Viva Las Vegas!

Britney Spears versucht erwachsen zu werden.
© Andrian Kreye



Britney Spears wäre so gerne Elvis. Deswegen hat sie sich pünktlich zum soeben erschienenen dritten Album ihres Nachnamens entledigt und für das Plakat zur Liveübertrageung ihres Las-Vegas-Konzertes posierte sie im nietenbesetzten, weißen Lederanzug. Ganz so einfach ist das natürlich nicht. Seit die Marketingtechnik des Corporate Branding im Popgeschäft eingeführt wurde, ist die Ikonographisierung mittels Namensverkürzung (Frankie, Elvis, Marylin) zur bloßen Spitznamensfindung (Madonna, Jay-Lo, Eminem) verkommen. Erschwerend kommt hinzu, dass der Name Britney für amerikanische Ohren so klingt wie Natascha, Yvonne oder Jasmin für deutsche - nach dem Modename eines bürgerlichen Vorortmädchens. Optisch erinnerte Britneys weißer Lederauftritt auch weniger an Elvis, als vielmehr an die Las-Vegas-Insitutionen Siegfried & Roy. Das wiederum hat durchaus seine Richtigkeit, denn nur so hat Britney Spears eine Chance, auf lange Sicht zu überdauern.

Es gehört zu den wohl schwierigsten Herausforderungen des Pokulturbetriebes, als Teeniestar erwachsen zu werden. Ganz wenige haben das gemeistert. Die Beatles reiften vom Popphänomen zu Visionären, Robbie Williams emanzipierte sich mit Drogenexzessen erfolgreich von seiner Take-That-Vergangenheit, und Lollipop-Rapper Marky Mark konnte sich unter seinem bürgerlichen Namen Mark Wahlberg als Hollywoodstar reinkarnieren. Boy George, die New Kids On The Block und die Spice Girls verschwanden allerdings trotz ihrer Welterfolge in den Marginalien der Regenbogenpresse.

Britney Spears hat längst bewiesen, dass sie keine Eintagsfliege ist. Wer gehört hat wie die Britpopper von Travis ihren Debuthit “Baby One More Time" volltrunken zur akustischen Gitarre grölen, der weiß, dass einige Stücke aus ihrem Repertoire durchaus das Zeug zum Klassiker haben. Doch für den Sprung vom Teenie- zum richtigen Popstar hat Britney Spears weder die Substanz noch das Charisma. Ihr fehlt die kämpferische Sexualität, die Madonna oder die Spice Girls zu Vorbildern von Millionen weiblicher Teenager kürten. Dazu war die Gratwanderung zwischen ihrem nabelfreien Lolitasex und ihrer öffentlich verkündeten Jungfräulichkeit zu kalkuliert. Ihr mangelt an einem charakteristischen Timbre, das ihre Stimme unverwechselbar machen würde. Eine Qualität, die männlichen ex-Teeniestars wie George Michael und Robbie Williams schier unbegrenzte musikalische Freiheiten eröffnete. Und so greift Britney Spears zu jenem Wundermittel, mit dem sich schon Pink Floyd und Madonna vor dem Altenteil gerettet haben - sie inszeniert ihre Konzerte als Multimediaspektakel.

Ein solches Ereignis verhält sich zum Popkonzert wie die Erlebnisgastronomie zum Gourmetlokal. Die Musik dient vor allem als Soundtrack zur Show mit Tänzern, Akrobaten, Videos, Laser und pyrotechnischen Effekten. Der Star spielt nur noch die Rolle des dramaturgischen Mittelpunkts. Die Hits geben dem Publikum einen Anker des Vertrauten. Es soll hier allerdings nicht darum gehen, die Grundlagen der Massenenunterhaltung zu kritisieren. Multimediaspektakel sind funktionales Entertainment für Millionen, egal ob sie von Britney Spears, dem Cirque de Soleil oder David Copperfield inszeniert werden.

Britney Spears selbst hielt sich in Las Vegas wacker. Mal abgesehen von ihrer patriotischen Einlage, als sie bedeutungsschwanger neben dem Pianisten Platz nahm, um via Satellit ein paar Worte an die US-Army-Kontingente in der Ferne zu richten. “Ich bin so stolz auf meine Nation", sagte sie. Das wirkte gekünstelt, denn so ganz traut man Britney Spears nicht zu, dass sie Afghanistan buchstabieren kann, geschweige denn, dass sie den Kriegsschauplatz auf einer Karte Zentralasiens finden würde.

Schwamm drüber. In diesen Kriegszeiten hat Amerika schon unangenehmere Ausbrüche prominenten Patriotismus erlebt. Das wahre Problem mit Britney Spears Las-Vegas-Show war die Durchführung. Das Computeranimationsvideo ganz zu Beginn war auf dem technischen Stand der späten 80er Jahre, die Kostüme durchweg auf dem Niveau eines provinziellen Musicaltheaters. Die Choreographien waren nicht viel mehr als Kopien früher Janet-Jackson-Videos, die in der mittelmässigen Ausführung der Spears-Truppe bestenfalls an die Fitnessvideos der Aerobic-Ära erinnerten, oft genug aber an die emotionslosen Verrenkungen von Striptänzerinnen. Gleich zu Beginn erlebte Britney Spears während “Oops I Did It Again" einen peinlichen Milli-Vanilli-Moment, als der Toningenieur es nicht fertigbrachte, die Lautstärken zwischen ihrem Livemikrophon für die spontanen Zwischenrufe und der Gesangsspur des Playbacks auszutarieren.

Stolz hatte Britney Spears während der so genannten Pre-Show der Live-Übertragung auf dem Kabelsender HBO ihren Choreographen präsentiert, einen 19jährigen, der sichtlich stolz, dass er in so jungen Jahren ein multimediales Großereignis inszenieren durfte, hysterisch in die Kamera grinste. Wie alt die Kostümbildner und Bühnengestalter waren, wurde nicht verraten, aber schätzungsweise nicht viel älter. Und da lag der Fehler.

Richtiger Pop, keine Frage, muß von Menschen unter 30 gemacht werden, denn Pop lebt von Leidenschaften, modischen Stilsicherheiten und dem Vokabular der Subkulturen. Da kommt es auf ein paar technische Schnitzer nicht an. Eine große Show aber, wie sie Britney Spears derzeit auf ihrer Tournee inszeniert, funktioniert nur, wenn alle Beteiligten auf höchstem professionellem Niveau arbeiten. Das gehört eben auch zum Erwachsenwerden - es genügt nicht mehr, mit den Gleichaltrigen zu spielen. Man muß jetzt richtig hart und mit richtigen Profis arbeiten. Dann wird aus dem ehemaligen Mouseketeer des Disney Clubs vielleicht doch noch eine Diva.

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