Jugend ohne Stimme

Susan Sontag trifft bei ihrer Vorlesung an der New York University auf die Seattle-Generation.
© Andrian Kreye



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Susan Sontag kann nicht verhehlen, dass ihr die Bewunderung und Ehrfurcht gefällt, die ihr da im Hörsaal 703 der New York University entgegenschlägt. Um drei Ecken standen die Studenten an diesem lauen Spätherbstabend Schlange, um die Vorlesung “A Conversation With Susan Sontag" der Fakultät für Journalismus und Kommunikationswissenschaften zu besuchen. Und Susan Sontag scheint den Studenten den ganzen Abend lang aus der Seele zu sprechen. Sie nicken, sehen sich vielsagend an, immer wieder gibt es Applaus. Im Dialog mit den Professoren Mark Crispin Miller und Jay Rosen redet die Grande Dame der amerikanischen Linksintellektuellen über den 11. September, über die Selbstzensur so vieler Stimmen in Zeiten des Krieges, die unfaßbaren Angriffe der Bush-Regierung auf Bürgerrechte und das amerikanische Grundgesetz mit Antiterrorgesetzen, Militärgerichten, Notstandsverordnungen.

Vor allem der Bundesstaatsanwalt John Ashcroft mache ihr Angst, sagt sie. “Ich habe dieses Wort noch nie zuvor benutzt, aber John Ashcroft ist ein Radikaler mit ganz grundlegenden faschistischen Impulsen." Den Motor des Pluralismus wolle er abschaffen, die Debatte. “Die Definitionen verschärfen sich ganz gefährlich. Die Debatte wird schon mit Dissidenz gleichgesetzt. Darauf kann nur folgen, dass die Dissidenz als Subversion gesehen wird, und die Subversion als Hochverrat." Im öffentlichen Diskurs sei das letzte Refugium der Kritik die Satire in den Monologen der Latenight-Talkmaster. “ David Letterman hat einmal gesagt, dass der Weg zum Weißen Haus durch seine Sendung führt. Und er hat recht damit." Zornig schwingt Susan Sontag ihre dunkle Mähne um den Kopf.

Nun sind die Studenten dran, Fragen zu stellen. Fast alle scheinen ihre neue Essaysammlung “ Where the Stress Falls " (Farrar, Straus and Giroux, New York, 352 Seiten, US $ 27,-) gelesen zu haben. Ganz offen zeigen sie ihre Begeisterung, stellen Fragen, aber keine ihrer Behauptungen in Frage. Deswegen hält Susan Sontag sogar ihre berüchtigte intellektuelle Ungeduld im Zaum, putzt nur einen ziegenbärtigen Jungen herunter, der versucht, sie auf Schlagworte festzulegen. Als aber schließlich eine blasses Mädchen mit einer artigen Langhaarfrisur ans Mikrofon tritt, als die nach Worten sucht, und in langen, stammelnden Sätzen davon erzählt, wie verloren sie sich seit dem 11. September fühlt, vor allem, weil ihre Generation keine Stimme habe, da schweigt sogar Susan Sontag. “Was Sie da sagen bewegt mich wirklich", sagt sie dann. Und was sie da bewegt ist weniger die intellektuelle Verzweiflung der jungen Frau, als vielmehr die Erkenntnis, dass hier eine Generation heranwächst, der die kritischen, intellektuellen Leitfiguren fehlen. Bewunderung hin oder her - Susan Sontag ist 68 Jahre alt. Für die Studenten gehört sie zur Generation ihrer Eltern.

Es ist nicht so, dass es in der Generation der 20- bis 40jährigen keine kritischen Intellektuellen gäbe, nur spielen sie in den USA publizistisch keine Rolle. Das liegt zum einen daran, dass viele wichtige Stimmen aus dem Ausland kommen. Da gibt es Naomi Klein, Autorin des Kultbuches “No Logo" (auf deutsch beim Riemann Verlag, 488 Seiten, DM 48,-), und Kalle Lasn, Verfasser des antikonsumistischen Grundlagenwerkes “Culture Jam" (HarperCollins, New York, 250 Seiten, US $ 13,-), beide aus Kanada. Arundathi Roy, die sich derzeit als neue Stimme der postkolonialen Dritten Welt etabliert, lebt in ihrer Heimat Indien. Das Buch “The Silent Takeover" (auf deutsch “Wir lassen uns nicht kaufen", Econ Verlag, 303 Seiten, DM 39,-) der britischen Professorin Noreena Hertz, das in Europa zur Pflichtlektüre der Protestgeneration wurde, soll in den USA erst im März nächsten Jahres erscheinen. Weltweit werden die Essay der jungen, streitbaren Intellektuellen nachgedruckt, nur nicht in den USA. Auch die einheimischen jungen Wilden, wie der 36jährige Thomas Frank aus Chicago, Gründer der Zeitschrift “The Baffler" und Autor der Kapitalismuskritik “One Market Under God" (auf deutsch “Das falsche Versprechen der New Economy", Campus Verlag, 420 Seiten, DM 49,80), werden nur selten von den etablierten Zeitungen veröffentlicht, und schon gar nicht in eine der unzähligen Polittalkshows eingeladen.

