JULIA UND DIE GEISTER VON HOLLYWOOD

Der Broadway in Konkurrenz zu Fernsehen und Kino

© Andrian Kreye


New York im April '06 - Die New Yorker sind schon ein launisches Volk. Erst wurde Julia Roberts Engagement für die Doppelrolle als Mutter und Tochter in Robert Greenbergs Stück “Three Days of Rain" zum Kulturereignis des Jahres hochgejubelt, was dazu führte, dass sämtliche Vorstellungen der dreimonatigen Laufzeit seit Januar ausverkauft sind und die Karten auf dem Schwarzmarkt bis zu tausend Dollar kosten. Doch nach der Premiere schlugen umbarmherzig die Kritiker zu. Ben Brantley schrieb in der New York Times: “Die einzige Emotion, die diese Produktion erzeugt, hat nichts mit dem Geschehen auf der Bühne zu tun, sondern einzig mit der Beziehung zwischen Frau Roberts und ihren Fans." Er bezeichnete sich sogar selbst als einer ihrer Verehrer, weswegen er sich über vier Spalten hinweg mit seinem Verriss quälte: “Man hat großes Mitleid, wenn sie im ersten Akt die Bühne betritt und mit der Starre eines Laternenpfahles einfriert." Die New Yorker Boulevardzeitungen feierten die Premiere zwar mit großen Fotos von Julia Robert auf der Titelseite. Doch Clive Barnes von der New York Post schrieb: “Habe das Stück gehasst. Und traurigerweise auch sie", und Howard Kissel urteilte in der Daily News: “Hier geht es nur darum, dass man seinen Freunden erzählen kann, dass man SIE gesehen hat."

Damit bringt Kissel den Broadway des 21. Jahrhunderts auf den Punkt. Längst geht es nicht mehr um das Theater, sondern um das Ereignis. Julia Roberts und Joe Mantellos Inszenierung des neun Jahre alten Familiendramas werden die Verrisse langfristig nicht viel anhaben können. Schon die 16 so genannten Previews, wie die öffentlichen Kostümproben vor der eigentlichen Premiere heißen, haben rund zwei Millionen Dollar eingespielt und damit sämtliche Verkaufrekorde des Broadways gebrochen. Das sind die Geister von Hollywood, wo Umsatz für Ruhm und Ehre von Schauspielern und Regisseuren schon immer mehr bedeutete, als Kritiken und Preise. Das gilt längst auch am Broadway.

Das Publikum mit Hollywoodglamour ins Theater zu locken wird dort schon länger praktiziert. 1982 sorgten beispielsweise die legendären, damals schon geschiedenen Rosenkrieger Liz Taylor und Richard Burton in Noel Cowards “Private Lives" für eine Theatersensation, die für mehr Aufregung in der Regenbogenpresse, als in der Theaterkritik sorgte. Die jüngste Welle des Hollywoodstarkultes am Broadway begann im Dezember 1998 mit Sam Mendes Inszenierung von David Hares Schnitzler-Interpretation “The Blue Room", bei der Nicole Kidman in einer Szene splitterfasernackt auf die Bühne trat. Der Daily Telegraph hatte die Produktion bei ihrem Debut im Londoner West End schon als “Theater-Viagra" bejubelt. Die damaligen Verkaufsrekorde wurden gebrochen. Wer erinnert sich da noch an Frank Richs Spitzen, der damals in der New York Times lästerte: “100 Minuten Schauspielschulensketche, in denen Frau Kidmans Hinterteil, und wirklich nur ihr Hinterteil für ungefähr fünf Sekunden unverhüllt zu sehen ist."

Doch der Broadway sieht sich eben nicht als Teil der Theaterwelt, sondern als Bühnenunterhaltung, die mit Fernsehen und Kino konkurrieren muss. Das liegt nicht zuletzt am Publikum, das sich zu drei Vierteln aus Touristen aus dem amerikanischen Hinterland rekrutiert, für die ein Theaterbesuch lediglich eine Station bei ihrer Rundfahrt durch den urbanen Vergnügungspark Manhattan darstellt, zu dem neben ausgiebigen Einkaufsbummeln dann auch noch ein Museumsrundgang und der Besuch eines Ethnolokales in Chinatown oder Little Italy gehören. Da geht das Theater keine Risiken ein. Selbst wenn ein schauspielerisches Schwergewicht wie Liam Neeson in Arthur Millers Klassiker “The Crucible" mitspielt, erinnern die Kulissen an europäische Bauerntheater und sobald die Kutsche aus dem Bild fährt, hört man Hufeklappern vom Band.

