Battle in Seattle

Bei der Konferenz der Welthandelsorganisation debütierte eine neue Protestgeneration
© Andrian Kreye



Seattle 1999. Vergessen wir die eingeschlagenen Scheiben, das Tränengas, die Straßenschlachten zwischen futuristischen Robocops und zornigen Weltbürgern. Schlagzeilen und Fernsehbilder mit der üblichen Halbwertszeit von wenigen Tagen. Was jetzt zählt ist die Frage - war Seattle ein historischer Anfang oder ein historischer Augenblick?

Zwei Tage bevor die Konferenz der Welhandelsorganisation WTO in Seattle beginnen sollte, überlegte sich New-Yorker-Kolumnist Kurt Andersen in der New York Times, woher ein neuer Marx, eine neuer Engels und das neue Dogma eines "ismus" kommen könnten. Eine berechtigte, längst überfällige Frage. Seit dem Beginn der postideologischen Ära und der Globalisierung zeichnete sich die linke Basis vor allem durch Ratlosigkeit aus. Auf der einen Seite war der Marsch durch die Institutionen mit der Ankunft der Protestgeneration im Kanzleramt, der Downing Street und dem Weißen Haus abgeschlossen. Viele Utopien wie die weltweite Durchsetzung von Menschenrechten, Demokratie und Umweltschutz gehörten plötzlich zum Tagesprogramm der Weltmächte.

Auf der anderen Seite hatte sich die Rechte der Rolle des rebellischen Underdogs bemächtigt. Plötzlich propagierten Rechtsradikale wie der Ku-Klux-Klan-Führer Louis Beam die Taktik der "leaderless resistance", einst Credo der militanten Linken, während Skinheads in aller Welt die Pose des proletarischen Straßenkämpfers adaptierten. Und die mittelständische, gebildete Jugend, traditionell die Keimzelle jeder Protestbewegung? Schien sich selbstzufrieden in die entpolitisierte Welt des Pop zurückgezogen zu haben. Doch dann kam Seattle und strafte alle Unkenrufe Lügen.

Da standen sie. Zu Zehntausenden. Arm in Arm gegen die Mächtigen und Reichen. Sie ließen sich mit Gas besprühen, niederknüppeln und verhaften. Sie verbündeten sich mit Gewerkschaftlern, Christen, Menschenrechtlern, Akademikern, Arbeitern, Randgruppen und braven Bürgern. Und sie protestierten mit einer solchen Leidenschaft, daß die als Stargäste geladenen Urväter der Gegenkultur mit Tränen in den Augen auf den Rednertribünen standen und ihnen applaudierten.

Tom Hayden, Mitglied der Chicago Seven und heute Abgeordneter im Senat von Kalifornien, jubelte: "Seattle ist der Geburtsort einer Widerherstellung unseres Landes, unserer Umwelt und unseres Humanismus." Jello Biafra, Punkstar der Dead Kennedies und gescheiterter Bürgermeisterkandidat von San Francisco, war angesichts der Ideologielosigkeit voll unverhohlener Bewunderung: "Dies sind keine linken oder rechten Anliegen, sondern die Anliegen der Mehrheit der Menschen auf diesem Planeten."

Da war sie also. Die Generation Yes. Jene Generation, die Gesellschaft, System und Fortschritt nicht ablehnt, sondern umarmt. Und sie hatte ihre Stimme des Protests gefunden. Bisher hatte es noch keinen großen gemeinsamen Feind gegeben, keinen Anlaß, kein Symbol. Doch dann kam die WTO, jene 1995 gegründete geheimbündlerische Vereinigung von Freihandelsadvokaten und Konzernen, die wegen ihrer schamlosen Mißachtung sämtlicher Gesellschaftsverträge ein perfektes Ziel für den globalen Volkszorn abgab.

Die neue Protestgeneration ist sich ihrer Wurzeln sehr wohl bewußt. Einer der Slogans, die in Seattle immer wieder skandiert wurden war: "Hey, hey! Ho, ho! WTO has got to go!", ein direktes Zitat aus der Anti-Vietnambewegung, die mit dem Ruf "Hey, hey! Ho, ho! LBJ has got to go!" durch die Straßen zog. Aber mit diesem Spruch und der allgemeinen Feststellung, daß Amerika seit den 60ern keinen so massiven Protest mehr gesehen hat, hörten die Gemeinsamkeiten auch schon auf.

