Die Schwelle zur Macht

Peter Sloterdijk in L. A.
© Andrian Kreye



Es gibt wohl kaum eine Gegend auf der Welt, in der die Vergangenheit so wenig zählt wie an der amerikanischen Westküste, wo die Suche nach der last frontier bis heute für permanente Aufbruchsstimmung sorgt, ganz egal, ob es neue Gebiete der Technologien, der Gesellschaft oder der Wahrnehmung zu erobern gilt. Nicht die Tradition zählt, sondern die Möglichkeit und die Verheißung.

Deswegen ist Peter Sloterdijk auch ganz entspannt am Vorabend seines Auftritts mit den Stars der Gentechnologie. Denn das sei das grundsätzliche Missverständnis gewesen in Deutschland: “Die technologische Debatte ist von angesammelten Erinnerungen überladen. Genauso wie Japan anders über Nukleartechnologie denkt als der Rest der Welt, denkt Deutschland anders über Eugenik." Und so entstehen philosophische Tretminenfelder, aus denen keiner mehr herauskommt, der einen Schritt zu weit gegangen ist.

Solche Gefahren drohen in Kalifornien nicht, wo über Gentechnologie pragmatisch diskutiert wird - auch wenn der Titel des vom Goethe-Institut und der University of California (UCLA) veranstalteten Symposions “Enhancing the Human - Genomics, Science Fiction and Ethics collide" wie die Ankündigung eines akademischen Wrestling-Matches klingt. Es ist nicht so, dass Sloterdijk die Auseinandersetzung scheute.

Am Vortag war er in Harvard, und dort hatte sich auch die Front der political correctness eingefunden. Als Gegner des in Amerika hoch geschätzten Habermas unterzogen sie Sloterdijk einer strengen Prüfung. Aber mit der politcal correctness kann Sloterdijk umgehen: Sie sei das permanente gegenseitige Versichern des Vertrauens in einer Gesellschaft, die nicht zusammengehört. Und sie sei außerdem in eine über Jahrhunderte gewachsene Debattierkultur eingebunden, die schon an der Schule gelehrt werde. “In Deutschland gibt es keine Streitkultur", sagt Sloterdijk. “In den USA werden Argumente ausgetauscht, in Deutschland nur Standpunkte. Das führt zu keinem Ergebnis, sondern zur Erschöpfung."


Für Gregory Stock, Direktor des Programms für Medizin, Technologie und Gesellschaft an der UCLA und Initiator des Symposions, stellt sich die Frage nach dem Ob schon lange nicht mehr. Er gehört zu den prominentesten Verfechtern der Genforschung. Es sei müßig, wenn nicht sogar gefährlich, die neuen Möglichkeiten dauernd in Frage zu stellen. “Technologie ist heute die treibende Kraft", verkündet Stock der Runde im dunkel getäfelten Hörsaal der Universität. “Es gibt überhaupt keine Möglichkeit, sie einzudämmen. Jeder Versuch in diese Richtung führt nur zu Verzögerungen." Es dürfe keine Kontrollinstanzen geben, denn der freie Markt wirke aus sich heraus als Regulativ und führe so zu einem allgemeinen Konsens. “Es heißt, wir wollten Gott spielen. Das tun wir doch längst." Jeder Versuch des Menschen, sich die Natur untertan zu machen, gehöre dazu, und die Gentechnologie sei schon viel zu weit, als dass man die Entwicklung noch aufhalten könnte.

Stocks Kollegen teilen seine Begeisterung. Der Genforscher John Campbell verkündet, dass Gentechnologie schon in fünf Jahren praktisch angewandt werden könne, wäre da nicht die zeitraubende Ethikdebatte. Der Physiker und Science-Fiction-Autor Gregory Benford schwärmt von den Möglichkeiten und warnt vor uninformierten Bürokraten und Juristen, welche der Wissenschaft Grenzen setzen wollten. Nur Paul Billings, Mitglied des Council for Responsible Genetics und einzige Gegenstimme, wirft ein, Genetiker seien schon immer auch Eugeniker gewesen, und wo dieser Impuls geblieben sei, sei nicht klar.

Der Wissenschaftshistoriker David Kelves vom California Institute of Technology sucht bei Plato nach den Ursprüngen eugenischer Konzepte; es gehe um den Unterschied zwischen positiver Eugenik, die eine Stärkung der Menschheit verfolge und immer eine Vision geblieben sei, und der negativen Eugenik, die eine Eliminierung der Schwachen vorsieht und in Deutschland, Russland, Schweden und den USA zu staatlichen Barbarismen geführt habe. Und doch sei die Grundlage der Gentechnologie in den medizinischen Utopien des 19. Jahrhunderts zu suchen.

