DIE FLUT, DIE STADT UND DER TOD

Zum Jahrestag des Hurrikan Katrina
zeigt Spike Lee mit seinem Film “When the
Levees Broke" den weiteren Verlauf
der Katastrophe von New Orleans

© Andrian Kreye

New York im August '06 - Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob einen Unrecht berührt oder empört und es gibt nur wenige Filmemacher, die ihrem Publikum so beharrlich die bequeme Distanz der Empörung verweigert haben wie Spike Lee. Weil er dabei meistens auf die emotionalen Taschenspielertricks seines Fachs verzichtet, war er der perfekte Regisseur, um einen Film über die Katastrophe von New Orleans zu drehen, über die schlimmste Naturkatastrophe in der Geschichte Amerikas, deren Ausmaß, Folgen und historische Bedeutung noch nicht abzusehen sind. Doch genau das nutzt Spike Lee als Chance, um dem amerikanischen Fernsehpublikum vor Augen zu führen, was der Sturm und die Flut nicht nur in den Staaten der amerikanischen Golfküste, sondern auch in der amerikanischen Gesellschaft angerichtet haben. “Ich hoffe, dass uns dieser Dokumentarfilm daran erinnert, dass New Orleans noch nicht ausgestanden ist, dass es noch nicht vorbei ist", sagte Spike Lee in einem Interview. Genau dieses beklemmende Gefühl bleibt.

“When the Levees Broke: A Requiem in Four Acts" heißt die vierstündige Dokumentation in ebenso vielen Teilen, die HBO Anfang der Woche über zwei Abende verteilt ausgestrahlt hat und am 29. August in voller Länge zeigen wird, dem ersten Jahrestag, seit der Hurrikan Katrina an Land ging und die Katastrophe ihren Lauf nahm. Sechs Monate hat Lee in New Orleans, entlang der Golfküste, in Houston, Memphis und New York gedreht, über 100 Interviews geführt, Hunderte Stunden Material gesichtet.

Nun zieht sich der Zorn der schwarzen Amerikaner wie ein roter Faden durch Spike Lees Filme. Mit “Do The Right Thing", “Malcolm X" und “Get On The Bus" hatte er schon früh die Fronten geklärt. Kein Wunder also, dass sich die Kommentatoren der konservativen und bürgerlichen Presse von den Radiotalkshows bis zur New York Times die Punkte herausgriffen, in denen Lee schwarze Verschwörungstheorien und europäische Vorwürfe thematisiert. Da rätseln Bewohner des überfluteten Stadtviertels im Ninth Ward, ob die lauten Knallgeräusche beim Bersten der Dämme die Explosionswellen gezielter Sprengungen waren. Immerhin hatten die Stadtväter von New Orleans bei der großen Flut von 1927 am Oberlauf des Mississippi Dämme sprengen lassen, um das eigene Gebiet zu retten, was zu Hunderten von Toten und einer Million Obdachlosen führte. Ausschnitte aus Beiträgen britischer Fernsehsender machen gar keinen Hehl daraus, dass die Welt bei der Katastrophe der amerikanischen Regierung vorwarf, vorwiegend arme Schwarze im Stich zu lassen. Doch Lee hat seinen Zorn im Griff.

Die Verschwörungstheorien streift er nur, lässt sie als solche stehen. Die Vorwürfe, die Katastrophe von New Orleans habe rassistische Untertöne federt er ab, indem er sich bemüht, jede Tendenz in dieser Richtung mit Gegenbeispielen auszugleichen. Keine Frage, das Interview mit dem Rapper Kanye West, der damals von sicher Reden machte, weil er während einer Benefizsendung im Fernsehen anstatt seinen Text vom Teleprompter abzulesen, spontan “George W. Bush schert sich nicht um schwarze Menschen!", ausrief, dreht sich ganz direkt um die Frage des Rassismus. Doch gleich im Anschluss zeigt Lee das Interview mit dem jungen, weißen Notarzt, der am 8. September in Gulfport Mississippi Vizepräsident Dick Cheney vor laufenden Fernsehkameras zurief: “Go fuck yourself, Mister Cheney". Zwei weiße obdachlose Schwestern wirken viel zorniger, als ihre schwarzen Nachbarn. Vor allem aber enthält sich Spike Lee jedes Kommentars, lässt ausschließlich Betroffene und Experten zu Wort kommen, und ist nicht einmal selbst im Bild zu sehen.

Doch die Wirklichkeit ist nicht politisch korrekt. Die ersten beiden Akte fassen noch einmal die dramatischen Höhepunkte der ersten Woche zusammen. Die Nonchalance, mit der sich die Bundesregierung auf einen Sturm vorbereitete, von dem schon Tage vorher klar war, dass er an der Golfküste und in New Orleans ungeheuerlichen Schaden anrichtet. Die herzzereissenden Szenen der gestrandeten Massen in den Notunterkünften des Superdome und des Messezentrums. Die verlorenen Gestalten, die von Nothelfern auf abgeschnittenen Autobahnstücken ausgesetzt wurden. Die panischen Hilferufe der Menschen auf den Dächern. Die Verzweifelten, die durch die verseuchten Flutwasser waten. Da sieht man kaum Weiße. Vor diesen komprimierten Nachrichtenbildern wirken die bürokratischen Schlampereien und die Ausreden der zuständigen Politiker und Beamten wie eiskalter Hohn.

