Die Farmbesitzerin, die fast meine Schwiegermutter geworden wäre, drückte mir am Abend einen sechsschüssigen Revolver in die Hand. Ihre Tochter und ich sollten im Gätehaus zwei Meilen vom Hauptgebäude entfernt schlafen. Sie wußte, daß ich mit Waffen umgehen kann, und weil Sommer war, während dem in Indiana nicht nur wilde Hunde herumstreunen, sondern auch marodierende Landstreicherbanden, die es auf Bargeld, Schmuck und Farmerstöchter abgesehen haben, fand sie, wir sollten lieber vorsorgen.
Da lag ich dann, den Revolver geladen ins Halfter gewickelt, die Nacht ganz still. Geträumt habe ich, daß die Landstreicher kamen, die Türe aufbrachen, mit Pistolen in den Händen nach Bargeld, Schmuck und der Farmerstochter suchten. Ich träumte davon, daß ich den Revolver leerschoß, daß der Sheriff kam, und ich mit Gaunern und Schlägern aus Indiana eine Nacht im Gefängnis verbringen mußte, bevor ich selbstverständlich wegen Notwehr wieder freigelassen wurde. Am nächsten Morgen lag der Revolver immer noch unter dem Bett. Ich nahm die Kugeln heraus, bevor wir ins Auto stiegen. Das muß man per Gesetz. In der nächsten Nacht träumte ich auch nicht mehr davon. Irgendwie hatte ich verstanden, daß auf einer Farm in Amerika der Revolver nur ein Werkzeug ist.
Habe ich damit jetzt umständlich etabliert, daß ich Waffen und Gewalt natürlich ablehne, daß eine Schußwaffe in den USA allerdings nicht nur ein obszönes Symbol der Gewalt darstellt? Ganz im Gegenteil. Genauso wie das Auto ist die Pistole ein Statussymbol. In Hollywood wird die Pistole sogar zum Kulturträger und Zeichen der Zeit. Womit wir endlich beim Thema sind.
Es war diesen Sommer, als mich Freunde darauf ansprachen, daß die Hollywoodhelden seit Neuestem ihre Pistolen ganz anders halten. Brad Pitt in "Seven", Quentin Tarrantino in "From Dusk Til Dawn", ein paar unbedeutende Schützen in unbedeutenden Filmen - sie alle halten ihre Pistolen mit ausgestrecktem Arm auf die Seite gelegt in der Faust, als ob sie jemandem auf die Nase schlagen wollten. Lässig, fast zu lässig, und - lassen sie sich das von einem Amateurschützen sagen - garantiert nicht zielsicher. Mode, Marotte, alles nicht wichtig? Ganz im Gegenteil. Drei Dinge lassen sich anhand dieser Geste aufzeigen. Der ungebrochene Einfluß von schwarzer Kultur im amerikanischen Pop, was der Nihilismus der Subkulturen und der joviale Umgang des Pop mit Gewalt über den Zustand der amerikanischen Gesellschaft sagen, und was über die Zukunft der Großstädte.
Die Wurzeln dieser neu-hippen Schießtechnik liegen im Jamaika der frühen 80er Jahre. Damals entstand in der Opposition gegen die gescheiterte Rasta-Bewegung ein ganz neuer Reggae-Stil. Dancehall oder Ragamuffin nannte sich der, und war als Antithese zum frömmelnden, Marihuana-vernebelten Rasta-Reggae gedacht. Dort wo die Rastas an das Reich Gottes, die afrokaribischen Wurzeln im Kaiserreich Äthiopien und die spirituelle Kraft des Königskrautes Ganja glaubten, standen die Anhänger der Dancehall-Szene mit beiden Beinen fest auf dem Boden der finsteren Tatsachen. Sie schnitten sich die langen Dreadlocks ab, trugen Goldflitterhemden und teure Sonnenbrillen, paradierten ihre teuren Geländewagen durch die Ghettos von Kingston und interpretierten die Bibel zur Kampfansage gegen Gleichberechtigung, Homosexuelle und die weißen Sklavenherren um. Statt Bands traten die Dancehall-Stars mit DJs auf, und bei ihren Konzerten präsentierten die Fans als Statussymbole Pistolen, mit denen sie in die Luft schossen. Ballistischer Applaus und Macho-Geste in einem.
