"Ich glaube, es gibt Leute, denen passt es nicht, dass ich nicht umgebracht wurde."

Ein Interview mit Salman Rushdie.
© Andrian Kreye



Bild Es war auf einer jener unzähligen Benefizparties, um die das Nachtleben der New Yorker High Society kreist. In der Lobby der Vereinten Nationen, um genau zu sein, die jeder gut gemeinten Party eine unangreifbare Aura der Bedeutung verleiht. Schwergewichte der Weltpolitik und engagierte Hollywoodstars schüttelten einander die Hände, hauchten sich Küsschen über die Schultern. Das übliche Gegengeschäft - die Politiker verleihen den Filmstars jene Ernsthaftigkeit, die sie sonst so sehr vermissen. Die Filmstars erfüllen den Raum mit dem Glamour, den Politiker nirgendwo sonst so spürbar vermissen, wie in New York. Mittendrin saß auf einer der Lederbänke das neue Alphamännchen dieses anspruchsvollen New Yorker Partykosmos - Salman Rushdie. Ganz unberührt und seelenruhig. Ihn kann nichts mehr beeindrucken. Weder die Macht, der Glamour, noch die Schönheiten. Der Schriftsteller besitzt so ziemlich alles, was in den Kreisen der höheren Gesellschaft zählt. Einen Nobelpreis. Eine wunderschöne, blutjunge Geliebte. Berühmte Freunde. Und vor allem eine Lebensgeschichte, die ihn zu einer Art Heiligenfigur der modernen Welt gemacht hat.

Zehn Jahre lang mußte er sich vor den Häschern verstecken, die der iranische Revolutionsführer Ayatollah Khomeini nach ihm ausgeschickt hatte, weil er glaubte, dass Salman Rushdie in seinem Roman “Die satanischen Verse" den Islam beleidigt hatte. Nachdem die Reformer in der iranischen Regierung den Bannfluch der Fatwah aufgehoben hatten, feierte Salman Rushdie seine Rückkehr in die Öffentlichkeit als Triumph. Er trat mit den Stars von U 2 in Fußballstadien auf, schrieb einen Rock'n'Roll-Roman und verlegte seinen Wohnsitz von London nach New York. In diesen Tagen wird die deutsche Übersetzung seines neuen Romanes “Fury" erscheinen (“Wut. ", beim Kindler Verlag Berlin, 382 Seiten, ). Zum Interview erscheint er im Büro seiner Agentur ebenso unberührt und seelenruhig, wie er auf den New Yorker Parties erscheint. Er legt seinen dunkelblauen Wollmantel achtlos auf einen Stapel Buchkartons, fragt, ob man Kaffee oder Wasser möchte. Dann blickt er unter seinen schweren Augenlidern konzerntriert auf sein Gegenüber und wartet auf die Fragen.

Mister Rushdie, Sie haben mit “Wut" nicht nur einen New-York-Roman geschrieben, seit knapp zwei Jahren leben Sie auch hier. Lassen Sie uns doch mit der unausweichlichen New Yorker Frage beginnen - wo waren Sie am 11. September?

Salman Rushdie: Ich war mit “Wut" auf Lesereise in Houston, Texas. Ich sollte an dem Morgen eigentlich nach Minneapolis weiterfliegen, aber dann hat mich ein Radioproduzent aus dem Schlaf gerissen. Ich habe sofort den Fernseher angeschaltet und gerade noch gesehen, wie das zweite Flugzeug eingeschlagen ist. Und dann stand ich die ganze Zeit vor dem Fernseher. Es war sehr seltsam. Ich konnte mich einfach nicht hinsetzen. Irgendwie erschien mir das unangebracht.

Würden Sie “Wut" heute anders schreiben?

Rushdie: Ganz sicher. In dem Buch geht es um den letzten Moment des Goldenen Zeitalters von New York, der an diesem Tag zu Ende ging. Nach 15 oder 20 Jahren scheinbar endlos anwachsenden Wohlstandes. Es war natürlich auch eine sehr materialistische Zeit, die sehr vom Geld bestimmt wurde. Aber die meisten Leute hier hatten ein recht angenehmes Leben. Ich verspürte damals ein dringendes Bedürfnis, diesen Moment einzufangen. Heute finde ich es richtig seltsam, wie besessen ich davon war, das sofort und auf der Stelle zu tun. Naürlich dachte ich mir, dass dieser Moment eines Tages zu Ende gehen muß. Das wollte ich gegen Schluß des Buches auch anklingen lassen. Das macht das Buch sicherlich prophetischer, als es eigentlich ist. Aber im Rückblick auf den 11. September liest man das Buch natürlich ganz anders. Da verwandelte sich ein satirischer Roman über Amerika quasi über Nacht in einen historischen Roman.

