New York 22.10. '04 - Eigentlich hatte der Abend im Ballsaal des New Yorker Plaza Hotels recht friedlich mit Gin, Tonic und Häppchen begonnen. Es sollte ja auch keine Tagespolitik diskutiert, sondern der gemeinsame Geburtstag zweier Männer gefeiert werden, die einst die Politik jener Präsidenten prägten, deren Monogramme heute als Code für die glorreichen Zeiten des liberalen Amerika in der Geschichte verankert sind. Der Historiker Arthur Schlesinger Jr. als Berater und Redenschreiber von JFK. Der Ökonom Ken Galbraith als Wirtschaftsberater für FDR. Galbraith hatte sich entschuldigt. Schlesinger aber gab mit seinem roten Hemd und gepunkteter Fliege unterm Nadelstreifenanzug immer noch den Dandy, der er es sichtlich genoss, mit dem Cocktailglas in der Hand den Mittelpunkt der Gesellschaft zu bilden, die im Schein der Kronleuchter über die watteweichen Teppiche flanierte.
Die meisten, so schien es, konnten die Tagespolitik mit der Ruhe aus dem Abstand der Jahre ganz lässig betrachten. Die Stimmung war so friedlich, dass selbst die einstigen Erzfeinde Henry Kissinger und George McGovern Zeit für einen freundlichen Smalltalk fanden. Es war überhaupt viel Prominenz gekommen. Prinzipiell legendäre Prominenz, denn die aktive Politik hätte sich nicht erlauben konnte, die letzte Wahlkampfphase für ein so elitäres Ereignis zu unterbrechen. Dafür konnte man im Laufe des Abends umso deutlicher heraushören, was denn jene Männer und Frauen über die Lage ihrer Nation denken, die man in Europa mit jenem Amerika verbindet, das als strahlendes Vorbild ihr Land und die Welt vor den Katastrophen des 20. Jahrhunderts gerettet hatten. Die geistigen Erben der New-Deal-Idealismus von Franklin D. Roosevelt, die Intellektuellen aus dem Weißen Haus John F. Kennedys, und die gescheiterten Hoffnungsträger der letzten drei Jahrzehnte. “Wir stehen hier wirklich auf den Schultern von Giganten", meinte Arthur Schlesinger Jr.'s Sohn Stephen.
Doch die goldenen Jahre des amerikanischen Liberalismus, so bemerkte der Dekan der Columbia University Alan Brinkley bitter, seien nach den Errungenschaften des New Deal, dem Wirtschaftswunder der 50er Jahre und den Kennedy- und Johnsonjahren recht unrühmlich zu Ende gegangen. “Wir waren schon recht lange darauf, dass das Pendel endlich zurückschwingt." Die zaghaften Carterjahre und der Rechtsruck der Demokraten unter Clinton zählen jedenfalls nicht als ernsthafte Unterbrechung des Siegeszuges der konservativen Revolution.
Da witzelte der Vorsitzende des gastgebenden Roosevelt Instituts William vanden Heuvel in seiner Begrüßung vor dem Galadinner noch, das Wort Liberaler müsse man ja an so einem Abend eigentlich in Anführungszeichen setzen, auch wenn beide Jubilare immer stolz darauf gewesen seien, auf Nixons schwarzer Liste gelandet zu sein. Deswegen habe man heute Herrn Kissinger als Rückversicherung eingeladen. Der Karrierediplomat Peter Galbraith, der seinen Vater vertrat, schlug da allerdings ganz andere Töne an. “Seit wann soll das hier ein unparteiischer Abend sein?", polterte er, so dass sich die schwarzweiß livrierten Kellner mit ihren Gemüseplatten und Tellern voller Roastbeef instinktiv duckten. “Roosevelt war nie unparteiisch. Genauso wenig wie Schlesinger oder mein Vater." Um die Laune nicht mit Antikriegstiraden zu verderben, bemühte er die historische Allegorie von Roosevelts Kampf gegen die Nazis. Habe FDR nicht seinen ganz eigenen 11. September erlebt, als ein deutsches U-Boot die USS Reuben James versenkte und er drei Monate lang einen unerklärten Seekrieg gegen die Nazis führte? Da habe er auch nach Pearl Harbor den wahren Feind nicht aus den Augen verloren. Und das sei eben Nazideutschland gewesen.
Die Steuergeschenke nahmen die meisten der Gäste übel. Auch wenn die meisten von ihnen davon ganz sicher profitieren. Bernard Rapoport, Versicherungsmilliardär aus Texas und langjähriger Gönner des Roosevelt Instituts, meinte: “Mussolini hat gesagt, dass die gemeinsame Macht von Konzernen und Regierungen das Prinzip des Faschismus begründen. Aber eine Gesellschaft in der zu wenige zu viel haben, und zu viele zu wenig, ist auf Dauer nicht aufrechtzuerhalten."