Doch die System-, Kultur- und Kapitalismuskritik gilt nicht erst seit dem Kriegsausbruch als Verrat. Schon während der goldenen Clintonjahre mit dem Boom der neuen Märkte und Technologien, galten die linken Intellektuellen als Miesepeter, Nestbeschmutzer, Hochverräter. Wer am Dotcom-Boom zweifelte wurde als Neider diffamiert. Wer Neoliberalismus und freie Marktwirtschaft kritisierte, galt als ewig Gestriger. Stattdessen etablierte sich eine ganz neue Sorte Intellektueller, die Vertreter der sogenannten Third Culture. Auf der einen Seite war dies ein publizistisches Phänomen. Angesichts der immer komplexeren Verflechtungen der Wissenschaftszweige in den interdisziplinären Instituten und Forschungslaboren mußten Informatiker, Genforscher und Physiker lernen, so zu schreiben, dass auch fachfremde Wissenschaftler ihre Erkenntnisse verstanden. Das hatte den Nebenffekt, dass die Naturwissenschaften einem breiten Publikum zugänglich wurden.

Doch der ungewohnte Erfolg verleitete die Naturwissenschaftler zu einer intellektuellen Arroganz, die sich weniger gegen die ungebildeten Massen, als ihre vermeintlichen Gegenspieler in den Geisteswissenschaften richtete. Stephen Hawking hatte mit “A Brief History of Time" nicht nur einen der ersten Third-Culture-Bestseller geschrieben, er hatte auch den Ton vorgegeben, als er im Schlußkapitel anmerkte, die Philosophie seit längst darauf reduziert, sprachliche Feinheiten zu erforschen. John Brockman, Buchagent der neuen Bestsellerautoren und treibende Kraft der Third Culture, bezeichnete die traditionellen Intellektuellen noch letzten Sommer als glorifizierte Buchkritiker. “Wissenschaftler wie Richard Dawkins, Jared Diamond, Steven Pinker, Daniel C. Dennett und Brian Greene haben es selbst in die Hand genommen, die wichtigen Fragen zu stellen", sagte er. “Sie reden über Dinge wie die Erderwärmung, immunologische Forschung, Nanotechnologie. Sie betrachten Probleme, die nationale Grenzen überschreiten. Das sind nicht die selbstreferentiellen Argumente der Second Culture-Intellektuellen."

Die meisten Vertreter der Third Culture konnten sich während der 90er Jahre den Luxus erlauben ihre Visionen und Utopien unter Vernachlässigung von politischen Realitäten zu entwerfen. Sie beschäftigten sich höchstens mal mit den neuen Ethikfragen. Die politischen Vordenker der Bewegung träumten dagegen vom ungebremsten Globalkapitalismus. Futurologen wie Alvin und Heidi Toffler, Publizisten wie George Gilder, poltische Drahtzieher wie der Präsidentenberater Ira Magaziner. Selbst ehemalige Hippies wie John Perry Barlow von der Electronic Frontier Foundation oder der Virtual-Reality-Pionier Jaron Lanier sahen die aufstrebende Technokratie des Informationszeitalters als neues Heilsversprechen.

Der 11. September jedoch überforderte die selbsternannte intellektuelle Elite der postideologischen Ära vollkommen. Stephen Hawking fantasierte sich im Londoner Telegraph eine Zukunft zusammen, in der die Menschheit auf andere Planeten auswandert. Auf John Brockmans Internetforum The Edge (www.edge.org) formulierten die Koriphäen der Third Culture unter der Überschrift “What Now?" ihre Ratlosigkeit. Der Vorreiter der Chaostheorie Doyne Farmer bestätigte, dass Terroranschläge nicht voraussehbar sind. Der Physiker David Deutsch schrieb, dass man nun die Menschenrechte fördern müsse. Und der Futurologe George Freeman träumte davon, dass ein Art gigantischer Rohrpost mit Fahrgastkabinen den Flugverkehr ersetzen könne.

Die Third Culture hat sicherlich wichtige naturwissenschaftliche Erkenntnisse ermöglicht. Es geht auch nicht darum, ihr Kompetenzen abzusprechen. Doch der 11. September reduziert die intellektuelle Arroganz zur leeren Geste. Gegen die staatstragenden Affirmationen sowohl der Third Culture, als auch der etablierten Meinungsartikler, sollte eine neue Generation kritischer Denker anstehen. Dass die Debatte links immer noch von den grauen Eminenzen wie Susan Sontag, Joan Didion und Noam Chomsky bestimmt wird.

Es wird in der nahen Zukunft viel Mut dazu gehören, sich in den USA als kritische Stimme zu etablieren. In seiner Rede vor dem Rechtsausschuß des amerikanischen Senats am letzten Donnerstag sagte John Ashcroft: “Für alle, die friedliebende Menschen mit den Phantomen der verlorenen Freiheit ängstigen, lautet meine Botschaft: Ihre Taktik hilft nur den Terroristen." So deutlich hat noch kein Vertreter einer demokratischen Regierung dem kritischen Denken den Krieg erklärt. Mit diesem einen Satz hat John Ashcroft Susan Sontags Befürchtungen noch übertroffen.

“So einen massiven Angriff auf unsere Freiheit habe ich noch nie erlebt", sagt sie. “Höchstens als Teenager. Die McCarthy-Jahre. Das kann man damit vergleichen. Allerdings hat nicht einmal damals jemand gewagt, die Habeas-Corpus-Regel abzuschaffen." Doch sie bleibt Optimistin. “Immer wenn etwas passiert, heißt es, dass Amerika seine Unschuld verliert. Dass nichts mehr so sein wird wie vorher", fährt sie fort. “Das war schon bei Kennedy so. Und dann war trotzdem alles wieder so wie vorher. Im Moment haben die Leute Angst. Aber wie lang kann man die Angst noch aufrecht erhalten? Was, wenn Colin Powell im Weißen Haus gegen Condoleca Rice gewinnt und sie den Irak doch nicht angreifen? Vielleicht läuft das dann alles einfach so aus."


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