DIE PIONIERE VON LAS VEGAS

Mit dem Bühnenunfall bei
Siegfried & Roy geht womöglich
eine Ära zu Ende.

© Andrian Kreye

Die Nachricht, dass der Dompteur Roy Horn in der Freitagsvorstellung der “Siegfried & Roy"-Show von einem seiner weißen Tiger angefallen und lebensgefährlich verletzt worden war, versetzte Las Vegas in einen Schockzustand. Am Sonntagabend versammelte sich eine Menge von rund 300 Menschen vor dem University Medical Centre. Seither harren Angestellte und Fans der Show mit Kerzen und Gebeten neuer Nachrichten. Sein Showpartner und Lebensgefährte Siegfried Fischbacher weiche nicht von seiner Seite, hieß es am Montag früh. Roy könne allerdings nur mit matten Handbewegungen reagieren.

Wie schlimm es um den 59jährigen Roy Horn nach dem Angriff des Tigers steht, hatten die 267 Angestellten der Siegfried & Roy-Show in Las Vegas begriffen, als ihnen die Geschäftsführung des Mirage Hotels am Wochenende mitteilte, dass sie sich nach neuen Arbeit umsehen sollen. Obwohl die Ärzte ihre endgültige Diagnose erst Dienstag oder Mittwoch abgeben wollen, sei die Wahrscheinlichkeit, dass Roy Horn noch einmal mit Siegfried Fischbacher auftrete relativ gering. Das bedeutet nicht nur das Ende einer der mit Abstand erfolgreichsten Shows in der Geschichte Las Vegas', sondern auch das Ende eines Showduos, das in der Unterhaltungsbranche gleich mehrfach Pionierarbeit geleistet hat.

Das Unglück hatte sich ungefähr 45 Minuten nach Beginn der Show ereignet. Zunächst wollte der rund 300 Kilo schwere, siebenjährige Tiger Montecore nicht auf die Bühne kommen. Roy Horn versetzte ihm daraufhin mit seinem Mikrofon fünf leichte Schläge auf die Schädelseite. Als er ihn schließlich auf die Bühnenmitte gelockt hatte, stellte sich der Tiger plötzlich auf die Hinterläufe und biß seinen Dompteur zunächst in den Arm. Horn versuchte ihn mit Mikrofonschlägen abzuwehren.

Fünf Tierpfleger stürzten auf die Bühne, doch der Tiger packte Horn ihn am Hals und zog ihn in die Kulissen. Dabei “schüttelte er ihn wie eine Stoffpuppe hin und her", beschrieb ein Augenzeuge die Szene später. Die 1503 Zuschauer glaubten zunächst noch an einen dramatischen Showeffekt, bis der sichtlich erschütterte Siegfried Fischbacher die Bühne betrat und die Vorstellung vorzeitig abbrach. Im Krankenhaus lösten die Verletzungen dann auch noch einen Hirnschlag aus, so dass die Ärzte den Druck auf Horns Gehirn mit einer Notoperation lindern mußten.

Seit die beiden deutschstämmigen Magier und Dompteure 1990 ihre Show im Mirage Hotel begonnen hatten, war es bei keiner der rund 5700 Vorstellungen zu einem Zwischenfall mit einer der 63 Raubkatzen gekommen, die das Team besaß. Tigermännchen Montecore, der wie viele Tiere der Show im Gehege von Siegfried und Roy aufgewachsen war, hatte sogar als eines der verträglichsten Tiere gegolten. Doch die Dompteursarbeit mit Raubkatzen ist eine ständige Gratwanderung zwischen Unterwerfung und Instinkt. Prinzipiell gelten Raubkatzen niemals als gezähmt, sondern lediglich als dressiert. Es wird vermutet, dass der stoßartige Lärm, den die Schläge mit dem Mikrofon über die Lautsprecheranlage erzeugten, das Tier so verstörte, dass es seinen Meister mit beinahe tödlicher Gewalt angriff.

