* BERICHTE AUS AMERIKA

OSTERPASSION FÜR IDEOLOGEN

Der gerichtlich verordnete Hungertod macht
aus Terri Schiavo eine Märtyrerfigur.

© Andrian Kreye

New York 25.03. '05 - Gibt es etwas Grausameres, als eine Mutter zu zwingen, den langsamen Hungertod ihrer Tochter mitanzusehen? Die Gefühle der Ohnmacht, wenn die Lebenszeichen des geliebten Kindes schwinden, obwohl die rettende Magensonde im Nebenraum bereitliegt und in wenigen Minuten angeschlossen werden könnte, sind nur schwer nachzuvollziehen. Aber ist es nicht genauso grausam, wenn ein Mann über Jahre hinweg das Siechtum seiner Frau verlängern muss, obwohl sie ihn bei Bewusstsein mehrmals gebeten hatte, ihr ein solches Dahinvegetieren zu ersparen?

Nun wurzelt die Debatte um die Sterbehilfe im grundsätzlichen Streit auf dem Weg in die Moderne, ob der Wille Gottes schwerer wiegt, oder der Wille des Menschen. Es gibt nur wenige Politiker, die mit den Widersprüchen in diesem Zweikampf zwischen religiösen und humanistischen Dogmen so brillant Politik machen können, wie George W. Bush. Der hat in der Debatte um die Sterbehilfe für Terri Schiavo pünktlich zum Osterfest eine buchstäbliche Weltuntergangsstimmung geschaffen.

Prinzipiell war der Streit um das Schicksal der 41jährigen im permanenten vegetativen Zustand dahindämmernden Terri Schiavo für die Republikaner ein Geschenk. Die Eltern wollen das Leben ihrer Tochter erhalten, und folgen als Katholiken der Direktive, mit welcher der Papst im März letzten Jahres bei einer Konferenz zum Thema eindeutig bestimmte, dass auch ein unwiderruflich bewusstloser Mensch ernährt werden muss. Terri Schiavos Ehemann Michael will dagegen den Wunsch seiner Frau erfüllen, ihr Leben im unheilbaren Siechtum nicht unnötig zu verlängern.

Ein anonymes Memorandum, das schon seit einigen Monaten in Parteikreisen zirkulierte, wies deutlich darauf hin, dass der Fall Schiavo für die Demokraten “harter Stoff" sei. Wenn nicht sogar ein unlösbares politisches Dilemma. Wer will schon eine Wachkomapatientin zum Tode verurteilen, nur um politische Prinzipien durchzusetzen? Handelt es sich überhaupt um ein Wachkoma? Wer auf der Webseite Terrisfight.Net die Videoaufnahmen aus dem Hospizzimmer betrachtet, auf denen Terri Schiavo auf die fürsorgliche Fragen ihrer Mutter und Klaviermusik reagiert, wird Zweifel bekommen, auch wenn es sich nur um Reflexe handelt.

Dann ist da noch die Krankenschwester Carla Iyer, die derzeit durch die Nachrichtensendungen tingelt und davon erzählt, dass Terris Ehemann Michael das Hospizpersonal angewiesen hätte, Therapiemaßnahmen zu unterlassen, und häufig gepoltert habe, wann die Schlampe endlich tot sei, das koste ihn schließlich eine ganz schöne Stange Geld. Da wird aus der vermeintlichen Sterbehilfe für eine angeblich Hirntote die unmenschliche Beseitigung einer geistig Behinderten.

Da verblassen sachliche Gegenargumente. Sicherlich wirkt Carla Iyer nicht besonders seriös. Sie hat auch noch ein Hühnchen zu rupfen mit dem Hospiz, das sie gefeuert hat. Ihre Aussagen wurden vor Gericht mehrere Male als unglaubwürdig abgelehnt. Selbst Terri Schiavos Eltern distanzierten sich von ihr. Die Gerichte von Florida haben sich immerhin sieben Jahre lang mit den Aussagen von Verwandten, Zeugen und Ärzten beschäftigt, bevor sie zu dem Schluss kamen, dass Michael Schiavo Wille und Wunsch seiner Frau vertritt. Doch CNN und Fox News senden Iyers Aussagen ohne Kommentar und Analyse. Fox verglich Terri Schivao sogar schon mit Anne Frank und Bürgerrechtsheldin Rosa Parks.

