RADIOAKTIVER QUALM

Interview mit dem Wissenschaftshistoriker
Robert N. Proctor über Polonium in Zigaretten

© Andrian Kreye

New York im Dezember '06 - Robert N. Proctor ist Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Stanford University in Palo Alto. Seine Spezialgebiete sind die historischen Kontroversen in Wissenschaft, Technologie und Medizin. Bei den Prozessen der amerikanischen Regierung gegen die Tabakindustrie funigerte er immer wieder als Experte. Sein Buch “Blitzkrieg gegen den Krebs" über die Gesundheitspolitik im Dritten Reich ist in Deutschland bei Klett-Cotta erschienen. Derzeit arbeitet er an einem Buch mit dem Titel “Darwin in the History of Life".

Herr Professor Proctor, Sie schreiben, dasss man in Zigaretten Polonium 210 findet, mit dem der russische Exspion Alexander Litwinenko ermordet wurde. Wie kommt so ein radioaktives Gift in Zigaretten?

Proctor: Wissenschaftler haben lange darüber gestritten, ob Radioaktivität im Zigarettenrauch von radioaktivem Niederschlag kommt, der auf die klebrigen Blätter fällt, oder ob sie von den Pflanzen auf natürlichem Wege aus der natürlichen Radioaktivität des Bodens aufgenommen wird. Es hat sich inzwischen herausgestellt, dass Radioaktivität in Zigaretten von natürlichen Zerfallsstoffen von Uran stammt, die von den Pflanzen über die Wurzeln aufgenommen werden. Das ist zunächst radioaktives Blei 210, das sich dann zu Polonium 210 zersetzt, dem wichtigsten Radioistop im Zigarettenrauch.

Ist die feststellbare Dosis in einer Zigarette von Belang?

Proctor: Sie ist sicherlich klein - ungefähr .04 Picocuries pro Zigarette. Deswegen ist es schwer zu sagen, welche Rolle Polonium 210 bei Krebserkrankungen spielt. Allerdings gehört Polonium 210 zu den stärksten Emissionsquellen von Alphastrahlung, die nach der Atmungstoxikologie die bei weitem tödlichste Form von Strahlung ist. Polonium hat eine Halbwertszeit von 138 Tagen, was bedeutet, dass es viel radioaktiver ist, als Radium, Uran und sogar als das Plutonium, das in der Nagasakibombe verwendet wurden. Mehrere tausend Mal so radioaktiv.

Was für einen Effekt hat diese Form von Radioaktivität?

Proctor: Man tut jedenfalls gut daran, Alphastrahlungsquellen nicht einzuatmen. Die setzen sich auf dem Lungengewebe fest und verstrahlen so über Jahre und Jahrzehnte die umliegenden Gewebe. So bekommen Uranminenarbeiter Lungenkrebs. Sie atmen Radonisotope ein, welche die Alveolarepithelzellen mutieren. Niemand weiss, wieviele genetischen Schritte nötig sind, um Lungenkrebs auszulösen, aber Radioaktivität kann einige dieser Schritte vollenden. Studien, bei denen Nagetiere Polonium einatmeten, haben gezeigt, dass solche Isotope alleine Lungenkrebs auslösen können.

Wer hat das herausgefunden?

Proctor: In den geheimen Archive der Tabakindustrie finden sich schon in den Fünfziger Jahren Diskussionen über die radioaktiven Gefahren von Tabakrauch. Damals machte man sich allerdings noch um radioaktives Potassium Sorgen. Der Durchbruch kam aber 1964, als Edward Radford und Vilma Hunt von der Harvard University detaillierte Messungen von radioaktivem Polonium im Tabakrauch veröffentlichten. Das brachte die Zeitschrift Science nur zwei Wochen nach dem Bericht des Gesundheitsministeriums, der bestätigte, dass Rauchen definitiv Lungenkrebs auslöst. Viele Wissenschaftler dachten damals, dass Radioaktivität der Grund ist, warum Rauchen Menschen tötet. Die Forscher der Tabakindustrie begannen damals eine ganze Reihe geheimer Untersuchungen, um herauszufinden, wieviel Polonium in Tabak ist und ob uranreiche Düngemittel dafür verantwortlich sein könnten.

Dann wissen die Tabakfirmen schon seit Jahren davon.

Proctor: Sie wissen seit Jahren davon und noch viel mehr. Die geheimen Archive der Tabakindustrie sind voll von hunderten von Untersuchungsberichten über Polonium. Andere Dokumente beschäftigen sich damit, ob Speizalfilter Polonium elminieren können. Das waren frustrierende Untersuchungen, weil es in Wahrheit sehr schwer ist, ein Gift aus dem Tabakrauch zu entfernen, ohne ein anderes Gift zu vermehren. Wenn man den Teer entfernt, atmen die Menschen mehr Nikotin ein, das beim Verbrennen karzinogene Nitrosamine produziert.

Werden deswegen nicht Filter in die Zigaretten eingebaut oder der Nikotingehalt gesenkt?

