Wenn der Times Square das Herz New Yorks ist, dann ist die Südspitze der Halbinsel das Gehirn. Es ist gelähmt, und vielleicht wird es nie mehr so arbeiten können wie in der Vergangenheit. Schon strecken Finanzfirmen wie American Express auf dem Immobilienmarkt ihre Fühler aus, um neue Räume außerhalb der Stadt anzumieten, drüben, jenseits des Hudson, in New Jersey. Das ist notwendig. Man muss Domizile suchen für die Büros, die im World Trade Center und in sieben weiteren eingestürzten oder einsturzgefährdeten Gebäuden im Umkreis untergebracht waren. Zweieinhalb Millionen Quadratmeter Büroraum sind unbrauchbar - ein Fünftel der Fläche, auf der in Lower Manhattan Firmen und Banken das Gehirn New Yorks bildeten. Die Frage ist nicht, wo sie jetzt ihren Betrieb aufnehmen werden, die Frage vielmehr lautet, ob sie je zurückkommen werden. “The Skyline will be made whole again", ruft Bürgermeister Rudolph Giuliani seinen New Yorkern entgegen, und der Ruf hat etwas Beschwörendes: New York Skyline soll wiedererstehen. Sogar an den originalgetreuen Wiederaufbau des World Trade Centers ist gedacht.
Aber anderes ist im Augenblick wichtiger. Wie viele Menschen liegen unter den Trümmern begraben? In der Lexington Avenue in der Nähe des Gramercy Park werden die Vermisstenanzeigen gesammelt. Tausende von Angehörigen stehen in Warteschlangen an, um die Formulare auszufüllen: sieben Seiten für Details, die zum Identifizieren von Menschenteilen dienen können: Körpergröße natürlich, dazu Haarfarbe, Augenfarbe, Kleidung bis hin zum Design von Hochzeitsringen und Farbe und Länge von Fingernägeln bei Frauen. Die Angehörigen sind aufgefordert, Zahnbürsten oder Kämme von Vermissten mitzubringen, um durch einen DNA-Vergleich Gliedmaßen konkreten Personen zuordnen zu können. Bisher sind 184 Leichen geborgen worden, davon 110 bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt. Der Suchdienst konnte lediglich 35 identifizieren. Offiziell als vermisst gelten 4763 Menschen, aber man nimmt als sicher an, dass sehr viel mehr Tote unter den Schuttbergen liegen. 30000 Leichensäcke sind bereitgestellt worden. Unter den Verschütteten sind 350 Feuerwehrmänner.
Am Donnerstag fast ein Wunder. “Es ist wahr, zwei von uns leben, die Hoffnung ist zurück." Es ist ein Schrei, der sich fortpflanzt unter den Feuerwehrleuten, die in grünen Overalls im Betonstaub und zwischen Stahlrippen am Schuttberg des World Trade Centers wühlen. Es ist kurz nach Sonnenuntergang, und sie haben zwei Verschüttete unverletzt ausgegraben. Die Hoffnung erhält Nahrung, dass noch mehr Menschen dem Tod entrissen werden können. Aber sofort kommt der Dämpfer: Die beiden Verschütteten waren nicht am Dienstag beim Einsturz der Türme des World Trade Centers unter Beton betragen worden, sondern erst am Donnerstag im Zuge der Rettungsarbeiten, drei Stunden bevor sie von Kollegen gefunden wurden.
Die Telefongesellschaft AT & T ruft alle ihre Telefonkunden in Downtown Manhattan an, um auf diese Weise vielleicht Kontakt zu Menschen herzustellen, die in den Trümmern liegen. Die ganze Stadt will mithelfen. An Bushaltestellen und U-Bahnstationen sind teils bizarre Aufrufe angeschlagen: “Bitte helfen", heißt es auf einem Zettel, “gibt es Tiere in Ihrem Haus, die auf ihre vermissten Besitzer warten? Bitte holen Sie sie aus ihrenWohnungen und geben Sie ihnen zu fressen!" Daneben eine Offerte des Integral Yoga Institute für kostenlose Entspannungsübungen. Und überall in der Stadt hängen plötzlich Plakate, auf denen eine Anleitung für “Akkupressur gegen Angst" gegeben wird, samt erklärender Zeichnungen.