Was die Debatte um den Fall Schiavo für die Liberalen zusätzlich erschwert, ist die Tatsache, dass hier keine technisch aufwendigen lebensverlängernden Maßnahmen beendet werden, wie das geschieht, wenn man eine Herzlungenmaschine abschaltet, die die Körperfunktion eines Hirntoten aufrecht erhalten. Nein, mit einer Magensonde und etwas Pflege könnte Terri Schiavo wahrscheinlich problemlos zwanzig bis dreißig Jahre weiterleben. Das gilt juristisch zwar genauso als medizinische Behandlung, doch im Auge der laienhaften Öffentlichkeit wird keine Therapie unterbrochen, sondern Nahrung und Wasser entzogen. Die aber hat Jesus Christus selbst den größten Sündern auf dieser Erde zugestanden. Und haben ihm seine römischen Peiniger nicht fast auf den Tag genau vor 1972 Jahren am Kreuz einen Schwamm voll Essig gereicht? Nach Meinung von Experten wird Terri Schiavo in den nächsten Tagen einen langsamen, schmerzhaften Tod durch Verdursten erleiden.

Die Bilder, die da beschworen werden, sind gerade für jene christlichen Fundamentalisten so gewaltig, die auf das Jüngste Gericht und die Rückkehr des Messias warten. Zu denen gehört auch George W. Bush, der mit seiner Aussage, nur die rechtschaffen Gläubigen fänden Platz im Paradies, im multireligiösen Amerika schon einmal gewaltig ins Fettnäpfchen getreten ist. Normalerweise wird Bush nicht ganz so deutlich. Er versteht sich darauf, religiöse Referenzen und Andeutungen so zu kodieren, dass man sie ihm nicht ankreiden kann, sie von christlichen Fundamentalisten aber trotzdem verstanden werden. Und genau deswegen ist das Martyrium der Terri Schiavo so unglaublich wirkungsvoll.

Schon einmal kündigte sich die Auferstehung des Erlösers mit dem Entzug von Nahrung und Wasser an. In den krausen Bibeldeutungen der amerikanischen Apokalyptiker spielt die Konvergenz folgender Verse eine zentrale Rolle. Im Hilferuf eines unschuldig Verfolgten heißt es in den Psalmen: Umsonst habe ich auf Mitleid gewartet. ... Sie gaben mir Gift zu essen, für den Durst reichten sie mir Essig. Eine Prophezeiung, die sich unter anderem in Vers 27:34 des Matthäusevangeliums erfüllt, wenn römische Soldaten dem gekreuzigten Jesus mit Galle vermischten Essigwein zu trinken geben. Da muss man nur eine Seite weiterblättern, um beim Auftrag des Auferstandenen zu landen, der mit den Worten schließt: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt. Oder sich im Johannesevangelium in den Versen 19:28-30 die Gewissheit des bedeutsamen Momentes verschaffen, in denen Jesus den Schwamm voll Essig akzeptiert, und mit den Worten “Es ist vollbracht!" aus dem Leben scheidet.

Unzählige amerikanischen Pfarrer und Prediger werden solche Gleichnisse in diesen Ostertagen heranziehen, um einmal mehr und so wirkungsvoll wie nie zuvor die weltlichen Richter und liberalen Gesetzgeber zu geißeln, die sich nun endgültig als gottlose Pharisäer entlarven. Fernsehpfarrer Pat Robertson wetterte im Politmagazin des Fernsehmoderators Sean Hannity schon: "Wir müssen etwas gegen diese unkontrollierbaren Richter tun." Robertson hatte seine Anhänger nach dem Supreme-Court-Urteil, das die Diskriminierung von Schwulen verbot, schon einmal zum Massengebet gegen die Bundesrichter aufgerufen. Billy Graham predigte: "Eine Seele kann man nicht mit einer Computertomographie erkennen." Und die Prediger Reverend Pat Mahoney und Reverend Robert Schenck von der Antiabtreibungsorganisation Operation Rescue drohten der Nation, sie lade gerade kollektive Blutschuld auf sich, und die sei ewig.