Die Generation Yes will weder die Gesellschaft, noch das System verändern. Sie hat keine Utopien, sondern Forderungen. Und sie hat es vor allem nicht leicht. Es gehört schon ein ganzes Stück Arbeit dazu, um eine Volksbewegung gegen so unendlich langweilige Dinge wie Freihandelsabkommen, Investitionsrichtlinien und Emissionsstandards zu mobilisieren. Da hatten es die 68er leichter. Der Vietnamkrieg, damals Symbol für alles Übel dieser Welt, war ein klares und vor allem emotionales Thema. Die Greuelbilder, die damals in den Fernsehnachrichten gezeigt wurden, waren für die erste Friedensgeneration nicht nur ein Novum, sondern auch unmittelbar erfahrbar. Keine Familie in den USA, die nicht einen Sohn, Bruder, Neffen, Cousin oder zumindest einen Freund an der Front hatte. Zu GATT und NAFTA gibt es keine derartigen Eindeutigkeiten. Bis letzte Woche ware die Protestbewegung der Generation Yes in fast so viele Elementarteilchen zersplittert, wie die neue Medienwelt mit der sie aufgewachsen ist. Tom Hayden war es, der in Seattle sagte: "In Chicago ging es 1968 um zwei große Themen. Hier geht es um alles." Arbeitskampf, Umweltschutz, Entwicklungspolitik, Geschlechterfrage, Genwissenschaft, Atomenergie, Patentrecht, China, Tibet, Mexiko - kaum ein Problem, zu dem die Protestler nicht einen Zusammenhang mit der WTO herstellen konnten.

Pech für die Organisatoren der WTO-Konferenz, daß sie sich ausgerechnet das Einsatzgebiet einer der erfahrensten der neuen zivilen Widerstandsbewegungen ausgesucht hatten. Den Nordwesten der USA. Hoch oben in den Sierras von Nordkalifornien, Oregon und Washington hat sich in den letzten Jahren eine radikale Umweltbewegung formiert, die den zivilen Widerstand der 60er Jahre zum Konzept der "Direct Action" perfektionierte. Die oft belächelten Blockaden, die Holzfäller daran hinderten, jahrhundertealte Redwoods zu schlagen, wurden in Seattle zum Instrument, um eine Konferenz lahmzulegen, die schon von vorneherein unter fast militärischen Sicherheitsvorkehrungen stattfinden sollte.

Vor allem die Ruckus Society, ein Verbund junger, hauptberuflicher Umweltaktivisten aus Berkley, die schon seit Jahren Ausbildungsseminare für den zivilen Widerstand organisieren, sorgte dafür, daß der WTO-Protest ein Erfolg wurde. Eigens für Seattle gründeten sie das Direct Action Network DAN. Kein schlichtes Demonstrationskomittee, sondern ein Netzwerk, das den Protest mit der Professionalität genau jener multinationalen Konzerne organisierte, gegen die es angetreten war.

Im Studio 420, einem Jugendzentrum im Bohemeviertel Capitol Hill, das dem Direct Action Network als Einsatzzentrale diente, zeigten die Jungen, was sie gelernt hatten. Hunderte von Mobiltelefonen und Walkie Talkies wurden aufeinander abgestimmt. Jede Aktion wurde in drei Risikostufen aufgeteilt. Wer bereit war, sich verhaften zu lassen, wurde von einem Team aus Rechtsanwälten betreut, das es sich zum Ziel gesetzt hatte, die Justiz von Seattle so zu überlasten, daß sie einen Kompromiß eingehen mußte.

Ausgebildete Videofilmer und Fotografen dokumentierten polizeiliche Übergriffe. Computerfreaks belieferten den Rest der Welt per Internet mit Texten, Bildern und Liveübertragungen. Krankenpfleger sorgten dafür, daß die von Tränengas und Knüppelschlägen Getroffenen innerhalb von Minuten wieder einsatzfähig oder zumindest versorgt waren. Sicherheitskontingente regelten den Verkehr und achteten darauf, daß sich niemand von der Stimmung mit- und zu Straftaten hinreißen ließ. Und als ein kleines Grüpchen nicht minder organisierter Autonomer seine Politik der Sachbeschädigung in die Tat umsetzte, waren Stunden später Aufräumtrupps des Direct Action Networks unterwegs, um vor laufenden Fernsehkameras zu beweisen, daß sie die Übergriffe ablehnten.

Die Ideologie der neuen Generation? Es kann keine geben. Ein paar wenige Slogans brachten all die verschiedenen Stimmen und Forderungen auf einen gemeinsamen Nenner. "No Globalization Without Representation!" "This Is What Democracy Looks Like!" "Fair Trade, No Free Trade!" Und deswegen ist die Frage nach einem neuen Marx, einem neuen Engels oder einem neuen Dogma hinfällig. Es wird kein entscheidendes Buch, kein Manifest und keinen "ismus" geben. So komplex wie die Welt in der diese Generation lebt, wird sich auch ihr Protest gestalten. Nicht Stärke durch Gemeinsamkeit, sondern Gemeinsamkeit durch Stärke. Denn es wird nicht leicht sein, den Moment von Seattle als Anfang für etwas zu nutzen. Aber dringend nötig.



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