VIVA NUEVA YORK !

In der lateinamerikanischen Musik vollzieht sich
ein radikaler Generationswechsel von Salsa zu Reggaeton.

© Andrian Kreye

New York im August '05 - Die Stadtparks in den New Yorker Außenbezirken sind jedes Jahr im Sommer die wahrscheinlich weltweit besten Orte, um Latinomusik zu hören. Ganze puertorikanische, dominikanische und kolumbianische Nachbarschaften quer durch alle Alters- und Einkommensstufen kommen da zusammen, und so konnte man beispielsweise auf der Bühne der Prospect Park Bandshell in Brooklyn innerhalb von ein paar Abenden den Generationswechsel von Salsa zu Reggaeton beobachten, der für lateinamerikanische Musik ungefähr so radikal ist wie die Entwicklung des Pop von den Beatles zu Techno.

Sonntagabend spielte dort der Pianist Eddie Palmieri, der vor drei Jahren La Perfecta neu zusammenstellte, seine legendäre Formation aus den 60er Jahren, mit der er zu einem solchen Giganten der Jazz- und Salsaszene aufstieg, dass er sich später bei seiner Arbeit für das Salsalabel Fania die atemberaubend avantgardistischen Experimente am Klavier erlauben konnte, ohne an Popularität einzubüssen. Heute spielt La Perfecta die Gassenhauer aus der 50jährigen Karriere ihres Bandleaders mit der gebotenen Perfektion und Dynamik, während der gewichtige Palmieri selbst die Rhythmen und Harmonien am Klavier mit einer diebischen Freude dekonstruiert, die an Thelonius Monk in seinen besten Zeiten erinnert.

Die Menge war jedenfalls begeistert und es war keineswegs jenes Bildungsbürgerpublikum in den Park gekommen, das Eddie Palmieri sonst in Konzertsälen wie der Carnegie Hall lauscht. Nein, da waren die Halbstarken mit ihren aufgeputzten Lowrider-Fahrräder genauso gekommen wie würdige ältere Herrschaften in Guayaberahemden und Sommerkleidern, und die wollten gegen Ende des langen Sommertages vor allem tanzen.

Als Gringo braucht man da erst gar nicht versuchen, mitzuhalten. Wer mit den eleganten Schrittkombinationen der Salsa, Bomba und Plena nicht aufgewachsen ist, wird auf dem Parkett immer an die Motorik eines Storches erinnern. Es gehört schon einiges an Übung dazu, nur die unregelmäßigen Clave-Rhtymen mitzuklatschen, die Salsa zu Grunde liegen. Aber genau deswegen hat Salsa für die lateinamerikanischen Einwanderer traditionell die musikalische Brücke in die Heimat geschlagen, mit der sich das Heimweh ein wenig leichter ertragen lässt. In den Texten erzählen Palmieris Hits dann auch von den Bergen, Zuckerrohrfeldern und grünen Inseln der Karibik, und seine Chorsänger mussten nur hin und wieder die Ländernamen Puerto Rico, Dominikanische Republik oder Kolumbien erwähnen, um das Publikum zu Jubelstürmen aufzustacheln.

Es besteht überhaupt kein Zweifel, daran, dass Eddie Palmieri trotz seiner 68 Jahre nach wie vor der modernste Salsamusiker seiner Zeit ist. Trotzdem wurde man das Gefühl an diese Abend nicht los, dass hier ein Botschafter einer Ära auf der Bühne saß, die fast so weit entfernt ist, wie die vielbeschworene Heimat. Was die folgenden Abende nur noch bestätigten, an denen die Vertreter einer neuen Generation lateinamerikanischer Musiker aufspielte, die sich aus den verschiedensten Richtungen im Genre Reggaeton zusammenfinden.

Da trat zum Beispiel die vor allem von jungen Dominikanern gefeierte Grupo Aguakate auf. “El Chino" Correa heißt deren Anführer, ein Koloss, der seinen Spitznamen seinen schmalen Augen verdankt. Mit dem traditionsverbundenen Heimweh von Salsa und Merengue hatte die Musik der Grupo Aguakate trotz der Congas und dem Akkordeon nur noch ein paar Klangfetzen gemeinsam. Ein Schlagzeugcomputer gab die Takte mit eiserner Konsequenz vor, zu der die Band in modisch überweiten Jeans und T-Shirts einen Auftritt inszenierte, der irgendwo zwischen den Sketcheinlagen der in ganz Lateinamerika ausgestrahlten Fernsehshow Sabado Gigante und dem Posieren von Hip-Hop-Stars lag. Die Menge war an diesem Abend groß, jung und begeistert.

In New York ist Reggaeton schon seit längerem die Lieblingsmusik lateinamerikanischer Mantafahrer, die hier natürlich nicht Manta fahren, sondern japanische Kleinwagen, die sie mit schwarzgetönten Fensterscheiben, Chromfelgen und allerlei sportlichem Zierrat ausstatten. Reggaeton ist nichts für zimperliche Ohren. Gegen die Hits der Reaggaetonstars Daddy Yankee, Queen Ivy, Tego Calderon oder Don Omar wirkt das Gepolter des Gangsta Rap wie eine kammermusikalisch untermalte Dichterlesung. Da geht es um die universellen Themen Weiber, Saufen, Feiern, dazu hämmern Elektrorhythmen, die das gesamte rhythmische Erbe der Karibik auf ein blechernes Minimum reduzieren, das in entsprechender Lautstärke auf einen gut gefüllten Nachtclub eine ähnliche Wirkung hat wie ein Anpfiff auf die Südkurve. Da kommt Stimmung auf und nur die Erwachsenen drängen sich ängstlich an die Seite.