Die Anschläge sind schon über sechs Monate her. Glauben Sie, dass sich New York wirklich so grundlegend verändert hat?

Rushdie: Jeder hier wurde von diesem Ereignis in irgendeiner Weise geprägt. Natürlich gab es viele Leute, die behaupteten, jetzt würde es keine Klatschkolumnen mehr geben und die Leute würden netter miteinander umgehen. Eine kurze Zeit lang sind die Leute auch wirklich anders miteinander umgegangen. Das war sehr untypisch für New York, hat sich allerdings wieder normalisiert. Aber die tiefere Struktur der Stadt hat sich verändert. Downtown ist es immer noch sehr seltsam. Südlich der Canal Street spürt man die Wunde immer noch. Wer seit dem 11. September noch nicht hier war, der realisieren wahrscheinlich auch nicht, wie groß dieses Loch dort unten ist. Da wurde ein richtig großes Stück Stadt zerstört. Ich kenne Leute, die dort unten arbeiten und richtiggehende Strategien entwickelt haben, das zu verdrängen, nicht hinzusehen. Ich kenne jemanden, der in einem der Gebäude gleich neben Ground Zero arbeitet. Die gehen dort nicht auf die Seite, von der aus man Ground Zero überblicken kann. An solchen Kleinigkeiten merkt man dann schon, wie tief dieses Trauma sitzt.

Glauben Sie, wie die meisten Amerikaner, dass die Attentäter Amerika direkt angreifen wollten? Oder denken Sie eher wie die meisten Europäer, die glauben, dass hier der Kapitalismus und der US-Imperialismus angegriffen wurden?

Rushdie: Ich denke, dass es sogar etwas noch Grundlegenderes war. Wenn man sich anhört, was die al-Qaida und ihre Sympathisanten so von sich geben, dann kann man schon zu dem Schluß kommen, dass sie Amerika hassen, Amerika zerstören wollen und so weiter. Aber sie hassen Amerika vor allem, weil es die Moderne repräsentiert. Denn wenn die ultimative Wahrheit im Siebten Jahrhundert in der Arabischen Wüste verkündet wurde, dann war natürlich alles, was passiert ist, seit Mohammed in der Wüste predigte, eine Abkehr von dieser Wahrheit. Deswegen ist die Modernität der wahre Feind. Das unterscheidet sich gar nicht so sehr von dem, was Ayatollah Khomeini sagte. Es war ja immerhin Khomeinis Chefideologe, der Khomeinis Revolution eine Revolte gegen die Geschichte nannte.

Das klingt aber nach einer sehr theoretischen Begründung für den Mord an 3000 Menschen.

Rushdie: Das ist ja das wirklich Tragische - die haben 3000 Menschen getötet, ohne dass es für sie wirklich eine Rolle gespielt hat. Ich glaube ganz ehrlich, dass der Angriff für sie die gleiche Bedeutung gehabt hätte, wenn die Türme leer gewesen wären. Diese Menschen denken in Symbolen und Allegorien, und sie wollten vor allem eines zeigen - wenn man das Flugzeug und das Hochhaus, die beiden ultimativen Symbole der modernen Welt, aufeinanderprallen läßt, dann zerstören sie sich gegenseitig. Damit haben sie gesagt, wir werden die moderne Welt dazu bringen, sich selbst zu zerstören.

Der Humanismus und die judäo-christliche Weltsicht gehen davon aus, dass man Konflikte nach Möglichkeit durch den Diskurs und die Diplomatie lösen sollte, und den Krieg erst als letztes Möglichkeit betrachtet. Glauben Sie, dass es an diesem Punkt der Geschichte noch eine Basis für den Diskurs gibt?

