Es geht da um ein kleines Mädchen, das krank wird und Angst hat, aber der Vater kümmert sich rührend um sie. Zum Schluß hat das Mädchen dann keine Angst mehr, und Fräulein Tuong und Liu erklären, genau so wäre das auch mit Jesus Christus. Wer zu ihm bete, der würde sich wundern, wie schnell da Wünsche in Erfüllung gingen. Daraufhin senken die Kleinen ihre Köpfe und falten die Hände. Manche legen die Hände dabei noch flach zusammen, wie sie es eben aus den buddhistischen Tempeln gewohnt sind. Und dann, nach dem Gebet, gibt es Geschenke. Beweis erbracht.
Was 1980 in Brooklyn als Bibelschule für Kinder aus Armen- und Einwandererviertel in amerikanischen Großstädten begann, ist heute zu einer eigenständigenn Kirche angewachsen, zu der Ableger in ganz Europa und Asien gehören, darunter auch in Deutschland und der Schweiz. Die Metro Ministries sind ein perfektes Beispiel für eine Bewegung, die von theologischen und soziologischen Fakultäten in aller Welt unter dem Fachbegriff “New Religious Movement", kurz NRM untersucht wird.
NRM Research ist eine relativ junge Forschungsrichtung. Das zentrale Standardwerk dazu erschien letztes Jahr in seiner erst zweiten Auflage - die World Christian Encyclopedia der amerikanischen Theologen David Barrett, George Kurian and Todd Johnson. Das zweibändige Werk von 2400 Seiten behandelt sämtliche Religionsformen und -gruppen in den 251 Ländern der modernen Welt und dient vor allem als Beleg der zentralen These, die sowohl die theologischen als auch die soziologischen Fakultäten der NRM-Forschung vertreten. Im Gegensatz zu den Prophezeiungen der Geisteswissenschaften, hat die Zahl der Religionen und Gläubigen im säkularen 20. Jahrhundert nicht ab-, sondern zugenommen. Und zwar gewaltig.
David Barrett, der früher als Missionar der Anglican Charismatic Church in Afrika stationiert war, wirkt im Interview verhalten, fast scheu, dabei ist er mit seinen Forschungen zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen. Die fünf Weltreligionen des Christen- und Judentums, des Islam, des Hinduismus und des Buddhismus, sind nur die Spitze einer gewaltigen, spirituellen Evolution, die mit dem Beginn der globalen Säkularisierung im 19. Jahrhundert überhaupt erst ihre wahre Dynamik entwickelte. “Unsere Untersuchungen haben vor allem eines ergeben", sagt David Barrett. “Religionen entstehen und verändern sich überall auf der Welt in einem enormen Tempo."
9900 eigenständige Religionen haben Barrett und seine Kollegen weltweit gezählt. Und jeden Tag kommen statistisch gesehen zwei bis drei neue Bewegungen dazu. Die NRM-Forschung unterscheidet dabei nicht zwischen Religionen, Sekten und Kulten. Denn die Forscher haben oft oft genug nachvollzogen, wie aus einer kuriosen Sekte im Hinterland eine weltweite Glaubensrichtung wurde. Die Pfingstkirchen des amerikanischen Südens wurden zum Beispiel noch nach dem Zweiten Weltkrieg als ’Holy Rollers' belächelt, die sich bei ihren Gottesdiensten in wilde Ekstase steigerten, in Zungen sprachen und einer fundamentalistischen Lehre anhingen, die vor allem die Furcht vor dem Leibhaftigen predigte. Heute haben sich die Pfingstkirchen über die ganze Welt verbreitet, Amerikas oberster Staatsanwalt Richard Ashcroft bekennt ich zum Glauben deser Pentecostals, und David Barrett schätzt, dass ihnen bis zum Jahr 2050 über eine Milliarde Menschen angehören werden.
Daneben sind unzählige Religionen mit weltweiter Reichweite entstanden, von denen bis heute kaum jemand gehört hat. Da gibt es den Orden der Nakshanbandiya, einen Sufi-Orden, der in Zentralasien und Indien über 50 Millionen Mitglieder hat. In Vietnam entstand eine Verbindung aus Konfuzianismus, Taosimus und Buddhismus namens Cao Dai, die heute über drei Millionen Anhänger in 50 Ländern hat. Die japanische Sokka Gakkai International, eine Gesellschaft, die einen Buddhismus für Kapitalisten vertritt, verzeichnet heute über 18 Millionen Anhänger in 115 Ländern. Aber es ist vor allem das Christentum, das sich mit atemberaubender Geschwindigkeit entwickelt. Während die traditionellen Kirchen in Europa über Mitgliederschwund und Religionsmüdigkeit klagen, entstehen in Afrika und Asien unzählige neue Kirchen. Rund 33.000 Konfessionen gibt es heute weltweit. Um das Jahr 1900 waren es nicht mehr als 1800.