Sloterdijk wirkt hier wie ein Exot. Es geht ihm weder um Begriffe noch um praktische Anwendungen, sondern um das Gesamtbild. Und das erfordert ein komplexes Verstehen. Seinen neuen Text hat er mitgebracht: einen Essay mit dem Titel “Der operable Mensch - Anmerkungen zur ethischen Situation der Gen-Technologie". Doch weil er das Sonntagnachmittagspublikum nicht überfordern will, verweist er auf die Internet-Fassung ( http://www.goethe.de/uk/bos/depslot2.htm) und paraphrasiert. “Wir durchlaufen eine profunde Transformation des philosophischen Selbst", sagt er.

Die Essenz der modernen Gesellschaft seien soziale Komplexe, die auf einem konstanten Informationsprozess basieren. Dieser teile sich in die negativen Botschaften als Herausforderung und die positiven Botschaften als Versprechung. Nur im Gleichgewicht dieser beiden könne die Gesellschaft funktionieren: denn ein Übermaß an negativen Botschaften führe zu einer Überforderung und depressiven Selbstzerstörung, ein Übermaß an positiven Übermittlungen jedoch zu Utopismus und Realitätsverlust. Dies sei der große Kampf unserer Zeit. Der Informationsfluss werde aber die Machtverhältnisse und Beziehungsgeflechte auf den Kopf stellen. Die traditionellen zweiteiligen Abhängigkeiten, das Verhältnis von Herr und Sklave, Arbeiter und Material, Subjekt und Objekt lösten sich auf. Das führe zur Abkehr von einer Argumentation, die auf dem Verdacht beruht: das Ende des Fatalismus.

So sei auch der Vergleich von Jeremy Rifkin, das Gen bedeute für die Entwicklung des 21. Jahrhunderts das gleiche wie die Kohle für die industrielle Revolution, nicht schlüssig; denn er beruhe auf der Annahme, das Gen könne in die traditionelle, zweiseitige Beziehung gebracht werden. Das Gen sei aber die kondensierte natürliche Intelligenz, die wie ein Text zu lesen sei. Die künftige Intelligenz müsse sich transformieren, lernen, die Beziehung zur Natur zu dechiffrieren und neu zu ordnen: “Das Herrische muss tendenziell ganz aufhören, weil es sich als Rohheit unmöglich macht. In der vernetzten inter-intelligent verdichteten Welt haben Herren und Vergewaltiger kaum noch längerfristige Erfolgschancen, während Kooperateure, Förderer und Bereicherer zahlreichere und adäquatere Anschlüsse finden." Sloterdijk sieht die Menschheit an der Schwelle zu einer zweiten Sklavenabschaffung, der das Ende der Abhängigkeiten herbeiführt.


In Sloterdijks optimistischem Entwurf hat die Genetik nicht nur eine Berechtigung, sondern eine Schlüsselfunktion hat. Er würde sogar den ultralibertären Argumenten von Gregory Stock eine vernünftige Grundlage liefern. Aber einen Einwand liefert er selbst: “Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich das reaktionäre Herrische noch einmal mit den Massen-Ressentiments zu einem neuartigen Faschismus verbünden wird. Aber das Scheitern solcher revolutionärer Reaktionen ist ebenso vorhersehbar wie ihre Heraufkunft."

In fast schon enttäuschender Einmütigkeit geht das Symposium zu Ende - ganz im Geist von Kalifornien: Zu aufregend sind die neuen letzten Grenzen, die es zu überschreiten gibt. Selbst die Stimme der political correctness aus dem Publikum bemüht sich, den Aufbruch vom Kontext der Vergangenheit zu befreien. “Ich hätte da einen Vorschlag", meldet sich ein Mann mit breitem Westküstendialekt. “Könnten wir den Begriff Eugenik nicht aus unserem Wortschatz streichen und eine neue Bezeichnung finden?" Was für ein Friedensangebot. So etwas wie “Erforschung von Möglichkeiten zum Ausgleich menschlicher Herausforderungen" böte sich da an. Ob das die Debatte entschärft oder verkürzt, ist zu bezweifeln. Zurück zum Inhalt