Der Druck zu gefallen bestimmt inzwischen sogar die Textproduktion. Immer öfter basieren Stücke auf Hits aus Film, Fernsehen und Pop. So wie die größten Erfolge der letzten Jahre - “The Producers" beruhte auf Mel Brooks Film “Frühling für Hitler", “Spamalot" auf “Die Ritter der Kokosnuss" von Monty Python, “Hairspray" auf dem gleichnamigen Film von John Waters und letztes Jahr knüpfte “The Odd Couple" weniger an das Stück von Neil Simon an, als vielmehr an die Fernsehserie “Männerwirtschaft", die wiederum auf der Verfilmung des Stückes basierte. Daneben gibt es Musicals, die dünne Rahmenhandlungen um die Hitlisten von Abba, Billy Joel oder Queen herumstricken, Bühnenfassungen von Fernsehserien wie “The Brady Bunch" und sogar ein Musical, das auf dem Pornofilm “Debbie Does Dallas" beruht.

Dabei ist die Strecke Hollywood-Broadway keine Einbahnstrasse. In den letzten Jahren haben die großen Studio Musicals wie “Chicago", “Das Phantom der Oper" oder “Rent" verfilmt. Und für die Stars erfüllt das Theater inzwischen eine ähnliche Funktion wie der kleine Independentfilm. Da können sie sich beweisen, dass sie das Handwerk auch wirklich beherrschen und sich dabei für Minimalgagen eine ähnliche Glaubwürdigkeit erarbeiten, wie der Rockstar, der in der Blueskaschemme noch mal so richtig die Sau rauslassen kann.

Die Liste der Stars, die sich alleine in dieser Saison auf der Bühne versuchen ist lang. “Sex and the City"-Veteranin Cynthia Nixon spielt in “The Rabbit Hole", Alex Baldwin in “Entertaining Mr. Sloane". Neil Labutes neues Stück “Some Girls" wird mit den Fernsehstars Fran Drescher (“Die Nanny"), Eric McCormack (“Will & Grace") und Maura Tierney (“ER) besetzt. Das “Blue Room"-Erfolgsteam Sam Mendes und David Hares wird “The Vertical Hour" mit Julianne Moore inszenieren.

Natürlich ist die Zahl der Filmschauspieler, die auch auf der Bühne glänzen können immer noch größer, als die der Stars, die solche Engagements zwischen zwei Blockbusterdrehs zur Pflege ihrer Eitelkeiten und Karrieren annehmen. Ralph Fiennes bekam 1995 für seinen Hamlet sogar den Theater-Oscar Tony und wird dieses Jahr in Brian Friels “Faith Healer" auftreten. Schauspieler wie Dustin Hoffman, Al Pacino oder Merryl Streep begannen ihre Laufbahnen sowieso auf der Bühne. So wird Merryl Streep in diesem Sommer im Central Park für ihr einstiges Stammhaus dem Public Theater in Tony Kushners Übersetzung der “Mutter Courage" auftreten, Liev Schreiber in der gleichen Sommerserie den MacBeth geben. Amanda Peet glänzte am Public Theater letztes Jahr schon an der Seite von Ben Stiller und Jeffrey Wright in Neil LaButes “This Is How It Goes", und wird dieses Jahr in einer Inszenierung von Neil Simons “Barfuss im Park" auftreten. Und Cate Blanchett wurde an der Brooklyn Academy of Music gerade als “beste Hedda Gabler aller Zeiten" bejubelt.

Die Beziehung zwischen Broadway und Hollywood funktioniert deswegen so ähnlich wie das Verhältnis zwischen Hollywood und Washington. Die einen haben die Substanz, die anderen den Glamour. Beide können manchmal einfach nicht ohne einander. Wenn es schief geht bleibt eben der Eindruck, hier werde nur spekuliert, so wie diese Woche nach Julia Roberts Theaterdebut. Im besten Falle entsteht jedoch einer jener Synergieeffekte, bei denen auf einen Moment der Ehrfurcht vor dem Glamour ein Abend großes Theater folgt.






Zurück zum Inhalt