Manhattan lebt in einer schizophrenen Realität. Bei Dean and Deluca, einem großen Delikatessengeschäft in SoHo südlich der 14. Straße lagen am Donnerstag Thunfischfilets und Hummer auf Eis so wie an jedem Tag, obwohl die Gegend zu diesem Zeitpunkt noch abgeriegelt war, weil sie zum Katastrophengebiet gerechnet wurde. “Die Polizisten an der Absperrung kennen uns, wir bringen ihnen ständig Essen, deshalb haben sie Lieferwagen zu uns durchgelassen", berichtet die Ladenangestellte Cindy Salo. Doch was Manhattan jetzt wirklich benötigt, gibt es nicht. Eine Frau klebt Flugblätter an die Laternenmasten, die sie mit der Hand geschrieben hat: “Wir brauchen Staubmasken, Helme, Kleenex, Schutzbrillen, Babypulver, Zahnbürsten, Antibiotika, Sauerstoffflaschen - Bringt die Sachen zu den Chelsea Piers."
Was zunächst wie eine zwar gut gemeinte aber obskure Einzelaktion wirkt, mit der man den Schock zu verarbeiten versucht, erweist sich als eines der vielen Beispiele für die bewundernswerte Selbstorganisation freiwilliger Helfer. Hunderte aus den benachbarten Stadtteilen Greenwich Village und Chelsea reagieren auf den Aufruf und kommen mit großen Tüten direkt aus dem Drogeriemarkt zu der Sammelstelle für Spenden auf dem Vorplatz der Chelsea Piers. “Wir haben alle Zahnbürsten gekauft, die zu haben waren", sagt eine Frau und öffnet ihre prall gefüllte Tüte. Viele kommen schon zum wiederholten Male, und immer wieder fragen sie, was noch alles gebraucht wird. Und sofort machen sie sich daran, das Verlangte irgendwo aufzutreiben. “Könnt Ihr Damenunterwäsche mitbringen und Tampons?", fragt eine freiwillige Helferin, die die Sachen entgegennimmt. Viele der Sanitäter, Helfer und Feuerwehrleute sind hier schon seit Dienstag im Einsatz. Und sie brauchen dringend Benötigtes, um ihre Arbeit fortsetzen zu können: “Habt ihr Helme?", “Habt ihr Taschenlampen?", “Ich brauche Reinigungsmittel für meine Kontaktlinsen. Gibt es vielleicht ein Handtuch?" Benötigt werden des weiteren: Regenmäntel, denn es hat angefangen zu regnen, und Gummistiefel, weil sich der Staub in Schlamm verwandelt. Über das Fernsehen werden Stahlarbeiter gesuc ht, die in den Trümmern mit ihrem Fachwissen helfen sollen. Psychologen und Seelsorger werden aufgefordert, sich zu melden.
Unterdessen schieben die Helfer Tausende von Wasserflaschen, die ebenfalls von den Anwohnern gebracht wurden mit Einkaufswägen an die Mole der Chelsea Piers, die in ein Nachschubdepot verwandelt worden sind. Ein Polizeiboot wird erwartet, das die Spenden direkt ins Trümmergebiet bringen soll.Weiter südlich, vielleicht 400 Meter von “Ground Zero" entfernt, wie der Kern des Katastrophengebietes genannt wird, haben Helfer aus der Nachbarschaft ein großes Büffet aufgebaut. Frauen und Mädchen verteilen Sandwiches aus Umzugskisten, Obst, Schokoriegel und heißes Essen. “Robert De Niro hat Huhn und Pasta gebracht, und Salat. Er hat zwei Restaurants hier um die Ecke", sagt eine Helferin.