Christliche Missionsarbeit funktioniert jedoch längst nicht mehr als Instrument der Kolonialisierung der Dritten Welt durch die europäischen und amerikanischen Kirchen. Längst gibt es eine so genannte Süd-Süd-Achse der Missionsbewegungen. Die südafrikanische Zion Christian Church und die nigerianische Celestial Church of Christ propagieren beispielsweise auf dem gesamten Kontinent Formen des Christentums, die stark in afrikanischen Traditionen wurzeln. Brasilianische Pfingstler haben begonnen, in Afrika zu missionieren, afrikanische Gospelkirchen verbreiten sich in Asien und die Zahl der koreanischen Evangelisten hat die ihrer amerikanischen Missionskollegen längst überrundet. Inzwischen gibt es sogar eine neue Süd-Nord-Achse. Afrikanische und asiatische Kirchen arbeiten in Europa und Amerika bisher zwar noch in erster Linie in den Einwanderervierteln. Doch der gläubige Süden hat längst Mitleid mit dem säkularisierten Wohlstandsländern. So sagte der nigerianische Erzbischof Idahosa von der Church of God Mission in Lagos: “Afrika braucht keinen Gott, sondern Geld. Der Norden braucht kein Geld, sondern Gott."
Die Soziologen unter den NRM-Forschern finden es keineswegs erstaunlich, dass sich die Religionsbewegungen vor allem im 20. Jahrhundert so rapide vermehrt haben. Die Missionare der Metro Ministries erfüllen beispielsweise fast alle Voraussetzungen, die für den Soziologen Rodney Stark von der University of Washington den Erfolg einer neuen Religionsbewegung ausmachen. Denn im Gegensatz zu seinen Kollegen aus den theologischen Fakultäten, sagt Stark, ist es keineswegs der Glaube selbst, der den Erfolg ausmacht. Es ginge in erster Linie darum, ein Netz von Beziehungen zu schaffen, das vor allem für die Zuwanderer in den rapide anwachsenden neuen Metropolen die traditionellen sozialen Netzwerke ersetzt, egal ob auf Manhattans Lower Eastside in, den Favelas von Rio oder den Slums von Lagos. In Afrika, wo die Wirtschaft die Menschen zu extremer Mobilität zwingt, bilden die Kirchen zum Beispiel Überlebensgemeinschaften, die jenseits von Stammes- und Ländergrenzen Arbeitsplätze, soziales Leben und den Kontakt zu potentiellen Lebenspartnern anbieten.
Wer als Erwachsener Mensch einer Glaubensgemeinschaft beitritt, der fällt eine ganz rationale Entscheidung, sagt Stark. Und gerade für diese These seiner Arbeit wurde er von den theologischen Fakultäten oft angegriffen. Denn Stark behauptet, die rationale Entscheidung beruhe auf einer Kosten-Nutzen-Rechnung, die Religionen heute dazu zwinge, sich auf dem freien Markt der Glaubensrichtungen nicht nur anzubieten, sondern in dem religiösen Wirtschaftssystem der “Religious Economy" regelrecht zu verkaufen. Gerade in einem Umfeld wie einer Großstadt, in der das Angebot und somit auch die Konkurrenz der Religionen am größten sei, würden Gläubige ihre Religionszugehörigkeit permanent überprüfen.
Für Theologen wie David Barrett und auch für Historiker wie Philip Jenkins bleiben die nüchternen Betrachtungen des Glaubens allerdings zu sehr an der Oberfläche. Die großen Religionskonflikte, der Kampf des Islam gegen die Industrienationen, die Unterdrückung der Moslems durch die Hindus in Indien, die Verfolgung der Falun-Gong in China, könnte man damit sicher nicht untersuchen. Vor allem aber sieht Jenkins in den neuen Religionen und Konfessionen des Südens eine mächtige Bewegung heranwachsen, die man gar nicht ernst genug nehmen kann. Der Islam mag die aktuellen Formen religiösen Radikalismus hervorgebracht haben. Die Spiritualität der asiatischen und afrikanischen Christen beginne sich jedoch schon zu einer Front gegen den säkularen Norden zu verhärten. “Ich glaube, das große Problem des 21. Jahrhunderts wird das Christentum sein", sagte Jenkins kürzlich.
Er mag recht behalten. Bei der ersten interreligiösen Konferenz, die der sudanesische Fundamentalist und “Lenin des Islam" Hassan al-Turabi 1994 in Khartum ausrichtete, lernten sich die beiden künftigen al-Qaida-Führer Osama bin Laden und Ayman Al-Zawahiri kennen. Doch der Chor der Geistlichen, die gegen den säkularen Norden agitierten wurde keineswegs nur von radikalen Mullahs bestimmt. Es waren auch unzählige Adventisten, Pfingstler, Evangelisten und sogar die koreanischen Moonies dabei. Die waren sich in einem Punkt einig. Gott ist groß. Er wird die säkularisierten Länder hart bestrafen. Und nur Gott kann die Sünder erlösen.