“Zum Schneider", New York

Ein Lokalbesuch.
© Andrian Kreye



Für den Amerikaner schlechthin ist die bayerische Lebensart ein folkloristisches Exotikum, das in der Ikonografie der Popkultur einen ähnlichen Stellenwert hat wie Hulatänze blumengeschmückter Inselmädchen oder Jagdgewohnheiten der Massai. Es handelt sich hier selbstverständlich um einen groben Irrtum. Aber gerade wegen dieses Irrtums war es ein Wagnis, mitten in New York ein bayerisches Wirtshaus zu eröffnen, das “Zum Schneider" heißt, in dem es Bier vom Faß gibt, die Speisekarte bayerische Klassiker wie Schweinsbraten, Leberkäs und Schwammerl umfaßt, und vor dessen Türe eine mächtige, weißblau gerautete Flagge weht. Nun muß man wissen, dass sich zur Ecke 7. Straße und Avenue C in New Yorks einstmals berüchtigtem Elendsviertel Alphabet City auch heute noch kein Laufpublikum verirrt und die Klientel aus dem umliegenden Viertel vor allem aus Bohemiens besteht. “Zum Schneider" unterscheidet sich also schon durch die kulturelle Geographie deutlich von Lokalen wie dem Rolf's und dem Silver Swan, die ihre teutonenkitschigen Ambientes in Midtown als sogenannten Charme der Alten Welt an Provinzamerikaner verkaufen.

“Aus Heimweh", hat Wirt Sylvester Schneider “Zum Schneider" aufgemacht. Ganz früher mal hat der 37jährige Schlagzeuger im Münchner Umland mit einer Jazzrockband gespielt, deren Namen später von einem Discoduo aus dem P 1 gekupfert wurde - Schneider war der Gründer der echten Milli Vanilli aus Wessling. Er hat in Los Angeles und Boston Musik studiert, bevor es ihn nach Downtown New York verschlug. Und ihn besagtes Heimweh plagte. Im Sommer 2000 feierte er mit seinem stillen Partner Michael Momm Eröffnung.

Zwölf verschiedene, direkt importierte Biere vom Faß gibt es inzwischen, darunter Schneiderweiße und Aventinus Doppelbock, Spaten und Paulaner. Für eventuellen norddeutschen Besuch wird Kölsch und Jever ausgeschenkt. Die Gerichte sind allesamt frisch und trotz des Kontinentalsprungs und der damit verbundenen Schwierigkeit alle richtigen Zutaten zu finden, authentisch und von solider Qualität. Der Schweinebraten zergeht unter der röschen Kruste. Die Elastizität der Kässpatzen stimmt. Leberkäse und Kartoffelsalat könnten auf jedem Schützenfest bestehen. Und selbst die größte Herausforderung der bayerischen Küche, die Knödel, hielten dem Vergleich mit einer Kirchweih im Pfaffenwinkel stand.

Stühle und Bänke sind übrigens Direktimporte aus Münchner Wirtschaften, die Tische originalgetreue Nachbauten aus dem Fraunhofer. Und das trifft wohl auch am ehesten die Stimmung. Nicht das folkloristische, sondern das sinnliche, kluge, entspannte Bayern wird hier gefeiert. Gar nicht so einfach, einem Amerikaner den Unterschied zwischen dem Fraunhofer und dem Hofbräuhaus zu erklären.

Mit einem Beispiel aus der Countrymusik hat es vor kurzem geklappt. Denn es gibt in Amerika durchaus ein Pendant zu dieser Heimatliebe zu Bayern, die das “Zum Schneider" vertritt. Sie nennt sich Americana und wird von den Nashvile Rebels wie Johnny Cash und jungen Rockstars wie Ryan Adams vertreten. Und wenn der Wirt dann gegen Mitternacht ans DJ-Pult hinter dem Ausschank tritt, wenn er ein paar Drum & Bass-Platten spielt und danach die Spider Murphy Gang auflegt, dann tanzen die bayerischen Gäste auch mal auf den Tischen. “Dieses Bayern ist ja wirklich ein ganz anderes Land", meinte neulich ein Dokumentarfilmer, der viel herumgekommen ist. Den erinnerte “Zum Schneider" auch nicht an die unzähligen Oktoberfestkopien in amerikanischen Vergnügungsparks, sondern eher an die “Expat Bars", jene Lokale in den Tropen, in denen sich die amerikanischen und europäischen Entwicklungshelfer, Politberater und Spione am Abend ihr importiertes Lieblingsbier bestellen.


“Zum Schneider", 107 Avenue C Ecke 7th Street, Montag bis Donnerstag 17:00 bis 02:00, Freitag 17:00 bis 04:00, Samstag 13:00 bis 04:00, Sonntag 13:00 bis 02:00, Telefon 212-598 1098, Webseite: zumschneider.com.
Preise: Schweinebraten mit Knödel und Blaukraut US $ 15,-; Käsespätzle US $ 9,-; Leberkäse mit Ei US $ 10,-. Biere zwischen US $ 3,- und US $ 7,-.

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