Nicht viel anders verfahren die Lautsprecherbataillons auch heute noch. Francis Ford Coppola hat der Taktik in “Apocalypse Now" ein Denkmal gesetzt, wenn Oberst Kilgores Hubschrauber die Bewohner eines vietnamesischen Dorfes mit Wagners Ritt der Walküre in Angst und Schrecken versetzen. Heute lassen die Humvees mit den Batterien hochleistungsfähiger Lautsprecher auf dem Dach wahre Sperrfeuer aus Propagandanachrichten, Störgeräuschen und Musik auf die feindlichen Truppen niedergehen. Mit wachsendem Erfolg. Seinen ersten Einsatz, so erzählte der junge Amerikaner, hatte er bei der legendären Belagerung der päpstlichen Nuntiatur, in die sich der Militärdikator Manuel Noriega geflüchtet hatte. Rund um die Uhr spielten die Soldaten damals Rock und Heavy Metal, um den Opernfan Noriega zum Wahnsinn zu treiben. Es gab keinen wirklichen Plan. Die Soldaten konnten spielen, was sie wollten. Sie besorgten sich die Schallplatten vom Radiosender der PSYOP-Truppen. “Ich habe viel Skid Row gespielt, Judas Priest, Guns and Roses - Hardrock halt." Nach vier Tagen und Nächten gab der Diktator auf.
Nur zwei Monate später zogen die PSYOP-Truppen euphorisiert von ihrem Erfolg an den persischen Golf. “Die meiste Zeit spielten wir Bänder mit Aufnahmen von Geschützdonner und Hubschraubern. Und vor allem mit Aufrufen an die Irakis, dass sie aufgeben sollen", erinnerte sich der junge Amerikaner an seinen zweiten Einsatz. “Aber dann durften wir auch wieder spielen, was wir wollten." Er lachte kurz auf. “Ich glaube meine Musik war für die Irakis noch schlimmer, als die Propaganda. Die hatten sowas noch nie gehört. Die wußten gar nicht wie ihnen geschieht."
Es war hier, während den Operationen Desert Shield und Desert Storm, dass sie jene Siege errangen, die den Planern im Pentagon derzeit das Selbstbewußtsein geben, dass ein möglicher Krieg gegen den Irak schnell gewonnen sein könnte.
Die Angriffe auf die Köpfe und Herzen der Iraker verliefen stets in drei Wellen. Zuerst sendeten die PSYOP-Truppen Radiosendungen ins Feindgebiet. Dann warfen sie Flugblätter ab. Und schließlich beschallten sie die Schützengräben und Bunker im Feld. Ed Rouse, ein vierschrötiger Major der Luftlandetruppen, der mit der 4th Psychological Operations Group in den letzten Golfkrieg zog, kann die Erfolgsstatistiken noch heute herunterbeten. “71 Lautsprecherteams waren im Einsatz. 44 Prozent aller Truppen desertierten. 98 Prozent der Kriegsgefangenen gaben an, dass sie Flugblätter besaßen, 58 Prozent sagten, dass sie den Radiosendungen der Koalitionstruppen Glauben geschenkt hätten. 34 Prozent hatten unsere Lautsprecher gehört, und davon haben die Hälfte die Anweisungen zu desertieren befolgt."
In den folgenden Jahren wurden die psychologischen Angriffe so weit perfektioniert, dass sie schon bald zur Routine wurden. Daran erinnert sich Oberst Charles Borchini, der mit der 4th PSYOP Group in Grenada, Somalia und dem Kosovo im Einsatz war und heute für den Think Tank des Potomac Institute arbeitet. “Jedesmal wenn die Marines in eine Stadt oder in ein Dorf einrückten, verbarrikadierten sich die Rebellen in einer der Hofanlagen", sagt er. “Die Marines haben sie dann zuerst mit ihren Humvees und Maschinengewehren umstellt. Dann kam der Humvee mit den Lautsprechern, zu dem auch immer ein Linguist gehörte, der ihnen dann in ihrer Sprache erklärte, dass sie jetzt ganz langsam und mit erhobenen Händen rauskommen sollten. Bis auf ein Mal hat das immer geklappt." Und der PSYOP-Veteran Herb Friedman erzählt, wie amerikanische Truppen über Afghanistan von C-130-Maschinen aus Musik sendeten, um die Bevölkerung ans Radio zu locken, wo sie dann Berichte über die Greueltaten der al Quaida zu hören bekamen.
Der kommende Irakkrieg hat für die PSYOP-Einheiten längst begonnen. Während die inzwischen rund 300.000 Kampftruppen rund um den Irak mit wachsender Ungeduld die diplomatischen Verhandlungen verfolgen, haben die gut 1400 PSYOP-Spezialisten in Fort Bragg und vor Ort längst mit ihrer Arbeit begonnen. Seit Dezember schon senden Radioeinheiten aus den Anrainerstaaten und von C-130-Maschinen aus eine Mischung aus Popmusik und Propaganda. Ein Sender, der sich nach Saddam Husseins Geburtsort Radio Tikrit nannte, tarnte sich bis vor zwei Wochen als pro-Hussein-Anstalt, um dann langsam aber stetig auf die Linie der Opposition zu schwenken. Cyberkrieger überfluten die E-Mail-Konten irakischer Offiziere derzeit mit Aufrufen, rechtzeitig zu desertieren, um nicht als Kriegsverbrecher angeklagt zu werden. Oder sie rufen sie auf ihren Handys und Privatnummern an, um sie zum Umsturz aufzuwiegeln. Auch die Flugblattaktionen haben wieder begonnen. Sie warnen die Bevölkerung, sich von militärischen Einrichtungen fernzuhalten und vermelden die aktuellen Frequenzen der Propagandasender.