Rushdie: Nein. Das glaube ich nicht. Ich glaube es gibt im Moment zwei große Themen. Das eine ist der Terrorismus. Das andere die Ungerechtigkeit. Wenn sich die Leute über die Globalisierung aufregen, sage ich immer, dass nicht die Globalisierung das Problem ist. Die Globalisierung läßt sich nicht wieder rückgängig machen. Nein, das Problem ist die ungerechte Verteilung des Wohlstandes in der globalisierten Welt. Zunächst müssen wir alle daran arbeiten, um den Grad der Ungerechtigkeit zu verringern. Der Nahe Osten ist da das offensichtlichste Beispiel. Ich habe mein halbes Leben damit verbracht, für einen palästinensischen Staat zu argumentieren. Ich bin der festen Überzeugung, dass dies geschehen muß, dass es nicht nur diese verstreuten Stückchen Land sein dürfen, die sie jetzt bekommen haben, und dass es eine Lösung geben muß, die für alle annehmbar ist. Allerdings war das nie gleichzeitig so dringlich und unwahrscheinlich wie jetzt. Das sind Probleme, die sehr wohl mit Diskurs und Diplomatie gelöst werden muß. Auf der anderen Seite gibt es den Terrorismus. Ich glaube allerdings, dass sich die al-Qaida einen Dreck um die Palästinenser schert. Die benutzen den Konflikt nur, um Anhänger zu rekrutieren.

Mit Erfolg. Haben die Ideologen des Fundamentalismus den Kampf für die Taliban und die al-Qaida in Afghanistan nicht längst zu einem ähnlichen Kampf für die Gerechtigkeit gemacht, wie die sozialistische Internationale der 30er Jahre den Spanischen Bürgerkrieg?

Rushdie: Ich glaube nicht, dass ihnen das gelungen ist. Sie haben vielleicht das Sicherheitsgefühl vieler Menschen erschüttert. In Folge sehen wir gerade, wie sich die gesamte westliche Welt in einen Sicherheitsstaat verwandelt. Das alleine ist ja schon recht beunruhigend. Aber wenn man sich ansieht, was bin Laden in den letzten Wochen für ein Symbol geworden ist. Einer, der sich in einer Höhle verkriecht, während er seine Männer in den Tod schickt. Wenn er glaubt, dass es so eine großartige Sache ist, sich als Märtyrer zu opfern, warum reitet er dann nicht auf einem Pferd in die Schlacht? In der moslemischen Welt sind die Leute nicht mehr so brennend daran interessiert, was er zu sagen hat. Ein Großteil von bin Ladens Rethorik basierte auf dem Argument, dass Amerika zu feige ist, ihm nachzustellen. Da hat er die militärische Schlagkraft dieses Landes total unterschätzt.

Immerhin hat er 1996 eine Fatwah gegen den gesamten Westen ausgesprochen. Lebt dieser Bann nicht auch ohne ihn fort?

Rushdie: Nein. Bin Laden ist nur ein Geschäftsmann. Da geht es überhaupt nicht um Theologie, sondern um Machtpolitik. Sein Endziel ist es ja, die Macht in Saudiarabien zu übernehmen, wenn der alte König Saud stirbt. Dann würde er natürlich auch die Ölvorkommen kontrollieren und wäre so kolossal wichtig. Allerdings ist es momentan für ihn schon verdammt schwierig, überhaupt aus der Höhle zu kriechen, in der er sich versteckt.

Ich nehme mal an, dass Sie sich aussuchen können, wo Sie leben.

Rushdie: Richtig.

Warum sind Sie dann ausgerechnet nach New York gezogen?

