Eine Gesetzeseingabe, die kurz vor ihrer Ratifizierung durch den amerikanischen Senat steht, nennt sich umständlich “ The Reducing Americans' Vulnerability to Ecstasy Act of 2002", kurz: Rave Act. Damit machen die Autoren der Eingabe um den Senator Joe Biden aus Delaware deutlich, dass es hier nicht nur darum geht, Designerdrogen wie Ecstasy, Special K oder Rohypnol zu verfolgen, sondern gleich die gesamte Subkultur der Raves. Denn die existiert ihrer Meinung nach ausschließlich dazu, dass die Veranstalter von Raves, “davon profitieren, junge Leben ausnutzen und zu gefährden".
Recht drollig lesen sich die Beschreibungen der Ravekultur in der Sektion “Feststellungen". Da definieren die Senatoren Raves als “nächtelange, alkoholfreie Tanzparties, die typischerweise von lauter, hämmernder Tanzmusik gekennzeichnet werden". Weitere Merkmale der Designerdrogenkultur seien der Verkauf von Wasserflaschen, Leuchtstäbchen, Massageölen und Schnullern “die dazu benutzt werden gegen das unfreiwillige Zähneknirschen anzugehen, das allgemein mit dem Konsum von Ecstasy assoziiert wird", sowie die Einrichtung sogenannter “Chillout-Räume".
Der Duktus mag an die unbeholfenen Versuche aus den 50er und 60er Jahren erinnern, mit Hilfe von reißerischen Aufklärungsfilmen wie “Reefer Madness" vor den Gefahren des Marihuanakonsums zu warnen. Für die Bürgerrechtsanwälte der American Civil Liberties Union ACLU bedeutet der Rave Act nicht weniger, als ein Angriff auf den geheiligten ersten Verfassungszusatz, der nicht nur die Meinungsfreiheit garantiert, sondern auch die “Freedom of Expression", die Freiheit, sich in jeder nur erdenklichen Form auszudrücken und zu verwirklichen.
Technisch gesehen ergänzt der Rave Act das so genannte Crack-House-Gesetz von 1986. Das besagt, dass sich nicht nur die Hersteller und Händler von Drogen strafbar machen, sondern auch diejenigen, der ihnen einen Ort zur Verfügung stellen. Im Falle des Rave Acts würde die Veranstaltung einer Party, bei der Drogen verkauft werden, mit Gefängnisstrafen bis zu 20 Jahren sowie Geldbußen von bis zu 750.000 Dollar geahndet werden. Und auch die Kriterien für den Strafbestand des Besitzes sogenannten "Drogenzubehörs" würde ausgeweitet - wer in Zukunft nicht in Begleitung eines Säuglings ist, kann für den Besitz eines Schnullers geahndet werden.
“Es wird Zeit, dass die amerikanische Öffentlichkeit begreift, dass Raves kein Horte hemmungslosen Drogenkomsums sind, wie die Regierung behauptet, sondern eine etablierte Form von Jugendkultur", sagte Graham Boyd, Direktor des Drug Policy Litigation Project. “Betreiber von Clubs strafrechtlich dafür verantwortlich zu machen, was einige wenige bei ihren Veranstaltungen tun, ist genauso unsinnig, als würde man Stadionbesitzer oder Konzertagenten nach einem Rolling-Stones-Konzert verhaften, weil dort Marihuana geraucht wurde." Und Douglas Rushkoff, Professor für Medienkultur an der New York University, warnte: “In einer Zeit in der die meisten authentischen Ausdrucksformen von Jugendkulturen von Medienkonzernen vermarktet und in Shopping Malls an Teenager verkauft wird, ist die Ravekultur für amerikanische Kids eine der wenigen unkorrumpierten Nischen."
Doch Jugendkulturen waren der amerikanischen Gesellschaft schon suspekt, als Halbstarke in den 50er Jahren mit ihren frisierten Autos volltrunken die nächtlichen Dorfstraßen hinunterdonnerten und dazu Elvis Presley hörten. Was als Generationskonflikt begann, entwickelte sich zum Kulturkampf. Denn Jugend- und Subkulturen stellten schon bald die Grundsätze der amerikanischen Gesellschaft in Frage.
