KLEINDEUTSCHLANDS ENDE IN FLAMMEN

Mit dem Feuer auf dem Ausflugsdampfer General
Slocum vor genau 100 Jahren begann der Niedergang
der deutschen Gemeinde in New York.

© Andrian Kreye

Der 15. Juni 1904 an dem der Brand auf dem Schaufelraddampfer "General Slocum" ausbrach, der als schlimmste aller Katastrophen vor den Anschlägen des 11. September in die Geschichte der Stadt New York eingehen sollte, war einer jener glorreichen Sommertage, an denen sich über der Atlantikküste ein azurblauer Himmel wölbt und ein warmer Sommerwind durch die Straßenschluchten weht. Ein idealer Tag für einen Ausflug, um der Schwüle zu entkommen, die sich auf Manhattans ärmlicher Ostseite schon im Frühling in den Mietskasernen anstaute. Auf bis zu vierzig Grad konnte die Temperatur in den engen, schlauchförmigen Wohnungen ansteigen, dazu kam der Gestank aus den Lichthöfen, in denen sich meist der Müll türmte. Oft schliefen die Leute auf den Dächern und Feuerleitern. Deswegen war die Freude auf dem 3rd Street Pier am East River auch besonders groß, als gegen acht Uhr Morgens der siebzig Meter lange Ausflugsdampfer anlegte, der die Gemeinde der St. Mark's Lutheran Church zu einem Picknick im Locust Grove Valley am Sund von Long Island bringen sollte.

Die Kirche auf der Sechsten Straße zwischen erster und zweiter Avenue war eines der wichtigsten Zentren jenes Viertels zwischen der Houston und der 14th Street, das ihre Bewohner damals "Kleindeutschland" nannten. Seit den Unruhen in ihrer Heimat während der Mittes des 19. Jahrhunderts hatten die Deutschen das größte Kontingent neuer Einwanderer gestellt. Alleine in den vierziger und fünfziger Jahren des vorvergangenen Jahrhundertes waren eineinhalb Millionen Deutsche aus ihrer Heimat nach Amerika geflogen. Zu der Zeit war New York nach Berlin und Wien die drittgrößte deutschsprachigen Gemeinde der Welt, und die meisten der deutschen Einwanderer begannen ihr amerikanisches Leben auf der Lower Eastside von Manhattan.

Kleindeutschland war ein Phänomen. Hier gab es deutsche Bierschwemmen, Musikhallen, Pensionen, Büchereien und in der vierten Straße gab es einen Turnverein, der mit seinen Versammlugsräumen und seinem Bierkeller das weltliche Zentrum der Gemeinde bildete. Kleindeutschland war das erste Einwandererviertel Amerikas, in dem in einem Umkreis von Dutzenden von Straßenzügen kein Wort englisch gesprochen wurde. Genau deswegen hatten die Eineimischen die deutschen Einwandererhorden auch zunächst mit Skepsis begrüßt. Deutsche, so das gängige Vorurteil, sprachen kein Englisch, tranken zu viel Bier und waren leidenschaftliche Sozialisten. Erst um die Jahrhundertwende änderte sich das Bild, kehrte sich sogar ins Gegenteil. Vor allem, weil sich die Deutschen schneller als viele andere Einwanderer aus den Einwanderervierteln in den Mittelstand hocharbeiteten - die meisten von ihnen waren gelernte Handwerker und von einem protestantischen Arbeitsethos beseelt. Nur 9 Prozent der ungelernten Arbeiter der Stadt waren beispielsweise Deutsche, ganze 86 Prozent dagegen Iren.

Um die Jahrhundertwende galt deutsche Kultur vor allem im Bildungsbürgertum der Ostküste dann sogar als der letzte Schrei. An den Colleges war Deutsch Pflichtfach, amerikanische Orchester spielten Beethoven, Brahms, Mozart und vor allem Wagner. Als wichtigstes Kulturereignis des Jahres 1904 wurde die Inszenierung von Wagners Parzival am Metropolitan Opera House gefeiert, die der Kulturkritiker der New York Times als "die bemerkenswerteste Produktion, die jemals auf einer Bühne dieses Landes gezeigt wurde" beschrieb.

Und doch war Kleindeutschland über die Jahrzehnte ein typisches Einwandererviertel geblieben. Jeder kannte jeden, viele Familien hatten sich verschwägert, deswegen wußte so ziemlich jeder im Viertel von der Dampferfahrt an diesem sonnigen Mittwoch. 350 Dollar Charter hatte Pastor George Haas für die "General Slocum" bezahlt. Das einstmals schicke Vergnügungsboot war zwar schon etwas heruntergekommen, faßte aber immerhin knapp zweitausend Passagiere, verfügte über mehrere Schenken und ein Speiselokal.

Zehn Minuten nach halb zehn legte die "General Slocum" mit Verspätung vom 3rd Street Pier ab. Über 1300 Mitglieder der Gemeinde hattens ich eingefunden. Die genaue Zahl hat man nie herausgekommen. Auf einem Foto sieht man die Ausflugsgäste an Deck, die meisten im schweren Sonntagsstaat, wie damals üblich für einen Tag am Strand. Für viele war dies die erste Bootsfahrt seit ihrer Emigration, für die meisten Kinder die erste ihres Lebens. Einige hatten sich ein wenig gefürchtet, denn schwimmen konnten um die Jahrhundertwende nur die wenigsten Normalbürger, doch Pastor Haas hatte sie beruhigt. Mit Kapitän William Van Schaick, der das Boot seit seiner Jungfernfahrt führte, hatte man einen erfahrenen Kapitän angeheuert, der erst vor wenigen Monaten eine Auszeichnung dafür bekommen hatte, dass er schon 35 Millionen Passagiere befördert hatte. Auch sollte die Reise nur nah entlang der Ufer des East Rivers und Sund von Long Island verlaufen.