Erschöpfte Helfer sitzen am Straßenrand und atmen ein bißchen bessere Luft ein, hier, außerhalb des Chaos' in den Trümmern. Sie nützen den Moment, um mit Freunden und Familien Kontakt aufzunehmen. Ein Gewittersturm ist über die Stadt hinweggegangen. Der Wind hat sich gedreht und den Staub auf größere Teile der Stadt verteilt. Jetzt ist er überall zu spüren: ein beißender Gestank wie von verbrannten Reifen, von Kabeln, die in einem Kurzschluss verschmort sind. Dieganze Halbinsel Manhattan ist da eingehüllt. In jedes Schlafzimmer dringen die Partikel.
Man hat das Wort von Bürgermeister Rudolph Giuliani im Ohr. Er hat, als sich die Wolke ausbreitete, zu beruhigen versucht: Von dem Staub gehe keine Gesundheitsgefahr aus; Spezialisten hätten bisher keine Spuren von Asbest nachweisen können. Trotzdem - allgemein wurden Menschen mit Herz beschwerden oder mit Atemwegskrankheiten aufgefordert, sich vor dieser Luft zu schützen. Atemmasken, wie sie sonst in Manhattan nur die Bauarbeiter tragen, sind zu einer alltäglichen Erscheinung im New Yorker Straßenbild geworden. Der Harvard-Professor Joel Schwartz wies auf die Gefahr hin, dass die Staubpartikel Embolien und damit Herzanfälle auslösen können. “Es werden wegen der Luftverschmutzung mehr Menschen sterben als ohnehin schon. "
Dann eine neue Situation.Die Wolkenbrüche. Eine der großen Sorgen der Rettungskräfte wurde in der Nacht zum Freitag Wirklichkeit nach drei sonnigen, warmen Tagen. Die stundenlang anhaltenden Regenfälle verwandelten die Gegend um “Ground Zero"in einen tückischen Sumpf, in dem es nirgendwo festen Halt gibt und aus dem das Wasser nicht abfließt. Befürchtet wurde nicht nur der demoralisierende Effekt des Regens auf die vielen Tausend Helfer in und außerhalb des Katastrophengebiets, gefürchtet wurde auch, dass noch stehende Gebäude jetzt voll Wasser laufen könnten und durch das zusätzliche Gewicht einstürzen.
Trotzdem versucht Manhattan zur Normalität zurückzufinden. In der Nacht zum Freitag werden auch die Straßensperren oberhalb der Canal Street aufgehoben, die die Gegend südlich der 14.Straße zweieinhalb Tage lang von der Außenwelt abgeschnitten hatten. U-Bahnen und Busse fahren in reduziertem Umfang wieder. Den Passagieren ist bei der Fahrt durch den Untergrund unheimlich. Einige beten, andere weinen, die meisten harren stumm aus, warten, dass die Bahn am Fahrziel ankommt. Auch einige Tunnel und Brücken sind wieder geöffnet. In Büros, die geschlossen waren, wird wieder gearbeitet.
Leicht fällt das nicht angesichts der zerrütteten Nerven der Menschen: “Wenn meine Kollegen nicht mit Freunden und Angehörigen telefonierten, erzählten sie sich gegenseitig ihre Geschichten", berichtet eine Architektin, die in der 57. Straße arbeitet. Fast jeder kennt jemanden, der Freunde und Verwandte vermisst. Neue Gerüchte verbreiten immer wieder Angst. So zirkulieren zeitweise e-mails, in denen davor gewarnt wird, Leitungswasser zu trinken. Die Terroristen hätten es vergiftet. 90 Bombenalarme verursachen zusätzliche Konfusion. Überall in Midtown, dem großen Geschäftsviertel südlich des Central Parks, stehen Menschen in Gruppen auf der Straße, die von der Polizei aus ihren Büros und Wohnhäusern evakuiert worden waren.
Wenn eine Schicht Feuerwehrleute oder Notärzte das Dreieck des Schreckens an der Südspitze über die Avenue of the Americas verlässt, jubelt die wartende Menge an der Kreuzung zur Houston Street dem Wagen zu. Fremde tauschen ohne Scheu ihre Gefühle aus. Ein Laternenpfahl wird zum Gedenkaltar mit Dutzenden Blumensträußen und weißen Kerzen. “New York, ich liebe Dich mehr als je zuvor", steht in roter Schrift auf einem Zettel. Und: “Gott, vergib uns unsere Unmenschlichkeit." Übereinander angeordnet hängen Fotos von vermissten Menschen.
