SCHATTENHEIMAT

Essay aus dem Fotoband von Bastienne Schmidt.

© Andrian Kreye


Es war der Abend des vierten Juli am Ufer des East River, kurz nach dem Sonnenuntergang eines prächtigen Sommertages, die Pyrotechniker schossen von einer Barke im Fluß schillernde Ornamente in den Himmel über New York und alle Radios des Viertels waren auf jenen Sender eingestellt, der die Musik spielte, zu der das Feuerwerk choreographiert war. Wie jedes Jahr legte der Discjockey kurz vor dem Höhepunkt "God Bless America" auf, einen hymnischen Schmachtfetzen, den Irving Berlin einst für ein Musical geschrieben hatte und der heute als inoffizielle Nationalhymne Amerikas dient. Eine Frauenstimme tremoliert sich da die Harmonien hinauf. Bei jedem Halbton, um den sie die jeweils nächste Strophen anhob, hielten sich die Menschen am Fluß ein wenig fester an den Händen, und manche wischten sich vorsichtig eine Träne aus dem Augenwinkel.

So viel Heimatgefühl an einem Nationalfeiertag berührt uns Deutsche eher unangenehm. Bestenfalls retten wir uns dann mit einem Witz aus der Situation, oft runzeln wir aber auch mißbilligend die Stirn. Wir wissen zwar, dass es kaum einen Begriff gibt, der so emotional aufgeladen ist, wie Heimat. Im höflichen, zurückhaltenden, von der Vergangenheit so gequälten und in der Gegenwart so unsicheren Deutschland gibt es da allerdings massive Berührungsängste. Zu oft wurden hier Heimat und Nation, Volk und Boden miteinander verwechselt, zu belastet sind die Begriffe, um Leidenschaft zuzulassen. Wer als Deutscher also zum ersten Mal das Pathos beim Feuerwerk zum Fourth of July der USA erlebt, die frenetischen Feiern zum Cinco de Mayo in Mexiko oder den französischen Stolz am Jour de la Bastille, der wird wahrscheinlich auch zum ersten Mal erleben, mit welcher Inbrunst Menschen ihre Heimat feiern können.

Wer nun zur westdeutschen Generation gehört, die für den Zorn der 68er auf die Heimat zu jung war, und für die nationale Identitätssuche der Jugend, die nach dem Mauerfall erwachsen wurde zu alt ist, der ist mit einem eher indifferenten Verhältnis zu seiner Heimat Deutschland aufgewachsen. Das hat uns nüchtern und realistisch gemacht, uns vor Sentimentalitäten und Romantisierung bewahrt. Vielen von uns ist es deswegen auch leichter gefallen, Deutschland zu verlassen. Wer die Heimat nicht mit Inbrunst liebt, der spürt auch den schmerzhaften Prozeß der Entwurzelung nicht.

Das hat sein Gutes, denn wer aus Zwang geht, gilt als Flüchtling, wer freiwillig die Heimat verläßt, den nennt man einen Kosmopoliten. Und es gibt wohl kaum eine Stadt wie New York, in der sich diese wurzellosen, rastlosen Wanderer zwischen Welten und Kulturen wohler fühlen wie in New York. Hier gehört niemand so wirklich dazu, dafür kann man dort ganz andere Heimatgefühle entwickeln, die sich losgelöst von der Geographie in Gedanken, Ideen und Menschen wiederfinden, die nichts mit der eigenen Herkunft zu tun haben müssen. Wie leicht ist es, dort seine Herkunft zu vergessen. Bis man von ihr wieder eingeholt wird, doch genau das schärft den Blick für die Heimat.

Das kann ein ganz banales Erlebnis sein. Ich lebte schon seit sechs Jahren in Amerika, als mir ausgerechnet bei einem Besuch in Moskau klar wurde, wie weit ich mich schon von meiner Heimat, meinen Wurzeln, meiner Vergangenheit entfernt hatte. Es war einer jener Spätsommernachmittage, an dem die Sonne Boden und Mauern immer noch erwärmen kann, aber man schon die Feuchtigkeit des nahenden Herbstes riechen kann, an denen die Geräusche und Stimmen von der warmen Luft immer noch mit jener anheimelnden Direktheit getragen werden, die einem auch mit geschlossenen Augen verrät, dass es Sommer ist, aber die Sonnenstrahlen mit der Illusion goldfarbenen Lichtes kurz vor dem Abend darüber hinwegtäuschen, dass sie schon so viel blasser geworden sind. Es war genau dieses Zusammenspiel aus dem unbestimmten Geruch der sommerlichen Stadt, den verwehten Sommerklängen und dem Lichteinfall, der mich für einen Moment in das München meiner Kindheit zurückversetzte. Dabei konnte ich Moskau nicht ausstehen, diese feindselige, schwermütige, grobe Stadt. Ich hatte mich in dem freundlichen, leichtfüßigen, verspielten Amerika schon immer wohler gefühlt, und doch schien mir Moskau in diesem kurzen Moment vertrauter, als New York, die Stadt, die so anders roch, sich so anders anhörte, so anders leuchtete.