Südlich des 32. Breitengrades hat der richtige Krieg allerdings ganz heimlich schon begonnen. Seit Anfang dieses Jahres nehmen die amerikanischen und britischen Kampfpiloten ihre Aufgaben bei den Patrouillen in der Flugverbotszone etwas ernster als bisher. So haben sie in mehr als 40 Einsätzen schon mehrere Raketenwerfer und Flakbatterien zerstört. Alleine letztes Wochenende flogen sie fünf Angriffe auf Kommunikationszentren und Radarstationen, bei denen angeblich sechs Iraker getötet wurden. Damit, so vermuten Beobachter, schlagen sie schon mal eine Schneise für die Invasion.
Die Iraker testen unterdessen die Einsatzgeschwindigkeit ihrer potentiellen Gegner. Vergangenen Dienstag und Donnerstag erwischten amerikanische Abfangjäger irakische Migs im saudischen Luftraum. Schon im Dezember hatten irakische Jets eine unbemanntes Spionageflugzeug abgeschossen.
Glaubt man den Buchmachern in Las Vegas, dann wird der offizielle Krieg noch im März beginnen. Viel Arbeit für die PSYOP-Krieger. Denn für sie zählt nicht nur der Irak zu den Zielgebieten. Auch unkooperative Drittstaaten gehören zum Aufgabengebiet der PSYOP-Einheiten. Werden also amerikanische Armeemaschinen demnächst über deutschen Fußgängerzonen und französischen Boulevards demnächst Flugblätter mit bunten Bildern abwerfen? Werden Radiosender und spezialisierte Lautsprechereinheiten unser Land demnächst mit amerikanischer Popmusik beschallen? Werden sie unsere Fernsehprogramme unterlaufen, wie in den osteuropäischen Staaten nach dem Mauerfall, oder gar Verlage gründen, um amerikanische Literatur unter die Leser zu bringen, wie der CIA gleich nach dem Zweiten Weltkrieg? Bisher war die europäische Front für die PSYOPs ein Waterloo. Auf solch zivilisierter Ebene heißt das allerdings auch nicht mehr PSYOP, sondern internationale Diplomatie. Das Ziel ist das Gleiche. Das steht im Regimentsmotto der 4th PSYOP Group, das der junge Amerikaner gegen frühen Morgen rhythmisch zu einem Gitarrenriff skandierte: “Capture their mind. Their hearts and souls will follow". Besser kann man das amerikanische Sendungsbeußtsein nicht auf den Punkt bringen.
Es war spät geworden vor den Strandhütten, es hatte Bier gegeben und der junge Amerikaner begann zu erzählen. Von seiner Zeit als Soldat, der Invasion in Panama und vom Golfkrieg, der damals noch nicht lange vorbei war. Er geriet ins Prahlen und deswegen wollte ihm erst keiner glauben. “Ich habe den besten Job in der ganzen US Army", sagte er. “Ich bin Kampf-DJ und mit meiner Plattensammlung habe ich noch jeden Feind in die Flucht geschlagen." Das klang nach zu viel Bier und zu viel Sonne hier am karibischen Meer. Aber dann ging er ins Detail und erklärte die Funktion der legendären Lautsprecherbataillons die mit den PSYOP-Truppen aus Fort Bragg ins Feld ziehen, jenen Spezialisten für so genannte psychologische Operationen, die den Kampf in den Köpfen der Feinde führen, um ihre Herzen zu erobern.
Psychologische Kriegführung ist so alt wie die Geschichte der Kriege selbst. Alexander der Große ließ seine Schmiede Rüstungen für zweieinhalb Meter große Männer anfertigen, die sie unterwegs verlieren sollten, um den Spähern der Feinde einen Schrecken einzujagen. Die Perser nutzten den Respekt der Ägypter vor heiligen Katzen und brachten deren Schlachtformation ins Wanken, indem sie hunderte von Tieren in ihre Reihen scheuchten. Und in ihrer simpelsten Form hat sie sich bis heute fast unverändert erhalten: kurz vor der Schlacht, wenn sich die Truppen schon Auge in Auge gegenüberstehen, bedrohen und beschimpfen sich die feindlichen Soldaten, um dann mit Gebrüll aufeinander loszugehen.
Wahre Heldengeschichten weiß der Major. Von dem Team des neunten PSYOP-Bataillons, das seine Lautsprecher an einen Hubschrauber montierte und 1405 irakische Soldaten, die sich auf der kuweitischen Hotelinsel Failaka verschanzt hatten, dazu brachte, sich in Marschformation zu ergeben. Von dem ein dreiköpfigen Team der 101st Airborne Division, das sich bei Thaqb al Hajj mit seinen Lautsprechern bis auf 300 Meter an einen besonders hartknäckigen Bunker heranrobbte und 435 Iraker dazu brachte, zu desertieren. Über 100.000 irakische Soldaten ergaben sich während der Operation Desert Storm, ohne dass ein einziger Schuß fiel, sagt der Major. “Das hat bewiesen, dass sich PSYOP-Einsätze wirklich lohnen und auf beiden Seiten unzählige Leben gerettet haben."
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Abbildungen: PSYOP-Flugblätter aus den Monaten Februar und März 2003.