Die Dancehall-Fans waren die ersten, die den lässigen Umgang mit der Schußwaffe perfektionierten. Anstatt die Hohe Kunst der Westernhelden zu imitieren und aus der Hüfte zu schießen, hielten sie die Waffe nachlässig in der ausgestreckten Faust. Damit sollte nicht nur der Beweis für brutale Männlichkeit angetreten werden, sondern auch für die absolute Verachtung des Gegners, der es nicht einmal wert sein sollte, ordentlich zu zielen.
Die nihilistische Haltung der Dancehall-Stars wurde Mitte der 80er Jahre von der US-amerikanischen Rap-Szene übernommen. Dort trafen zwei gesellschaftliche Entwicklungen aufeinander. Die Hip Hop-Generation hatte den Glauben an den Emanzipationskampf der Schwarzen verloren. Sie verachteten ihre Eltern, die mit ihrer Bürgerrechtsbewegung gescheitert waren, und während der Reagan-Jahre resigniert mit ansehen mußten, wie die Errungenschaften von Martin Luther King und Malcolm X von der rigiden Wirtschafts- und Sozialpolitik der Republikaner wieder demontiert wurden.
Gleichzeitig trat die Droge Crack ihren Siegeszug an. Billiges Rauchkokain mit verheerender Wirkung. Die kolumbianischen Rauschgiftmagnaten hatten Crack als ultimative Billigdroge konzipiert. Hohes Suchtpotential, geringer Preis. Für den schwarzen Publizisten Nelson George war die Crack-Welle ein historisches Ereignis, das den Schwarzen Amerikas mehr schaden sollte, als der Ku Klux Klan und der konservative Bundesgerichtshof zusammen.
Crack brachte Geld in die Ghettos, denn die Kolumbianer nutzten die Gangs als Vertriebssystem. Mit dem neuen Geld kauften sich die Gangster ein paramilitärisches Waffenarsenal zusammen, das von den Rappern in Songs mystifiziert wurde. "9 Millimeter Goes Bang" von Boogie Down Productions, "Mi Uzi Weighs a Ton" von Public Enemy, ".375 Break It On Down" von L.L. Cool J und "Squeeze The Trigger" von Ice-T wurden allesamt 1987 veröffentlichten, und etablierten den Waffenkult in den Hitparaden der schwarzen Musik.
In den Videos der Westcoast-Rapper wie Niggas With Attitude, Dr. Dre und Snoop Doggy Dogg sah man dann zum ersten Mal die neue Schußwaffenhaltung im Fernsehen. Wie schon in Jamaika sollte das coole Schießen Verachtung und eiskalten Haß symbolisieren. Gemäßigte Rapper integrierten die Handhaltung ohne Waffe in Tanzbewegungen.
Es hat in der amerikanischen Popkultur immer gute zehn Jahre gedauert, bis schwarze Hipness in den Mainstream Einzug hielt. Das war bei den Hipstern des Jazz so, die über die weißen Beatniks kulturfähig wurden, und bei den Soul-Rebellen der 60er Jahre, die von der Popindustrie zu Disco und Schlagermaterial degradiert wurden.
Dieses Jahr kam die seitlich gelegte Pistolenhaltung der Ghetto-Nihilisten in Hollywood an. Quentin Tarrantinos lässiger Umgang mit der Gewalt im Kino bot dafür das ideale Umfeld. Selbstverständlich verteidigen sowohl die Rapper, wie die Filmindustrie den hippen Waffenkult mit Kunstanspruch, und der Behauptung, daß ein Song oder ein Film noch niemanden getötet haben. Es gibt auch keine Gegenbeweise. Aber daß das hippe Schießen auch schon in der Praxis geübt wird, zeigte das Video einer Supermarkt-Überwachungskamera, das auf CNN gesendet wurde. Da sah man einen Überfall, bei dem ein schwarzer Bursche die Kundschaft und das Personal zwang, sich in einer Reihe flach auf den Boden zu legen. Dann schlenderte er langsam an seinen Opfern vorbei, ließ die Hand mit der Pistole lässig schräg vor sich baumeln und versetzte jedem der Liegenden einen Genickschuß.
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