Die Gewerkschaft der Träume

In Hollywood tobt ein Arbeitskampf der die Filmindustrie in Angst und Schrecken versetzt
© Andrian Kreye



Zwölf Uhr Mittags in Hollywood. Martin Sheen tritt vor das Mikrofonbündel, das die Fernsehreporter im Tagungsraum der der Schauspielergewerkschaft Screen Actors' Guild (SAG) aufgebaut haben. Links von ihm stehen sein Kollege Elliott Gould, ein Hüne, den man aus “Mash" und “Nashville" kennt, und der Gewerkschaftsboß Bill Daniels, ein kleiner, aggressiver Mann, der in einem Film sicher von Joe Pesci dargestellt würde.

Martin Sheen strahlt immer noch diese kämpferische Ruhe aus, mit der er in “Badlands" und “Apocalypse Now" berühmt geworden ist. Mit kurzen, knappen Worten verkündet er die Einrichtung einer Streikkasse, eines täglichen Streikbuffets, eines Hilfsfonds für Gewerkschaftsmitglieder. Applaus. Jubel. Und im Saal die Gewißheit - der Kampf geht weiter. Noch eine Schreckensnachricht, die Studiobosse und Produzenten am nächsten Tag (Freitag) mit Unbehagen in den Branchenblättern lesen werden.



Seit dem 1. Mai wird in Hollywood gestreikt. Zum ersten Mal seit zwölf Jahren. Bisher nur gegen die Werbeindustrie. Der SAG und der Gewerkschaft für Fernseh- und Radioschauspieler AFTRA geht es dabei um Rechte und Tantiemen für Werbespots und Internet. Seither befindet sich das Zentrum der Macht nicht mehr in den Chefetagen der Filmstudios, und auch nicht mehr in den Büros der Superagenten wie CAA oder ICM. Das Zentrum der Macht befindet sich hinter der Fassade aus getöntem Glas und beigen Aluminumverkleidungen eines langweiligen Bürogebäudes mit der Adresse 5757 Wilshire Boulevard. Genauer gesagt im Erdgeschoss und dem achten Stock, wo sich die Büroräume der SAG befinden.

Die SAG verfügt mit Sicherheit über die schicksten Gewerkschaftsbüros aller Zeiten. Der Tagungsraum könnte auch dem Parlament eines Kleinstaates als moderner Parlamentssaal dienen. Den achten Stock betritt man durch eine helle Eingangshalle mit riesigen Glastüren. Ein kitschiges Ölgemälde hängt dort, auf dem Sally Field zu sehen ist, wie sie als Norma Rae in dem gleichnamigen Film ein Schild mit dem Kampfruf “Union!" in die Höhe hält. Designermöbel, modernstes Gerät. Aus dem Arbeitszimmer des Gewerkschaftssprechers Greg Krizman blickt man über das Stadtpanorama und auf die Hügel von Hollywood. Jener Welthauptstadt der Unterhaltungsindustrie, in der man in diesen Wochen und Monaten vor den strengen Gewerkschaftlern zittert.

Der Streik gegen die Werbeindustrie ist schlimm genug. Seit vier Monaten dürfen SAG-Mitglieder nun schon keine Werbefilme mehr drehen. Nächstes Jahr aber läuft der Tarifvertrag mit der Filmindustrie aus, und es gilt jetzt schon als sicher, dass die SAG ab dem 1. Juli 2001 in Hollywood den Generalstreik ausruft. Dann werden in Tinseltown bis auf weiteres keine Filme mehr gedreht werden. Viele betrachten die festgefahrenen Verhandlungen mit der Werbeindustrie als finstere Vorschau, auf das nächste Jahr. Ein monate-, gar jahrelanger Streik ist im Gespräch. Auch wenn Greg Krizman behauptet: “Das Kommittee, das den Tarifvertrag aushandeln wird und unter Umständen einen Streik beschließt, ist noch gar nicht zusammengestellt."

In der Gerüchteküche von Hollywood sieht man das anders. Angeblich will die SAG ihren Streik sogar noch vorziehen. Denn ab dem 1. Mai wird mit ziemlicher Sicherheit die Writer's Guild of America, die Gewerkschaft der Drehbuchautoren, in Streik treten. Es heißt, die SAG gönnt den Schreibern den Vorsprung von zwei Monaten nicht.

Seit diesem Sommer schon werden von den großen Studios keine Filmprojekte mehr genehmigt, die später als dem 15. März 2001 mit dem Dreh beginnen. Die Postproduktion wird man ohne Schauspieler durchstehen. Doch ohne Stars kein Dreh. Dafür werden derzeit mehr Filme genehmigt, als je zuvor. Man will auf Vorrat produzieren, denn niemand kann abschätzen, wie lange der Streik nächstes Jahr dauert.

Die Filmindustrie ist gegen die Arbeitskämpfer machtlos. Angeblich sitzt sogar der Round Table wieder beisammen, eine mythische Institution in Hollywood, bei der sich die Studiobosse in Krisenzeiten zusammensetzen, ihre Konkurrenz vergessen, und eine gemeinsame Lösung suchen. Denn auch heute wollen sich die good ole boys nicht ins Geschäft reden lassen, auch wenn sie heute längst keine Zigarre-rauchenden Patriarchen mehr sind, sondern junge Karrieristen in Maßanzügen und importierten Sportwagen.