Wenige Minuten nach dem Ablegen entdecke ein kleiner Junge Rauch unter Deck. Ein Matrose eilte hinunter. Ein Funke, vielleicht von einem achtlos weggeworfenen Zigarettenstummel oder Streichholz hatte einen der Strohballen entflammt, in denen die Bierkrüge transportiert worden waren. Ganze zehn Minuten dauerte es jedoch, bis die Mannschaft den Kapitän alarmierte. Der hatte zunächst nichts bemerkt, weil der Fahrtwind die Rauchschwaden verwehte. Was dann geschah gilt bis heute als eine fatale Verkettung von Fehlern. Als Kapitän Van Schaick von dem Feuer erfuhr hatte er gerade die tückischen Strömungen des "Hell's Gate" hinter sich, an dem der East River und der Sund von Long Island zusammentreffen. Er hätte sofort anlanden können, doch an den Ufern standen Holz- und Benzinlager. Van Schaick beschloß volle Kraft voraus Kurs auf North Brother Island zu nehmen, auf dem nur ein Hospital für ansteckende Krankheiten stand. Der Fahrtwind fachte die Flammen jedoch weiter an, die nun bis zum Oberdeck schlugen. Panik brach aus. Die ersten griffen sich Schwimmwesten und sprangen über Bord. Doch die Westen waren veraltet, der Kork längst porös. Die Rettungsboote ließen sich nicht klarmachen. Die Mannschaft flüchtete, anstatt zu helfen.

Dann endlich landete die Slocum am Ufer der Insel. Doch der Bug verkantete sich im Sand. Die Menge aber, die zum Heck geflüchtet war stand nun über dem Abgrund vier Meter tiefen Wassers. Für Menschen, die nicht schwimmen konnten eine tödliche Falle. Und selbst wer schwimmen konnte, lief Gefahr von den Ertrinkenden geklammert oder vom schweren Sonntagsstaat in die Tiefe gezogen zu werden. Die Patienten von North Brother Island eilten hinzu, ein Hafenschlepper, sie alle versuchten zu retten. Vergeblich. Nur ein paar Hundert wurden gerettet.

Beim Prozeß zum Fall "General Slocum" kam später heraus dass die Knickerbocker Steam Company keine Feuerübungen abgehalten, keine Schwimwesten ausgewechselt und keine Rettungsboote überprüft hatte. Der Inspektor des Seeamtes hatte geschlampt. Auch wenn die Gesetze daraufhin verschärft wurden, ging eine Welle der Empörung durch die Bevölkerung. Nicht die Reederei, nicht der Inspektor, nur Kapitän Van Schaick wurde verurteilt.

Über eintausend Menschen starben beim Feuer der General Slocum. Die meisten von ihnen Frauen und Kinder. Tiefe Trauer legte sich über Kleindeutschland. Es gab kaum jemanden, der nicht Verwandte oder Freunde verloren hatte. Die Sargmacher der Stadt kamen mit der Arbeit kaum nach. Eine Selbstmordwelle unter Vätern, die ihre Familien verloren hatte erhöhte die Zahl der Toten um mehrere Dutzend. Die Gemeinde erholte sich nie wieder. In den folgenden Jahren wanderten fast alle deutschen Familien aus dem Viertel ab. In die neuen deutshen Viertel von Harlem und Yorkville, in die Vorstädte von Queens und Brooklyn, oder gleich in die Provinz.

Lange war das Unglück der General Slocum in Vergessenheit geraten. Der Prozeß galt zunächst als Meilenstein des Arbeitskampfes, weil erstmals Korruption und unternehmerishe Gier verhandelt wurden. Bis beim Brand in einer New Yorker Hemdenfabrik sieben Jahre später Arbeiterinnen umkamen. Ein weiteres Jahr später überschattete der Untergang der Titanic die Seefahrtsgesichte. Die Zahl der Toten war vielleicht nicht viel höher, doch es waren die Reichen und Berühmten, die beim Untergang des modernsten Schiffes aller Zeiten starben, nicht nur ein Haufen Einwanderer auf einem Vergnügungsdampfer.

Schließlich kam mit dem Ersten Weltkrieg eine Rückkehr der antideutschen Ressentiments, der viele der Einwanderer dazu brachte, ihre kulturellen Wurzeln zu verheimlichen und sich eiligst zu assimilieren. Einige Jahre war es sogar verboten, an amerikanischen Schulen Deutsch zu unterrichten. Erst jetzt zum 100. Jahrestag erinnet sich die Welt wieder der Opfer jenes Sommertages im Juni 1904. Die New York Historical Society eröffnet heute eine Ausstellung. Zwei Dokumentarfilme laufen im Fernsehen. Historiker untersuchen die Vorgänge und die Parallelen zum 11. September 2001.

Von der deutschen Gemeinde in New York findet man heute nur noch wenige Spuren. Seit mehr als drei Jahrzehnten kennt man das ehemalige Kleindeutschland als Bohemeviertel East Village Im Turnverein an der 4. Straße residiert heute das avantgardistische La Mama Theater. Die St. Marks Lutheran Church ist heute das Community Synagogue Center. Die wird demnächst renoviert. Architekt des Projektes ist Daniel Libeskind, der Architekt des Freedom Towers bei Ground Zero, dem Ort der nunmehr größten New Yorker Katastrophe aller Zeiten .


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