DAS RAUSCHEN IM LANDE

Vor 70 Jahren scheiterte die Prohibition
an der Gesellschaft.

© Andrian Kreye

Der 5. Dezember 1933 muss ein schöner Tag gewesen sein - und vielleicht ein noch schönerer Abend. Nach 13 trockenen Jahren ging an diesem Tag vor genau 70 Jahren die Prohibition in den USA zu Ende. Gleich nach der Unterzeichnung des Repeal Amendments mixte sich Präsident Franklin D. Roosevelt im Weißen Haus einen Martini. Immerhin war die Legalisierung des Alkohols eines seiner populärsten Wahlversprechen gewesen. In den großen Städten gab es in den bis zum Vortage noch illegalen Nachtclubs und Spelunken gratis Champagner. Und in Brooklyn standen die Schnapskisten auf der Straße.

Im dortigen Italienerviertel Carroll Gardens feierte einer besonders ausgelassen - Domenico Scotto, ein erfolgreicher Geschäftsmann, der mehrere Kinos und ein Begräbnisinstitut unterhielt. Bevor der 18. Verfassungszusatz die Herstellung und den Verkauf von Bier, Wein und Schnaps am 17. Dezember 1920 unter Strafe gestellt hatte, war er stolzer Besitzer eines florierenden Liquor Store an der Hicks Street gewesen. Nun war er einer der ersten, die einen Antrag für eine der neuen Lizenzen zum Verkauf von Alkoholika stellten. “Scotto's Wine Cellar" nannte er seinen neuen Laden, den er acht Wochen später eröffnete. Nicht in einer der Nebenstraßen wie zuvor, sondern auf der Court Street, der Hauptstraße des Viertels mit den Kirchen, Lokalen und Käsehändlern.

Den Laden gibt es heute noch. James Benedetto hat ihn Scottos Erben vor 14 Jahren abgekauft. Die Originallizenz von damals hat er fein säuberlich in den Ordner für den Amtsverkehr abgelegt - Aktenzeichen 22. Damit ist Scotto's Wine Cellar ganz amtlich Brooklyns ältester Liquor Store. Warum Domenico Scotto damals an der Prohibition nicht pleite ging, woher er das Geld hatte, aus dem Nichts gleich mehrere Kinos und ein Bestattungsinstitut zu eröffnen, ist bis heute ein Familiengeheimnis geblieben. “Ich habe da mal nachgebohrt", sagt Benedetto. Die Enkel schwiegen. Das einzige Zugeständnis an die illustren Prohibitionsgeschäfte ihres Großvaters sei der Hinweis gewesen, der habe viel Geld “im Transportgeschäft" verdient.

Transportgeschäfte waren in den 20ern der Euphemismus für das profitable Treiben der Bootlegger, der Schwarzbrenner und Schmuggler. Hier im ehemaligen Hafenviertel von Brooklyn war damit leichtes Geld zu machen, denn hier lief so viel Schiffs- und Lastwagenverkehr zusammen, dass ein paar Kisten Schnaps nicht weiter auffällig waren. Überhaupt nahm hier das Scheitern der Prohibition seinen Anfang, bevor sie überhaupt begonnen hatte.

Acht Straßenblocks südlich von Scotto's Wine Cellar hatte Al Capone 1918 in der St. Mary Star of the Sea-Kirche seine Braut Mary “Mae" Coughlin geheiratet. Der damals 19-jährige Capone war in den Slums hinter den Brooklyn Navy Yards aufgewachsen. Seit seiner frühen Jugend hatte er sich als Laufbursche für den lokalen Mafiaboss Johnny “The Fox" Torrio verdingt. Zunächst verdienten die Gangster ihr Geld mit Schutzgelderpressungen, Glücksspiel und Zuhälterei. Doch mit der Prohibition gab es plötzlich eine Einkommensquelle, die so viel mehr Profit versprach - eben das so genannte Bootlegging. In Chicago eröffnete Torrio gleich nach dem Alkoholverbot die ersten illegalen Kneipen. Capone folgte seinem Boss schon bald nach seiner Hochzeit in den Mittleren Westen. Der Rest ist Geschichte.

Eine Geschichte, die in unzähligen Kriminalromanen und Filmen wie “Little Cesar", “Scarface" oder “The Untouchables" romantisiert wurde. Es war immer leicht gewesen, die Gangster der Goldenen Zwanziger zu verklären. Immerhin bedienten sie lediglich jene fundamentalen Bedürfnisse, die die Moralapostel von Washington dem Volk versagen wollten. Die Welt der Speak-easies mit ihren Jazzkapellen, akrobatischen Modetänzen und dem strengen Ehrendkodex der italienischen Gangsterbanden umgab eine Aura der Frivolität und rebellischen Rechtschaffenheit.

