Das Amt das es nicht gibt

Die Aufregung um das “Office of Strategic Influence" des Pentagon.
© Andrian Kreye



Es hätte nie jemand erfahren dürfen. Doch ein paar Beamte des Pentagon hatten der New York Times erzählt, zu den künftigen Aufgaben des soeben neu geschaffenen “Office of Strategic Influence" gehöre es auch, gezielte Falschmeldungen in der internationalen Presse plazieren. Da lief die Weltpresse Sturm und die American Society of Newspaper Editors schickte einen bösen Protestbrief. “Eines muß klar sein", konterte Verteidigungsminister Donald Rumsfeld während seines Besuches in Salt Lake City, wo er den Truppen für ihre Arbeit während der olympischen Spiele dankte. “Regierungsbeamte, das Verteidigungsministerium und alle die mit mir zusammenarbeiten sagen Amerikanern und den Menschen dieser Welt die Wahrheit." Eine recht absurde Szene - der Chef des Amtes für Fehlinformationen verkündete, dass seine Behörde ausschließlich wahre Informationen verbreitet. Doch nicht die Tatsache, dass amerikanische Regierungsstellen Lügen verbreiten könnten, war die eigentliche Nachricht, sondern das ungeschickte Eingeständnis. Denn ist die Bereitschaft zu Lügen als Taktik der psychologischen Kriegsführung erst einmal bekannt, funktioniert sie nicht mehr.

Normalerweise beherrscht keine Militärmacht die psychologische Kriegsführung so perfekt wie die USA. Das Umschmeicheln und Verängstigen, das in die Irren führen und Demoralisieren.A ll jene Taktiken eben, die der Militärhistoriker Richard Johnson als “Schläge gegen den menschlichen Geist und die Emotionen" beschreibt. Ein historischer Moment war der D-Day, als die Landetruppen den Deutschen weismachten, sie würden im meilenweit entfernten Calais angreifen. Legendär sind die Discjockeys von der 4th Psychological Operations Group Task Organization, die den panamesischen Diktator Noriega und ganze Batallione der irakischen Armee mit ihren Lautsprechertürmen und Heavy-Metal-Platten zum Aufgeben zwangen.

Doch die Brillanz der Amerikaner auf dem Schlachtfeld der Psyche hat noch einen ganz anderen Grund: eines der wichtigsten Ziele der psychologischen Kriegsfürhung ist die eigene Bevölkerung. Das liegt vor allem daran, dass Amerikaner eigentlich nur äußerst schwer dazu zu bewegen sind, mit ganzer patriotischer Leidenschaft militärische Aktionen in Übersee zu unterstützen. Denn es gibt für Amerika zunächst einmal keinen offensichtlichen Grund, Krieg zu führen. Bis zum 11. September gab es noch nie eine direkte physische Bedrohung des Landes selbst. Selbst Pearl Harbor war letztendlich der Angriff auf eine Kolonie, die Tausende von Meilen vom Festland entfernt im Pazifik liegt. Rationale geopolitische Gründe alleine reichten da nicht aus. Deswegen mußte der so genannte Krieg “um die Köpfe und Herzen" auch immer im eigenen Land geführt werden.

Es war meist die moralische Überlegenheit, mit der die Massen emotional mobilisiert wurden. Die übermächtigen Feinde in den beiden Weltkriegen und während des Kalten Krieges machten es dem Weißen Haus relativ leicht. Es ging Amerika offiziell nie um Rohstoffquellen oder die Sicherung strategischer Einflußsphären, sondern um die Verteidigung des Way of Life. Das verstand dann auch der Rest der Welt, denn gegen das Leben unter dem Nationalsozialismus oder im Kommunismus stand immer der amerikanische Traum.

Der amerikanische Kongreß wußte sehr wohl um die Gefahren dieser Strategie und erließ deswegen schon 1913 strenge Gesetze, die dem Weißen Haus und dem Pentagon untersagten, das Volk und seine Vertreter in der Legislative mit Propagandamitteln und modernen Public-Relations-Techniken auf Linie zu bringen. Doch dann kamen zwei Einschnitte, die es der amerikanischen Regierung schwer machten, das Volk und die Welt für die amerikanische Sache zu gewinnen.