Proctor: Filtration ist ein Mythos. So etwas wie sauberen Rauch gibt es nicht. Das ist nicht wie Wasser, das man reinigen kann. Aber Filter beruhigten die Öffentlichkeit, obwohl die Tabakindustrie seit den Dreissiger Jahren weiss, dass die Filterfunktion des Tabak selbst genausogut ist, wie die des Zellulose-Azetats, das heute in Filtern verwendet wird. Deswegen fordern einige Antitabakaktivsten ja auch das Verbot von Filtern. Sie sparen der Industrie nur Geld und die Leute denken, sie rauchen gesünder. Das Gleiche gilt für “Light"-Zigaretten. Leute, die auf “Light"-Zigaretten umsteigen, neigen dazu zu kompensieren, indem sie stärker ziehen oder mehr rauchen. Das sind alles keine Lösungen.

Wieviele krebserregende Stoffe sind denn in einer Zigarette enthalten?

Proctor: Im Zigarettenrauch sind Dutzende Karzinogene. Die wichtigsten sind Arsen, Benzopyrene, Nitrosmaine und ein Hexengebräu aus polyzyklischen aromatischen Kohlewasserstoffen, Aldehyden, Phenol und so weiter. Teer, Nikotin und Gas sind die wichtigsten Gifte.

Sind das nicht nur Beistoffe?

Proctor: Die durchschnittliche Zigarette transportiert ungefährt zehn Milligram Teer. Jedes Jahr werden ungefährt 5,7 Billionen Zigaretten geraucht, mit denen man eine Kette von der Erde zur Sonne und zurück mit einem Umweg zum Mars bilden könnte. Das bedeutet, dass Raucher jedes Jahr ungefähr 57 Millionen Kilogramm Teer einatmen. Das ist genug, um 5700 Eisenbahnwaggons bis zum Rand mit jeweils 10.000 Kilogramm Teer zu füllen. Oder nehmen Sie das Arsen - die durchschnittliche Zigarette enthält .2 Milligramm von diesem tödlichen Gift. Das heisst, dass Raucher jedes Jahr weltweit eine Million Kilogramm Arsen einatmen.

Das Gleiche gilt für Zyanid, von dem Raucher jährlich ungefähr eine Million Kilogramm einatmen. Deswegen verwundert es einen nicht, dass Zigaretten die weltweit grösste Ursache für vermeidbaren Tod sind. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass Tabak bis zum Jahr 2020 jedes Jahr ungefähr zehn Millionen Menschen töten wird. Ein Drittel davon in China. Im 20. Jahrhundert haben Zigaretten rund 100 Millionen Menschen getötet, und ohne dramatische Veränderungen werden sie in diesem Jahrhundert rund eine Milliarde töten. In diesem Moment wachsen in Abermillionen von Rauchern unbemerkt Tumore.

Sie haben als Experte bei einigen Prozessen gegen die Tabakindustrie ausgesagt. Wie ausgeklügelt sind denn die Methoden, Informationen dieser Art zu verbergen?

Proctor: Noch viel ausgeklügelter, als Sie sich das wahrscheinlich vorstellen. Ich werde normalerweise als Experte bestellt, der festzustellen hat, wer was wann wusste. Ich gebe also Gutachten ab, wann bestimmte Tabakgefahren in der wissenschaftklichen Gemeinde und in der Öffentlichkeit bekannt waren. Die Tabakindustrie gewinnt ja die meisten ihrer Fälle, weil sie behauptet, dass das “jeder immer schon gewusst" habe, dass Rauchen schlecht für einen ist, deswegen haben sich Raucher welche Krankheit auch immer sowieso selbst zuzuschreiben. Raucher wurden ja “ausreichend gewarnt".

SZ: Das scheint aber gut zu funktionieren. Schliesslich weiss heute kaum jemand, dass Zigareteten radioaktives Polobnium 210 enthalten, und wäre Alexander Litwinenko nicht damit ermordet worden, wäre der Stoff auch nicht besonders bekannt.

Proctor: Genauso wie kaum jemand weiss, was sonst noch für Müll im Tabak ist und was der im Körper bewirkt. Wieviele Leute wissen zum Beispiel, dass Tabak Blasen- und Brustkrebs verursachenkann? Wieviele wissen, dass Rauchen die führend Ursache für Erblindungen ist, oder dass Filter Weichmacher in den Lungen freisetzen? Wer wusste schon, dass Filter der Marke Kent Millionen Fasern von Crocidolite-Asbest enthielten. Die Tabakindustrie spricht immer von Allgemeinwissen. Wir müssen eher von allgemeinem Unwissen ausgehen. Die Tabakindustrie hat die Realität dieser Leiden entweder bestritten, oder mehr Forschung verlangt. Das ist reine Ablenkungsforschung. Wir haben inzwischen ein Programm mit dem wir erforschen, wie Unwissen hergestellt wird. Wie nennen das Agnotologie.



Thank You For Smoking

Robert N. Proctors Webseite



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