Spiel ohne Grenzen

In der kommenden Herbstsaison werden Realitysendungen
die amerikanische Fernsehlandschaft für immer verändern.
© Andrian Kreye

Schadenfreude gehört vielleicht nicht zu den menschlichen Größen, aber der Unterhaltungswert ist unschlagbar. Deswegen ist Reality TV die wohl erfolgreichsten Entertainmentform seit Erfindung des Fernsehens. Von Köln bis Kalifornien ergötzen sich die Zuschauer daran, dass sich andere blamieren, entblößen, verletzten. Und im Falle der neuen Fox-TV-Sendung “Married By America" kann man sich sogar daran beteiligen, dass die Kandidaten vor laufender Kamera ihr Leben verpfuschen, denn in der letzten Folge hat das Publikum zwei einander Unbekannte dazu bestimmt, sich durch einen Sichtschirm die Ehe zu versprechen.

Im amerikanischen Fernsehen waren die ersten Reality-Sendungen lediglich der Versuch, mit billigen Mitteln Geld aus dem Sommerloch zu schlagen. Inzwischen ist das Genre in den USA so erfolgreich, dass die großen Fernsehstationen in diesem Sommer 42 solcher so genannten “buchfreien" Sendungen an den Start bringen werden. Ein Rekord. Das liegt nicht nur am hohen Unterhaltungswert. Der Schadenfreude Spötterfunken kostet die Produzenten nämlich kaum Geld. Seit die Hauptdarsteller von Sitcoms wie “Frasier", “Friends" und “Seinfeld" vor vier Jahren begannen, pro Folge bis zu einer Million Dollar Gage zu kassieren, waren die Sender auf der Suche nach billigem Ersatz und fanden in Reality TV die Lösung. Bei “Big Brother" bekommt nur ein Gewinner Gage für die Staffel. Für Actionspiele wie “Fear Factor" und “Survivor" sparte man sich sogar das Studio. Und Sendungen wie “Popstar", “Superstar" oder “American Idol", wirft die Vermarktung Kandidaten lange nach Drehschluß noch Geld ab.

Dieses Jahr wird das harmlose Sommervergnügen weitreichende Folgen haben. Sagt jedenfalls der Wirtschaftsteil der New York Times, der prognostiziert, dass die kommende Reality-Flut die amerikanische Fernsehlandschaft für immer verändern wird. Dazu sagt “Wer wird Millionär"-Erfinder Michael Davies, der für den Disneysender ABC mit der Muttertauschsendung “Wife Swap" in den amerikanischen Fernsehsommer starten wird: “Die wirtschaftlichen Bedingungen des Fernsehens verlangen immer billigere Sendungen wie diese. Ausschließlich auf Sendungen zu setzen, die nach Drehbuch inszeniert werden müssen, war pervers. Den klassischen 22-Folgen-Zyklus wird es bald nicht mehr geben."

Natürlich gehören zum Erfolg einer Fernsehsendung neben dem glücklichen Produzenten auch noch Publikum und Werbekunden. Die Werbewirtschaft gab sich zu Beginn der momentanen Realitywelle noch scheu. Was sollte man einer Zielgruppe schon verkaufen, die sich daran ergötzt, anderen stundenlang beim Nasenbohren oder dilettantischen Tanzversuchen zuzusehen. Wollte man sich mit solchem Fernsehpöbel überhaupt erst einlassen? Erst seit diesem Jahr schalten auch die zahlkräftigen Telefonfirmen, Kreditinstitute und Automarken, ohne sich um ihr Image zu sorgen. Lediglich Sendungen wie “Fear Factor", bei dem die Kandidaten als Mutprobe Maden, Würmer oder Tierhoden aufessen, müssen sich mit Prollprodukten wie Dodge Trucks, Dosenbier und Burgerketten begnügen.

Das Publikum sorgt dagegen regelmäßig für Einschaltquoten, die sonst für Sportmeisterschaften und Preisverleihungen reserviert sind. Genau erforscht ist das Phänomen noch nicht. Am neuen Realitätsbewußtsein kann es nicht liegen, schließlich hat Reality TV mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun. Im Gegenteil - ohne Handlung und Konzept senken Reality-Sendungen die Konzentrationsschwelle auf bisher nicht erreichtes Minimum und sind deswegen der perfekte Eskapismus.

Vielleicht werden ja irgend wann einmal Soziologen in einer Studie herausfinden, dass der erste Erfolg der Realitysendungen im Sommer 2000 mit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise zusammenfiel. Dann werden sie vielleicht konstatieren, dass das Vergnügen, sich über Zlatkos Bildungslücken, Daniel Küblböcks manische Anfälle oder die Sprachfehler von Ozzy Osbourne und Anna Nicole Smith zu amüsieren, ein tiefes Bedürfnis der Millionen Kleinanleger befriedigte, die ihre Ersparnisse und Renten den Telekoms und Enrons anvertraut hatten und erleichtert feststellen konnten, dass es im Fernsehen noch größere Idioten gab als sie.

Die Hemmschwellen fallen auch in diesem Sommer weiter. In einem guten Dutzend Sendungen werden die Kandidaten verkuppelt, verlobt und verheiratet. In “Love for Sale" können Paare Geld verdienen, wenn sie mit fremden Partnern in Urlaub fahren. Bei “The Will" unterzieht ein reicher Gönner Kandidaten potentielle Erben strengen Prüfungen, der Gewinner bekommt das Testament. Auch die B-Liga der Prominenz ist wieder im Geschäft. Auf ABC sollen Laienboxer um einen Endkampf mit Mike Tyson kämpfen. Komödiantin Roseanne Barr wird vor laufenden Kameras eine Kochsendung aufbauen. Millionärstochter und Partygirl Paris Hilton wird zusammen mit einer Freundin bei einer Bauernfamilie einziehen.

Und wenn alles nach Plan verläuft wird Reality TV bald nicht nur das Fernsehen, sondern die ganze Welt verändern. Rupert Murdochs Kabelsender FX bereitet gerade eine Sendung mit dem Titel “American Candidate" vor. In der soll das Publikum rechtzeitig zu den amerikanischen Wahlen 2004 aus 100 Anwärtern einen Präsidentschaftskandidaten auswählen. Immerhin hat der Erfinder der Sendung R.J. Cutler schon Erfahrungen mit Polit-Reality. Vor elf Jahren hat er D.A. Pennebakers Dokumentarfilm “War Room" über Bill Clintons Wahlkampf produziert. An dessen Sieg glaubte damals auch kein Mensch.





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