Auch sonst gibt sich Reggaeton gerne als der rüpelhafte kleine Bruder des Hip Hop. Da sind die überweiten Lederjacken noch ein bisschen bunter, die Goldketten ein bisschen dicker und neben den schnörkeligen “Cornrow"-Zopfmustern ist einer der beliebtesten Haarschnitte der Schwall geölter Minipli, der dem dominikanischen Starpitcher der New York Mets Pedro Martinez hinten aus der Kappe lappt.

Musikalisch und stilistisch ist Reggaeton fast eine Art Antipode der lateinamerikanischen Popmusik des 20. Jahrhunderts. Anstatt verzinkter Rhythmen aus der Heimat bestimmen wuchtige Elektrobeats die Musik. Statt Heimweh manifestiert sich hier eine Sehnsucht nach den Verheißungen der USA. Statt der komplizierten Salsaschritte kreisen die Tanzstile des Reggaeton um den ’Perro' (zu deutsch der Hund), dessen Name schon ganz gut beschreibt um was es geht und den derben Humor des Reggaeton trifft. “El Chino" Correa ließ sich und seine Mannschaft jedenfalls nicht lange bitten, und so führten sie einer nach dem anderen vor, wie rhythmisch, eindrucksvoll und tief in der Hocke sie ihre Künste als Liebhaber tänzerisch umsetzen können.

Was sich Mitte der 90er Jahre in Puerto Rico als Mischung aus den importierten Musikmoden der dominikanischen Merengue, dem jamaikanischen Dancehall und dem amerikanischen Hip Hop formierte, hat den Marsch durch die Institutionen inzwischen erfolgreich vollzogen. Letztes Jahr landete Daddy Yankee mit “Gasolina" den ersten weltweiten Reggaetonhit. Dieses Jahr lancierte der Medienkonzern Univision in New York mit Radio La Kalle den ersten Sender, der ausschließlich Reggaeton spielt. Das Zentralorgan des Hip Hop Source Magazine wird einen Reggaetonableger an den Kiosk bringen. Hip-Hop- und Modemogul P. “Puff Daddy" Diddy engagierte den Reggaetonstar Tego Calderón neulich für eine Anzeige seiner Modermarke Sean John. Sogar Popdiva Gwen Stefani spielt auf ihrer Krumpsingle “Hollaback Girl" mit dem neuen Genre, wenn sie in eine kurze Spanglish-Litanei ausbricht, warum das ja alles sehr “Bananas" sei, was im Reggaeton ein ähnliches Superlativ ist, wie früher im Hip Hop Begriffe wie dope, phat und def.

Für den Hip Hop ist Reggaeton eine lange überfällige Verjüngungskur, denn wie jedes Popgenre ist auch Hip Hop auf frischen Wind aus dem Untergrund angewiesen. Stars wie Jay Z, 50 Cent und Noreaga produzierten Reggaeton-Remixe und luden Reggaetonstars zu Gastauftritten ins Studio. Denn die ganze Generation marktforschungsgerechter Hip Hopper der Puff-Daddy-Schule hat den Kontakt zur Straße längst verloren hat und zeigt sich stattdessen lieber mit dem neuesten Ice und Bling in ihren Videos, wie der protzige Gold- und Diamantschmuck aus den Vitrinen von Jacob the Jewler liebvoll genannt wird. Auch der Gangsta Rap hat schwer an Anziehungskraft eingebüßt Der konnte während der heimeligen Wirtschaftswunder-90er-Jahre noch für authentischen Grusel sorgen, der in einer Zeit, in der sich eine ganze Generation junger Unterschichtler auf den Strassen von Bagdad und Basra etwas deplaziert wirkt. Da kommt dem Reggaeton der Unterschied zwischen dem Ghetto und dem Barrio zu Gute. Während das schwarze Amerika bis heute unter dem Unrecht der Verschleppung und der Unterdrückung zu leiden hat, etablierten sich die lateinamerikanischen Einwanderer als ehrgeizige Einwandererkultur. Das schlägt sich auch in der Musik nieder, die bei den Latinos von einem fast unumstößlichen Positivismus geprägt ist, der den notorischen Nihilismus des Hip Hop etwas mildern könnte.

Diesen Sommer ist die Welle bis nach Europa und Japan geschwappt, wo die wichtigsten Stars von den Plattenfirmen inzwischen ins reguläre Programm aufgenommen werden. Momentan soll Reggaeton noch als eigenständige Musikrichtung etabliert werden. Ob sich der Erfolg aus den “Barrios³ von San Juan und New York auf Europa übertragen lässt, ist fraglich.Mit seinem zotigen Humor und seinen schlichten Rhythmen eignet sich Reggaeton ganz hervorragend als so genannter Partyknüller, aber ob er sich als Genre durchsetzt oder gemeinsam mit Lambada und Macarena sein Dasein im Programm von Ibiza-DJs fristen muss, ist noch offen.Für das breite, nichtspanischsprechende Publikum wird Reggaeton bald einfach ein weiteres der unzähligen Stilelemente des Hip Hop sein, das sich schon bald in das Vokabular des übergeordneten Genres einschleifen wird, genauso wie auch schon Rock, R&B und Dancehall. Wer aber jetzt schon die Gelegenheit hat, in einem Club oder Park zu erleben, wenn einer der neuen Stars die Menge mit einem scharfen “Al Callao" zur Hysterie treibt, sollte sich nicht allzu viele Gedanken machen. Außer dass normal geschnittene Hosen beim korrekt tiefgelegten’Perro' schnell mal platzen können.





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