Der Meinung war auch der Jubilar Schlesinger. “Wir leben eigentlich in Roosevelts Welt der vier Freiheiten." Die dieser 1941 in seiner Rede zur Lage der Nation definiert hatte - die Freiheit der Rede, die Freiheit des Glaubens, die Freiheit von Not und die Freiheit von Angst. “Roosevelt hat sein Leben lang gegen diesen Laisser-faire-Kapitalismus gekämpft, weil er ein großer Realist war. Er versuchte immer, das Sozialwesen gegen die Reichen zu verteidigen."
In diese Stimmung eines altliberalen heiligen Zorns platzte schließlich Henry Kissinger mit einer versöhnlichen Gratulationsrede. “Ich werde mich ja nicht nur hier dafür erklären müssen, was ich hier gemacht habe", meinte er und erntete dafür freundliches Gelächter. Auch er verneigte sich rhetorisch vor dem Namensgeber des gastgebenden Institutes. “Für eine Flüchtlingsfamilie aus Nazideutschland war die Ankunft in Amerika eine magische Erfahrung. Und auch wenn ich damals noch nicht viel von Politik verstand, so war Roosevelt doch eine große Inspiration für mich." Vor allem sein weitsichtiges Verständnis für die Gefahren des Faschismus hätte ihn damals entscheidend geprägt.
“Dieser Zeitabschnitt, in dem wir leben endet in zwei Wochen", beschloss Kissinger seine Festrede, während die Gäste ihre Silbergabeln in die Sternenbanner aus weißer Schokolade auf ihrer Eiscreme sinken ließen. “Wenn diese Wahlen vorbei sind, stehen wir vor ganz grundlegenden Problemen, auf deren Lösung wir uns alle einigen sollten. Wir leben in einer Welt im Wandel, die ungeheure Gefahren birgt." Und weil diese jeden einzelnen bedrohten, sei vor allem eines wichtig: “Eine Gesellschaft gedeiht nicht durch ihre Auseinandersetzungen, sondern durch ihre Konsensfindung."
George McGovern übersetzte die Allegorie in deutliche Worte. “Mir persönlich macht es Angst, wenn ich bei Elizabeth Drew im New York Review of Books lese, dass das Weiße Haus Pläne für Kriege in sechs weiteren Ländern hat."
Man habe ihn ja schon in den Siebziger Jahren für seine Antikriegshaltung angegriffen. Doch er bleibe dabei: “Der Zweite Weltkrieg war der letzte Krieg, an den ich geglaubt habe. Da hatten wir es mit Kräften zu tun, die uns keinen ehrenhaften Ausweg mehr ließen. Hitler hatte nicht nur den Willen, die westliche Zivilisation zu überrollen, sondern auch die Mittel." Es gebe nichts Schlimmeres, als wenn Soldaten in einem unnötigen Krieg sterben müssten. “Die letzten fünfzig Jahre wurde unsere Außenpolitik von der Angst vor dem Kommunismus bestimmt. Ich kann nur hoffen, dass uns jetzt nicht 50 Jahre Angst vor dem Terror bevorstehen." Von den Kosten mal ganz abgesehen. “Unsere Staatschulden sind schon bei fast siebeneinhalb Trillionen Dollar angelangt", sagte er und schüttelte den Kopf. “Dafür bezahlen wir im Moment alleine an Zinsen 800 Millionen Dollar pro Tag. Und das sind Gelder, die an die gleichen Leute gehen, die schon die großen Steuergeschenke bekommen haben."
Dem schloss sich Arthur Schlesinger Jr. bei der Verabschiedung an. “Ich bin ja auf kurze Sicht ein Pessimist, aber auf lange Sicht ein Optimist", sagte er. “Ich bin da mit Henry einer Meinung - ein höflicher Umgang miteinander ist der einzige Schlüssel für die Zukunft." Dann sangen ihm seine Freunde noch ein schmetterndes “Happy Birthday" und eine Gospelsänger intonierte die Hymne “He's got the whole world in his hand". Draußen auf dem roten Teppich der Hoteltreppe standen die Legenden des Liberalismus dann in der herbstlichen Nachtluft und warteten auf ihre Wagen und Taxis. Im Schlachtengetümmel der Wahlkampagnen gibt es heute nur noch winzige Nebenrollen für sie. Doch die Ruhe aus dem Abstand der Jahre hat sich bei keinem von ihnen eingestellt. Jetzt schon gar nicht. Einige von ihnen mussten mit ansehen, wie ihre Lebenswerke dem Druck der politischen Entwicklungen nachgaben. Eine ältere Dame schien die Stimmung mit einer Anstecknadel auf den Punkt zu bringen. “Wir wollen FDR zurück", stand da in großen Lettern geschrieben.
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