Rushdie: Das wollte ich schon lange bevor die “Satanischen Verse" veröffentlicht wurden und dieser ganze Ärger mit der Fatwah begann. Aber das war auch das erste Mal, dass ich einen richtig großen Vorschuß für ein Buch bekam und es mir leisten hätte können, hier eine Wohnung zu kaufen. Naja, das ging ja dann offensichtlich zehn Jahre lang nicht. Aber ich hatte immer das Gefühl, dass hier Arbeit auf mich warten würde, sich hier Stoff aufdrängt. Und dann ist es natürlich auch eine Einwandererstadt. Nicht nur Einwanderer aus dem Rest der Welt, sondern auch aus dem übrigen Amerika. Die Stadt wird also überwiegend von Menschen geprägt, die nicht hier geboren sind. Für jemanden, der sein Leben lang als Einwanderer in London gelebt hat, wie mich, ist es da sehr interessant, in einer Stadt zu leben, in der es keine dominierende Kultur des Gastlandes gibt. Wenn man vom indischen Subkontinent nach England kommt, bleibt einem die Kolonialgeschichte ja doch immer präsent. Hier in Amerika gab es aber keine kolonialen Verbindungen mit Indien. Das ist sehr befreiend. Außerdem war ich schon immer ein Liebhaber der amerikanischen Literatur. Vor allem die Neuschöpfung der englischen Sprache in ein amerikanisches Idiom hat mich immer schon angesprochen. Das geschieht in Amerika immer zuerst auf der Straße und wird dann von der Literatur adaptiert, was ihr eine sehr eigene Qualität gibt. Seit ich als Autor angefangen habe zu schreiben, hat es mich immer sehr interessiert, wie man Englisch mit einem indischen Unterton schreiben kann. Und dass Englisch formbar genug ist, um dem Charakter eines neuen Landes gerecht zu werden, wurde in Irland und Amerika bewiesen. Deswegen haben mich die großen Autoren Amerikas immer besonders berührt. William Faulkner, Saul Bellow, Philip Roth, Hemingway und so weiter und so fort. Die haben mich sicherlich mehr geprägt, als jeder englische Autor. Das war es auch, was mich immer nach Amerika gezogen hat.

Welche der Veränderungen hat die amerikanische Sprache denn in die Literatur gebracht?

Rushdie: Einfach eine andere Musik. Und eine Befreiung von bestimmten klassischen Formalien und Definitionen, was gutes Schreiben ist, denn das amerikanische Englisch ist viel stärker in der Umgangssprache verwurzelt. Es beginnt damit, dass man darauf hört, wie Menschen sprechen und daraus Literatur formt, anstatt darüber zu entscheiden, wie Sätze geschrieben werden sollen und diese dann Menschen in den Mund zu legen. Das ist eben kein klassizistischer, sondern ein rein empirischer Zugang zur Sprache. Außerdem mußte die englische Sprache in Amerika auf so viele andere Sprachen reagieren, dass eine ungeheure Vielfalt an Varianten und Klangfarben entstand.
In der Dichtung hört man das noch viel stärker. Wenn man beispielsweise Walt Whitman liest, dann hört man da einen Lärm, den man bis dahin in der englischen Dichtung nie gehört hatte. Den Lärm des technologischen Helden, der Großstädte, den Lärm eines Landes, das nicht mehr vom Zeitalter der Pioniere geformt wurde, sondern vom Zeitalter der Metropolis. Walt Whitman zum Bespiel. Der hat den ’Body Electric' buchstäblich gesehen. Ich kenne allerdings eine Menge englischer Dichter, die amerikanische Dichtung nicht ausstehen können, weil sie eben oft nicht den klassischen Regeln gehorcht.

Beruht diese Berühungsangst nicht darauf, dass es in Amerika nie diese strenge Trennung von Hoch- und Populärkultur gab, die in Europa immer noch existiert?

Rushdie: Die gibt es hier wirklich nicht. Aber diese Trennung löst sich auch in England langsam auf. Vor allem die jüngeren Autoren vollziehen diese Trennung nicht mehr. Ich habe diese Trennung immer vollkommen abgelehnt. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich in Bombay aufgewachsen bin, einer Stadt, in der die Extreme der Kultur nebeneinander existierten. Bombay ist eine Stadt der großen Dichter, aber eben auch die Stadt von Bollywood. Und man mußte sich da nicht entscheiden. In England gab es die ersten Anzeichen dafür, dass nicht mehr unterschieden werden muß in den 60er Jahren, als man die hohe Musikalität der Beatles anerkannte.

Aber als Sie vor drei Jahren mit “The Ground Beneath Her Feat" einen Roman über einen Rockstar schrieben, gab es trotzdem heftige Kritik.

