Nun hat Madonna noch gute zwei Jahre Zeit, bevor sie mit ihrem 50. Geburtstag die Zielgruppe der 18- bis 49jährigen hinter sich lässt, die von der Marketingbranche als stärkstes Konsumsegment und somit zum produktiven Kern der Gesellschaft erkoren wurden. Und trotzdem wirkt ihr pädophiler Exhibitionismus in einer Lebensphase, in der sich viele ihrer Altersgenossinnen übers erste Enkelkind freuen, wie die unangenehme Übersteigerung jener verzweifelten Versuche so vieler Erwachsener, mit Popkultur und Trendsportarten den Prozess des Alterns zu bremsen. Und Madonnas Video ist in den jüngsten Hit- und Bestsellerlisten beleibe nicht das einzige Beispiel für alterslüsterne Stars.
Da wirken die Sexszenen des 60jährigen Steve Martin mit der 26jährigen Clare Danes in der Verfilmung seines Romanes “Shopgirl" noch erwachsen im Vergleich zur Besessenheit, mit welcher der 53jährige Regisseur Gus van Sant und sein 62jähriger Kollege Larry Clark in ihren Filmen um pubertäre Sexualität kreisen. Wer sich in den letzten Monaten mit den amerikanischen Neuerscheinungen beschäftigte, der musste sich im neuesten Roman des 64jährigen John Irving “Bis ich dich finde" durch hunderte Seiten kindlicher Sexualerlebnisse quälen. Auch die Ausführungen über pubertierende Sexualität im “Landleben" des 73jährigen John Updike oder die Detailtreue, mit welcher der 75jährige Tom Wolfe in “Ich bin Charlotte Simmons" eine Entjungferung beschreibt, machten es dem Leser schwer, sich nicht vom Altmännergeruch der Texte abschrecken zu lassen. Doch spätestens die Eindeutigkeit der Hüftschwünge, die der 62jährige Mick Jagger vor einigen Wochen bei seinem Auftritt zur Halbzeit des amerikanischen Super Bowls vorführte, bestätigte, dass die Übersexualisierung älterer Herrschaften keine Schrulle, sondern ein gesellschaftlich relevantes Massenphänomen ist.
243 Seiten umfasst die Studie mit dem schlichten Titel “65 + in the United States". Zunächst droht Amerika eine ähnliche Überalterung, wie den Europäischen Ländern. So wurden in den USA zwischen 1946 und 1964 77.702.865 Menschen geboren. Während im Juli 2003 noch 35,9 Millionen aller Amerikaner über 65 Jahre alt waren, was 12 Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht, wird sich die Zahl in den beiden Jahrzehnten zwischen 2010 und 2030 auf 72 Millionen erhöhen, was einem Bevölkerungsanteil von 20 Prozent entsprechen wird. Das deckt sich ungefähr mit den Steigerungsraten in Deutschland, wo die Bevölkerung der über 65jährigen von 13,5 Millionen auf 21,8 Millionen steigen wird, wobei die Geburtenrückgänge für einen höheren prozentualen Anteil sorgen werden. Doch die Industrienationen sind nicht die einzigen Überalterungsgebiete. Weltweit wird die Zahl der über 65jährigen zwischen den Jahren 2000 und 2030 von 420 auf 974 Millionen steigen.
Hoffnung machen jedoch die qualitativen Statistiken der Studie. So reduzierte sich der Anteil der über 65jährigen, die in Armut leben zwischen 1959 und 2003 von 35 auf zehn Prozent. Haushalte, die von Bürgern über 55 Jahren geführt haben, verfügen über den größten Wohlstand. Der Anteil von Senioren mit abgeschlossener High School stieg von 1950 bis 2003 von 17 auf 71,5 Prozent. Weil ein höherer Bildungsgrad statistisch auch immer mit einer besseren Volksgesundheit und einem allgemein höheren Lebensstandard einhergeht, lässt vor allem die Meldung hoffen, dass bis zum Jahr 2030 über 25 Prozent aller Senioren auch über eine höhere Schulbildung wie College oder Universität verfügen wollen.
Erste Anzeichen für eine Verbesserung der Volksgesundheit gibt es schon jetzt. Der Anteil von Senioren, die durch Behinderungen eingeschränkt sind, fiel von 1982 bis 1999 von 26,2 auf 19,9 Prozent. Die Zahl der Todesfälle durch Herzkrankheiten und Lungenkrebs nimmt ab, nachdem ein höherer Bildungsgrad der Durchschnittsbevölkerung zu einem Rückgang der Raucherzahlen führt. Dazu kommt der enorme Sprung im allgemeinen Gesundheitsbewusstsein der Boomer und ihrer Nachfolgegenerationen, die sich im Allgemeinen besser ernähren und mehr Sport treiben.
Nun drängen sich natürlich ein paar Fragen auf. Ist die Babyboomergeneration wirklich so reich und gesund, dass sie die sozialen Folgen einer drohenden Überalterung der amerikanischen Gesellschaft abfedern kann? Wird dieser Trend auch in Europa wirken, wo gesellschaftliche Phänomene aus den USA ja meist mit einer Verspätung von drei bis fünf Jahren ankommen?
