Smoking Gun

Guerilla-Paparazzis blamieren Promis auf dem Internet
© Andrian Kreye



In den richtigen Händen wird der Freedom of Information Act zu einer gefährlichen Waffe. Das 1966 von Lyndon B. Johnson erlassene Gesetz erlaubt amerikanischen Bürgern und Journalisten, Einsicht in die Akten und Unterlagen ihrer Regierung und Behörden zu nehmen. Einzige Ausnahmen sind der Kongreß, die Bundesjustiz und Verwaltungsbeamten ohne Entscheidungsgewalt, wie der Chief of Staff des Präsidenten. Ansonsten heißt es “Hallali!" bei der Treibjagd nach pikanten Informationen. So sollte Transparenz geschaffen werden.

Bei jeder amerikanischen Wahl, egal ob auf lokaler oder Bundesebene, kann man die Auswirkungen des Freedom of Information Act beobachten. Dann nämlich, wenn sich die so genannten Opposition Researchers, in Steuererklärungen, Gerichts- und Amtsakten des Gegenkandidaten auf die Suche nach Vergehen und Verfehlungen machen, um ihrer jeweiligen Partei Munition für die Schlammschlachten der Wahlkämpfe zu liefern. “Akten von Scheidungsverfahren sind Gold wert", beschrieb Dan Hazelwood, ein Schnüffler der Republikanischen Partei, seine Arbeit. “Man glaubt gar nicht wieviele wertvolle Informationen an die Öffentlichkeit gelangen, wenn sich zwei Menschen so richtig hassen."

Die beiden Journalisten Daniel Green und Bill Bastone haben sich den Freedom of Information Act zunutze gemacht, um eine der besten und erfolgreichsten Klatsch-Webseiten ins Netz zu heben. Unter dem Titel “The Smoking Gun" veröffentlichen sie keine Gerüchte und Geschichten, sondern knallharte Fakten ( http://TheSmokingGun.com).

Da finden sich zum Beispiel die Unterlagen und Rezepte, die nachweisen, dass Popstar Janet Jackson und ihr Geliebter, der Sänger Rene Elizondo, den Namen ihres Leibkoches Ricardo Macchi benutzten, um sich in einer Apotheke in Malibu illegal verschreibungspflichtige Medikamente zu besorgen, weil es ihnen zu peinlich war, sich das Antidepressivum Zoloft oder das Genitalherpes-Mittel Zovirax auf ihre eigenen Namen verschreiben zu lassen.

Auch das Polizeiprotokoll aus jener Nacht, als sich Jack Nicholson weigerte, für die Dienste der Prostituierten Catherine Sheehan zu bezahlen, sie verprügelte und drohte, sie in den Mullholand Drive zu werfen, lassen keine Fragen offen. Auf die Idee kamen die beiden Journalisten während ihrer Arbeit als investigative Reporter bei der Village Voice. “Wir sind so oft auf interessante Dokumente gestoßen, für die es keinen Platz in einer Zeitung gab", erzählt Daniel Green. “Oft waren die aber sehr erhellend. Oder einfach lustig."

So wie das psychologische Gutachten, das die Nevada State Athletic Commission bei sechs arrivierten Neurologen und Psychologen des Massachusetts General Hospital in Boston in Auftrag gegeben hatte, um zu entscheiden, ob Mike Tyson seine Boxlizenz zurückbekommen sollte.

Für den Lebensabschnitt, während dem er seinem Kampfgegner Evander Holyfield das Ohr abbiß, “berichtete Herr Tyson über starke Depressionen im Zusammenhang mit seiner finanziellen und persönlichen Situation. ... Auf die Frage nach dem Foul gab er an, er sei verärgert darüber gewesen, dass er das Opfer einer Kopfnuß durch Herrn Holyfield gewesen sei und nicht dagegen getan worden war." Gegen Ende der 10 Seiten kommt die Kommission zu dem Schluß, Herr Tyson leide “unter dysthymic disorder (chronischen Depressionen)", sei aber durchaus Wettkampf-fähig.

Drei Millionen Seitenzugriffe verzeichnet The Smoking Gun jeden Monat. Fernsehsender, Zeitungen und Zeitschriften zitieren gerne und oft aus den gespeicherten Akten. Mit den Gerichtsunterlagen über den Multimillionär Rick Rockwell, der in der FOX-TV-Sendung “Who Wants To Marry A Millionaire" vor laufender Kamera eine gerade eben ausgewählte Kandidatin ehelichte, löste The Smoking Gun sogar einen landesweiten Skandal aus, der zur Absetzung der Sendung führte. Rockwell hatte nämlich schon einmal ein Verfahren am Hals, weil er eine Verlobte, die ihn nicht heiraten wollte, verprügelt und mit Mord bedroht hatte.

Die verspottete Prominenz kocht. Doch nur die Church of Scientology verlangte (vergeblich), dass The Smoking Gun die FBI-Akten über Sektengründer L. Ron Hubbard vom Netz nimmt. Ansonsten wagte es bisher niemand, Daniel Green und Bill Bastone als Schmutzfinken zu verunglimpfen oder sie gar anzuzeigen. Denn sie nehmen ja nur ihre Rechte als Staatsbürger wahr.

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