Rushdie: Das ist wahr. Fuck that. Das hat mich an diese berühmte Kritik von Virginia Woolfe erinnert, die James Joyce's Roman ’Ulysses' für den niederen sozialen Stand seiner Protagonisten angegriffen hat. So ähnlich hat man auch bei mir argumentiert. Wie ich glauben könnte, dass ein Popstar es wert wäre mit solch literarischem Gewicht behandelt zu werden. Dazu kann ich nur sagen, dass Rockmusik eines der wichtigsten kulturellen Phänomene der modernen Welt ist. Das war das erste globalisierte Kulturphänomen zu einer Zeit, als es noch gar keine Globalisierung gab und nicht einmal die Massenmedien globale Reichweite hatten. Natürlich ist Popmusik oft Schrott. Aber mal ehrlich - das sind auch die meisten der modernen Romane.

Nur dass sich der Ansatz vollkommen unterscheidet. Romane werden mit dem Anspruch der Zeitlosigkeit geschrieben. Ein guter Popsong muß nicht länger als drei Minuten gültig sein.

Rushdie: Das stimmt. Aber wenn man das andere Ende der Popmusik betrachtet, gibt es da genauso eine Dauerhaftigkeit. Ich glaube nicht, dass Songschreiber wie Bob Dylan oder Lennon-McCartney ihre Arbeit für kurzlebig hielten. Vielleicht nicht am Anfang. Aber gerade bei Lennon und McCartney ist es doch interessant, wie sehr sie sich als Autoren weiterentwickelt haben.

Muß man denn das Gespür für den historischen Kontext haben, um große Werke zu verfassen? Ist das nicht eher sekundär?

Rushdie: Ich glaube schon, dass die Beatles in dem Moment gut wurden, als sie begannen, sich selbst ernst zu nehmen, statt einfach nur Hits rauszujagen. Die Songs auf ’Rubber Soul' zeigen das ganz deutlich. Plötzlich war da etwas ganz Neues. Da wollten sie viel mehr, als auf ihren frühen Alben. Ich glaube, da haben sie entdeckt, was in ihnen steckt. Bei Dylan war das sicher anders. Der hat von Anfang an in der Tradition des Folk geschrieben, dessen Lieder über lange Zeit hinweg bestehen. Er wollte dieser Tradition eben eine moderne Stimme verleihen. Aber auch er hat immer größeren Ehrgeiz entwickelt.

Hat sich Ihre eigene Arbeit in New York verändert?

Rushdie: Meine Arbeit verändert sich mit jedem Buch. Ich versuche in jedem meiner Romane einen neuen Ansatz, neue Perspektiven, eine neue Sprache zu finden.

Die Kritiker haben ’Fury' ganz schön zerrissen.

Rushdie: Ja ich weiß ich auch nicht. Ich glaube, es gibt Leute, denen passt es nicht, dass ich nicht umgebracht wurde. Ich sollte diesen Angriff nicht einfach überleben und dann ein besseres Leben haben.

Wenn man da zwischen den Zeilen liest, klingt da die Enttäuschung an, dass man Sie in England über zehn Jahre lang vor der Fatwah beschützt hat, und dann wandern Sie bei der erstbesten Gelegenheit aus.

Rushdie: Ja was? Soll das vielleicht heißen, dass ich da drüben eingesperrt bin? Das ist doch Schwachsinn. Ich habe immer geglaubt, dass wir mit dieser ganzen Fatwah-Geschichte eine große Schlacht für sehr wichtige Prinzipien ausgefochten haben. Und wir haben uns gut geschlagen. Wir haben das Prinzip aufrecht erhalten. Wir haben dafür gesorgt, dass das Buch weiter erhältlich bleibt. Der Schreiber lebt noch. Das war ja nicht nur ich. Ganz normale Leute haben sich da zusammengetan und Kommittees gebildet. Verleger, Buchhändler, Leser, Journalisten haben alle mitgekämpft.

Für das Prinzip der Säkularisierung.

Rushdie: Genau. Und für die Freheit des Geistes. Das sind ja keine Kleinigkeiten. Das sind die Dinge, die uns von der Taliban unterscheiden.

Außerdem scheint man Ihnen übel zu nehmen, dass sie Ihre Frau für ein junges, hübsches Model verlassen haben. Fordert man da vielleicht ein bißchen zu viel Moralität von Ihnen?