Ein paar aktuelle Entwicklungen sind in der Studie allerdings noch nicht berücksichtigt - das massive Aufklappen der Einkommensschere, der Niedergang der allgemeinen Lebensqualität, die so genannte “Jobless Recovery" einer Konjunktur ohne neue Arbeitsplätze, sowie die Sozial- und Steuerpolitik der Bushregierung, die schon jetzt dazu geführt haben, dass die soziale Mobilität vor allem abwärts führt. Neueinwanderer können sich seit einigen Jahren nur noch in Ausnahmefällen aus der Armut in den Mittelstand hocharbeiten, während der angestammte untere Mittelstand des Landes zunehmend verarmt. Staat und Versicherungen ziehen sich unterdessen zunehmend aus der Altersversorgung zurück. Während Bush die Renten Stück für Stück privatisieren will, propagieren die Versicherungskonzerne die Unabhängigkeit im Alter und den Lebensabend im Eigenheim oder Kreise der Familie, weil Essen auf Rädern natürlich billiger ist, als ein Platz im Pflegeheim. Wer also im mittleren Alter nicht über Immobilienbesitz und ein Finanzpolster verfügt, das ihm auch nach der Ausbildungsfinanzierung für die Kinder finanzielle Unabhängigkeit garantiert, wird seinen Lebensabend wohl in der Serviceindustrie verbringen müssen.
New York im März '05 - In der amerikanischen Umgangssprache bezeichnet der Begriff “Cameltoe" eine Begleiterscheinung der Jugendmode, Beinkleider so eng zu tragen, dass sich die primären Geschlechtsorgane gegen den Stoff abzeichnen, was bei jungen Damen zu einem Effekt führen kann, der an ebenjenen Kamelfuß erinnert. Die Brooklyner Electroclashgruppe Fannypack landete vor zwei Jahren mit einem Song über dieses Phänomen einen Sommerhit. Danach geriet die Cameltoe-Mode wieder in Vergessenheit, bis Madonna vor einigen Wochen das Video zu ihrer Single “Sorry" veröffentlichte. Das zeigt die Popdiva in einem kamelfüßigen Aerobictrikot beim frivolen Spaß mit Knaben und Mädchen, die den Eindruck machen, als seien sie ungefähr ein Drittel so alt, wie Madonna.
Man wird sich an die virilen Senioren gewöhnen müssen, denn mit den so genannten “Babyboomers", den geburtenstarken Jahrgängen zwischen 1946 und 1964 beginnt eine Generation ihren Lebensabend, deren Werte auch im Alter noch von den gesellschaftlichen Umwälzungen der späten 60er Jahre geprägt sind. Man sollte sich allerdings nicht auf die Seite von konservativen Kulturpessimisten, wie William Strauss und David Howe schlagen, die das Erbe der Babyboomer in ihrer Generationenstudie “Milllenials Rising" als eine Vulgarisierung der Kultur und des öffentlichen Diskurses, eine Zunahme an Kriminalität und Gewalt, sowie einen allgemeinen Verfall der Gesellschaft beschreiben. Was in den Kulturen Unbehagen verschafft, ist ein gesellschaftspolitischer Glücksfall, denn die kulturelle Virilität steht auf einer sozial und medizinisch soliden Grundlage, die vielen allzu düsteren Prognosen vom Altern der geburtenstarken Jahrgänge den apokalyptischen Stachel nimmt. Noch nie war eine Generation bei ihrem Eintritt ins Rentenalter so wohlhabend und gesund, wie die Babyboomer. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls eine Untersuchung, die das amerikanische Bundesamt für Statistik letzte Woche veröffentlichte.
Die Werbebranche hat die neue Seniorengeneration schon längst als Zielgruppe entdeckt und weil das Menschenbild in der Werbung eine Gesellschaft oft besser auf den Punkt bringt, als jede soziologische Studie, lohnt sich durchaus ein Blick ins amerikanische Fernsehen. Dort zeichnet sich der Paradigmenwechsel schon ab. Die traditionellen Seniorenprodukte werden zwar immer noch über das gleiche Ideal vom Rentnerleben voll sonniger Nachmittage am Kaffeetisch im Garten verkauft, die auch das Weltbild im deutschen Fernsehen bestimmen. Die alternden Babyboomer werden jedoch schon als Silver Generation geführt. Die gilt als unabhängig, aktiv, gesundheitsbewusst und konsumfreudig. Die American-Express-Tochter Ameriprise wirbt für ihre private Altersversorgung beispielsweise mit einem Werbspot, in dem zu den inbrünstigen Rockakkorden des Spencer-Davis-Klassikers “Gimme Some Loving" Bilder von Hippies und Anti-Vietnam-Demonstrationen mit Aufnahmen von rüstigen Rentnern So präsentieren sich die Sechziger Jahre als große Party, die ewig weitergehen soll.
Auch da lohnt sich ein Blick aufs Menschenbild der Werbung. In den neuen Fernsehspots für die Billiglokalkette “Denny's" werden die Sonderangebote von einer schmalen, weißhaarigen Dame in der Kellnerinnenuniform der Kette angepriesen, die so aussieht, als sollte sie sich in erster Linie Gedanken darüber machen, welche Schokoladensorte sie ihren Enkeln kauft, anstatt jeden Tag für 5,15 Dollar die Stunde schweres Frühstücksporzellan durch die Gegend zu tragen. Glaubt man der Statistik, ist die Generation der Babyboomer allerdings auch da im Vorteil. Wer so gesund ist wie die neue Seniorengeneration, der kann ja bis ins Greisenalter seine volle Arbeitsleistung erbringen und auch so das Sozialsystem entlasten.
Madonnas Video "Sorry"
Filmtrailer
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