Für die Mehrzahl der Amerikaner wurde mit dem Fall, der in dem mit mehreren Oscars ausgezeichneten Film “Mississippi Burning" zu schaurigem Weltruhm kam, ein historischer Makel beseitigt. Es war allerdings nicht der erste Mordfall aus der Bürgerrechtsära, der gesühnt wurde. Seit 1989 wurden insgesamt 23 Mordfälle neu untersucht, was zu mit Killens Verurteilung zu sechzig Jahren Gefängnis zu insgesamt 22 Schuldsprüchen führte. Bekanntester Fall war bisher der Fall Byron de la Beckwith, der 1990 wegen des Mordes an dem schwarzen Bürgerrechtsführer von Mississippi Medgar Evers verurteilt wurde. Im Juni dieses Jahres exhumierte das FBI den Leichnam von Emmett Till, der 1955 als 14jähriger in Mississippi ermordet wurde, weil er einer weißen Frau nachgepfiffen hatte, und dessen mutmaßlichen weißen Mörder von einer rein weißen Jury freigesprochen worden war.
Die meisten Amerikaner reden allerdings nicht gerne über das Thema Rassismus. Die Debatte über die gesellschaftlichen Zustände, die noch bis weit in die 90er Jahre hinein mit Leidenschaft geführt wurde, ist weitgehend eingeschlafen. Natürlich hat sich in den letzten vier Jahrzehnten einiges verändert. Der Ku Klux Klan ist heute nicht mehr als ein rassistischer Trachtenverein, der von Bürgerrechtsanwälten wie Morris Dees in unzählige Splittergruppen zerschlagen wurde. Hinter den meisten rassistischen und neonazistischen Organisationen verbergen sich nur ein paar Kumpels oder Einzelne, die sich mit großspurigen Webseiten aufspielen.
Francis Guyot, der mit den drei Mordopfern von Philadelphia gut befreundet war und heute dem Verein für Veteranen der Bürgerrechtsbewegung in Washington vorsteht, sagt: “Rassismus wird heute von der Gesellschaft in Wahrheit viel eher akzeptiert, als 1964." Im täglichen Umgang, im institutionalisierten Rassismus der Berufs- und Finanzwelt, aber auch auf Regierungsebene. Seit der Amtszeit von Ronald Reagan gäbe es einen kontinuierlichen Backlash gegen die Errungenschaften der Bürgerrechtsära. Der 1975 gegründete Ausschuss für Bürgerrechte werde heute von Erzkonservativen geleitet. Mit der Berufung der Richterin Janice Brown an ein Bundesgericht, habe Bush zwar eine Schwarze, jedoch auch eine der schärfsten Gegnerinnen von Quotenregelungen der ’Affirmative Action' und somit eine ’juristische Neandertalerin' in die höchsten Sphären der Justiz befördert.
Die Liste der Zustände und Ereignisse, die Schwarzen das Gefühl geben, Bürger zweiter Klasse zu sein, ist lang. Da sind die eindeutig rassistischen Drogengesetze und die unzähligen Übergriffe der Polizei. Da waren die Behinderungen schwarzer Wähler in Florida 2000, was sich 2004 in Ohio wiederholte, der bizarre Prozess gegen Michael Jackson. Und dann war da noch die Erklärung des amerikanischen Senats, der sich am 13. Juni endlich dafür entschuldigte, dass die Gesetzgeber über die Jahre 200 Vorschläge für ein Bundesgesetz gegen Lynchmord abgelehnt hatten. Immerhin wurden zwischen dem Ende der amerikanischen Bürgerkrieges im Jahre 1865 und 1968 insgesamt 4742 Schwarze von weißen Lynchmobs ermordet. Die Entschuldigung war keineswegs einstimmig beschlossen worden.
New York, 24.06. '05 - Mit der Verurteilung des ehemaligen Ku-Klux-Klan-Führers Edgar Ray Killen wegen des Mordes an drei jungen Bürgerrechtsaktivisten in dem Provinzstädtchen Philadelphia, Mississippi, wurde diese Woche nach 41 Jahren der Fall abgeschlossen, der die längsten Schatten über die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung geworfen hatte. Die ganze Welt erfuhr da im Rahmen der Prozessberichterstattung noch einmal, dass es in Mississippi bis Anfang der 70er Jahre eine Rassentrennung gegeben hatte, die mindestens so barbarisch war, wie die Apartheid in Südafrika. Man wurde noch einmal daran erinnert, dass diese von den lokalen Regierungen und Behörden des heute noch ärmsten Bundesstaates der USA so konsequent aufrecht erhalten wurde, dass die Beamten der Bundespolizeibehörde FBI der Justiz von Mississippi 1964 so sehr misstraute, dass sie ihr keine Beweismittel in die Hand geben wollte. Deswegen war es ja auch nie zu einem Mordprozess gekommen, obwohl es neunzehn sehr stichhaltig verdächtige Rassisten gegeben hatte.
Sollte es da stutzig machen, dass der Fall mit der größten weltweiten Aufmerksamkeit der Fall war, bei dem neben einem Schwarzen eben zwei Weiße ermordet wurden? Solche Themen waren früher Zündstoff. Heute schweigt man sie lieber tot. Doch wenn man eine Zeitlang mit den Veteranen der Bürgerrechtsbewegung spricht, mit den heutigen Aktivisten, oder ganz allgemein mit Schwarzen in Amerika, dann zeichnet sich schon bald das Bild eines Landes ab, in dem der Rassismus zwar verdrängt wurde, aber immer noch als ewiger Makel auf seiner Bevölkerung lastet. Die Verurteilung Killens kann nur ein Anfang sein, sagen sie. Es sei jedoch noch ein langer Weg bis zu einer de facto Gleichheit.
Auch die Stellung der Schwarzen in der Gesellschaft hat sich enorm verbessert. Zählten Anfang der 60er Jahre lediglich ein Drittel aller amerikanischen Schwarzen zum so genannten Mittelstand, sind es heute schon zwei Drittel. Und hat George W. Bush mit Colin Powell und Condoleezza Rice nicht sogar zwei Schwarze zum Brückenkopf Amerikas im Rest der Welt gemacht? Doch es gibt einen großen Unterschied zwischen Fakten und dem gefühlten gesellschaftlichen Klima. Das Thema Powell und Rice ist wahrscheinlich das heikelste von allen. Der legendäre Bürgerrechtsjournalist und Jazzdiscjockey Studs Terkel ist einer der wenigen, die sagen, was viele denken: “Powell war so etwas wie Bushs Butler und die Berufung von Condoleezza Rice ist, als ob sie die Kammerzofe zur Haushälterin gemacht hätten."
Mehrheitsfraktionsführer Bill Frist hatte eine offene Abstimmung verhindert. 20 Senatoren weigerten sich, die staatliche Entschuldigung zu unterschreiben. Die nächste für Beobachter haarsträubende legislative Maßnahme - in zwei Jahren müssen Teile des Voting Rights Act, der Schwarzen 1965 uneingeschränktes Wahlrecht zusprach, vom Präsidenten erneuert werden, denn der Voting Rights Act ist nur gesetzliche Anordnung, kein Gesetz. Leroy Clemens, der im Protzesstädtchen Philadelphia den Ortsverein der Bürgerrechtsbewegung NAACP leitet, sprach vielen aus der Seele, als er sagte, da fühle man sich als schwarzer Amerikaner noch heute als Bürger auf Bewährung.
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