Mister Rushdie, in der Washington Post haben Sie geschrieben, V.S. Naipaul habe den Nobelpreis geschändet. Was ist da vorgefallen?
Salman Rushdie: Naipaul war bei so einer literarischen Veranstaltung in Delhi, wo man seinen Nobelpreis gefeiert hat, und da hat er behauptet, dass die Invasion der Moslems, die ungefähr im Jahre 1000 nach Christus begann, die Kultur Indiens zerstört hätte, und dass sie in Indien eine Zivilisation der Sklaveninstalliert hätten. Das ist zwar vollkommener Blödsinn, aber genau so hat er das gesagt. Und dann hat er den Aufstieg des Hindu-Nationalismus, den die Hindupartei BJP und ihre finsteren Handlanger vertreten, als Rückkehr zum Selbstbewusstsein der Nation der Hindu bezeichnet. Eine Woche später wurden dann diese Greueltaten an den Moslems begangen. Mit seinen Äußerungen hat sich Naipaul auf die Seite der Hindufaschisten gestellt, die in Indien Menschen verbrennen und moslemische Gebäude zerstören. Damit schändet er den Nobelpreis.
Was war denn der Hintergrund der Massaker?
Rushdie: Das geht immer noch auf den Streit um die Babris- Moschee von Ayodhya im Norden von Indien zurück. Sie wurde 1992 von extremistischen Hindu-Fundamentalisten zerstört. Diese glauben, dass die Moschee aus dem 16. Jahrhundert auf dem Geburtsort des Gottes Ram stand. Ob ein Gott überhaupt einen Geburtsort haben kann und ob er wirklich dort anzusiedeln wäre, ist nie geklärt worden. Die Hindus jedenfalls wollen dort einen Tempel errichten, was wiederum die extremen Teile der moslemischen Gemeinde aufgebracht hat. Das geht schon seit zehn Jahren so. Ende Februar hat eine Meute von islamischen Fundamentalisten einen Zug aus Ayodhya überfallen und 58 Leute getötet. Das war genau das, worauf die fanatischen Hindu gewartet hatten. Der ganze Bundesstaat ist daraufhin explodiert. In wenigen Tagen wurden 700 Moslems umgebracht, und die Polizei hat einfach zugesehen. Ein furchtbares Ereignis, das jeden von uns, der von dort kommt, beschämen sollte. Und ausgerechnet in diesem Kontext hat Naipaul gesagt, die Moslems seien eine Katastrophe für Indien.
Das erinnert alles sehr an Milosevic, der seinen serbischen Nationalismus mit der Schlacht auf dem Amselfeld von 1389 begründete.
Rushdie: Genau so. Ich sagen Ihnen, Naipaul ist ein ganz eigenartiger Mensch.
Haben Sie ihn schon früher für seine Haltung angegriffen?
Rushdie: Naipaul hat diesen Standpunkt zwar schon länger vertreten. Die BJP hat seine Reden sogar als Propagandamaterial verteilt und ich fand es schon seit Jahren furchtbar, was er über indische Politik von sich gab. In der Öffentlichkeit habe ich mich allerdings bisher nie dazu geäußert. Jetzt aber, seit der Nobelpreis seiner Meinung ein ungemeines Gewicht gibt, und angesichts der Massaker in Indien hatte ich allerdings das Gefühl, etwas sagen zu müssen. Da wurden schließlich Menschen bei lebendigem Leib in ihren Häusern verbrannt.
Trägt man als Nobelpreisträger eine besondere Verantwortung?
Rushdie: Ich glaube nicht, dass einen der Nobelpreis als Autor zu irgend etwas verpflichtet. Aber als Mensch trägt man Verantwortung. Ich weiß nicht, ob sich Naipaul als Humanist bezeichnet, aber wenn man mit dem Nobelpreis plötzlich so etwas wie ein Megafon in die Hand bekommt, durch das einen die ganze Welt hören kann, dann muss man schon aufpassen, was man so von sich gibt. Ich bin mir sicher, dass er sich sehr genau überlegt, was er sagt, schließlich ist er ein äußerst intelligenter Mann. Der plappert nicht einfach so drauflos.
Hat V.S. Naipaul schon auf Ihren Angriff reagiert?
Rushdie: Nicht, dass ich wüsste. Ich bin schon gespannt, ob er sich dazu äußert, oder ob er glaubt, dass das unter seiner Würde ist. Vielleicht antwortet er ja. Und vielleicht antworte ich dann auf seine Antwort. Wir werden sehen.