Aber auch solche Szenen erlebt man: Auf dem hoch eingezäunten Platz mitten im Greenwich Village spielen Jungen Basketball. Eine Menschentraube steht daneben und schaut zu. Die Blicke wirken dankbar. Alle großen Sportveranstaltungen, Baseball ebenso wie Football, sind abgesagt worden. Das Spiel auf der Strasse bringt ein bisschen scheinbare Normalität zurück.
In der Lexington Avenue am Gramercy Park spielen sich immer noch erschütternde Szenen ab. Ganze Familien sind gekommen und suchen nach Vermissten. Manche sind gefasst, andere in Tränen aufgelöst, während sie auf der Straße immer wieder ihre Angehörigen und Freunde beschreiben, die am Dienstag nicht nach Hause gekommen sind. Überall in der Umgebung hängen selbstgefertigte Vermisstenanzeigen. Unter einem Bild von einer Frau mit einem Baby im Arm steht: “Laura Giglio Marchese - sie arbeitete im 102. Stock für Alliance Consulting." Dann das Bild eines jungen, stolzen Vaters mit seinem Kind: “Paul Ortiz, vermisst seit gestern. Er war im Restaurant Windows of the World. Er arbeitet für Bloomberg." Das nächste Bild, ein Mann um die fünfzig: “Paul Churioli, dunkler Anzug, weißes Hemd, Krawatte, er war in einem Meeting bei Pfizer im 102. Stock. Hat ihn jemand gesehen?" Ein Ü-Wagen der ABC- News, der hier parkt, ist mittlerweile über und über beklebt mit diesen Bildern, und es kommen immer neue hinzu. Doch ohne, dass es jemand aussprechen will, verwandelt sich diese Galerie der Vermissten mit jeder verrinnenden Stunde in einen Gedenkaltar für die Toten. So bekommt in New York der Tod ein Gesicht. Alle hier wissen, was einen Block weiter die Männer mit den bodenlangen weißen Mänteln, die eben an der Straße Sandwiches essen, machen, wenn sie wieder zur Arbeit zurückkehren. Es sind die Pathologen. Sie arbeiten im grellen Flutlicht, hinter den weißen Lastern.
Der krasse Gegensatz im Stadtteil Tribeca,der mit seinen Galerien, Designer-Boutiquen und teuren Restaurants nur etwa 500 Meter vom Ort der Katastrophe entfernt ist, hatte sich schon zwei Tage nach dem Desaster eine Art Katastrophen-Chic entwickelt: Models, die am Abend eigentlich zur Eröffnungsparty des neuen Issey-Miyake-Shops gehen wollen tragen statt ihrer Manolo Blahniks schwere, metallverstärkte Gummistiefel zu ihren kurzen Röcken. Herumstehende Hip-Hop-Jungs haben sich imposante Overalls übergestreift, als gehörten sie zum harten Kern der Rettungsmannschaften, und Anwohner führen zwischen Soldaten mit Stahlhelmen ihre Hunde in Gasmasken aus.
Die TV-Meteorologen , die sonst mit jovialen Scherzen empfohlen hätten, den herrlichen Tag für eine Mittagspause im Central Park zu nützen, haben ihre Kriterien geändert. Die Sonne und der blaue Himmel seien ideal für die Bergungsarbeiten, erzählen sie. Statt der Wassertemperaturen an den Stränden von Long Island erläutern sie auf Computergrafiken die Richtung, die der Staub nehmen wird.
Der Weg zur Normalität wird länger dauern, als die Leute glauben, hoffen, wollen. Es gibt noch große Zonen im Trümmergebiet, die in den letzten Tagen noch von niemandem erreicht worden sind.
Nach dem Schock fängt Amerika wieder an zu atmen, auch wenn sich der zu Staub zermahlene Beton der Zwillingstürme des World Trade Centers mit jedem Atemzug tiefer in den Lungen der Menschen festsetzt - wo einst das Wahrzeichen Manhattans stand, kündet die amerikanische Flagge vom Überlebenswillen