Der erste Einschnitt war Vietnam. Der Schock, einen ungerechten und grausamen Krieg geführt und ihn auch noch verloren zu haben, saß tief. Auch zehn Jahre später noch. Das stellte die Regierung Ronald Reagans vor ein massives Problem. Die Kommunisten hatten sich in Nicaragua eingenistet. El Salvador war in Gefahr. Doch niemand wollte einen Krieg. Michael Kelly, Staatssekretär bei der Air Force, sagte damals: “Unsere wichtigste Mission ist heute, das amerikanische Volk davon zu überzeugen, dass uns die Kommunisten an den Kragen wollen. Wenn wir diesen ideellen Krieg gewinnen, dann gewinnen wir auch überall sonst." 1983 bildete Ronald Reagan zusammen mit dem CIA und den Führungskräften der besten Werbe- und PR-Agenturen einen Kommunikationsapparat, die zu allererst die alten Anhänger der Somoza-Diktatur bei den Contras zu Freiheitskämpfern stilisierten. Vorbild war dabei nicht die klassische Propaganda, sondern Techniken aus der Wirtschaft wie Branding und Corporate Identity. Es ging nun darum, das Produkt Amerika und seinen Krieg zu verkaufen.

Der zweite Einschnitt kam mit dem Mauerfall. Mit dem Zusammenbruch des kommunistischen Blocks war auch das Hauptargument in der Kampagne für Amerika verschwunden. Der französische Politikwissenschaftler Jean-Christophe Rufin war der erste, der damals davor warnte, dass sich Amerika auf die Suche nun nach einem neuen Feind machen würde. Er verglich den Mauerfall mit dem Sieg des römischen Reiches über Karthago. Die Römer fanden ihren Feind damals in den Barbaren. Die USA und der Westen suchen ihre neuen Gegner seit dem Ende des Kalten Krieges in der Dritten Welt. Im Drogenkrieg von Lateinamerika, im Nahen Osten, in der arabischen Welt.

Im Golfkrieg lief die Maschinerie der psychologischen Kriegsführung auf Hochtouren. Auf der einen Seite hatte man einen mächtigen Feind. Auf der anderen Seite war dieser weit weg. Ihren berüchtigten Höhepunkt fand der Kampf um die Herzen der Welt in dem Auftritt einer jungen Kuweiterin, die vorgab als Krankenschwester im Hospital von Kuweit City gearbeitet zu haben. Unter Tränen beschrieb sie vor dem Kongreß, wie irakische Soldaten Säuglinge aus den Brutkästen gerissen und getötet hätten. Was niemand wußte - die 15jährige war die Tochter des Botschafters von Kuweit in Washington. Ein Konsortium von 20 Lobby- und PR-Agenturen unter der Leitung der weltgrößten PR-Firma Hill & Knowlton hatte den Auftritt inszeniert. Eine der Firmen, die damals zum Konsortium gehörte war die Rendon Group, die jetzt das Office of Global Influence betreut.

Mit dem islamistischen Terror hat der Westen wieder einen Feind, gegen den man die Argumente nicht mehr suchen muß. Islamistische Terroristen suchen keinen Dialog. Ihr Fernziel ist die absolute Zerstörung aller säkularen Gesellschaftsformen. Die Taliban lieferten das Anschauungsmodell dazu. Sie hielten die Frauen in kollektiver Knechtschaft, verfolgten nichtislamische Religionen, produzierten nebenbei noch den Großteil des Weltbedarfs an Opium. Und die Anschläge vom 11. September weckten eine Angst, die der Westen seit der Kubakrise nicht mehr gekannt hatte.

Afghanistan war für die amerikanische Regierung seit 1945 der größte Sieg im Kampf um die Köpfe und Herzen der Welt. Auch dieser Frieden muß nun gesichert werden. George W. Bush hat deswegen letzte Woche verkündet, dass er die erfolgreichen Propagandamaßnahmen nach dem 11. September institutionalisieren wird. Ein eigenes Amt wird gegründet, das weltweit ein positives Image der USA etablieren und antiamerikanische Strömungen bekämpfen soll. Auch bei den Verbündeten. Einen hübschen neuen Euphemismus für das hässliche Wort Propaganda hat man auch schon gefunden. So heißt das neue Amt “Office of Global Diplomacy". Das Office of Strategic Influence wird da nur ein kleiner Teil in der größten Werbemaschinerie aller Zeiten sein.

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