Für die internationale Diplomatie ist Murawiec ein Alptraum. Ohne Rücksicht auf realpolitische Höflichkeiten und Allianzen läuft er seit Wochen herum und bringt die Entscheidungsträger in Bedrängnis. Zumindest sorgte sein ursprünglicher Vortrag über Saudi-Arabien, den er im Sommer vor dem Defense Policy Board des Pentagon hielt, für so viel Wirbel, dass er daraufhin von seinem prestigeträchtigen Beraterposten beim Think Tank der Rand Corporation enthoben wurde. Mag sein, dass dort außenpolitische Falken wie der stellvertretende Verteidigungsminister Paul Wolfowitz oder der Vorsitzende des Defense Policy Boards Richard Perle den Ton bestimmen, die Murawiecs Ansichten prinzipiell teilen. Doch als die Washington Post über das Briefing berichtete und damit für einen diplomatischen Eklat mit den erzürnten Saudis sorgte, distanzierte man sich eilig von dem Herrn mit der unbequem direkten Art. Deswegen verbreitet er seine Thesen seither eben in kleinen, aber potenten Kreisen wie an diesem Mittag.
Murawiec ist ein stattlicher Herr mit dichtem, dunklem Haarschopf, der sein Anliegen mit einem kräftigen Bariton vorträgt, in dem die Spuren seines französischen Akzents kaum zu vernehmen sind. Er schmunzelt, als er kurz von dem Briefing erzählt, zu dem ihn ja Richard Perle selbst eingeladen hatte. Von den zwei Dutzend Teilnehmern widersprach ihm damals lediglich Henry Kissinger, erzählt er. Nach dem Artikel in der Post polterte Verteidigungsminister Rumsfeld zwar öffentlich, wie unprofessionell es gewesen sei, dass derlei Überlegungen an die Presse durchgesickert sei. Doch Murawiec versichert: “Privat hat Rumsfeld gemeint, wir hätten ja ganz schön Leben in die Bude gebracht." Und laut Wasington Post gibt es nicht nur im Pentagon, sondern auch im Team von Vizepräsidenten Dick Cheney und in neokonservativen Kreisen so einige Sympathisanten Murawiecs.
Dann holte er aus. Die Geschichte der saudisch-amerikanischen Freundschaft, so sagt er, sei schon immer eine Zweckfreundschaft gewesen, und heute nicht einmal mehr das.
Ein wenig historisches Grundwissen will er auffrischen. Denn die Beziehungen seien schon seit den 60er Jahren verdorben. Man solle sich nur daran erinnern, dass die Saudis bei der Monopolisierung des Ölmarktes durch Opec die Führungsrolle übernommen hätten. “Der König, der Kronprinz, der Emir von Kuweit und der Schah von Persien klangen damals wie 68er Antikolonialisten", sagt Murawiec. “Und in der Ölkrise von 73 waren die Saudis nicht nur einer der drei Anstifter, sondern vor allem die größten Nutznießer." Damals hätten sie für ihren Preispoker sogar die amerikanische Sicherheit gefährdet und die Ölversorgung der US Navy gekappt.
Doch der entscheidende Wendepunkt sei 1979 mit der islamischen Revolution im Iran gekommen. “Denn der Kampf der Kulturen, den Huntington beschwört, findet in Wahrheit innerhalb des Islam statt." Der Ajatollah Khomeini habe die Rolle der Saudis als wahre Hüter des moslemischen Glaubens und damit der heiligen Stätten von Mekka und Medina angezweifelt. Ausgerechnet die persischen Schiiten, welche die Saudis nicht einmal als wahre Gläubige anerkannten, wagten, die religiöse Autorität des Königreiches in Frage zu stellen? Das sei der Urknall für eine Radikalisierung der Saudis gewesen, die sich nun dem Wahabismus zuwandten, einer bis dahin marginalen Sekte, die heute, eine Generation später, über die ganze Welt verbreitet ist.