Es ist genau dieser Konflikt zwischen Vertrautheit und Fremde, der den Blick bestimmt, wenn man schon lange aus Deutschland fort ist. Und es ist genau dieser Konflikt zwischen Ost und West, den man dort erkennt. Nirgendwo ist man diesem Konflikt wahrscheinlich so fern, wie in München, das sich seit dem Mauerfall von allen deutschen Städten am wenigsten verändert hat. Deswegen ist das Erschrecken über die Veränderungen dort meist auch am größten. Es war bei einem Abendessen mit Theaterleuten, Künstlern und Journalisten, als mir auf die Frage, was mir als seltener Gast in Deutschland am meisten auffällt, nur einfiel, das kulturelle Klima habe sich verändert, Deutschland finde zu seinen Wurzeln im Osten zurück. Der das gefragt hatte, reagierte erschrocken, als sei dies ein Tadel gewesen. Dabei bleibt Deutschland gar nichts anderes übrig, als diese Wurzeln wieder zu entdecken. Denn Deutschland ist nicht Ost-, nicht West-, sondern Mitteleuropa und somit die Schnittmenge aus beiden Himmelsrichtungen.

Nur zu gerne hatte man früher über das Spröde und Schwere hinweggesehen, über die feindseligen, schwermütigen und groben Seiten des Landes. In Westdeutschland hatten wir zum Westen gehört, der Osten lag hinter einer hohen Mauer. Paris, New York und der kalifornische Pazifik waren uns so viel vertrauter, als Dresden, Berlin und die Ostsee.

Jetzt aber sucht Deutschland wieder nach seinen Wurzeln. Für uns Westdeutsche sind die Veränderungen kaum bemerkbar. Es sind subtile Veränderungen, so subtil wie die Gerüche, Geräusche und Lichtspiele eines Sommernachtmittages, die den Wandel markieren. Eine Strenge in der Ästhetik. Eine Härte im Umgang. Das bleibt so subtil, sich das Land noch vor der Mystifizierung scheut, der kulturellen Seite jener inbrünstigen Heimatliebe, die man in so vielen anderen Ländern findet.

Auch da lastet die Vergangenheit schwer. Die ersten Versuche wirken unbeholfen, geradezu tollpatschig. Nirgendwo erkennt man das so gut wie in Berlin. Als ich nach sieben Jahren zum ersten Mal wieder dorthin kam, fiel mir im neuen Regierungsviertel spontan die Reportage "Die Krokodile von Yamoussoukro" des Literaturnobelpreisträger V.S. Naipaul ein. Darin erzählt er von der Hauptstadt der Elfenbeinküste, einem monumentalen Fantasiegebilde inmitten der Savanne. Félix Houphouët-Boigny, der erste Präsident nach dem Abzug der französischen Kolonialherren, hatte den Sitz der Regierung damals in sein Heimatdorf verlegt, prächtige Boulevards und Regierungspaläste gebaut, und dazu eine Kopie des Petersdoms, die größer war als das Original.

Da stand das neue Berlin Mitte mit seinen überdimensionierten Regierungsgebäuden, seinen vereinsamten Proseccobars und seinen verödeten Einkaufspassagen und hatte ein bißchen zu viel von der großen deutschen Metropole gefaselt, vom Tor zum Osten und einer goldenen Zukunft. Daran hatte letztendlich doch nur Helmut Kohl geglaubt. Man mußte tiefer schürfen, in die Nischen und Ritzen hinein, um das neue Deutschland zu finden, denn in Wahrheit war Berlin tief in seinem Herzen genau jene aufregende Ruinenstadt geblieben, in der sich die Subkulturen seit Jahrzehnten so ungestört auf die Suche nach der deutschen Seele machen konnten, weil es dort auf den Trümmern der Vergangenheit nur eine Gegenwart und nie eine Zukunft gab. Ganz langsam sickert das neue Deutschland aus diesen Nischen und Ritzen ans Licht. In der Musik, der Malerei, im unabhängigen Kino, in der Literatur. Ein freundliches, kluges, entspanntes Deutschland, das weder das mitteleuropäische Machtzentrum, darstellt das sich die Landesväter erträumen, noch das westliche Kulturland, nach dem sich so viele sehnen.

In Berlin Mitte stand ich in jenem Sommer meines ersten Besuches nach Jahren auf einem Dach. Freunde, die aus Amerika nach Berlin zurückgekehrt waren, präsentierten mir das Panorama mit den Kuppeln, Türmen und Giebeln, über denen das Sommerlicht flirrte. Wir fühlten uns fremd in dieser spröden, schwerfälligen, verzweifelten Stadt, und doch in diesem Moment auch wieder zu Hause. Es war diese Mischung aus Gerüchen, Geräuschen und Licht, die uns aus der Kindheit hierher gefolgt war wie ein Schatten. Vielleicht würden wir uns nie mehr ganz zu Hause fühlen in Deutschland, das Land nie mehr mit den Augen eines Einheimischen sehen. Doch die Verbundenheit würde uns bleiben, egal ob wie diese Heimat mit Leidenschaft, Zweifel der Fremdheit sehen würden.





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