ZUR SONNE

Das Raumfahrtprogramm bedeutete für Amerika schon immer Katharsis oder Trauma.
© Andrian Kreye

Die Zeit läuft anders in Cape Canaveral. Sie dehnt und streckt sich, kommt zum Stillstand um sich dann auf mehrfache Schallgeschwindigkeit zu beschleunigen. In Cape Canaveral messen riesige schwarze Digitaluhren mit mannshohen weissen Ziffern diesen Vorgang, bei dem die Minuten vor einem Abschuss wie zu einer zähen Masse gerinnen. Denn mit jedem Flug ins All beginnt hier eine neue Zeitrechnung. “T Minus" steht dann vor der Zeit vor dem Start, als seien die Stunden, Minuten, Sekunden nur der beschwerliche Weg zu jenem Augenblick, der für die Nation der USA jedes mal wieder ein Moment der Katharsis ist, ein Moment, an dem sich die gesammelte Kraft der Nation über die Schwerkraft erhebt, zur Sonne emporstrebt, ins All.

Doch die Antipode der Katharsis ist das Trauma. Und so gerät der Unfall der Raumfähre Columbia zum kollektiven Schockerlebnis, denn nichts hat das Selbstverständnis des modernen Amerika so entscheidend geprägt, wie die Heldentaten im All. Die Astronauten überwanden ja nicht nur die physische Schwerkraft - stellvertretend für die Nation ließen sie all die Last des irdischen Daseins hinter sich. Immer wieder aufs Neue vollzogen sie mit ihrer buchstäblichen Himmelfahrt ein fast schon religiöses Ritual, das eine bessere Zukunft versprach. Eine Zukunft, in der der Mensch das mühselige Leben auf diesem Planeten hinter sich lassen und ein neues, gelobtes Land weit oben in den Sternen suchen kann.

So hatte Apollo 11 1969 das Trauma des Kalten Krieges überwunden, das sich damals auf den Schlachtfeldern von Vietnam zur unheilbaren Wunde ausbreitete. Als Neil Armstrong das Sternenbanner in den Mondboden rammte, hatte sich Amerika als wahrhaft “greatest nation" bewiesen. Und zwar nicht mit Anstrengung oder Gewalt, sondern alleine Kraft ihres Geistes. Nur zehn Monate später zeigte die Mannschaft der Apollo 13, dass man dort oben im All sogar den Tod überwinden kann. Ein Sauerstofftank war im Raumschiff explodiert, doch nach dramatischen Stunden kehrten die drei Astronauten unbeschadet zurück und nahmen den Menschen damit ein wenig von der allgegenwärtigen Furcht vor einem drohenden Atomkrieg.

So war es kein Wunder, dass die Nation die Explosion der Raumfähre Challenger am 28. Januar 1986 als ein Trauma empfanden, das zusammen mit dem amerikanischen Bürgerkrieg, Vietnam und dem 11. September als Moment der größten Tragik in die Geschichte einging.

Fast drei Jahre dauerte es damals, bis die Nasa es wagte, wieder eine Raumfähre ins All zu schicken. Drei Jahre, während denen die Challenger-Katastrophe in Amerika wie ein Menetekel für die Fehlbarkeit und Grenzen der Menschheit empfunden wurde. Und es schien nur einen Weg zu geben, dieses Trauma zu überwinden - einen erfolgreichen Flug ins All.

Wie ein Pilgerzug strömten die Menschen dann am 28. September des Jahres 1988 nach Cape Canaveral, um jenen Start der Raumfähre Discovery zu erleben, der das Trauma tilgen sollte. Eine undramatischere Landschaft wie Floridas “Space Coast" hätte sich die Nasa für den Ort ihrer Heldentaten kaum aussuchen können. Die Fahrt zum Raumfahrtszentrum führt durch eine unspektakuläre Landschaft voller Zierbüsche, Hügel und Haine. Cape Canaveral ist einer jener Orte, von denen Amerikaner ihr Leben lang träumen. An einem solchen Küstenstreifen, wo die Sonne das ganze Jahr über pastellfarbene Einfamilienhaussiedlungen und hügelige Golfplätze bescheint, wollen sie ihren Ruhestand verbringen.

Die ersten hatten sie sich schon vor Tagen auf den Hügeln nicht weit von der Abschussrampe eingerichtet und beobachtet, wie die Raumfähre Discovery auf der mächtigen Transportplattform Meter für Meter vom Hangar zur Rampe fuhr. Mit Ferngläsern hatten sie das emsige Treiben der Techniker und Ingenieure beobachtet. Dann am frühen Morgen des 28. kamen die Massen. Schon im rosigen Licht der ersten Sonnenstrahlen stauten sich die Wagen bis zum Highway ein paar Meilen weiter. Polizisten versuchten den Ansturm zu bändigen, doch viele ließen den Wagen einfach stehen, machten sich zu Fuß auf den Weg. Für neun Uhr Morgens war der Start anberaumt. Und diesen historischen Moment der Katharsis aus dem Trauma der Challenger wollte niemand versäumen.

Der Anblick einer Raumfähre ist eines jener Bilder, das kein Film und kein Foto vermitteln kann. Mächtig ragen die Trägerraketen aus dem Strebengewirr der Versorgungstürme in den Himmel. Wie ein Affenjunge klammert sich die Space Shuttle an dieses Monument der ungebändigten Kraft, wirkt mit ihrem Leitwerk und den halbrunden Fenstern des Cockpit fast filigran und zerbrechlich.

Nicht sattsehen konnte sich die Menge an diesem Morgen. Doch es herrschte eine unruhige Gespanntheit, als erwarte die ganze Welt gleich ein Urteil. Jeder wußte - wenn auch die Discovery verunglückt, wird ein Traum der Menschheit zerplatzen. Noch ein traumatisches Unglück, so munkelte man, würde das Raumfahrtprogramm nicht überleben. Weithin sichtbar zählte die Nasa-Uhr die Zeit bis zum entscheidenden Moment.

Als die Uhr schließlich auf zehn Sekunden heruntergezählt hatte, krallte sich so manche Faust in den Rasen. Einige beteten. Dann schalte von der Rampe plötzlich die Stimme des Countdowns herüber. T Minus Ten Seconds. Sämtlich Muskeln spannten sich an. Ein dumpfes Grollen war zu vernehmen, Qualm quoll aus den Türme hervor - “Liftoff!" Mit einem tiefen Fauchen, das die Erde erbeben ließ stieg die Fähre nun auf einem gewaltigen Feuerschweif in die Höhe, vollzog einen leichten Bogen, drehte sich. Immer kleiner wurde das Raumschiff, war schließlich nur noch als Feuerpunkt im weißen Streif zu erkennen, der immer weiter emporstieg. Zur Sonne. Ins All. Zur Katharsis, die bis zum 1. Februar 2003 reichen sollte. Bald war sie nicht mehr zu sehen. Doch niemand wagte auch nur zu blinzeln.





Zurück zum Inhalt