Beneidenswert dagegen, mit welcher Lässigkeit die Bewohner der amerikanischen Westküste Katastrophen dieser Art wegstecken. Ron Sims, Lokalpolitiker aus King County, der während des Bebens eine Konferenz im Kapitol von Seattle besuchte, fand nach dem Aschermittwochsbeben die richtigen Worte: “Wow. That building really rocked." Bill Gates, der im Westin Hotel gerade seine neue Software Windows XP vorführen wollte, reagierte mit eiskalter Souveränität. Er verließ die Bühne und setzte seinen Vortrag ein paar Minuten später mit den Worten fort: “OK. Wo war ich stehengeblieben?" Auch im historischen Distrikt von Downtown, dem einzigen Viertel mit größeren Gebäudeschäden, brach keine Panik aus. Ein Tourist aus San Francisco kommentierte die gefaßte Reaktion der Seattleites als “pretty cool." Selbst ein griffiger Titel für das Beben war schnell gefunden: Rattle In Seattle. Eine Anspielung auf die Unruhen um die Konferenz der Welthandelsorganisation im Dezember 1999, die als Battle Of Seattle in die Annalen eingingen. Die Katastrophe als Event.
Warum so lässig? Eine erste Einschätzung der Lage durch Seismologen, Ingenieure und die Nothilfeorganisationen wurde in der Pressemitteilung auf den Satz “Wir waren vorbereitet und hatten Glück" reduziert. Es war, als hätte das Erdbeben die Mentalität einer ganzen Küste bestätigt. Das kurzfristige Aufbäumen der tektonischen Platten war für die Bewohner einer der hochtechnisiertesten Städte der Welt die Makroversion eines ganz normalen Vorgangs. Das kurzfristige Aufbäumen der Festplatten gehört fest zum Alltag der Computerwelt. Die natürliche Reaktion ist der Griff in die Tasten - Command, Control, Reboot. Der Schaden wird begutachtet, behoben und nach dem kurzen Rückschritt läuft die Arbeit weiter. Scheitern gilt hier nicht als Versagen, sondern als Erfahrung. Das schlägt sich längst schon in der Sprache nieder. So wird jeder Anflug von Pessimismus mit der Belehrung abgemahnt: “Es gibt keine Probleme. Nur Herausforderungen."
Die Skyline von Seattle hat mit ihrer Standfestigkeit nur den Lieblingsgermanismus der Westamerikaner bestätigt: “Vorsprung durch Technik", jenen Slogan, den VW vor einigen Jahren im teutonischen Original in der amerikanischen Popkultur verankerte. Man hatte kühl kalkuliert und in die Zukunft investiert. Deswegen überstanden die Wolkenkratzer von Seattle die 45 Sekunden des Bebens auf ihren Gummistoßdämpfern, Stahlbetten und Rollkonstruktionen mit einer Choreographie aus unzähligen statischen Berechnungen, die sich nun mit eleganten Pirouetten und Schwüngen als grandioses mathematisches Ballett bewiesen. So macht sicher der Mensch dann doch die Erde untertan.
Das große Glück war natürlich, dass sich das Beben sechzig Kilometer unter der Erdoberfläche entlud. Aber wer sich bei aller Vorbereitung nicht auf sein Glück verlassen will, der hat an der amerikanischen Westküste sowieso nichts verloren. Ein bißchen Gottvertrauen muß schon sein, denn zu viele Risikofaktoren haben das Leben zwischen Seattle und Hollywood von Anfang an bedroht. Die Naturgewalten. Die Konkurrenz. Die Unberechenbarkeit der Weltmärkte und der globalen Kundschaft. Fleiß und Können reichen da nicht aus.
Natürlich wissen auch die amerikanischen Westküstler, dass sie sich nicht ewig auf ihr Glück verlassen können. Nicht allzuweit am Horizont droht eine tektonische Katastrophe von apokalyptischer Dimension. Nur wenige hundert Kilometer nördlich von Seattle drängt sich eine Erdplatte mit dem zotigen Namen Juan de Faca langsam unter den nordamerikanischen Kontinent. Alle drei- bis fünfhundert Jahre, so haben die Seismologen errechnet, gibt es an dieser Schnittstelle einen Ruck. Das letzte Mal war mit ziemlicher Sicherheit im Jahr 1700. So heißt es jedenfalls in der Überlieferung der Indianer, die den Nordwesten damals noch für sich alleine hatten. Und das würde auch die Tsunami-Welle erklären, die damals die Ostküste von Japan überspülte. Löst sich diese Platte erneut, könnte das The Big One sein. Ein Beben von mehr als 9 auf der Richterskala. Das entspräche einer Gewalt von 32 Milliarden Tonnen TNT. Zum Vergleich - das Aschermittwochsbeben in Seattle hatte eine Kraft von ungefähr 30 Millionen Tonnen TNT, die Macht einer Wasserstoffbombe. Doch vielleicht vergehen ja noch zweihundert Jahre bis zum ultimativen Beben. Eine lange Zeit und wer weiß - vielleicht meistern die Menschen an der Westküste bis dahin auch diese Herausforderung.