CHAMPION DER HERZEN

Sylvester Stallones Rückkehr als Rocky

© Andrian Kreye

New York im Dezember '06 - Wenn schon Pathos dann bitte richtig, deswegen die Verabredung, sich Sylvester Stallones neuen, inzwischen sechsten Film mit seiner Boxerfigur Rocky Balboa gleich nach dem Nachmittagstraining im Gleason's Boxing Gym mit ein paar Profis anzusehen, die ein gutes Gespür dafür haben, was man in Bayern als Schmarrn und in Brooklyn als Bullshit bezeichnet. Da kann man dann von der tiefrot gestrichenen Lagerhalle mit den Boxringen und Sandsäcken unten am East River zum Kino in der Court Street laufen und kommt zunächst am alten Pier der Fulton Landing vorbei, von der man über den Fluss auf die Skyline von Manhattan blickt, deren Glastürme am frühen Abend vor einem orangefarbenen Atlantikhimmel stehen, während der Abendverkehr über die Brooklyn Bridge rollt und man sich überlegt, in wie vielen Filmen man dieses Bild als Allegorie für die große Hoffnung und das Versprechen Amerika schon gesehen hat, um die es in allen der nun sechs Rockyfilmen geht. Man unterquert die Stahlbrücken des Brooklyn-Queens-Expressway, und bis man an der Säulenfassade der Borough Hall und den Straßenhändlern vor den U-Bahnschächten vorbei die Schlange vor dem Kino erreicht, ist der Film auch schon durchdiskutiert.

Immerhin wird Rockys Gegner von Antonio Tarver gespielt, einem 38jährigen Leichtschwergewicht der schon achtzehn KO-Siege verbuchen konnte und erst im Juni zwei seiner Weltmeistertitel an Bernard Hopkins verlor. Sylvester Stallone erzählt in den Talkshows derzeit überall herum, dass er Tarver engagiert hätte, damit die Kampfszenen authentischer wirken und dann habe er sich beim Sparren mit Tarver auch den Fuß gebrochen und der zweite Knockdown im Film sei nicht gespielt, da habe ihn der ehemalige Weltmeister fast bewusstlos geschlagen.

Stallone macht aber auch keinen Hehl daraus, dass er sein Leben lang nur mit den Rollen des Boxers Rocky Balboa und des Vietnamveteranen John Rambo Erfolg hatte, dass er Geld brauchte und ihm deswegen nichts anderes übrig blieb, als die Boxlegende und die Ikone des Kalten Krieges wieder zu beleben (der vierte Rambofilm soll 2008 herauskommen). Deswegen ist “Rocky Balboa" zunächst einmal ein Film über das Altern. Im wirklichen Leben ist Stallone dieses Jahr 60 Jahre alt geworden. Im Film spielt er trotzige Ende fünfzig. Die Gratwanderung noch einmal würdevoll zu boxen meistert Stallone jedoch mit Bravour. Wenn Rocky seinem Sohn zum Beispiel erklärt, dass sich nicht davon abhalten lassen will noch einmal zu kämpfen, nur weil er “ein paar Geburtstage zu viel gefeiert" habe, dann ist das nicht der verzweifelte Versuch eines Senioren, jung zu bleiben, sondern der berechtigte Anspruch auf das uramerikanische Recht, nach dem eigenen Glück zu streben.

Die Geschichte ist schnell erzählt. Rocky lebt nach dem Tod seiner Frau Adrian wieder im Arbeiterviertel von South Philadelphia, wo er ein italienisches Lokal betreibt. Nachdem ein Sportsender eine Computersimulation zeigt, in welcher ein junger Balboa den amtierenden Weltmeister Mason “The Line" Dixon schlägt, überredet ihn dessen Management, für einen Schaukampf noch einmal in den Ring zu steigen. Das ist reines Formelkino und doch ist “Rocky Balboa" mit Abstand der beste Film in Stallones so oft belächelter Karriere. Wie bei allen seinen “Rocky"-Filmen hat er das Drehbuch geschrieben und auch noch einmal Regie geführt.

Die Qualitätssprünge sind erstaunlich, was auch daran liegt, dass Stallone aus seinem ideologischen Eifer herausgewachsen ist, der die Folgefilme seiner “Rocky"- und “Rambo"-Serien so oft zu ungelenken Plädoyers für einen zutiefst amerikanischen Wertekonservatismus reduzierte. Die Antagonisten in “Rocky Balboa" sind das Alter, der Verlust und vor allem die Erinnerungen, was Rocky und der Figur seines Schwagers Paulie eine emotionale Tiefe verleiht, die ihnen bisher fehlte.