Hat Hollywood nicht Macht und Geld genug, um mit lästigen Streikposten und Gewerkschaftsfunktionären fertig zu werden? So einfach ist das nicht. Die SAG verfügt über ein Machtmonopol, gegen das nicht anzukommen ist. Und die Gewerkschaftler verstehen keinen Spass. Sie lassen sich weder von Glamour noch von Reichtum beeindrucken. Zwei prominente Streikbrecher stehen schon auf ihrer schwarzen Liste. Brad Pitt hat einen Spot für Rolex gedreht, der in Japan gezeigt werden soll. Golf-Champion Tiger Woods wollte seinen Sponsor nicht verlieren, und stellte sich für den Autokonzern General Motors vor die Kamera. “Die Untersuchungsausschüsse werden sich demnächst mit diesen Fällen beschäftigen", sagt Greg Krizman trocken.

Unten im Gang zum Versammlungsraum hängen außerdem hunderte von Schnappschüssen von hübschen, jungen Menschen bei der Arbeit - die Scab Wall of Shame, die Schandmauer der Streikbrecher. Empfindliche Geldstrafen, zweitweiser oder endgültiger Ausschluß aus der Gewerkschaft drohen ihnen. Obwohl bis heute noch keines der rund 100.000 Mitglieder aus dem Verein geworfen wurde. “Das wäre nur ein Pluspunkt für die Industrien, mit denen wir verhandeln", sagt Krizman. “Ganz schlechte Publicity." Und Publicity ist im Arbeitskampf der Entertainment Industrie eine wirksame Waffe, schließlich haben die Gewerkschaften von Hollywood die weltweit prominentesten Mitglieder.

Man sollte meinen, dass wenigstens einem Superstar, der jedes Jahr zweistellige Millionensummen verdient, die Gewerkschaften egal sein könnten. Doch wer kein Mitglied ist, darf nicht bei so genannten Union Shoots mitarbeiten. Und nachdem sämtliche großen Filme unter der strengen Ägide der verschiedenen Gewerkschaften gedreht werden, die einen aggressiven Protektionismus entwickelt haben, geht ohne die Mitgliedskarte gar nichts. Auch nicht für Brad Pitt. Ein möglicher Ausschluß, selbst für begrenzte Zeit, hängt also wie ein Damoklesschwert über der Branche.

Und es ist auch nicht so, dass die Stars in ihren Villen und Strandpalästen sitzen und sich einen Teufel um die Geschicke der Normalsterblichen ihrer Industrie scheren. Sie wissen, dass sie zur Elite ihrer Welt gehören und nur deshalb solche Unsummen verdienen können, weil die Gewerkschaften dafür sorgen, dass die Einkommenspyramide vom Sockel bis zur Spitze auf einer soliden Grundlage steht. Prominente Aktivisten treten regelmässig für die Belange der SAG ins Scheinwerferlicht der Medien. Über fünfhundert bekannte und berühmte Schauspieler wie Michael Douglas, Shirley MacLaine und John Travolta, haben den Brief an AT & T unterschrieben, in dem sie den Telefonkonzern auffordern, das Interimsabkommen zu unterzeichnen, das es SAG-Schauspielern erlauben würde, bei AT & T-Spots mitzuspielen. Und im Prinzip auf begrenzte Zeit all das beinhaltet, was die Gewerkschaft für einen Tarifvertrag verlangt.

Die Stars sind sich ihrer Verantwortung bewußt. Die neuen, globalen Märkte haben den Medienkonzernen und der Werbeindustrie schier unbegrenzten Macht verliehen. Im so genannten Medienzeitalter fürchten sich sogar Filmstars davor, zu content providern degradiert zu werden. Ganz zu schweigen von ihren mittelständischen Kollegen.

“Genau deswegen streiken wir", sagte Martin Sheen zur SZ. “Wir sehen, wie wir beschnitten werden können und wie das auch zukünftige Generationen betreffen wird. Wir müssen jetzt, zu Beginn dieses Jahrhunderts, zu einer Einigung kommen. Sonst werden wir auf Generationen hin versuchen, das Versäumte nachzuholen. Und wir müssen deutlich machen - hier geht es um Menschen, denen geschadet wird. Menschen, die auf ihre Arbeit angewiesen sind, um ihre Familien zu ernähren." Und er bestätigte die Gerüchte: “Es geht hier wirklich um die Existenz unserer Gewerkschaft. Wenn wir zu keinen Einigungen kommen, werden wir nächstes Jahr vor den Studiotoren stehen."

Die einzigen die von einem Streik profitieren werden sind die ausländischen Filmindustrien. In Kanada werden schon seit Jahren alle Filme und Fernsehserien gedreht, die die teuren Gewerkschafts-Crews bezahlen wollen. Europäische und australische Filme könnten in den Filmsommern 2002 und 2003 ungeahnte Chancen auf amerikanischen Erfolg haben. Ausländische Produktionen könnten vielleicht sogar einen Hollywoodstar ergattern, der nicht einmal als Streikbrecher gälte, wenn die Filme nicht in den USA gezeigt werden.

Die amerikanische Filmindustrie mag derweil hoffen, dass sich die Streiks der Stars und Schreiber nächstes Jahr in Grenzen halten. Doch schon droht die nächste Katastrophe. Im Jahre 2002 läuft der Tarifvertrag der mächtigsten aller Gewerkschaften in Hollywood aus. Der Directors Guild of America, der Gewerkschaft der Regisseure. Und ohne die geht dannn wirklich gar nichts mehr.

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