Murawiec macht keinen Hehl daraus, was er von dieser fundamentalistischen Fraktion des Islam hält. “Wahab war ein Wüstenbandit, der mit dem Beduinenführer Saud eine Partnerschaft einging, die sie mit gegenseitigen Verheiratungen innerhalb ihrer Klans besiegelten." Er lacht kurz auf. “Seit 250 Jahren heiraten sie nun schon untereinander. Was die degenerativen Probleme erklären mag."
Vor dem Einfluß der wahabistischen Renaissance könne man aber gar nicht genug warnen. “Die Schulbücher in den Koranschulen von den USA bis Westafrika werden von den Saudis bezahlt. Die neuen Moscheen in Usbekistan und die Madrassas in Pakistan." Und es seien saudische Gelder, die den Terror unterstützten. Auch den der al Quaida. “Bill Clinton hätte Bin Laden 1998 im Sudan schnappen sollen", sagt Murawiec. “Doch der Chef des saudischen Geheimdienstes gab Bin Laden damals 200 Millionen Dollar, damit er nach Afghanistan geht. Unter der Bedingung, dass er keine Saudis angreift. Und daran hat sich Bin Laden bis heute gehalten. Er mag gegen die Saudis agitieren. Physisch angegriffen hat er bis heute höchstens Amerikaner und Briten auf saudischem Boden."
Die Lösung? Murawiec Strategiepapier für das Defense Policy Board des Pentagon sprach deutliche Töne - ein Regimewechsel. “Unser wahres Ziel muß es sein, die arabische Welt in die Moderne zu bringen", sagt er. Die Eroberung des Irak sei ein wichtiger erster Schritt. “Der Nahe Osten ist eine Kultur der Macht. Wenn wir nicht endlich das tun, was wir schon vor 12 Jahren im Golfkrieg versprochen haben, wird uns niemand ernst nehmen", führt er aus. “Doch dann sollte unser nächstes Ziel auf alle Fälle Saudiarabien sein." Nicht unbedingt ein militärisches. “Aber wir müssen der saudischen Königsfamilie ein Ultimatum stellen. Wenn sie nicht aufhören, Terrorismus zu unterstützen, werden wir ihre amerikanischen Investitionen konfiszieren. Und danach ihre Ölfelder beschlagnahmen und den östlichen Provinzen zusprechen. Dort leben Schiiten. Die hassen die Saudis schon seit 250 Jahren."
Und wofür das alles? Der Krieg gegen den Terror wäre ein triftiger Grund. Die Enthüllung des Nachrichtenmagazins Newsweek von diesem Wochenende, dass das FBI derzeit untersuche, ob die saudische Botschaft in Washington Gelder an die Attentäter des 11. September lancierte, scheinen Murawiec recht zu geben. Doch das ist nur ein Aspekt im großen Plan für den Nahen Osten. “Man wirft Amerika vor, wegen Öl Krieg zu führen", räumt Laurent Murawiec ein. Er zuckt mit den Schultern. “Das ist sogar ein sehr guter Grund. Auch für Amerikas Alliierte."
Es ist ein besonders schöner Herbstmittag, an dem sich einige Meinungsführer aus Wirtschaft und Finanzwesen in dem luxuriösen Apartment mit Blick über die rotgefärbten Bäume des New Yorker Central Park zum Luncheon des konservativen Think Tank des Middle East Forum einfinden. Und weil man sich heute getroffen hat, um einem besonders heiklen Ehrengast zu lauschen, herrscht in dem weitläufigen Wohnzimmer mit dem blütenweißen Teppichboden und den cremefarbenen Polstermöbeln fröhlich verschwörerische Stimmung. Der französische Philosophiedozent Laurent Murawiec wird erklären, warum Saudi-Arabien eigentlich zur Achse des Bösen gehört und warum der Wüstenstatt nach einem gelungenen Irakfeldzug das nächste Ziel sein sollte.
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