Die wenigen Momente, in denen “Rocky Balboa" moralisch wird schließen an den klassenkämpferischen Konservatismus des ersten “Rocky" von 1976 an, der damals nicht zuletzt deswegen den Oscar als bester Film bekam, weil er zu einer Zeit, in der sich der liberale Status Quo in die Rechthaberei der “Me Decade" verrannte, ein bodenständiges Wertesystem einklagte, in der Ehrgefühl, Familie, Freundschaft und der Mut, das eigene Glück zu versuchen die Welt in Ordnung bringen. Man kann noch ein wenig am bedeutungsschwangeren Namen seines Boxgegners herumdeuten, der nach der Mason Dixon Line benannt ist, die im Bürgerkrieg den Süden vom Norden trennte und überlegen, ob das einen Generationenkonflikt markieren soll, in dem die Suche nach dem Glück der Alten zum Verdrängungskampf der Jugend verkommen ist. Doch letztlich rührt einen Rockys bescheidene Aufrichtigkeit und sein Kampf gegen die Erinnerungen an die tote Adrian bis zum Schluss zu Tränen und so wird Rocky Balboa schon im ersten Akt zum Champion der Herzen.

Und der Kampf? Immerhin ist “Rocky" ein Boxerfilm und auch da hat Stallone ein Erbe zu bewahren. Er hat hart gearbeitet und seinen Oberkörper zu einem Paket ledriger Muskeln hochtrainiert, mit denen er optisch selbst gegen den Vollblutathleten Antonio Tarver anstehen kann. Nun lässt die “Rocky"-Formel nicht allzu viel Spielraum. Da gehört die Trainingssequenz zu heldischer Musik genauso dazu wie der Boxkampf als Ende des dritten Aktes. Das Training inszeniert Stallone als halbironische Eigenreferenz. Doch der Kampf ist nach allen Regeln der Drehbuchkunst ein eigenes Drama mit so vielen Wendungen und Überraschungen eines abendfüllenden Psychodramas.

Für Box-Insider versteckt Stallone auch dieses Mal wieder unzählige Anspielungen und Gastauftritte. Muhammad Alis alter Freund der Sportmaler Leroy Neiman, der schon in Rocky III, IV und V auftauchte, spielt dieses Mal einen Beamten der Sportaufsichtsbehörde. Der Kampf wird von Michael Buffer angesagt, der sich vor Kurzem seinen legendären Kampfruf "Let's Get ready to rumble" urheberrechtlich schützen liess. Schiedsrichter ist der legendäre Joe Cortez, der sich den Satz "I'm fair, but firm" schützen liess. Die HBO-Kommentatoren Michael Lampley, Max Kellernman und Larry Merchant sitzen mit ihren Mikros am Ring. Legendäre Boxreporter wie Bert Sugar und Lou DiBella spielen sich selbst. Mike Tyson darf kurz pöbeln.

So brillant der Kampf geschrieben ist, so mäßig ist er allerdings in Aktion. Das liegt in der Natur des Genres, denn in Boxfilmen lassen sich die Actionszenen nicht mit Stuntmännern besetzen, weil die Nähe zum Körper jeden Trick entlarven würde. Nun ist Stallone ein leidlicher Faustkämpfer. Den Respekt bei den Boxern hat er sich allerdings eher dadurch verdient, dass er sich seit dreißig Jahren als Advokat für einen Sport stark gemacht hat, dem immer noch der Ruch der Halbwelt anhängt.

Die kleine Schar der Boxer im Gleason's wäre das beste Gegenbeispiel. Da ist der ehemalige Literaturprofessor David Lawrence, der heute Nachwuchs trainiert, der bohemehafte Grant Seligson, der junge Frauen für New Yorker Meisterschaftskämpfe fit macht und die Nummer acht der Frauenweltrangliste Asa Sandell, die sich ihr Geld bisher als Zeitungskolumnistin verdiente und sich gerade auf den ersten Profikampf vorbereitet, der seit dreissig Jahren auf schwedischem Boden stattfindet.

“Ich hätte ganz gut ohne die Kampfszenen leben können", sagt sie höflich. “Aber die Figur hat mich wirklich sehr gerührt." Die beiden Trainer geben ihr recht. Lawrence fragt sich, ob die nostaglische Inszenierung der Gewalt im heutigen Amerika noch so gut ankommt, wie in den Reagan-Jahren. Aber dann sagen sie auch, dass es in diesem Film nicht um den Sport geht, sondern um den amerikanischen Traum. Den haben nur wenige so glaubwürdig vertreten, wie Stallones Rocky Balboa. Der einmal mehr bewiesen hat, dass zum amerikanischen Traum auch immer gehört, dass er niemals enden muss.





Rocky Balboa

Filmtrailer Rocky

Filmtrailer Rocky II

Filmtrailer Rocky III

Filmtrailer Rocky IV

Filmtrailer Rocky V



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