Rushdie: Was soll das denn heißen? Ich bin eine äußerst moralische Person. Meine Bücher sind alle von moralischen Prinzipien bestimmt. Das heißt doch nicht, dass ich mich nicht verlieben darf. Das waren alles sehr persönliche Klatschkolumnen-Angriffe. Danach war ich erst recht froh, nicht mehr dort zu sein. Und irgendwie hat mich das auch befreit. Seither lese ich wirklich keine Kritiken mehr. Einen jüngeren Autor hätte das vielleicht aus der Bahn geworfen. Aber die Reaktion der Leser auf ’Wut' ist durchweg positiv. Es hat sich überall sehr gut verkauft. Auch in England. Trotz der Schlachtfeste.

Muß ein Autor denn überhaupt eine moralische Verantwortung übernehmen? Ist das seine Rolle? In der Washington Post haben Sie ja gerade V.S. Naipaul dafür scharf angegriffen.

Rushdie: Man muß als Mensch eine moralische Verantwortung übernehmen. Naipaul hat sich in Indien für die nationalistische Hindupartei VHP stark gemacht. Das tut er schon seit Jahren, aber seit er Nobelpreisträger ist, hat seine Stimme natürlich ungleich mehr Gewicht bekommen. Naipaul sagt, dass die Moslems eine Katastrophe für Indien waren, und dass der Einfall der Muslime, der ungefähr im jahre 1000 AD begann, die indische Kultur zerstört hätte. Der Nationalismus der Hindi sei deswegen das Erwachen eines lange überfälligen Selbstbewußseins.

Das klingt ja fast wie die Ideologie des Serbenführers Milosevic, der den Kampf gegen die Muslime mit dem Eroberung Serbiens durch die Türken im 14. Jahrhundert rechtfertigte.

Rushdie: Genau. Die VHP benutzt Naipauls Reden inzwischen schon als Propagandamaterial. Und dann haben die Hindufaschisten wenige Wochen nach seinem letzten Auftritt islamische Gebäude zerstört, Moslems bei lebendigem Leibe verbrannt. Ich fand es schon lange schlimm, was Naipaul über indische Politik von sich gab. Aber in der Verbindung aus Naipauls Nobelpreis und den Greueltaten in Indien hatte ich das Gefühl, dass ich jetzt sagen mußte, dass es absolut inakzeptabel ist, solche Reden zu führen, weil hier Menschen sterben und in ihren Häusern verbrannt werden. Damit besudelt Naipaul den Nobelpreis.

Hat er Ihnen schon geantwortet?

Rushdie: Nicht dass ich wüßte. Vielleicht glaubt er ja auch, dass es unter seiner Würde ist, mir zu antworten. Keine Ahnung.

Gerade hier in New York gibt es ja neue Stimmen, die sagen, dass die Literatur als intellektuelle Instanz ausgedient hat. Vielleicht sogar die Geisteswissenschaften. Das sind vor allem die Vertreter der so genannten Dritten Kultur, die behaupten, die wichtigen Fragen der Menschheit würden heute von den Naturwissenschaften beantwortet. Sind Sie in diesen Kulturkampf auch schon hineingezogen worden?

Rushdie: Nein, das nicht, aber da ist schon etwas Wahres dran. Die Physik, die Biologie, die Genetik stellen heute viele Fragen, die sonst die Philosophie gestellt hat. Es gibt da ganz neue Dimensionen in unserem Selbstverständnis. Jetzt da das Genom entschlüsselt ist, Gott weiß, was uns das noch alles über uns erzählen wird. Aber das steht alles erst am Anfang. Wenn Stephen Hawking am Ende seiner ’Brief History of Time' sagt, dass wir kurz davor sind, alles zu wissen, kann ich nur sagen, oh nein, das sind wir ganz bestimmt nicht.

Finden Sie es nicht eigenartig, dass die Naturwissenschaften, kaum dass sie eine interdisziplinäre Basis untereinander geschaffen haben, plötzlich einen äußeren Feind suchen?

Rushdie: Das ist halt, wie die Leute so dahinreden. Wenn jemand sagt, dass die Wissenschaft gewinnt und die Kunst verliert, ist das genauso blödsinnig wie umgekehrt. Die Menschen werden nie aufhören, zu träumen. Sie werden immer Gedichte schreiben und versuchen, die Natur des Menschen zu ergründen. Da stößt die Wissenschaft oft schnell an ihre Grenzen.


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