum ist auf Platz 184 gelandet und Fisher hat es erst gar nicht in die Liste geschafft. Denn Fishers Auftritte in der ersten “Star Wars"-Trilogie und Goldblums Rollen in “Independence Day" und “Jurassic Park" waren nur periphär an den Erfolgen beteiligt - die wahren Stars dieser Filme waren Raumschiffe, Außerirdische und Dinosaurier.

Dieses Jahr hat James Ulmer einen Teil der Liste, für die Hollywood-Insider normalerweise viel Geld bezahlen, zum ersten Mal als Buch veröffentlicht (“Hollywood Hot List", St. Martin's Griffin, New York, US $ 13,95). Als Außenseiter bekommt man durch das Buch einen tieferen Einblick in die Welt von Hollywood, als durch dicke Biografien und Filmbücher. In eine Welt, die von Paranoia, Unsicherheiten, Boshaftigkeit und der Sucht nach Status und Prestige bestimmt wird.

Die Methode mit der Ulmer seine Listen erstellt ist mehr als fragwürdig. “Dutzende von Industrie-Profis wurden befragt und interviewt" schreibt er im Vorwort. Das bürgt nicht gerade für statistische Verlässlichkeit. Aber auch die kann man auf Hollywood nicht anwenden, denn ein Satz von Superagent Michael Ovitz wird in Hollywood mehr bewegen, als die Aussagen von tausend Profis aus dem Mittelfeld der Macht. Auf der anderen Seite wird die Beschreibung eines Kabelschleppers, wie sich ein Star beim Dreh benommen hat, ehrlicher und aussagekräftiger sein, als die manipulativen Ansagen aus den Chefetagen.

Weil Ulmer seinen Quellen absolute Anonymität zusichert, erfährt er Dinge, mit denen er im Paparazzi-Journalismus Millionen verdienen könnt. Doch er hält dicht. Nur so funktioniert sein System. Die Stars schont er allerdings nicht. Als Schmankerl schreibt er unter die Punktwertungen sogar die besten Zitate, die zum Ergebnis geführt haben. Und in diesen Zitaten zeigt sich Hollywood ganz offen von seiner bösartigsten Seite.

Sharon Stone (Platz 45) gilt beispielsweise als schwieriger Star, weil sie den Teamgeist stören kann. “Sie wird jemanden verbal fertigmachen, nur weil sie es kann", steht da ohne Quellenangabe. Offensichtlich aus dem technischen Stab eines Teams kam folgende Anekdote: “Bei einem ihrer Filme gab es eine Duschszene mit einem großen Wassertank über dem Set. Die Crew hat sie so gehaßt, dass sie Schlange standen, um in den Tank zu pinkeln. Und sie hat wirklich geduscht."

Über Patrick Swayze (Platz 170) heißt es vernichtend: “Er sollte als sexy älterer Mann bei einer Soap Opera spielen. Für was sollte man ihn sonst engagieren?" Über Claire Danes (Platz 131): “Sie sollte sich mal mit einem Mann am Arm zeigen. Das könnte ihre Karriere gebrauchen." Und über Hugh Grant (Platz 43): “An was denkt man bei Hugh Grant als erstes? An einen Film oder an die Divine-Brown-Affäre? Wenn es einen anderen Schauspieler gibt, der sich genauso gut für die Rolle eignet, wird der sie kriegen."

Doch der böse Klatsch hat nicht nur abstrakten Wert. Wenn ein Star wie Sharon Stone das Team terrorisiert, wird die Qualität leiden. Ein Perfektionist wie Dustin Hoffman überzieht die teuren Drehzeiten. Eine verblühtes Sexsymbol wie Patrick Swayze zieht kein jungendliches Publikum. Auch kleine Macken gelten schon als Risikofaktor: Cher kommt notorisch zu spät, Winona Ryder gilt als entscheidungsschwach und Russell Crowe ist dafür berüchtigt, das Drehbuch umzuschreiben. All das kostet richtiges Geld.

Im Prinzip ist die Ulmer Scale natürlich nichts Neues. Sie übersetzt lediglich ein Wertesystem in Zahlen, dessen Kurse schon immer an den Tischen vom Spago oder Musso & Frank, an der Bar des Mondrian Hotels oder bei den Parties in den Villen von Malibu festgelegt wurden. Doch funktioniert die echte Börse nicht genauso? Der Aktienboom der letzten Jahre hat bewiesen - es sind Träume, Illusionen und Gerüchte, die das Schicksal der Papiere bestimmen. Und die waren in Hollywood schon immer der Rohstoff für die selbsternannte Traumfabrik.


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