Bis dahin bleibt Spike Lee Chronist und die ersten beiden Akte sind mit Sicherheit das bisher schlüssigste historische Dokument der Katastrophe. Doch es sind Akt drei und vier, die einem als Zuschauer keinen Ausweg in die Empörung lassen. Da ist die Trauer: “Die Wurzeln gehen hier tief", sagt einer. “Die Musik und die Küche sind hier so anders als überall sonst. So einen Ort verlässt man nicht." Die Wut: “Wir können sie uns als amerikanische Bürger Flüchtlinge nennen? Hat der Sturm auch noch unsere Staatsbürgerschaft weggeweht?" Und die Anklage: “Hoffnung ist kein Plan", hat da jemand auf eine Mauer gesprüht.

Die Liste der Ungeheuerlichkeiten, die Spike Lee über die Zeit seit der Katastrophe mit journalistischer Finesse zusammengetragen hat, ist viel zu lang, um sie in eine Filmbesprechung zu packen. Vor allem, weil sich Vieles davon im Verborgenen abgespielt hat. Trotzdem hier kurz im Telegrammstil.

Bis heute haben Stadt und Bundesregierung keine Anstrengung unternommen, die übers ganze Land verstreuten Opfer der Katastrophe zurückzuholen, deswegen sind bisher nicht einmal die Hälfte der ursprünglichen Bevölkerung und nur ein Bruchteil der Schwarzen zurückgekehrt. Viele Versicherungen haben sich geweigert, die Privatschäden zu bezahlen. Viele Angehörige haben lange oder immer noch keinen Totenschein für ihre Verstorbenen erhalten, weil die gerichtsmedizinischen Untersuchungen der Leichname erst im Dezember begannen. Die offizielle Zahl von 1836 Toten und 705 Vermissten kann nur als Richtwert genommen werden, weil die Suchmannschaften die meisten Häuser, zwar als überprüft abgezeichnet, aber in Wahrheit gar nicht durchsucht haben, weswegen heute noch Tote gefunden werden. Die Spätfolgen wie Schlaflosigkeit, Gewichtsschwankungen, Depressionen bis hin zu Selbstmorden sind kaum erfasst. Tod durch Spätfolgen wie Erkrankungen, die durch plötzliche Obdachlosigkeit behandelt werden konnten, tauchen in der Statistik nicht auf. Das Army Corps of Engineers, das die weltweit größte Baufirma und für den unzulänglichen Bau der Dämme direkt verantwortlich ist, kann rechtlich nicht belangt werden, da es als Teil der Streitkräfte Immunität genießt. Ein Viertel der einheimischen Öl- und Gasförderung liegt vor der Küste Louisianas, die Konzerne bezahlen dem Bundesstaat jedoch keine Steuern.

Das alles bedarf keines Kommentars und manchmal erinnet nur Terence Blanchards melancholischer Jazz-Soundtrack daran, dass es sich hier um einen Spike-Lee-Film handelt. Nur einmal durchbricht auch Lee die Grenze zwischen Chronist und Betroffenen. Da filmt er seinen Freund Blanchard, wie der seine Mutter dabei begleitet, wie sie nach Monaten zum ersten Mal zu ihrem Haus zurückkehrt. An diesem Punkt hat man schon gut drei Stunden voller Bilder der Zerstörung und Verzweiflung hinter sich. Und doch verfehlt der Weinkrampf der alten Dame, die angesichts der Zerstörung ihres Hauses die Fassung verliert, nicht seine Wirkung. Und wenn Blanchard dann im Interview kurz darauf sagt: “Ich kann nie mehr nach Hause kommen", dann hat man auch emotional begriffen, was es heißt, wenn eine ganze Stadt ihre Heimat verliert.

“Die Art und Weise, wie uns der Präsident, der Kongress und die Welt behandelt haben, macht einem Angst", sagt der Rechtsanwalt Joseph Bruno im dritten Akt. “Das könnte diese Stadt buchstäblich umbringen. Und wenn man diese Stadt umbringen kann, dann kann man auch jede andere Stadt umbringen." Der Subtext ist deutlich. Ein paar Szenen später verkündet der Bauleiter der Army Corps of Engineers stolz, man habe die Dämme wieder so aufgebaut, wie vor Katrina. Da weiß der Zuschauer längst, dass diese Dämme nur einem Hurrikan der Kategorie 1 standhalten konnten. Katrina gehörte zur Kategorie 5.

Für Amerika war New Orleans ein historischer Moment. “Das hat uns ganz deutlich unsere Schwächen als Gesellschaft vorgeführt", sagt der Jazztrompeter Wynton Marsalis, der dort aufgewachsen ist. In New Orleans hat die Zivilgesellschaft versagt und so bleiben ungestellte Fragen im Raum. Was wird geschehen, wenn die nächste Katastrophe droht? Da gibt es einige zur Auswahl. Ein Erdbeben in San Francisco oder Los Angeles, Sturmkatastrophen in Miami oder Boston, ein Terroranschlag auf New York oder Washington. Oder eine neuerliche Flut in New Orleans. So hinterlässt der Film eine Beklemmung, die weit über das Entsetzen der Katastrophe hinausgeht. Und es bleibt das Fazit - New Orleans ist noch nicht ausgestanden. Auch wenn Spike Lee dieses Menetekel im Film selbst nicht einmal ausformuliert.



Randy Newman "Louisiana 1927"

Webseite für "When The Levees Broke"



Zurück zum Inhalt