Der im Januar verstorbene Comiczeichner Will Eisner hat in seinem letzten Werk “The Plot" die kuriose Geschichte der Protokolle nachgezeichnet. Eisner stützt sich dabei auf die Forschungen des russischen Historikers Michail Lepekhine, der 1999 Beweise veröffentlichte, die belegten, dass die Protokolle 1898 von einem jungem Anwalt und Propagandist namens Mathieu Golovinski verfasst wurden. Der hatte von Hardlinern des zaristischen Geheimdienstes den Auftrag bekommen, ein Dokument zu fälschen, das dem Zaren Glauben machen sollte, Liberalismus und Moderne seien nur eines der perfiden Mittel, mit denen sich die Juden zur Weltherrschaft aufschwingen wollten. Aus Zeitmangel kopierte Golovinski die französische Satire “Dialog zwischen Machiavelli und Montesquieu in der Hölle", mit der der Autor Maurice Joly 1864 gegen die Politik Napoleons des Dritten agitiert hatte.
Mehrere Male wurden die Protokolle als Fälschung entlarvt. Ein Prozess der jüdischen Gemeinde gegen den Schweizer Verleger der Protokolle in Bern brachte 1935 Beweise, dass es sich bei dem Machwerk um Propaganda handelte. Der amerikanische Senat veröffentlichte 1964 einen ausführlichen Bericht über die Geschichte der Fälschung. Und doch sind die Protokolle der Weisen von Zion heute verbreiteter als je zuvor.
Das Simon Wiesenthal Center hat nun erstmals einen Leitfaden mit dem Titel “Dismantling The Big Lie" herausgegeben, der die Protokolle der Weisen von Zion akribisch widerlegt. “Es ist ja weithin bekannt, dass die Protokolle eine Fälschung sind", sagt Mark Weitzman, Leiter des New Yorker Wiesenthal Centers und Mitautor des Buches. “Das geht aber nicht an die Wurzel des Problems." Das Buch bediene zu viele Bedürfnisse, sagt Weitzman. “Zum einen wurden alle anderen Formen des Antisemitismus im letzten Jahrhundert delegitimiert. Den wissenschaftlichen und rassischen Antisemitismus hat der Holocaust verworfen. Nach dem Holocaust sind die Kirchen vom religiösen Antisemitismus abgerückt. So bleibt lediglich der Antisemitismus der Verschwörungstheoretiker, der vor allem in Europa und der moslemischen Welt vor sich hinschwelte und nach den Anschlägen des 11. Septembers wieder ausbrach. Das hat auch das Internet sehr vorangetrieben, das ja nicht nur eine revolutionäre Kommunikationsform ist, sondern auch eine Müllhalde, in der längst verworfene Ideen wieder aufleben können. Die Protokolle der Weisen von Zion funktionieren in diesem Umfeld deswegen so gut, weil man in sie hineinlesen kann, was man will. Man kann mit ihnen die Juden wahlweise für den Kapitalismus oder für den Kommunismus verantwortlich machen."
Im Nahen Osten unterstützen die Protokolle vor allem die Politik gegen Israel. So bezog sich die Grundsatzerklärung der palästinensischen Fundamentalistenorganisation Hamas genauso auf die Protokolle, wie die Unterhändler der PLO bei ihren Verhandlungen. Im Jahre 2000 veröffentlichte die iranische Regierung eine Fassung der Protokolle auf Farsi. Während des Ramadan 2002 sendete das ägyptische Fernsehen eine 41teilige Serie namens “Reiter ohne Pferd", die sich in weiten Teilen auf die Protokolle stützte und in den letzten Jahren in über zwanzig arabischen Ländern ausgestrahlt wurde. Ein Jahr später lief auf dem Sender der libanesischen Terror- und Volksbewegung Hisbollah die syrische Produktion “Die Diaspora", die in 30 Episoden die Geschichte des Zionismus ebenfalls auf der Basis der Protokolle erzählt. In Indonesien verteilte die Regierung in Kuala Lumpur Gratisexemplare der Protokolle.