1965 beschrieb Tom Wolfe in seiner Reportage “The Pump House Gang" mit den Surfern im kalifornischen Badeort La Jolla die ersten Formen einer Subkultur, die sich nicht nur im Gestus von der bürgerlichen Gesellschaft abgrenzen wollte, sondern den Akt des Aussteigens als Lebensentwurf akzeptierten. Dazu gehörte aber nicht nur die Verweigerung gesellschaftlicher Normen, sondern auch der spirituelle Ausstieg mit Hilfe von Drogen. Die gesellschaftlichen Umwälzung der späten 60er Jahre bestätigten die Befürchtungen der Konservativen, dass Subkulturen dem amerikanischen Staat durchaus gefährlich werden können.
Die Wurzeln dieses Argwohns finden sich aber nicht erst in den Hochburgen der 68er-Protestkultur sondern schon in den Einwanderervierteln des frühen 20. Jahrhunderts. Dort waren die Subkulturen in den ersten Phasen einer Einwandererwelle oft Sprungbrett für ehrgeizige Kriminelle, die keine Geduld hatten, darauf zu warten, bis sich die amerikanische Gesellschaft seiner Einwanderergruppe so weit geöffnet hatte, dass sie auch wirklich eine Chance auf den amerikanischen Traum bekamen. So betrieben die Tongs der chinesischen Gastarbeiter um die Jahrhundertwende neben dem Rauschgifthandel auch Bordelle und Spielhöllen. Illegale Geschäfte die später die Mobs der jüdischen, die Mafia-Familien der italienischen und erst kürzlich die Bruderschaften der russischen Einwanderer übernahmen. Jede Einwanderergruppe schien ihre Gangster wie Volkshelden zu verehren. Da gab es den irischen Exboxer Paul Kelly, die jüdischen Gangster Meyer-Lansky und Bugsy Siegel, Lucky Luciano und Al Capone von der italienischen Mafia. Stacheln im Fleisch Amerikas, denn sie verwehrten sich gegen den ehersten Grundsatz der Gesellschaft - gegen den Konsens des kleinsten gemeinsamen Nenners und der Integration.
Doch genauso wie sich die Einwanderergruppen über die Generationen hinweg letztendlich doch in den Mainstream Amerikas integrierten, wurden auch die Subkulturen zum allgemeinen Kulturgut. So besuchte der einstige Rebell Elvis Presley am 21. Dezember 1970 Präsident Nixon im Weißen Haus und bot ihm seine Dienste als “Federal Agent at Large" des Bureau of Narcotics and Dangerous Drugs an. Unzählige Subkulturpioniere haben inzwischen die heiligsten Hallen der Macht besucht. Erst kürzlich war der einst als Satanist verrufene Ozzy Osbourne auf Einladung von George W. Bush im Weißen Haus zu Gast.
Seltsamerweise war es der amerikanische Kongreß, der die Ravekultur letztes Jahr zum offiziellen Kulturgut erklärte. Anläßlich des dreihundertjährigen Stadtjubiläums von Detroit gratulierte die Abgeordnete Carolyn Kilpatrick Detroit und seinen Bewohnern dazu, bei der Entwicklung von Techno eine entscheidende Rolle gespielt zu haben. Der Glückwunsch scheint allerdings schon vergessen. Im Februar initiierten gleich 67 Kongreßabgeordnete eine Gesetzeseingabe, die noch weiter geht, als der Rave Act des Senats. Demnach sollen Veranstalter nicht nur dafür verantwortlich gemacht werden, wenn sie wußten, wenn auf ihrem Rave Drogen konsumiert werden, sondern wenn sie es “nach den Regeln der Vernunft hätten wissen müssen". Der etwas ungelenke Titel dieses Gesetzes: the Clean, Learn, Educate, Abolish, Neutralize and Undermine Production of Methamphetamines Act. Kurz: Clean Up.