Der Vorfall ist nun das vorläufige Ende eines Showbizmärchens, das 1964 an Bord des Kreuzfahrtschiffes Bremen begann. Der damals 25jährige Rosenheimer Teppichleger Siegfried Fischbacher arbeitete als Steward und Zauberer. Der 19jährige Roy Horn aus Nordenham bei Bremen hatte als Page angeheuert. Zunächst verband sie die gemeinsame Tierliebe. Horn überredete Fischbacher damals, einen zahmen Geparden in seine Vorstellung einzubauen, den sein Onkel an Bord gebracht hatte.

Während der nächsten Jahre entwickelten sie eine Show, mit der sie relativ erfolglos durch Deutschland tourten. Ihr Durchbruch kam, als das Fürstenpaar von Monaco Grace und Rainier die beiden einlud, 1966 bei einer Benefizgala für sie aufzutreten. Vier Jahre später unterschrieben sie beim MGM Hotel & Casino ihren ersten Las-Vegas-Vertrag. Damit begann ein Aufstieg, der sie über das Frontier Hotel zum Mirage brachte, wo sie vor zwei Jahren einen Vertrag auf Lebenszeit unterschrieben.

In Las Vegas stehen Siegfried & Roy heute in einer Reihe mit den wenigen Legenden, die dort nicht nur ihre Karriere zementierten, sondern die Stadt entscheidend geprägt haben. Frank Sinatra und das Rat Pack standen für Bugsy Siegels Spielerparadies. Elvis Presley brachte den Rock'n'Roll nach Vegas. Der Showpianist Liberace und der Entertainer Wayne Newton etablierten die Langzeitshows in Las Vegas. Siegfried & Roys Engagement im Mirage markierte 1990 die Wende vom Sündenbabel zu einem Las Vegas als Vergnügungspark für die ganze Familie.

Der Besitzer des Mirage Steven Wynn hatte erkannt, dass man mit dem Massentourismus noch viel mehr Geld verdienen kann, als mit den Spielern und der Halbwelt. Wynns Vorbild machte Schule. Heute haben neben Siegfried & Roy auch jugendfreie Entertainer wie der Cirque de Soleil, die Performancetruppe Blue Man Group und die “Titanic"-Diva Celine Dion eigene Theater, in denen sie fast täglich auftreten. Erst seit letztem Jahr versucht die Stadt mit Hotels wie dem Palm's oder dem Hard Rock Casino und einer aufwendigen Werbekampagne ihr neues, braves Image wieder loszuwerden und ein jüngeres Poppublikum für Las Vegas zu begeistern.

Ohne es zu wollen, haben Siegfried & Roy allerdings auch politische Pionierarbeit geleistet. Obwohl sie nie über ihre Privatbeziehung sprachen und immer wieder betonten, dass sie in ihrem drei Hektar großen “Jungle Lodge"-Anwesen getrennte Gemächer bewohnen, so haben sie mit ihrer kinder- und familienfreundlichen Show der Homosexualität in der amerikanischen Massenkultur den sündhaften Ruch genommen. Siegfried & Roy haben den Weg für ein Schwulenbild geebnet, das im amerikanischen Fernsehen mit Sendungen wie "Will & Grace" und "Queer Eye for the Straight Guy" inzwischen sogar Einzug in die Hauptsendezeit gehalten hat. In der Schwulenkultur selbst gelten die beiden deswegen als Ikonen, was Siegfried Fischbacher in einem Interview mit der Vanity Fair einst als "große Ehre" und "wunderbare Sache" kommentierte.

Siegfried und Roy hatten sich jedoch nicht nur einen Namen als Showgrößen gemacht. Mit ihrer Arbeit engagierten sie sich auch im Tierschutz und dem Erhalt von aussterbenden Tierarten. Das 18 Millionen teures Wildgehege ihres “Secret Garden"-Komplexes in der Nähe Mirage Hotel ist eine der weltweit vorbildlichsten Anlagen. Und so waren Roy Horns letzte Worte, bevor er in die Bewußtlosigkeit fiel, nach Angaben der Sanitäter “Bringt die Katze nicht um". Seinem Wunsch wurde nachgegeben. Am Montag wurde der verstörte Montecore nach zweitägiger Quarantäne wieder im “Secret Garden" untergebracht.





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