In der Realität brachten die Alkoholschmuggler das Land an den Rand des Kollaps. Natürlich sabotierten die Gangster in erster Linie nur den so übereifrigen wie vergeblichen Versuch der amerikanischen Regierung, eine Volkskrankheit in den Griff zu bekommen. Vor allem aber höhlten sie mit ihrer Parallelwelt jenseits der Gesetze systematisch den Konsens der amerikanischen Gesellschaft aus. Verbrecherbanden hat es natürlich schon immer gegeben. Aber das Geschäft mit dem illegalen Sprit ermöglichte es den marginalen Mafiagruppen der Einwanderer, sich zu Syndikaten zu organisieren und so zu einer Art vierten Macht im Staate heranzuwachsen. In seinen besten Zeiten machte Al Capone einen geschätzten Jahresumsatz von 100 Millionen Dollar. Gewalt und Korruption waren epidemisch. Die Syndikate hatten Politiker, Richter und ganze Polizeipräsidien auf ihrer Gehaltsliste. Geschäftliche Unstimmigkeiten wurden nach dem Faustrecht bereinigt.

Und auch die Volksgesundheit hatte nach anfänglichen Erfolgen unter der Prohibition gelitten. In den ersten Monaten konnte die Regierung noch sensationelle Zahlen vermelden. Die Zahl der alkoholbedingten Todesfälle sank um ganze 80 Prozent. Die Kriminalitätsrate sank. Doch der Triumph war nur von kurzer Dauer. Statt Bier und Wein tranken die Menschen nun vor allem Schnaps und Brände. 1927 waren schon über 50 000 Menschen an schwarz gebranntem Fusel gestorben. “Moonshine"-Trinker wurden blind, gelähmt und schwachsinnig.

Für die Aufhebung der Prohibition wurde Franklin D. Roosevelt wie ein Befreier bejubelt. Es hatte ja auch viele unsinnige Gründe gegeben, Alkohol zu verbieten. Da gab es die Puritaner und Moralisten. Als die USA in den Ersten Weltkrieg eintraten, galten Trinkverbote eine Zeit lang als patriotischer Akt, weil die meisten Brauereien von deutschstämmigen Einwanderern betrieben wurden und Bier als Getränk der kaiserdeutschen Feinde verunglimpft wurde. Letztlich waren es aber vor allem volkswirtschaftliche Überlegungen, die dazu führten, dass jener Verfassungszusatz in Kraft trat, der das Herstellen und den Verkauf von Bier, Wein und Spirituosen unter Strafe stellte. Schließlich war der jährliche Alkoholverbrauch auf rund neun Liter pro Kopf gestiegen, was der Arbeitsmoral des Landes ganz gehörig geschadet hatte.

Neun Liter statistischer Alkohol ist eine ganze Menge. Ein Glas Bier enthält beispielsweise 19 Gramm davon. Doch damit lagen die Amerikaner nicht einmal an der Weltspitze. Im Nachkriegsdeutschland wurde der bislang höchste Verbrauch mit zwölfeinhalb Litern pro Jahr und Kopf zum Beispiel 1985 ermittelt. Heute liegt Deutschland mit 10,5 Litern Verbrauch europaweit zwar nur noch an achter Stelle, doch die hiesige Wirtschaft kostet das immer noch rund 20 Milliarden Euro Verluste pro Jahr. Inklusive 42 000 Todesfälle. Dagegen ist Amerika mit seinen 6,7 Litern Verbrauch geradezu enthaltsam. Weltweit nimmt die Zahl der Trinker allerdings stetig zu, in den letzten zehn Jahren um gute 12 Prozent. Aber weil der Kampf gegen kollektive Laster eben mit Zahlen und Statistiken beginnt, steht das Trinken momentan nur an dritter Stelle, denn das amerikanische Center for Disease Control hat errechnet, dass das Rauchen die amerikanische Wirtschaft 158 Milliarden und die Fettsucht ganze 117 Milliarden Dollar kostet.

Es ist auch leichter, einer Gesellschaft das Rauchen abzugewöhnen oder sie zu gesunder Ernährung zu erziehen. Denn beim Trinken geht es um den Rausch - und das Bedürfnis danach scheint in der Gesellschaft manifest zu sein. Ein Blick auf Geschichte und Literatur genügt, um zu begreifen, dass sich auch große Geister schon immer gerne dem Rausch hingegeben haben. Shakespeare, Brecht und Hemingway - leidenschaftliche Trinker. George Washington, Winston Churchill, Willy Brandt - legendäre Trunkenbolde. Und die historische Sauferei begann schon früh. So legte Aristophanes in seiner Komödie “Die Wespen" 422 vor Christus eine Art Etikette des Trinkgelages fest, Aristoteles untersuchte das Phänomen des trunkenen Blickes, und Horaz schwärmte, dass der Wein die Worte zu beflügeln vermag. Gegen solche Argumente hilft allerdings kein Verbot.
In Scotto's Wine Cellar wird James Benedetto den Jahrestag übrigens mit dem gebotenen Sinn für die historische Bedeutung dieses Datums begehen. Mit einer Martiniparty.





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