Selbst die Dauer des Gerichtsverfahrens um Terri Schiavo liefert genug Material für religiöse Verschwörungstheorien. Sieben Jahre lang dauerte der Streit zwischen den religiösen Eltern und dem säkularen Ehemann schon, bis er am Donnerstag erneut vom Supreme Court abgelehnt wurde. Sieben Jahre aber herrscht der Antichrist während der Endzeit vor dem jüngsten Gericht, sieben Jahre, in denen die Menschen letzte Gelegenheit haben, zu Gott zu finden, bevor mit dem siebten Siegel die Posaunen den Zorn Gottes verkünden. Und war das Beben mit seiner Tsunamiwelle im indischen Ozean nicht schon die Bestätigung des sechsten Siegels? Die amerikanischen Fundamentalisten nehmen das mit der Endzeit nämlich sehr wörtlich.

In diesem Kontext konnte Bush gar nichts Besseres passieren, als dass der Supreme Court ein letztes Begehren, daraufin das Gericht in Florida den Eilantrag der Eltern, Terri Schiavo in Schutzhaft zu nehmen, an einem Gründonnerstag abschmetterten, und das Bundesbezirksgericht in Florida am Karfreitag noch einmal entschied, dass die Magensonde nicht mehr eingesetzt wird. Denn hinter solchen ethisch-religiösen Debatten stehen in Amerika ganz klare politische Ziele der Republikaner. Sie wollen zum Beispiel die Herrschaft und die Ideale ihrer Partei, wenn nicht auf ewig, so doch zumindest für die nächsten Generationen im Land verankern und so die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen verändern. Ihr ideologischer Erzfeind Franklin D. Roosevelt hatte das in den 30er Jahren vorexerziert, als er aus dem von Manchesterkapitalismus und Pioniergeist geprägten Amerika einen Sozialstaat formte, der ja auch der sozialen Marktwirtschaft Bundesrepublik Deutschland zum Vorbild diente. Die Vormacht der Demokraten hielt damals bis 1968. Deren Vermächtnis, den Sozialstaat, will Bush nun privatisieren.

Zwei letzte unabhängige Machtpositionen stehen den Republikanern dabei noch im Weg - Bundesstaaten und Justiz. Beide will Bush in die Knie gezwungen. Die Gerichtsbarkeit auf Bundesstaatsebene überrollten der von Bushs Parteigängern dominierte Senat und Kongress mit ihrem letzten Sonntag erlassenen Eilgesetz. Den obersten Gerichtshof, der schon zweimal erklärt hatte, dass der Fall Schiavo eindeutig in den Zuständigkeitsbereich der Bezirksgerichte von Florida fällt, zwang er damit, den Fall noch einmal anzuhören. Das aber war eine Bevormundung der Justiz, die schwer mit der Verfassung in Einklang zu bringen ist.

Doch Bush hat sich damit auf die “Activist Judges" eingeschossen. Das Schlagwort von den aktivistischen Richtern schwirrt durch den Jargon der Republikaner und ihrer christlich-konservativen Wähler, seit der Supreme Court 1963 gegen ihren Willen die Rassentrennung abgeschafft hat. Der Versuch, so genannte aktivistische Richter zu zwingen, nach dem Wille einer zu Unrecht projizierten Mehrheit Konservativer zu entscheiden, bedeutet aber nicht anderes als der Versuch, die Gewaltenteilung abzuschaffen, auf die sich jede Demokratie gründet.

Die Debatte um die Sterbehilfe wird nie allgemeingültig entschieden werden. Auch im Fall Schiavo gibt es keine ethisch eindeutige gültige Entscheidung für eine der beiden Streitparteien. Gerade deswegen ist in solchen Debatten das Machtwort einer Autorität so willkommen, auch wenn es nur Scheinlösungen bringen kann. Solche Scheinlösungen sind die große Stärke des George W. Bush, das hat er bei seinen Kulturkämpfen gegen die Schwulenehe, die Abtreibung und für die christliche Wohlfahrt schon mehrere Male unter Beweis gestellt. Man darf nur nicht vergessen, dass hinter seinem beherzten Eintreten für Freiheit, Ethik und Moral ausnahmslos politische Berechnung liegt. Seine strategische Brillanz, auf Kosten Terri Schiavos die Macht und Unabhängigkeit von Justiz und Bundesstaaten zu schwächen, war eine der größten innenpolitischen Leistungen seiner Karriere, die weit über seine Amtszeiten hinaus Wirkung zeigen wird. Er hat eine Märtyrerin geschaffen, deren Tod auf Jahre hinaus als unmissverständliches Argument gegen säkulare Politik und liberale Rechtsprechung gelten wird. Symbolträchtig wird man ihr alljährlich zwischen Ostern und Pfingsten gedenken.





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