Dieses Jahr tauchten die Protokolle in einem palästinensischen Schulbuch für Zehntklässler auf. In der Türkei kann man die Protokolle neben Hitlers “Mein Kampf" inzwischen sogar in Kaufhäusern bekommen. Ähnlich verbreitet sind die Protokolle in Japan, wo Exemplare an Flughäfen und in Hotelbuchhandlungen verkauft werden.
New York im Mai '05 - Einhundert Jahre ist es her, dass das Grundlagenwerk des modernen Antisemitismus in Russland von einem orthodoxen Priester namens Sergej Nilus veröffentlicht wurde. “Die Protokolle der Weisen von Zion" hieß das Machwerk, das auf einer Fälschung zaristischer Geheimagenten in Paris beruhte. Die hatten behauptet, sie seien über verschlungene Wege an geheime Mitschriften des Zionistischen Kongresses in Basel aus dem Jahre 1897 gekommen. In 24 Protokollen hätten die Juden dort einen Plan skizziert, wie sie gemeinsam mit den Freimauern und den Illuminaten die Weltherrschaft übernehmen wollten. Jeder kennt die Vorurteile, die in diesen Protokollen wurzeln. Über ihren Einfluss auf Presse und Finanzwesen üben die Juden Druck auf Volk und Regierung aus, so bestimme eine jüdische Lobby die Außenpolitik der USA. Und dann ist da noch die Verschwörungstheorie, viertausend Juden seien am Vortag der Anschläge des 11. September 2001 gewarnt worden, nicht zu ihrem Arbeitsplatz im World Trade Center zu erscheinen.
Zwei Bücher und ein Film beschäftigen sich nun im Jubiläumsjahr der Protokolle mit dieser Mär von der jüdischen Weltverschwörung. Der Filmemacher Mark Levin hat eine Dokumentation gedreht, die aufzeigt, wie verbreitet die Protokolle selbst in einer aufgeklärten Gesellschaft wie in den USA sind. Inspiriert wurde er zu dem Film von den antisemitischen Ausbrüchen New Yorker Taxifahrer nach dem 11. September.
Als der britische Journalist Philip Graves den literarischen Diebstahl 1921 in der London Times nachwies, war es schon zu spät. In Russland hatten die Protokolle der Weisen von Zion den ideologischen Unterbau für die Pogrome geliefert. In Deutschland hatte der Naziideologe Alfred Rosenberg die von Gottfried von Beek 1919 erstmals auf deutsch veröffentlichten Protokolle als Grundlage für seine Arbeiten hergezogen. In den USA veröffentlichte Henry Ford die Protokolle in seiner Zeitung Dearborne Independent 1920 als Serie, aus der sein berüchtigtes Buch “Der Internationale Jude" hervorgehen sollte.
Die Liste der jüngsten Erfolge ist lang. In Deutschland erlebten die “Protokolle der Weisen von Zion" ihre letzte Renaissance keineswegs in der rechtsradikalen Szene, sondern in der Welt der Esoterik. Der Verschwörungstheoretiker Jan Udo Holey veröffentlichte 1993 unter dem Pseudonym Jan van Helsing ein Buch namens “Geheimgesellschaften", das im Sternentorverlag erschien, der sonst Werke zu Themen wie Elektrosmog, Telekinese und Atlantissagen herausgibt. Trotz der offensichtlich antisemitischen Quellen wie den Protokollen trafen Holeys krause Verschwörungstheorien bei den deutschen Esoterikern einen Nerv.
In insgesamt 60 Sprachen wurden die Protokolle der Weisen von Zion übersetzt. Das Simon Wiesenthal Center arbeitet derzeit an einer arabischen Fassung seiner Widerlegung der Protokolle, die zunächst im Internet veröffentlicht werden soll. Mark Levins Film wird im Herbst in die amerikanischen Kinos kommen. Will Eisners Buch wird allein Kraft seiner Legende Leserschaften erreichen, die wahrscheinlich noch nie von den Protokollen gehört haben. Doch selbst wenn sich irgendwann einmal weltweit herumgesprochen hat, dass die Protokolle der Weisen von Zion nur eine Propagandafälschung sind, die Saat der Verschwörungstheorien ist längst aufgegangen.
Zurück zum Inhalt